Oktoberwoche 2003

Die Oktoberwoche ist und bleibt das herausragende Ereignis der Schönstattfamilie. Sie ist ein Familienfest, sie vertieft aber auch durch die unterschiedlichen Vorträge das Verständnis für die Ideenwelt Pater Kentenichs. Jeder Teilnehmer erfährt hier eine innere Bereicherung.

An der ersten Stelle dieses Berichts soll zunächst der Dank stehen: Dank für die Vorbereitung, Organisation und Durchführung dieser Woche, Dank für die freundliche und offene Aufnahme bei der Ankunft, ebenso wie für den Abend, zu dem sich die Teilnehmer zu einem geselligen Abend in den verschiedenen Häusern der Gemeinschaft anmelden konnten, ein besonderer Dank vor allem aber jenen, die im Hintergrund tätig waren und dadurch ihren Beitrag für das Gelingen der Oktoberwoche geleistet haben.

Ein besonderer Dank gilt aber auch der Mädchenjugend. Sie haben Anregungen von außen aufgegriffen und umgesetzt: Oft werden in chinesischen Lokalen im Gebäck eingerollte Zettel mit kurzen Sprüchen chinesischer Philosophen überreicht. Das lässt sich doch auch auf Schönstatt übertragen, und so boten die Mädchen in Gebäck eingewickelt Grundaussagen von Pater Kentenich - an körperliche und geistige Nahrung zugleich.

Einen Abglanz der Pracht der Kirche bekam man zu spüren bei der Feier der heiligen Messe am Eröffnungstag bzw. am Schlusstag. Es ist schon sehr beeindruckend, in einer mit Menschen voll besetzten Kirche zu sein, in die zur Feier des Gottesdienstes über 50 Priester einzogen.

Aber ebenso beeindruckend, wenn auch in ganz anderer Weise, war die Feier der heiligen Messe im Taborheiligtum, an der nur die Vertreter der Männerliga und des Männerbundes teilnahmen. Die Dichte der unterschiedlichen Atmosphäre beider Messfeiern ergänzten einander. Sie gaben einen kleinen Einblick in den Reichtum der Kirche und in die vielfachen Gestaltungsmöglichkeiten.

Nach der Begrüßung durch Schwester Maria Annetraud eröffnete Pater Dr. Lothar Penners die Oktoberwoche. Er ist als Nachfolger von Pater Beller der neue Bewegungsleiter. Er freute sich, Pater Walter als neuen Generaloberen begrüßen zu dürfen.

„Liebe sieht mehr - ein Charisma für den Menschen“ so lautete das Motto der diesjährigen Oktoberwoche.
Stellvertretend für die Geisteswelt Schönstatts verwies Pater Penners auf Pater Kentenich. Er war ein Mensch, der mit einem ganz hohen Charisma ausgezeichnet war. Sein ganzes Menschsein stellte er in den Dienst für den Menschen. Ihm kam es darauf an, den Menschen nahezulegen, sich selbst mit Hilfe der Gottesmutter zu erziehen. So wie die Gottesmutter unabdingbare Voraussetzung für alles Wirken von Pater Kentenich gewesen ist, wie sie in seinem Leben immer gegenwärtig gewesen ist, so ist sie auch in unserer Mitte gegenwärtig. Sie hat ihr Heim im Urheiligtum aufgeschlagen, von dort will sie wirken, nicht nur in die Schönstattfamilie, sondern in die ganze Kirche hinein.

Die Oktoberwochen sind, so führte Pater Penners aus, Dankes‑, Familien‑ und Rüstungswochen. In diesem Jahr steht der Aspekt der Rüstungswoche im Vordergrund. Beherrschend war der Begriff „Charisma“. Immer wieder gibt es Menschen, die ein ausgeprägtes Charisma besitzen, die dadurch berufen sind, in besonderer Weise für die Kirche tätig zu werden. Häufig sind sie dann auch Gründer neuer Gemeinschaften. In den letzten einhundert Jahren hat es eine Reihe solcher Neugründungen gegeben. Schönstatt ist eine davon. Bemerkenswert ist, dass diese Gemeinschaften, die zunächst ein wenig isoliert gelebt haben, nun das Bedürfnis verspüren, miteinander Kontakt aufzunehmen. Die Charismen der einzelnen Gemeinschaften treten in einen Dialog. Charismen werden also nicht gegeben, damit sie intern bleiben, also weder bei dem einzelnen Menschen noch bei der jeweiligen Gemeinschaft eingeschlossen gepflegt werden, sondern sie sind geschenkt, damit sie nach außen wirken.

