Oktoberwoche 2003
Die
Oktoberwoche ist und bleibt das herausragende Ereignis der Schönstattfamilie.
Sie ist ein Familienfest, sie vertieft aber auch durch die unterschiedlichen
Vorträge das Verständnis für die Ideenwelt Pater Kentenichs. Jeder Teilnehmer
erfährt hier eine innere Bereicherung.
An der
ersten Stelle dieses Berichts soll zunächst der Dank stehen: Dank für die
Vorbereitung, Organisation und Durchführung dieser Woche, Dank für die
freundliche und offene Aufnahme bei der Ankunft, ebenso wie für den Abend, zu
dem sich die Teilnehmer zu einem geselligen Abend in den verschiedenen Häusern
der Gemeinschaft anmelden konnten, ein besonderer Dank vor allem aber jenen, die
im Hintergrund tätig waren und dadurch ihren Beitrag für das Gelingen der
Oktoberwoche geleistet haben.
Ein
besonderer Dank gilt aber auch der Mädchenjugend. Sie haben Anregungen von außen
aufgegriffen und umgesetzt: Oft werden in chinesischen Lokalen im Gebäck
eingerollte Zettel mit kurzen Sprüchen chinesischer Philosophen überreicht.
Das lässt sich doch auch auf Schönstatt übertragen, und so boten die Mädchen
in Gebäck eingewickelt Grundaussagen von Pater Kentenich - an körperliche und
geistige Nahrung zugleich.
Einen
Abglanz der Pracht der Kirche bekam man zu spüren bei der Feier der heiligen
Messe am Eröffnungstag bzw. am Schlusstag. Es ist schon sehr beeindruckend, in
einer mit Menschen voll besetzten Kirche zu sein, in die zur Feier des
Gottesdienstes über 50 Priester einzogen.
Aber ebenso
beeindruckend, wenn auch in ganz anderer Weise, war die Feier der heiligen Messe
im Taborheiligtum, an der nur die Vertreter der Männerliga und des Männerbundes
teilnahmen. Die Dichte der unterschiedlichen Atmosphäre beider Messfeiern ergänzten
einander. Sie gaben einen kleinen Einblick in den Reichtum der Kirche und in die
vielfachen Gestaltungsmöglichkeiten.

Nach der
Begrüßung durch Schwester Maria Annetraud eröffnete Pater Dr. Lothar Penners
die Oktoberwoche. Er ist als Nachfolger von Pater Beller der neue
Bewegungsleiter. Er freute sich, Pater Walter als neuen Generaloberen begrüßen
zu dürfen.
„Liebe
sieht mehr - ein Charisma für den Menschen“ so lautete das Motto der diesjährigen Oktoberwoche.
Stellvertretend für die Geisteswelt Schönstatts verwies Pater Penners auf
Pater Kentenich. Er war ein Mensch, der mit einem ganz hohen Charisma
ausgezeichnet war. Sein ganzes Menschsein stellte er in den Dienst für den
Menschen. Ihm kam es darauf an, den Menschen nahezulegen, sich selbst mit Hilfe
der Gottesmutter zu erziehen. So wie die Gottesmutter unabdingbare Voraussetzung
für alles Wirken von Pater Kentenich gewesen ist, wie sie in seinem Leben immer
gegenwärtig gewesen ist, so ist sie auch in unserer Mitte gegenwärtig. Sie hat
ihr Heim im Urheiligtum aufgeschlagen, von dort will sie wirken, nicht nur in
die Schönstattfamilie, sondern in die ganze Kirche hinein.
