Als Christ in der Politik
Das Netz der Heiligtümer, Geschenk für das neue
Europa
Statement von Landeshauptmann Ing. Stanislav Juránek, Brno/CZ auf der
Oktoberwoche 2003

Sehr geehrte
Damen, sehr geehrte Herren, liebe Schwestern und Brüder, liebe Schönstattfamilie,sehr
geehrte Gäste,
ich Pater
Kentenichs Vision von einem die ganze Welt umfassenden Netz von Heiligtümern
und dessen Bedeutung für die kommende Zeit sehe. Ich komme nach Schönstatt
als Pilger und als Politiker, der täglich mit den politischen, ökonomischen,
sozialen und vielen anderen Themen unserer Region, unserer Republik und des
ganzen Europa konfrontiert wird. Als Politiker muss ich vieles aus der
„Vogelperspektive" sehen und vom Prinzip des Guten für möglichst viele
Bürger, damit unsere Bemühungen in der Zukunft Früchte bringen. Als Politiker
habe ich Sinn für große Ideen und Visionen.
Politiker
war ich nicht von jeher. Ich war Arbeiter mit Motorsäge und Schaufel und habe
dabei von Bildung, Freiheit und einer neuen Zukunft für unser Land geträumt.
Die Kommunisten hatten andere Ansichten. Ich lasse den dornenbewachsenen Weg
jetzt außer Acht, den wir gegangen sind und der letztlich in die Freiheit geführt
hat. Er hat mich schließlich dazu geführt, dass ich zum Hauptmann des Kreises
Südmähren gewählt wurde. So stehe ich jetzt einer der schönsten Regionen der
Tschechischen Republik vor, das heißt einer Region mit großer Tradition und
einmaliger Atmosphäre. Auf dem Weg, den ich gegangen bin, gab es einige
wichtige Haltepunkte. Davon möchte ich Ihnen erzählen.
Im Jahr
1991, kurz nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in unserem Land,
machten meine Frau und ich mit dem Chor unserer Pfarrei eine Fahrt in die
Schweiz. Wir waren in Quarten, wo es ein Schönstatt‑Heiligtum
gibt. Auf einmal habe ich gespürt, dass ich dort wie zu Hause bin. Das
war für mich eine wichtige Erkenntnis.
Seit dieser Zeit
habe ich nach und nach entdeckt, dass es in der Welt mehrere solcher Heiligtümer
gibt. Und was für mich enorm wichtig war: Ich habe auch ein Heiligtum in der
Tschechischen Republik, in Rokole, entdeckt. Mit meiner Frau konnte ich dort
Exerzitien machen, und seitdem lassen wir uns von der Schönstatt‑Spiritualität
formen.
In Rokole
habe ich eine große Erfahrung gemacht: Es hat sich dort ein großer Schatz
angehäuft, Gnadenkapital, umgewandeltes Leid der Vergangenheit. Ich selbst habe
intensiv die Verfolgung in der kommunistischen Ära erlebt. Und dort beim
Heiligtum habe ich festgestellt: Da waren Menschen mit einer
Zukunftsperspektive. Sie haben auf dem Wert aufgebaut, der aus dem Leid der
Vergangenheit entstanden ist. Darum steht auch bei uns in der Tschechischen
Republik ein solches Heiligtum, dem ich schon begegnet war und in dem ich mich
zu Hause fühlte.
Auch meine
Entscheidung, für das Amt des Landeshauptmanns zu kandidieren, hängt mit dem
Heiligtum zusammen. Ganz unerwartet kam ich nach Rottenburg. Wir waren wieder
mit dem Chor unterwegs und übernachteten auf der Liebfrauenhöhe, weil
nirgendwo anders Platz war. Und „rein zufällig“ steht dort auch ein solches
Heiligtum. Entgegen der üblichen Ordnung war das Heiligtum morgens um drei Uhr
offen. Eine Marienschwester betete dort. Ich wollte meine Entscheidung wegen der
Kandidatur abwägen. Für mich war es wichtig, dass ich es an dem Ort tun
konnte, an dem ich Gott nahe war und mich wie zu Hause fühlte. Ich entschied
mich in dieser Nacht im Heiligtum, dass ich den Schritt mache und den Südmährischen
Kreis zu führen versuche.