  

Damit wurde gleichzeitig das zweite Stichwort der Tagung aufgezeigt: das Wort „für“. Kirche ist nicht für sich da, sondern für den Menschen, jede religiöse Gemeinschaft ist nicht Selbstzweck, sondern auf den anderen Menschen hin ausgelegt. Weitergedacht heißt das, dass auch jeder einzelne Mensch nicht nur für sich das ist, sondern (auch) für den Mitmenschen. Mit einem Gebet zum Heiligen Geist schloss Pater Penners seine einführenden Worte zur Oktoberwoche.

Gnadengaben - eine dynamische Realität: Das Charisma Pater Kentenichs hier und heute.

Mit diesem Thema befasste sich Pater Penners am folgenden Tag.

Glaube, Hoffnung und Liebe sind die jedem Menschen eingegossenen Tugenden. Sie bilden die Wurzeln für das Leben im Heiligen Geist und ermöglichen ein Wachsen, eine Veränderung, eine Umwandlung. Die natürlichen Begabungen eines jeden einzelnen Menschen müssen sich mit diesen Gnadengaben verbinden, um die Früchte des Heiligen Geistes hervorzubringen: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung (vgl. Gal. 5,22). Zu diesen gewöhnlichen Gnadengaben kann als außergewöhnliche Gabe das Charisma kommen, bei dem es sich, wie Pater Penners schon bei seinem Einführungsvortrag erwähnt hatte, stets um eine Gabe für einen anderen, für einen Dienst handelt.

Pater Kentenich besaß ein solches Charisma. Sein Charisma hat auch in der heutigen Zeit noch Bedeutung. Um dieses zu erkennen, ist zunächst etwas zur Situation der Kirche in der heutigen Zeit zu sagen. So sehr auch der Rückgang der Zahl der Kirchenbesucher beklagt wird, darf jedoch folgendes nicht vergessen werden: Die deutsche Kirche ‑ und damit alle Gläubigen ‑ hat in der Vergangenheit große Leistungen für die Weltkirche erbracht und erbringt sie auch heute noch durch ihre vielfältigen Einrichtungen. Es ist zwar richtig, dass die Zahl der Kirchenbesucher gegenüber 1950 deutlich rückläufig ist, doch muss auch festgehalten werden, dass im Jahr 1950 die Kirchenbesucherzahlen deutlich höher lagen als in anderen Ländern, insoweit also im wesentlichen eine Anpassung an den allgemeinen Trend erfolgt ist. Das soll allerdings nicht darüber hinwegtrösten, dass dieser Trend insgesamt unerfreulich ist, besonders auch deshalb, weil vor allem junge Menschen der Kirche fernbleiben. Insoweit sind die Sorgen bezüglich der künftigen Entwicklung durchaus berechtigt.

Schönstatt selbst dürfte durch seine Einrichtungen, Wallfahrten, Schriften und vor allem auch durch die pilgernde Gottesmutter etwa 10% der Katholiken ansprechen.
Angesichts der immer größer werdenden Mobilität der Menschen bietet sich gerade für Schönstatt die Chance, mit und durch die Heiligtümer die Menschen zu erreichen. Wenn wegen der Mobilität die Ortskirchen an Einfluss verlieren, können die Heiligtümer ein neues Zuhause bieten. Da die Heiligtümer überall gleich ge-staltet sind, findet jeder Mensch sofort seine (vertraute) Heimat wieder.

