Christliches Männerbild
Wer bin
ich, wie sehe ich mich, welche Wurzeln tragen mich? Was ist meine Zukunft?
Uralte Fragen, die den Einzelnen und die Gesellschaft - bewusst oder unbewusst -
umtreiben.
Alle Antworten scheinen ungenügend zu sein.
Wahrscheinlich ist die Zahl derer, die heute diese Frage ausdrücklich und
nachhaltig für sich stellen, eher gering. Das ändert nichts an der Tatsache,
dass unendlich vielen Menschen einerseits ihr Leben fragwürdig ist, dass sie
unzufrieden sind, andererseits aber Fragen aus dem Weg gehen, die über das
Momentane, das Vordergründige hinausweisen.
Antworten, die im Bereich des „Machbaren“
liegen, finden eher ein Ohr. Die Buchhandlungen bieten zahlreiche Bücher an,
die Vitalität, Glücklichsein und hohes Alter versprechen.
Psychologen bieten Hilfen an. - So können
einzelne Etappen leichter gelebt werden.
Wenn wir Christen die Frage nach dem Menschenbild
- und hier nach dem Bild des christlichen Mannes - stellen, dann interessieren
uns zwei Bereiche.
1. Wie sieht die Heilige Schrift und die Kirche den Mann?
2. Wo gibt es Vorbilder, die uns glaubwürdig zeigen, wie ein gelungenes und damit auch anziehendes Männerleben aussieht?
Die Bibel
gibt keine theoretische Abhandlung, nennt keine Idee vom Menschen. Sie schildert
den Menschen, beschreibt sein Leben, zeigt ihn in allen Dimensionen des Daseins,
gleichsam spiralförmig umkreist sie das Leben des Menschen. Durch
Lebensschilderungen gibt sie Antwort, zeigt sie den Suchenden eine Richtung,
damit sie nicht ins Leere laufen. Die Bibel wartet, so könnte man sagen, auf
den Menschen bis er hörbereit ist, bis er aufnehmen kann, was für ihn
hilfreich und befreiend ist.
Die
Einleitung zu all dem steht auf den ersten Seiten der Bibel: Gott schuf den
Menschen als Mann und Frau, nach seinem Bild und Gleichnis schuf er sie. - Mit
diesen Aussagen oder besser gesagt Schilderungen, liefert die Bibel
gleichzeitig die Beschreibung, dass Gott den Menschen aus Liebe ins Dasein
gerufen hat.
Wer dazu ja
sagt, von ganzem Herzen, wird mit großem Interesse hinhören. Die gesamte
Bibel, besonders die Botschaft Jesu verkündet den Menschen vor allem dies:
„Ihr seid von Gott geliebt“. Wer das verinnerlicht, wird auch seine Mitmenschen
lieben.
Die Welt,
in der die Bibel entstand, in der die Botschaft verkündet wurde, war
patriarchalisch geprägt.
Im Kampf ums
Dasein, ums Überleben, war körperliche Kraft gefragt. So wuchs dem Mann eine
Rolle zu, die ihn zwangsläufig zum Beschützer machte. Frauen und Kinder waren
so von ihm abhängig. Die Natur forderte zu diesem Lebenskampf heraus, dem sich
vor allem der Mann stellen musste.
Wer durch
Kraft - in diesem Fall Körperkraft - anderen überlegen ist, ist dadurch auch
gefährdet.
Macht reizt
zum Missbrauch. Partielle Überlegenheit, etwa durch Körperkraft, verleitet
dazu, sich total überlegen zu fühlen. Um dem zu begegnen, zeigt die Bibel als
Gegentypus den, der dient, der Mut zum Dienen aufbringt, der demütig ist.
„Demütig
sein“ hat in der momentanen Sprachregelung keinen hohen Stellenwert. Wer allzu
sehr damit beschäftigt ist „sich selber zu verwirklichen“, kann leicht
seinen Mitmenschen aus dem Auge verlieren. Auf ihn aber ist er verwiesen.