Ich
brauchte also die Stimmen vieler Bürger und sehr viel Kraft. Es ist gelungen.
Das bedeutete dann viele Begegnungen und Verantwortung für ein größeres
Gebiet und für Menschen, die mir anvertraut sind und um die ich mich kümmern
soll.
Jetzt
stehen wir vor einem wichtigen Augenblick, einem Meilenstein: vor dem Eintritt
in die Europäische Union am 1. Mai 2004. Dies ist der Augenblick des größten Umbruchs in unserem Gebiet in
den letzten hundert Jahren. Es wird notwendig sein, auf die Stimmen der Zeit zu
hören. Das ist etwas, was mich an Pater Kentenich gefangen nimmt: sein Sinn für
die Reaktion auf das, was die Zeit bringt, dem Herzen Gottes nahe zu sein und
gleichzeitig die Hand am Puls der Zeit zu haben. So nehme ich die Situation in
unserer Region wahr. Wir haben Europa etwas anzubieten. Es ist die erstaunliche
Tradition, die für die Slawen typisch ist: auf die Bedürfnisse der Zeit
reagieren zu können. Als ich zum erstenmal als Hauptmann an den Ort kam, an den
vor Jahrhunderten die heiligen Cyrill und Methodius gekommen waren, hat mich der
Ort durch seine Atmosphäre und die Kraft ihrer Anwesenheit, die man auch heute
noch spüren kann, fasziniert. Der Eintritt in die Europäische Union hat nicht
nur eine materielle, sondern eine wichtige geistige Dimension. Viele Menschen fühlen
sich heute verloren, suchen die Grundwerte, und leider Gottes wenden sich einige
schlechten Lösungen zu und finden keine guten Lösungen.
Bei meinen
Reisen kam ich auch nach Berlin. Die Geschichte des dortigen Heiligtums
hat mich sehr angesprochen. Es hat eine große Bedeutung in dieser Stadt, die im
Ost-Teil über lange Zeit Sitz der kommunistischen Regierung war. Auch wenn das
kommunistische Regime zusammengebrochen ist: es zeigt sich, dass der Kommunismus
noch nicht überwunden ist. Das Heiligtum in dieser Stadt hat eine große
Sendung. Die Marienschwestern, mit denen ich sprechen konnte, hüten es und
setzen sich mit den anderen Schönstättern ein durch Gebet und Beiträge zum
Gnadenkapital im Sinn der Aufgabe, die Pater Kentenich ihnen 1950 im Blick auf
die besondere Situation Berlins gegeben hat.
Die erwähnten
Erlebnisse haben mich auf die Idee gebracht, für mich auch andere Orte
festzuhalten, die ich besuchte, und fast überall habe ich ein Heiligtum
gefunden, sei es in Stuttgart, auf dem Kahlenberg in Wien oder an anderen Orten.
Und überall konnte ich erleben, dass das Heiligtum zwei Dimensionen hat:
eine örtliche und eine „verbindungsfähige ". Die „verbindende“
stellt jeweils etwas dar, was für das dritte Jahrtausend vorbereitet wurde.
Es kommt nämlich
die Zeit, in der die Notwendigkeit von Vereinigung, gegenseitiger Verbindung,
Zusammenarbeit und gemeinsamen Visionen immer deutlicher in den Vordergrund
tritt. Ich frage mich: Um welche Zusammenarbeit wird es sich im neuen, vereinten
Europa handeln? Geht es um die ökonomische Entwicklung, um Wettbewerbsfähigkeit
auf den Weltmärkten? Bestimmt. Aber genügt das? Werden wir nicht mehr
brauchen?