Die Zielsetzung Pater Kentenichs für Schönstatt war und ist es, einen neuen Menschen für eine neue Gemeinschaft zu erziehen, also eine anthropologische Wende einzuleiten. Deutlich kommt hier die Aufgabe Schönstatts zum Ausdruck, für den Menschen da zu sein. Schönstatt (und auch die gesamte Kirche mit all ihren Einrichtungen) sind nicht Selbstzweck, sondern für den Menschen, für den Dienst am anderen Menschen da. Es ist gerade die besondere Aufgabe Schönstatts, dem Menschen auf dem Weg durch diese Zeit beizustehen, seine Veranlagungen zu fördern und auf Gott hin auszurichten, ihm Werte zu vermitteln, die ihm Ichstärke und auch Gruppenstärke geben. Es ist ja das Ziel Pater Kentenichs gewesen, einen neuen Menschen in neuer Gemeinschaft zu bilden.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Pater Kentenich neben dem Wirken des Heiligen Geistes besonders dem Beistand der Gottesmutter vertraut. Im nächsten Jahr sind es 400 Jahre her, dass Pater Rem, SJ, für die Gottesmutter den Titel „Dreimal Wunderbare Mutter“ entdeckte.
Maria zu verehren ist die eine Seite, Maria auch sein zu wollen ist die andere Seite. Und hierauf kam es Pater Rem an. Dieses Anliegen von Pater Rem hat Pater Kentenich für Schönstatt übernommen, und es scheint heute, dass die Gottesmutter in vielen Gemeinschaften wieder mehr geschätzt wird, dass ihre wahre Bedeutung mehr erkannt wird. In dieser Zeit des großen Umbruchs bietet sie den Menschen ihre Hilfe an.

Subdirektor Michael Gerber berichtete über den Stand der Errichtung des Schönstattheiligtums in Rom, das den Namen „Matri Ecclesiae“ (der Mutter der Kirche) trägt. Damit bringt sich Schönstatt deutlich in die Gesamtkirche ein. Pater Kentenich hatte dieses
Heiligtum schon vor 40 Jahren geplant, damals schon den geistigen Grundstein gelegt. Die Baugenehmigung wurde jedoch erst im vergangenen Jahr und nach langwierigen Verhandlungen erteilt. „Terra promessa“ (Verheißenes Land oder Selig, die geglaubt haben)
heißt im übrigen eine Pizzeria gegenüber dem Baugelände, führwahr die richtige Bezeich nung nach 40-jährigem Bemühen um eine Baugenehmigung.
Aufgabe des Heiligtums in Rom ist es, der Weltkirche die Aufgabe, das Anliegen Schönstatts zu verdeutlichen. Schönstatt muss einerseits Festigkeit und Geschlossenheit bieten, andererseits sich aber auch der Kirche und allen anderen Gemeinschaften öffnen. Das Miteinander, nicht ein Neben- oder gar Gegeneinander sind erforderlich. Die gesamte Kirche muss erneut zur Seele der Welt werden. Das gelingt nur durch Gemeinsamkeit „Crescere insieme“ lautet das Leitwort für diese Aufgabe: zusammen wachsen und zusammenwachsen.

Am Nachmittag rundeten verschiedene Statements das Bild von einem Schönstatt ab, das sich nach Jahren des Wachsens und des Festigens gedrängt fühlt, den Reichtum der Bewegung in die Kirche und in die Welt zu tragen. Ob es sich um die Montagsgespräche im Haus der Familie handelt, bei denen sich junge Familien mit Familienproblemen befassen, um junge Männer, die von der Lebensschule in München berichteten, die behilflich ist bei der Erstellung eines eigenen Lebenskonzeptes, um Berichte von Männern, die seit vielen Jahren in der Fastenzeit Männertage anbieten, die sich eines immer größeren Interesses erfreuen: Schönstatt wirkt bereits in der Welt. (vgl. Seite 35ff.)

Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Bericht eines Spießes bei der Bundeswehr, der im Berufsalltag sowohl an seinem Dienstort in Deutschland, als auch bei seinem Einsatz im Kosovo, Schönstatt praktiziert durch das allen Soldaten sichtbare Aufstellen eines MTA-Bildes. Die Resonanz bei den Soldaten war positiv, die Gottesmutter hat bei den Soldaten gewirkt.
Werktagsheiligkeit ist also immer möglich, in jedem Beruf, in jeder Situation. Aber wer bringt schon eine solche Zivilcourage, einen solchen Einsatz für die Gottesmutter auf?