Menschwerdung,
Persönlichkeitsentfaltung gelingt nur im Miteinander, wenn einer dem anderen
dient. Wenn dies nicht beachtet wird, entsteht verkorkstes Leben und, wo dieser
Gedanke nicht mehr im Vordergrund steht, verkommt die Gesellschaft. Wir wissen
das sehr genau. Nicht zuletzt aus unserer Muttersprache. In ihr hat die alte
Furcht des Machtmissbrauchs Niederschlag gefunden - gleichsam als Warnung. So
sagen wir bei denen, die Macht zu verwalten haben, die mit Macht umgehen, sie
gehen „in den Dienst“: Staatsdienst, Militärdienst, Dienst im Krankenhaus.
Der eigentliche Titel des Papstes lautet „servus servorum dei“ - „Diener
der Diener Gottes“.
In der
Heiligen Schrift ist der Widersacher ausgewiesen als der, der Gott entgegen
ruft: „Non serviam“ - Ich diene nicht. Er ist der Gegentypus zu denen, die
sich Gott zugehörig wissen und „ihm allein dienen“.
Das
Nichtdienenwollen scheint unter den Menschen eher das „Normale“ zu sein, es
liegt gleichsam im Trend, im Trieb. Auch hier gilt, was Robert Spaemann meint,
wenn er sagt: „alles, was von Wert ist, muss dem Trend entrissen werden, muss
erkämpft werden“.
Matthäus
berichtet in seinem 20. Kapitel von einem Ereignis, das auch unter ganz
ausgezeichneten Menschen vorkommt: Die Frau des Zebedäus, offensichtlich eine
resolute und mutige Frau, die, wenn es um die Ehre ihrer Söhne ging, einiges
wagte. Sie fiel vor Jesus nieder, weil sie ihn etwas bitten wollte. „Was
willst Du" fragt Jesus, und sie antwortet: „Versprich, dass meine beiden
Söhne in Deinem Reich rechts und links neben Dir sitzen dürfen“. Jesus
reagierte der Frau und ihren Söhnen gegenüber nicht unwillig. Von den zehn
anderen Jüngern, die dabei waren aber heißt es: „sie wurden sehr ärgerlich
über die beiden Brüder“. Jesus ruft sie zusammen, nimmt den Zwischenfall zum
Anlass, um eine grundsätzliche Aussage zu machen. Er beschreibt, was damals
gang und gäbe war und was auch heute noch vielfach so ist.
Er ruft
ihnen ins Bewusstsein: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken
und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei Euch soll
es so nicht sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener
sein und wer bei euch der erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der
Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu
dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“
Jesus
deutet sein Leben als Dienst und Hingabe, als Dasein für ... Diese Lebensweise soll für die Seinen Vorbild und
Maß‑gebend sein.
Wie dieser
Dienst in Staat, Gemeinde und Familie konkret aussehen kann, wird in der
Heiligen Schrift an vielen Stellen gezeigt. Paulus vor allem macht deutlich,
dass jeder zu einem Dienst berufen ist, dass jeder entsprechende Gaben empfangen
hat. Sich mit diesen Gaben zu engagieren, ist Aufgabe eines jeden, der in der
Nachfolge Jesu leben will.
Natürlich
kann man das Bild vom Mann nicht reduzieren auf das Dienen. Andererseits würden
ohne diese Bereitschaft viele Anlagen und Fähigkeiten auswuchern und in ihr
Gegenteil umschlagen: in Herrschsucht, Habsucht, Gewalttätigkeit und ungute
Ehrsucht oder aber in Eigenbrötelei, Isolation und Ich-Vergessenheit.