Ich möchte
nicht, dass das neue Europa lediglich auf ökonomischen Prinzipien steht, dass
es nur um freien Markt und Wohlstand geht. Ich glaube und hoffe, dass es um
viel mehr geht. Europa ist eine Wiege des Christentums und der Kultur. Es
muss seine Wurzeln neu entdecken und zu ihnen zurückkehren, seine Identität
neu entdecken, seine Sendung erkennen und anfangen, sie zu erfüllen. Dafür
ist ein sichtbares Zeichen notwendig. Auf der Europaflagge befinden sich auf
blauem Hintergrund goldene Sterne. Diese symbolisieren für mich die Gottesmutter
als Königin. Ich glaube, dass gerade sie es ist, die uns hilft, unsere
Wurzeln und unsere Sendung wieder zu entdecken.
Pater
Kentenich hat schon lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil begriffen, was
die Zeit fordern wird. Als Prophet der neuen Zeit hat er weit vorausgedacht. Ich
bin fest überzeugt, wenn er heute hier bei uns wäre, würde er auf die alte
und neue Strategie für das alte und neue Europa hinweisen: Baut für die
Gottesmutter ein Heiligtum und bewegt sie mit sanfter Gewalt, sich an diesem
Ort niederzulassen und von dort ihre Gnaden auszuteilen. Schafft einen Ort, wo
geistige Werte wachsen und sich entfalten können.
Heute
spricht man immer häufiger vom Europa der Regionen. Die Bedeutung von
nationalen Staaten wird verwischt und die Bedeutung von Regionen, ihrer
Originalität und ihren Wurzeln wird hervorgehoben. Diese Regionen knüpfen dann
Beziehungen, engere Bindungen und arbeiten zusammen. Ich stelle mir die Frage:
Auf welchen Prinzipien werden diese europäischen Regionen zusammenarbeiten? Was
wird sie verbinden? Bestimmt wird es das gemeinsame Interesse sein, den
Wohlstand dieser Regionen zu sichern, die touristischen Aktivitäten zu erhöhen,
alle Möglichkeiten auszuschöpfen, Zuwendungen aus dem Fonds der EU zu erhalten
usw.
Ich habe
vor mir die Idee und Vision, in der ich das neue Europa der Regionen sehe,
verbunden durch ein Netz von Heiligtümern, die gewisse Brennpunkte für die
geistige Erneuerung und die Identität Europas bilden. Diese
Brennpunkte würden dann die europäischen Regionen und im weiteren Sinn sogar
die ganze Welt verbinden, die jetzt schon durch die Computernetze verbunden ist.
Diese Brennpunkte können wir uns vorstellen wie Herzen, die für die Rettung
der christlichen Sendung Europas schlagen und die mit Hilfe dieses Netzes der
Heiligtümer neues Leben und neue Impulse für die heutige Zeit mitteilen. Das
ist es, was uns verbinden muss: das Bestreben, die Sendung der Heiligtümer
zu entdecken und zu erfüllen ‑ die originelle lokale Sendung und die
gemeinsame, universelle Sendung, die Europa und die ganze Welt verbinden kann.
Ich danke
allen Wächtern der Heiligtümer, die überall in der Welt für Orte sorgen, an
denen sich die Menschen beheimatet erleben. Längst vor McDonald's und den
Hotelketten ist hier eine Idee verwirklicht worden: das gleiche Aussehen der
Heiligtümer vermittelt Heimat und Geborgenheit. Es sind Orte, die nicht nur
Europa, sondern die Welt verbinden und geistige Werte vermitteln.
Zum Schluss
möchte ich Ihnen etwas sagen, was mich sehr beschäftigt. Ich war in Prag und
mir wurde klar, dass ich mit der Gottesmutter über eine Sache reden muss. In
Prag gibt es noch kein Heiligtum, und ich bin nach Rokole gefahren. Dort im
Heiligtum bekam ich die Gewissheit: die Gottesmutter möchte auch in Südmähren
ein Heiligtum. Wir brauchen einen neuen Impuls, auch für das neue Europa,
dem die slawischen Nationen beitreten. Ich empfehle Ihnen dies als
Gebetsanliegen, damit wir die weiteren Schritte abwägen können.
Die Stadt
Brünn ist ein Ort, wo der Westen mit dem Osten zusammentrifft, eine natürliche
Brücke und ein Bindeglied zwischen der östlichen und westlichen Kirche. Ich spüre,
dass wir auf die Herausforderungen der Zeit reagieren müssen. Ich wünsche mir,
dass nach Ablauf meiner vierjährigen Amtszeit als Landeshauptmann ein
originalgetreues Schönstattheiligtum in Brünn als eine Spur meines Wirkens zurückbleibt.