Von besonderer Bedeutung war auch der Vortrag von Landeshauptmann Juránek aus Brno (Brün), Tschechien: „Als Christ in der Politik. Das Netz der Heiligtümer, ein Geschenk für das neue Europa“.
Herr Juránek ist Landeshauptmann - eine Position, die in etwa der eines deutschen Ministerpräsidenten entspricht - in Südmähren. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hatte er bei einer Fahrt mit dem Chor seiner Pfarrei in die Schweiz das Schönstattheiligtum in Quarten besucht, später dann in seinem Land, in Rokole, auch ein Schönstattheiligtum entdeckt. Das Leid der kommunistischen Ära hat sich dort in einen Gnadenstrom verwandelt. Von der Spiritualität Schönstatts lässt er sich nun formen. Und sein Hineinfinden in die Geisteswelt Schönstatts hat für ihn den Ausschlag gegeben, für den Posten des Landeshauptmanns zu kandidieren. Für Tschechien bringt das kommende Jahr einen großen Umbruch, nämlich den Beitritt zur EU am 1. Mai 2004. Aber die Slawen haben auf Grund ihrer Tradition die Fähigkeit, auf die Bedürfnisse der Zeit reagieren zu können. Und hierin sieht Herr Juránek eine Verbindung zu Pater Kentenich und dessen Sinn für die Reaktion auf das, was die Zeit bringt: Gott nahe zu sein und gleichzeitig die Hand am Puls der Zeit zu haben. Seine Besuche verschiedener Heiligtümer in Europa haben ihm deutlich gezeigt, dass jedes Heiligtum zwei Dimensionen hat: eine örtliche und eine verbindungsfähige. Nicht die ökonomische Entwicklung kann Grundlage für das neue Europa sein, es geht vielmehr darum, dass Europa seine Wurzeln und seine Identität neu entdeckt. Europa ist die Wiege des Christentums und der Kultur. Hierin liegt die Wurzel Europas und hierin liegt auch die Aufgabe der neuen Sendung, die Europa hat. Diese Sendung kann Europa am besten übernehmen mit Hilfe der Gottesmutter. Ihr Heiligtümer zu bauen, wird sie veranlassen, dass Europa seine Identität neu entdecken kann. Europa braucht wieder eine Seele. (Vgl. Seite 41)
Auch bei dieser Oktoberwoche ist durch diesen Vortrag wieder deutlich geworden, dass Schönstatt kein Schattendasein in Deutschland führt, sondern dass es international tätig ist, dass es über einen Reichtum verfügt, von dem nicht nur die Kirche, sondern die ganze Welt zehren kann.

Nicht hohe theologische Ausführungen stehen in Schönstatt im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Menschen, konkret: Wer bin ich? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Schwester Gertrud-Maria widmete sich in ihrem Vortrag „Mit ganzem Herzen und all deiner Kraft (Mt. 12,30) - ganzheitlich Mensch werden durch Integration der vitalen Wurzeln“ dieser Thematik.
War früher der Mensch eingebettet in stabile Gegebenheiten, so ist all das seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Stark ändert sich auch das Identitätsgefühl eines jeden Menschen. Je nach der Funktion, die er ausübt (sei es im Beruf, sei es zu Hause, sei es als Besucher von Lehrgängen, sei es bei dem Ausüben seines Hobbys) ändert sich auch sein Identitätsgefühl. Denn es ist schon ein Unterschied, ob man fachlich qualifiziert im Beruf arbeitet

oder als Lernender einen Lehrgang besucht. „Ich schlage mich gegenseitig tot“ ist ein Satz, der für diese Zerrissenheit des Menschen geprägt worden ist.
Pater Kentenich hatte diese Situation vorhergesehen und festgestellt, dass sich ein neuer Menschentyp entwickelt. Er selbst ist denn auch ein Mensch dieses neuen Typs: Er war voll und ganz Mensch. Aus ihm sprachen Echtheit und Natürlichkeit. Er war aber auch total mit Gott verbunden. Die Liebe ist die Grundlage eines jeden menschlichen Lebens und für jedes menschliche Leben. Das ist der entscheidende Ansatz bei Pater Kentenich, darauf baute er sein pädagogisches Konzept auf. Diese Liebe tritt zunächst als irrrationale, vitale Energie in Erscheinung. Darunter sind Gefühle, Triebe, Leidenschaften zu verstehen. Darin kommt aber als Grundstimmung die Sehnsucht des Menschen zum Ausdruck, geliebt, geschätzt, gebraucht zu werden. Diese Sehnsucht des Menschen gilt es zu erfassen und zu integrieren in die rationale Liebe. Die rationale Liebe wird vom Verstand und Willen beherrscht. Verstand und Willen haben die Aufgabe, die naturhaften, triebmäßigen Kräfte zu integrieren, sie zu kultivieren. Es geht also nicht um eine Verdrängung der Triebe, sondern darum, sie zu leiten, zu führen. Das ist das Ziel der Erziehung nach Pater Kentenich. Triebe und Kämpfe werden dadurch nicht ausgeschaltet, sie bleiben erhalten. Deshalb ist eine suprarationale Integration als Ausweitung der Liebe erforderlich. Die vorhandenen Triebkräfte erhalten durch das Wirken des Heiligen Geistes eine neue Qualität. Diese (lebenslange) Entwicklung, dieses Menschwerden während des ganzen Lebens ist Aufgabe eines jeden Menschen. Sie erleichtert auch das Zusammenleben mit den Mitmenschen, denn der andere Mensch ändert sich, weil ich mich verändert habe. Bei diesem Prozess ist die Gottesmutter als Vermittlerin des Heiligen Geistes tätig. Sie ist die Frau der Beziehungen, sie besitzt, sie ist das Charisma insbesondere des heutigen Christentums.

