„Europa verliert sein Gedächtnis“

Papst: Christliches Erbe ist ein Zukunftsplan
zur Weitergabe an kommende Generationen

In einem eigenen, von ihm am 28. Juni unterschriebenen Lehrschreiben hat Papst Johannes Paul II. die Kirchen aufgefordert, eine größere Rolle bei der Bildung eines geeinten Europas zu spielen.

Papst Johannes Paul II. hat gefordert, in der europäischen Verfassung den Bezug auf das religiöse und christliche Erbe deutlich zu machen. Wenn die europäische Einheit auf geographische und ökonomische Aspekte beschränkt bleibe, werde sie keinen festen Bestand haben, warnt das Kirchenoberhaupt in dem am 28. Juni veröffentlichten Lehrschreiben „Ecclesia in Europa“ (Kirche in Europa), das die Ergebnisse der Europa‑Bischofssynode vom Oktober 1999 zusammenfasst.

Der christliche Glaube und seine Werte gehörten „tief greifend und maßgebend zu den Fundamenten der europäischen Kultur“, betont der Papst. Die Einheit Europas müsse vor allem in einer Übereinstimmung von Werten bestehen. Dazu gehörten die Achtung der Menschenwürde und der Religionsfreiheit, der Schutz des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod sowie die auf Ehe gegründete Familie.

Gerade in der gegenwärtigen tiefen Wertekrise müsse Europa seine „wahre Identität“ wiedererlangen und sich seines geistigen Erbes bewusst werden, schreibt der Papst in dem 150-seitigen Dokument. Kirche und Glaube wollten und könnten dazu Hoffnung geben. Das christliche Erbe gehöre nicht der Vergangenheit an, es sei „ein Zukunftsplan zum Weitergeben an die künftigen Generationen“. Es habe einen entscheidenden Beitrag geleistet in der „Bejahung der transzendenten Würde der menschlichen Person, des Wertes der Vernunft, der Freiheit, der Demokratie, des Rechtsstaates und der Unterscheidung zwischen Politik und Religion“.

Der Papst bedauert, in Europa gebe es einen „Verlust des christlichen Gedächtnisses und Erbes“, der mit Unglauben und religiöser Gleichgültigkeit einhergehe. Johannes Paul II. stellt klar, dass die Kirche in den Beziehungen zu den Staaten keine Rückkehr zu Formen eines Bekenntnisstaates fordere. Allerdings bedauere sie jede Art von ideologischem Laizismus oder feindseliger Trennung zwischen den staatlichen Institutionen und den Glaubensgemeinschaften.

Eindringlich ruft der Papst die Europäer zum Einsatz für Frieden auf dem Kontinent und zu Solidarität mit den armen Ländern auf. Europa müsse sich „unermüdlich dafür einsetzen, innerhalb seiner Grenzen und in der ganzen Welt Frieden herzustellen“. Europa sei „kein geschlossenes oder isoliertes Territorium“ und dürfe sich nicht auf sich selbst zurückziehen. Als „offener und gastfreundlicher Kontinent“ müsse Europa im Zuge der Globalisierung vielmehr „Formen nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sozialer und kultureller Zusammenarbeit“ umsetzen.

Ausdrücklich ruft Johannes Paul II. die Christen zu Einheit auf. Es wäre „einer der größten Skandale unserer Zeit“, wenn im Rahmen der politischen Einigung Europas gerade die Kirche ein Faktor der Entzweiung und Uneinigkeit wäre. Zugleich mahnt er den weiteren interreligiösen Dialog an.

KNA

Johannes Paul II. vor dem Angelusgebet in Castelgandolfo am 17.08.2003 

Der christliche Glaube hat Europa Gestalt verliehen

1. Vorgestern, am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, wurden wir in der Liturgie aufgefordert, unseren Blick zum Himmel zu erheben und Maria im neuen Jerusalem zu be­trachten, in der heiligen Stadt, die von Gott her­abkommt (vgl. Offb 21,2).

 »Seht« - so sagt der Herr -, »ich mache alles neu« (ebd., 21,5). Im Buch der Offenbarung er­klingt machtvoll das Evangelium der Hoffnung: Es drängt uns, die »Neuheit Gottes« anzuneh­men, dieses eschatologische Geschenk, das über alle menschlichen Möglichkeiten hinausgeht und das nur ER herbeiführen kann.

Diese »Neu­heit« wird in der Endzeit ihre volle Verwirkli­chung finden, aber sie ist in der Geschichte be­reits gegenwärtig, denn schon jetzt erneuert und verwandelt Gott die Welt durch die Kirche, und ein Widerschein seines Wirkens zeigt sich auch in »jeder Form menschlichen Zusammenlebens, die vom Evangelium beseelt ist« (Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa, 107).