Wir
brauchen sichtbare Zeichen für das Wirken Gottes. Auch Christus hat uns die
Sakramente geschenkt als sichtbare Zeichen seines unsichtbaren Wirkens.
Ein
Heiligtum ist ein Zeichen für das Wirken Gottes in dieser Zeit und in dieser
Region. Das Heiligtum bleibt
nicht allein. Das habe ich bei allen Heiligtümern gesehen, die ich besucht
habe. Es war ein Haus dabei und ein Gelände. Das Heiligtum selbst scheint keine
so große Bau‑Investition zu sein, aber es ist eine große, ja riesige
Investition von geistiger Dimension, die meiner Meinung nach in dieser Zeit
keine Analogie hat. Für mich ist klar, dass dies nicht nur ein Geschenk für
Schönstatt ist, sondern für die ganze Region, für die Ordensgemeinschaften,
ein riesiges Angebot für alle Menschen.
Im Fall
eines Brünner Heiligtums könnten wir von einem Heiligtum sprechen, mit dem die
Slawen in die Europäische Union eintreten. Es wäre ein Symbol unserer Region,
in die die heiligen Cyrill und Methodius gekommen sind. In diesem Moment der
Geschichte ist es notwendig, Europa wieder eine geistige Dimension, eine Seele
zu geben. Diese Chance dürfen wir nicht versäumen. Der Eintritt in die EU wird
für uns nicht nur angenehme Seiten haben, sondern auch Prüfungen und
Schwierigkeiten mit sich bringen. Auf diese Situation müssen wir reagieren und
einen Weg finden, so spüre ich in meinem Herzen.
Wie genau
ein Schönstattzentrum bei uns aussehen könnte, weiß ich noch nicht. Wir müssen
auf die Zeit und auf die Möglichkeiten, die uns gegeben sind, reagieren. Was
ich mir vorstelle und was ich im Geist sehe, muss nicht genau gelten. Ich sehe
beim Heiligtum auch eine Bäckerei, ein Restaurant, Bäume, einen Sportplatz,
einen Ort, wo Menschen arbeiten können. Ich sehe dort hauptsächlich viele
bereite Hände, die sich bemühen, das Äußerste für die Menschen zu tun, die
ratlos sein werden. Und ich sehe noch mehr Hände, die eingreifen ‑ um mit
den Worten des katholischen mährischen Dichters Jan Zahradnícek zu sprechen:
„Das Gebet ist der Mittelpunkt des Geschehens.“
Die
Notwendigkeiten werden das, was wir selbst mit unseren Händen zu leisten fähig
sind, übersteigen. Wir werden eine mächtige Fürbitterin brauchen ‑ wie
damals auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa. Dort wurde Wasser in besten Wein
verwandelt. Ich glaube, dass das gleiche auch in unserer Region geschehen kann.
Ich glaube daran. Ich bitte Sie, mit uns zu beten, damit wir den Willen Gottes
herausfinden. Ich verspreche Ihnen, dass ich selber auch suchen werde und
solange ich als Landeshauptmann tätig bin, werde ich mich bemühen, in unserem
Kreis Südmähren nicht nur das Materielle, sondern vor allem das Geistige zu fördern.
Nehmen Sie
mich als Pilger auf, als Pilger, der in den Heiligtümern, die man in der
ganzen Welt findet, Kraft und Inspiration für sein Leben sucht. Ich bin als
Pilger gekommen, der auch jene bittet, die etwas tun können, damit sie suchen,
ob sie im Rahmen ihrer Sendung auf irgend eine Weise helfen können, die Idee
vom Netz der Heiligtümer für das neue Europa zu stärken. Ich bitte, dass
wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten verbinden in der Absicht, ein Netz von
Heiligtümern zu schaffen und Europa eine neue Seele zu geben. Tun wir es
gemeinsam als Familie für die Rettung der christlichen Sendung des Westens.