In ihrem zweiten Vortrag ging es Schwester Gertrud-Maria um konkrete Hinweise. Menschliche Liebe erfahren zu haben macht unverwundbar. Allerdings ist der Mensch in solchen Situationen sehr verletzbar. Es geht darum, dass jeder Mensch Grenzerfahrungen akzeptieren muss, Grenzen, die seine Gesundheit, seine Fähigkeiten, sein eigenes Handeln ihm setzen. Dazu gehört vor allem auch das Einge-ständnis eigener Schuld. Man muss sich selbst aus dem Druck entlassen, alles perfekt machen zu können. Gott kennt uns und akzeptiert uns in unserer Armseligkeit, er nimmt uns trotz unseres Versagens in Güte und Barmherzigkeit an.
Entscheidend ist, dass in jedem Menschen die Sehnsucht geweckt wird, das Triebleben in Ordnung zu bringen, die Fantasie zu kultivieren, Selbstdisziplin zu üben. Diese Sehnsucht hilft dem Menschen, trotz aller Niederlagen seinen Weg auf Gott hin zu gehen.

Beachtenswerte Punkte im Umgang mit den Mitmenschen sind auch Ehrfurcht und Respekt. Dem anderen Menschen im Auftreten, im Stil, in der Kleidung so entgegenzutreten, dass er erkennt, dass er voll und ganz als Mensch akzeptiert wird, gleichgültig, welche Stellung er bekleidet. Durch die Kirche, durch die
Ideen Pater Kentenichs muss der neue Mensch geformt werden. Das Charisma Schönstatts besteht darin, diesen Dienst für die ganze Kirche zu leisten, damit jeder Mensch Christ und Christus wird. Das ist die Vision des neuen Menschen. Diesen Weg zum neuen Menschen können wir nicht gehen als Menschen, die streng-katholisch sind. Wir sollten uns vielmehr darüber freuen, dass wir einen solchen Weg kennen und ihn gehen dürfen. Statt streng-katholisch muss es also heißen glücklich‑katholisch. Dieser Satz von Schwester Gertrud-Maria macht deutlich, dass Religiosität, dass vor allem das Katholischsein nichts Belastendes ist, sondern im Gegenteil etwas Beglückendes: Wir haben ein Ziel vor Augen und wir wissen uns auf unserem Lebensweg auf dem richtigen Weg zu diesem Ziel.

Am Nachmittag war eine Videoaufzeichnung zu sehen. Schwester Carol aus Milwaukee berichtete über ihre Gespräche mit Pater Kentenich. Für sie war er, der Schönstatt als eine geheimnisvolle Kugel bezeichnet hatte, selbst eine solche geheimnisvolle Kugel: ein einheitliches, abgerundetes Ganzes, das aber immer wieder neue Facetten zeigt, je nachdem, wie man die Kugel dreht. Kentenich war eine Vaterpersönlichkeit, durch ihn erfuhr man die Liebe Gottes. Sein Leben und sein Werk waren geprägt durch seine Sorge um den Menschen. Es war das Leben eines Charismatikers, das Leben eines Menschen, der stets für andere da war. Ihre eigene Entwicklung, so sagte Schwester Carol, sei entscheidend durch Pater Kentenich geprägt worden. Von ihm habe sie sich von Anfang an voll und ganz angenommen gefühlt. Nie habe sich Pater Kentenich enttäuscht gezeigt über ihre Schwächen und ihr Versagen, sondern stets ein unerschütterliches Vertrauen ausgestrahlt.