2. Der europäische Kontinent, der seit zwei Jahrtausenden »das Evangelium von dem von Je­sus eröffneten Reich hört« (ebd., 107), kann nicht umhin, sich von dieser »Neuheit« in Frage stellen zu lassen. Der christliche Glaube hat Europa Ge­stalt verliehen, und einige seiner grundlegenden Werte haben in der Folgezeit »das demokratische Ideal und die Menschenrechte« der europäischen Moderne inspiriert. Europa ist nicht nur ein geo­graphischer Raum, sondern auch »ein vorwie­gend kultureller und historischer Begriff«, der sich durch die einende Kraft des Christentums als Kontinent herausgebildet hat, denn das Christen­tum hat es verstanden, unterschiedliche Völker und Kulturen in gegenseitiger Ergänzung zusam­menzuführen (vgl. ebd., 108).

Es ist nicht zu leugnen, dass Europa derzeit eine Wertekrise durchlebt. Daher ist es wichtig, dass dieser Erdteil seine wahre Identität wieder­findet. Der Prozess der Erweiterung der Europäi­schen Union auf andere Länder darf nicht allein geographische und wirtschaftliche Elemente be­treffen, sondern er muss in einer neuen Eintracht der Werte bestehen, die im Recht und im Leben ihren Ausdruck finden (vgl. Nr. 110).

3. Erheben wir unser Gebet zur allerseligsten Jungfrau, die in so vielen Heiligtümern Europas verehrt wird, auf dass sie diesem Kontinent helfe, sich stets seiner spirituellen Berufung bewusst zu sein und zum Aufbau von Solidarität und Frieden innerhalb seiner Grenzen und auf der ganzen Welt beizutragen (vgl. Nr. 113). 

(Aus: L’ Osservatore Romano, v. 22.08.2003)

 

 Johannes Paul II. vor dem Angelusgebet in Castelgandolfo am 24.08.2003

Christliche Wurzeln in EU-Verfassung anerkennen

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Meine Gedanken gehen erneut zum ge­genwärtigen Prozess der europäischen Integra­tion, insbesondere zur entscheidenden Bedeu­tung, die den europäischen Institutionen zukommt.

Ich denke dabei zunächst an die Europäische Union, die sich dafür einsetzt, neue Formen der Offenheit, der Begegnung und der Zusammenar­beit zwischen ihren Mitgliedsstaaten zu finden.

Zudem denke ich an den Europarat mit Sitz in Straßburg und an den ihm angegliederten Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie erfüllen die wichtige Aufgabe, ein Europa der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität aufzu­bauen.

Schließlich verdient auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa Er­wähnung. Sie widmet sich der Förderung der Grundrechte der Einzelpersonen und der Natio­nen dieses Kontinents.

2. Im Gebet verfolge ich die mühevolle Aus­arbeitung der Verfassung der Europäischen Union, die derzeit von den Regierungen der ver­schiedenen Länder geprüft wird. Ich bin zuver­sichtlich, dass alle, die ihre Kräfte für dieses Ziel einsetzen, stets von der Überzeugung beseelt sind, dass »eine gute Gesellschaftsordnung in authentischen sittlichen und bürgerlichen Wer­ten verwurzelt sein muss, die soweit wie möglich von den Bürgern geteilt werden« (Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa, 114).

Die katholische Kirche ist ihrerseits davon überzeugt, dass das Evangelium Christi, das viele Jahrhunderte lang ein einigendes Element unter den europäischen Völkern war, auch heute noch eine unerschöpfliche Quelle der Spiritualität und Brüderlichkeit ist. Sich dieser Tatsache bewusst zu werden, wird für alle Beteiligten von Vorteil sein, und die ausdrückliche Anerkennung der christli­chen Wurzeln Europas in der Verfassung wird zur wichtigsten Zukunftsgarantie für diesen Erdteil.

3. Wenden wir uns nun an die allerseligste Jungfrau Maria. Sie möge erwirken, dass es beim Aufbau des Europas von heute und morgen nie an jener geistigen Inspiration fehle, die für einen wahren Dienst am Menschen unentbehrlich ist. Diese Inspiration findet im Evangelium eine sichere Gewähr zu Gunsten der Freiheit, der Ge­rechtigkeit und des Friedens aller Menschen, seien es Gläubige oder Nichtgläubige.

(Aus: L’ Osservatore Romano, v. 29.08.2003)