Die
Oktoberwochen sind, so führte Pater Penners aus, Dankes‑, Familien‑
und Rüstungswochen. In diesem Jahr steht der Aspekt der Rüstungswoche im
Vordergrund. Beherrschend war der Begriff „Charisma“. Immer wieder gibt es
Menschen, die ein ausgeprägtes Charisma besitzen, die dadurch berufen sind, in
besonderer Weise für die Kirche tätig zu werden. Häufig sind sie dann auch Gründer
neuer Gemeinschaften. In den letzten einhundert Jahren hat es eine Reihe solcher
Neugründungen gegeben. Schönstatt ist eine davon. Bemerkenswert ist, dass
diese Gemeinschaften, die zunächst ein wenig isoliert gelebt haben, nun das Bedürfnis
verspüren, miteinander Kontakt aufzunehmen. Die Charismen der einzelnen
Gemeinschaften treten in einen Dialog. Charismen werden also nicht gegeben,
damit sie intern bleiben, also weder bei dem einzelnen Menschen noch bei der
jeweiligen Gemeinschaft eingeschlossen gepflegt werden, sondern sie sind
geschenkt, damit sie nach außen wirken.
Damit wurde
gleichzeitig das zweite Stichwort der Tagung aufgezeigt: das Wort „für“.
Kirche ist nicht für sich da, sondern für den Menschen, jede religiöse
Gemeinschaft ist nicht Selbstzweck, sondern auf den anderen Menschen hin
ausgelegt. Weitergedacht heißt das, dass auch jeder einzelne Mensch nicht nur für
sich das ist, sondern (auch) für den Mitmenschen. Mit einem Gebet zum Heiligen
Geist schloss Pater Penners seine einführenden Worte zur Oktoberwoche.
Gnadengaben - eine dynamische Realität: Das Charisma Pater
Kentenichs hier und heute.
Mit diesem Thema befasste sich Pater Penners am folgenden Tag.
Glaube, Hoffnung und Liebe sind die jedem Menschen eingegossenen
Tugenden. Sie bilden die Wurzeln für das Leben im Heiligen Geist und ermöglichen
ein Wachsen, eine Veränderung, eine Umwandlung. Die natürlichen Begabungen
eines jeden einzelnen Menschen müssen sich mit diesen Gnadengaben verbinden, um
die Früchte des Heiligen Geistes hervorzubringen: Liebe, Freude, Friede,
Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung (vgl. Gal.
5,22). Zu diesen gewöhnlichen Gnadengaben kann als außergewöhnliche Gabe das
Charisma kommen, bei dem es sich, wie Pater Penners schon bei seinem Einführungsvortrag
erwähnt hatte, stets um eine Gabe für einen anderen, für einen Dienst
handelt.
Pater Kentenich besaß ein solches Charisma. Sein Charisma hat auch
in der heutigen Zeit noch Bedeutung. Um dieses zu erkennen, ist zunächst etwas
zur Situation der Kirche in der heutigen Zeit zu sagen. So sehr auch der Rückgang
der Zahl der Kirchenbesucher beklagt wird, darf jedoch folgendes nicht vergessen
werden: Die deutsche Kirche ‑ und damit alle Gläubigen ‑ hat in der
Vergangenheit große Leistungen für die Weltkirche erbracht und erbringt sie
auch heute noch durch ihre vielfältigen Einrichtungen. Es ist zwar richtig,
dass die Zahl der Kirchenbesucher gegenüber 1950 deutlich rückläufig ist,
doch muss auch festgehalten werden, dass im Jahr 1950 die Kirchenbesucherzahlen
deutlich höher lagen als in anderen Ländern, insoweit also im wesentlichen
eine Anpassung an den allgemeinen Trend erfolgt ist. Das soll allerdings nicht
darüber hinwegtrösten, dass dieser Trend insgesamt unerfreulich ist, besonders
auch deshalb, weil vor allem junge Menschen der Kirche fernbleiben. Insoweit
sind die Sorgen bezüglich der künftigen Entwicklung durchaus berechtigt.
Schönstatt selbst dürfte durch seine Einrichtungen, Wallfahrten,
Schriften und vor allem auch durch die pilgernde Gottesmutter etwa 10% der
Katholiken ansprechen.