Pater Boll setzte die Veranstaltung fort und knüpfte an sein Referat vom letzten Jahr an. Er stellte das besondere Charisma von Pater Kentenich heraus. Der neue Mensch, die neue Welt bedeuteten für Pater Kentenich das Ende der Trennung von Natürlichem und Übernatürlichem. Das Miteinander dieser Bereiche macht den neuen Menschen aus. Pater Kentenich hat dieses Miteinander bereits voll und ganz verkörpert. Wie selbstverständlich war in all seinen Gesprächen die Gottesmutter zugegen, ohne dass diese tiefe Verbindung aufgepfropft, gekünstelt gewesen wäre.
Das Immaculata‑Dogma, die unbefleckte Empfängnis Mariens ohne erbsündliche Belastung, war für Pater Kentenich von besonderer Wichtigkeit. Der Bruch durch die Erbsünde, der den Menschen belastet, fehlt bei ihr. Sie war voll und ganz der Mensch, den Gott von Anfang an gewollt hat. Deshalb kann sie uns den Weg zeigen. Immaculata­-Geist heißt deshalb für Pater Kentenich, voll und ganz Mensch zu sein, nicht verkrampft, sondern, um ein heute modernes Wort zu gebrauchen, ganz „locker“ zu sein.

Pater Boll erzählte dann, dass seine Weihe zum Priester für Pater Kentenich eine Wende bedeutet habe. Da Pater Boll sich als Priesteramtskandidat für Pater Kentenich und Schönstatt entschieden hatte und nach der Weihe für Schönstatt freigestellt werden wollte, wollte ihn kein Bischof zum Priester weihen. Auch in Südamerika gab es zunächst Schwierigkeiten. Aber weil es menschlich gesehen unmöglich war, war es für die Gottesmutter möglich. Diese Einstellung Pater Kentenichs bestätigte sich auch bei Pater Boll. Nach Aussprache mit einem südamerikanischen Bischof wurde er zum Priester geweiht und von diesem sofort für Schönstatt freigestellt. Für Pater Kentenich war dies eine Bestätigung seines Weges und ein deutliches Eingreifen der Gottesmutter.

Am nächsten Tag gab es Informationen über anstehende Projekte. Sie zeigen, dass Schönstatt kein Schattendasein mehr führt, sondern in die Welt hinausgeht.
So findet vom 28. April bis 2. Mai 2004 ein europäischer Familienkongress statt, an dem etwa 20 Länder (auch Russland und Weißrussland) teilnehmen.

Möglicherweise beteiligen sich auch Israel und Palästina.

Am 6./7. Mai 2004 findet in Stuttgart ein Treffen der geistlichen Bewegungen statt. „Miteinander Reichtum entdecken und teilen“ lautet das Motto. Aus mehr als 100 Gemeinschaften und Bewegungen werden Teilnehmer erwartet.

In Schönstatt befasst sich vom 1. bis 4. Juni 2004 ein Pastoralkongress mit dem Thema „Gott im Leben junger Menschen“.

Auf dem Katholikentag in Ulm wird Schönstatt aktiv mitgestalten.

Seinen besonderen Schatten voraus wirft natürlich der Weltjugendtag in Köln, vom 15. bis 21. August 2005. Auch hier ist Schönstatt selbstverständlich beteiligt. Es werden sowohl in Schönstatt selbst, als auch in von Köln aus erreichbaren Heiligtümern viele junge Menschen erwartet.

Was kann als Ergebnis dieser Woche festgehalten werden?
Selten wurden die nicht nur für Schönstatt, sondern für die ganze Kirche mit all ihren Gemeinschaften für die Zukunft der Welt so wichtigen Punkte mit einer solchen Klarheit herausgestellt wie in dieser Woche.
Charisma: Jeder einzelne Mensch besitzt ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Charisma. Dieses Charisma ist bei jedem Menschen entwicklungsfähig. Jeder Mensch ist aber auch befähigt, an dem Charisma anderer Menschen (etwa Pater Kentenichs) teilzunehmen.
Für Schönstatt ebenso wie die ganze Kirche sind für den Menschen da, sind also kein Selbstzweck. Das gilt auch für jeden einzelnen Menschen. Jede Gemeinschaft und jeder Mensch müssen ihre Charismen und ihre Originalität einbringen, damit sie fruchtbar werden. Und Einbringen heißt eben: hinaus in die Welt, nicht verkümmern im eigenen Bereich.
So lautet denn auch die von Pater Penners am Sonntag verkündete neue Jahresparole: „Ganz Mensch - jetzt Zeichen setzen“.