Dort, wo
ein Männerbild gekürt wird, dass das Dienen nicht im Blick hat, haben wir es
mit einem Zerrbild des Mannes zu tun. Denken Sie etwa an den „Revolverheld des
Wilden Westens“. Ganz gefährlich wird es dort, wo Herrschsucht dämonische
Formen annimmt, denn diese Typen verlangen von ihren Untergebenen
bedingungslosen Gehorsam und missbrauchen die Dienstwilligkeit. Sie
instrumentalisieren den Mann zu einem Ausführungsorgan. Eines der übelsten
Beispiele zeigt das Nazisystem mit seiner SS. Die Männer werden zu
„Kampfmaschinen“ umfunktioniert.
Ein
vielleicht nicht so drastisches Beispiel finden wir dort, wo man allergisch
gegen jede Autorität reagiert. Man will sich „von oben“ keine Vorschriften
machen lassen. Nicht selten lassen sich solche auch „von unten“ nichts sagen
und gebärden sich selbst sehr autoritär. Unter den 68ern können Sie diesen
Typus finden.
Jede Zeit
hat ihr Männerbild. Das wird wohl immer so sein, denn wir Menschen sind nicht
statisch festgelegt. Wir sind Geschichtswesen, die jeweils von ihrer Zeit
mitgeprägt sind.
Den idealen
Mann gibt es nicht, wohl aber kann man sich das Bild eines idealen Mannes
vorstellen. Jede Zeitepoche hat solche Idealbilder. Ob sie tauglich waren,
zeigte sich oft erst im Nachhinein. Einige dieser Idealbilder überleben auch
die Zeiten und werden zum Urbild eines Mannes.
In den 50er Jahren erlebte hier in Baden die Verehrung unseres Diözesan- und Landespatrons Markgraf Bernhard von Baden eine
Renaissance. Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit und an die Bücher von Otto B. Roegele oder Wilhelm Hünermann. „Der Ritter
von Hohenbaden“ wurde uns nahe gebracht als die Verkörperung des idealen Mannes. Bernhard entsprach dem, was auch in den
Nachkriegsjahren als Forderung an die Gesellschaft aktuell war. Junge Burschen hatten Zugang zu dieser edlen Gestalt, denn
„Ritterlichkeit"
galt damals noch als Erziehungsinhalt für Buben.
„Sei ritterlich! meinte: hilfsbereit, höflich, einsatzbereit für die Schwachen, treu. Tritt ein für den Schutz des Heiligen, der Würde.
Kämpfe
für Freiheit und Gerechtigkeit!“
Ritterlichkeit
war Sammelbegriff für alles Edle und Gute im Männerleben.
oder Machtmenschen. Er verzichtete auf seine Grafschaft und wirkte unermüdlich als Diplomat, als Gesandter, als Kämpfer für ein
freies christliches Europa (Abendland). Der jetzt 90 Jahre alt gewordene Otto von Habsburg sagte damals in seinem Buch „Bernhard
von Baden - oder von der Zuversicht in der Geschichte“: „Wir werden nicht eher gesunden, als bis nach dem Vorbild ritterlicher
Gestalten, von sittlichen Gemeinschaften getragen, eine neue gesellschaftliche Moral entsteht, die uns mit den wissenschaftlichen
und
technischen Mitteln vernünftig und demütig umgehen lässt. Viele werden
diesen Gedanken utopisch nennen“.
Inzwischen
ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Dem zu einigenden Europa sind wir tatsächlich
näher gekommen. Was Otto von Habsburg als Warnung ausgesprochen hat: „Wir
werden nicht eher gesunden bis ...“ steht auch heute noch im Raum. Europa
braucht Menschen, die wie Bernhard von Baden Zukunft gestalten und Europa eine
Seele geben. Bernhard wird von der Kirche als Seliger verehrt.
Solche Männer
und Frauen geben der Gesellschaft die eigentlichen Lebensimpulse. Sie geben
Orientierung und eröffnen menschenwürdige Zukunft.
Ich bin mir
nicht sicher, welches Ideal vom Mannsein momentan prägend ist. Es gibt neben
den Idolen, denen man in den Medien begegnet, sicher auch Vorstellungen vom idealen
Mann in Gesellschaft und Familie.
Eines
scheint mir sicher zu sein: Der ideale Mann ist immer einer, der dient.