Angesichts der immer größer werdenden Mobilität der Menschen bietet sich
gerade für Schönstatt die Chance, mit und durch die Heiligtümer die Menschen
zu erreichen. Wenn wegen der Mobilität die Ortskirchen an Einfluss verlieren, können
die Heiligtümer ein neues Zuhause bieten. Da die Heiligtümer überall gleich
ge-staltet sind, findet jeder Mensch sofort seine (vertraute) Heimat wieder.
Die
Zielsetzung Pater Kentenichs für Schönstatt war und ist es, einen neuen
Menschen für eine neue Gemeinschaft zu erziehen, also eine anthropologische
Wende einzuleiten. Deutlich kommt hier die Aufgabe Schönstatts zum Ausdruck, für
den Menschen da zu sein. Schönstatt (und auch die gesamte Kirche mit all ihren
Einrichtungen) sind nicht Selbstzweck, sondern für den Menschen, für den
Dienst am anderen Menschen da. Es ist gerade die besondere Aufgabe Schönstatts,
dem Menschen auf dem Weg durch diese Zeit beizustehen, seine Veranlagungen zu fördern
und auf Gott hin auszurichten, ihm Werte zu vermitteln, die ihm Ichstärke und
auch Gruppenstärke geben. Es ist ja das Ziel Pater Kentenichs gewesen, einen
neuen Menschen in neuer Gemeinschaft zu bilden.
Um dieses
Ziel zu erreichen, hat Pater Kentenich neben dem Wirken des Heiligen Geistes
besonders dem Beistand der Gottesmutter vertraut. Im nächsten Jahr sind es 400
Jahre her, dass Pater Rem, SJ, für die Gottesmutter den Titel „Dreimal
Wunderbare Mutter“ entdeckte.
Maria zu verehren ist die eine Seite, Maria auch sein zu wollen ist die andere
Seite. Und hierauf kam es Pater Rem an. Dieses Anliegen von Pater Rem hat Pater
Kentenich für Schönstatt übernommen, und es scheint heute, dass die
Gottesmutter in vielen Gemeinschaften wieder mehr geschätzt wird, dass ihre
wahre Bedeutung mehr erkannt wird. In dieser Zeit des großen Umbruchs bietet
sie den Menschen ihre Hilfe an.

Subdirektor
Michael Gerber berichtete über den Stand der Errichtung des Schönstattheiligtums
in Rom, das den Namen „Matri Ecclesiae“ (der Mutter der Kirche) trägt.
Damit bringt sich Schönstatt deutlich in die Gesamtkirche ein. Pater Kentenich
hatte dieses
Heiligtum schon vor 40 Jahren geplant, damals schon den geistigen Grundstein
gelegt. Die Baugenehmigung wurde jedoch erst im vergangenen Jahr und nach
langwierigen Verhandlungen erteilt. „Terra promessa“ (Verheißenes Land oder
Selig, die geglaubt haben)
heißt im übrigen eine Pizzeria gegenüber dem Baugelände, führwahr die
richtige Bezeich nung nach 40-jährigem Bemühen um eine Baugenehmigung.
Aufgabe des Heiligtums in Rom ist es, der Weltkirche die Aufgabe, das Anliegen
Schönstatts zu verdeutlichen. Schönstatt muss einerseits Festigkeit und
Geschlossenheit bieten, andererseits sich aber auch der Kirche und allen anderen
Gemeinschaften öffnen. Das Miteinander, nicht ein Neben- oder gar Gegeneinander
sind erforderlich. Die gesamte Kirche muss erneut zur Seele der Welt werden. Das
gelingt nur durch Gemeinsamkeit „Crescere insieme“ lautet das Leitwort für
diese Aufgabe: zusammen wachsen und zusammenwachsen.
Am
Nachmittag rundeten verschiedene Statements das Bild von einem Schönstatt ab,
das sich nach Jahren des Wachsens und des Festigens gedrängt fühlt, den
Reichtum der Bewegung in die Kirche und in die Welt zu tragen. Ob es sich um die
Montagsgespräche im Haus der Familie handelt, bei denen sich junge Familien mit
Familienproblemen befassen, um junge Männer, die von der Lebensschule in München
berichteten, die behilflich ist bei der Erstellung eines eigenen
Lebenskonzeptes, um Berichte von Männern, die seit vielen Jahren in der
Fastenzeit Männertage anbieten, die sich eines immer größeren Interesses
erfreuen: Schönstatt wirkt bereits in der Welt. (vgl. Seite 35ff.)
Besonders
erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Bericht eines Spießes bei der
Bundeswehr, der im Berufsalltag sowohl an seinem Dienstort in Deutschland, als
auch bei seinem Einsatz im Kosovo, Schönstatt praktiziert durch das allen
Soldaten sichtbare Aufstellen eines MTA-Bildes. Die Resonanz bei den Soldaten
war positiv, die Gottesmutter hat bei den Soldaten gewirkt.
Werktagsheiligkeit ist also immer möglich, in jedem Beruf, in jeder Situation.
Aber wer bringt schon eine solche Zivilcourage, einen solchen Einsatz für die
Gottesmutter auf?
Von
besonderer Bedeutung war auch der Vortrag von Landeshauptmann Juránek aus Brno
(Brün), Tschechien: „Als Christ in der Politik. Das Netz der Heiligtümer,
ein Geschenk für das neue Europa“.
Herr Juránek ist Landeshauptmann - eine Position, die in etwa der eines
deutschen Ministerpräsidenten entspricht - in Südmähren. Nach dem
Zusammenbruch des Kommunismus hatte er bei einer Fahrt mit dem Chor seiner
Pfarrei in die Schweiz das Schönstattheiligtum in Quarten besucht, später dann
in seinem Land, in Rokole, auch ein Schönstattheiligtum entdeckt. Das Leid der
kommunistischen Ära hat sich dort in einen Gnadenstrom verwandelt. Von der
Spiritualität Schönstatts lässt er sich nun formen. Und sein Hineinfinden in
die Geisteswelt Schönstatts hat für ihn den Ausschlag gegeben, für den Posten
des Landeshauptmanns zu kandidieren. Für Tschechien bringt das kommende Jahr
einen großen Umbruch, nämlich den Beitritt zur EU am 1. Mai 2004. Aber die
Slawen haben auf Grund ihrer Tradition die Fähigkeit, auf die Bedürfnisse der
Zeit reagieren zu können. Und hierin sieht Herr Juránek eine Verbindung zu
Pater Kentenich und dessen Sinn für die Reaktion auf das, was die Zeit bringt:
Gott nahe zu sein und gleichzeitig die Hand am Puls der Zeit zu haben. Seine
Besuche verschiedener Heiligtümer in Europa haben ihm deutlich gezeigt, dass
jedes Heiligtum zwei Dimensionen hat: eine örtliche und eine verbindungsfähige.
Nicht die ökonomische Entwicklung kann Grundlage für das neue Europa sein, es
geht vielmehr darum, dass Europa seine Wurzeln und seine Identität neu
entdeckt. Europa ist die Wiege des Christentums und der Kultur. Hierin liegt die
Wurzel Europas und hierin liegt auch die Aufgabe der neuen Sendung, die Europa
hat. Diese Sendung kann Europa am besten übernehmen mit Hilfe der Gottesmutter.
Ihr Heiligtümer zu bauen, wird sie veranlassen, dass Europa seine Identität
neu entdecken kann. Europa braucht wieder eine Seele. (Vgl. Seite 41)
Auch bei dieser Oktoberwoche ist durch diesen Vortrag wieder deutlich geworden,
dass Schönstatt kein Schattendasein in Deutschland führt, sondern dass es
international tätig ist, dass es über einen Reichtum verfügt, von dem nicht
nur die Kirche, sondern die ganze Welt zehren kann.

Nicht hohe theologische Ausführungen stehen in
Schönstatt im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Menschen, konkret: Wer
bin ich? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Schwester Gertrud-Maria widmete sich
in ihrem Vortrag „Mit ganzem Herzen und all deiner Kraft (Mt. 12,30) -
ganzheitlich Mensch werden durch Integration der vitalen Wurzeln“ dieser
Thematik.
War früher der Mensch eingebettet in stabile Gegebenheiten, so ist all das seit
vielen Jahren nicht mehr gegeben. Stark ändert sich auch das Identitätsgefühl
eines jeden Menschen. Je nach der Funktion, die er ausübt (sei es im Beruf, sei
es zu Hause, sei es als Besucher von Lehrgängen, sei es bei dem Ausüben seines
Hobbys) ändert sich auch sein Identitätsgefühl. Denn es ist schon ein
Unterschied, ob man fachlich qualifiziert im Beruf arbeitet
oder als
Lernender einen Lehrgang besucht. „Ich schlage mich gegenseitig tot“ ist ein
Satz, der für diese Zerrissenheit des Menschen geprägt worden ist.
Pater Kentenich hatte diese Situation vorhergesehen und festgestellt, dass sich
ein neuer Menschentyp entwickelt. Er selbst ist denn auch ein Mensch dieses
neuen Typs: Er war voll und ganz Mensch. Aus ihm sprachen Echtheit und Natürlichkeit.
Er war aber auch total mit Gott verbunden. Die Liebe ist die Grundlage eines
jeden menschlichen Lebens und für jedes menschliche Leben. Das ist der
entscheidende Ansatz bei Pater Kentenich, darauf baute er sein pädagogisches
Konzept auf. Diese Liebe tritt zunächst als irrrationale, vitale Energie in
Erscheinung. Darunter sind Gefühle, Triebe, Leidenschaften zu verstehen. Darin
kommt aber als Grundstimmung die Sehnsucht des Menschen zum Ausdruck, geliebt,
geschätzt, gebraucht zu werden. Diese Sehnsucht des Menschen gilt es zu
erfassen und zu integrieren in die rationale Liebe. Die rationale Liebe wird vom
Verstand und Willen beherrscht. Verstand und Willen haben die Aufgabe, die
naturhaften, triebmäßigen Kräfte zu integrieren, sie zu kultivieren. Es geht
also nicht um eine Verdrängung der Triebe, sondern darum, sie zu leiten, zu führen.
Das ist das Ziel der Erziehung nach Pater Kentenich. Triebe und Kämpfe werden
dadurch nicht ausgeschaltet, sie bleiben erhalten. Deshalb ist eine
suprarationale Integration als Ausweitung der Liebe erforderlich. Die
vorhandenen Triebkräfte erhalten durch das Wirken des Heiligen Geistes eine
neue Qualität. Diese (lebenslange) Entwicklung, dieses Menschwerden während
des ganzen Lebens ist Aufgabe eines jeden Menschen. Sie erleichtert auch das
Zusammenleben mit den Mitmenschen, denn der andere Mensch ändert sich, weil ich
mich verändert habe. Bei diesem Prozess ist die Gottesmutter als Vermittlerin
des Heiligen Geistes tätig. Sie ist die Frau der Beziehungen, sie besitzt, sie
ist das Charisma insbesondere des heutigen Christentums.
In ihrem
zweiten Vortrag ging es Schwester Gertrud-Maria um konkrete Hinweise.
Menschliche Liebe erfahren zu haben macht unverwundbar. Allerdings ist der
Mensch in solchen Situationen sehr verletzbar. Es geht darum, dass jeder Mensch
Grenzerfahrungen akzeptieren muss, Grenzen, die seine Gesundheit, seine Fähigkeiten,
sein eigenes Handeln ihm setzen. Dazu gehört vor allem auch das Einge-ständnis
eigener Schuld. Man muss sich selbst aus dem Druck entlassen, alles perfekt
machen zu können. Gott kennt uns und akzeptiert uns in unserer Armseligkeit, er
nimmt uns trotz unseres Versagens in Güte und Barmherzigkeit an.
Entscheidend ist, dass in jedem Menschen die Sehnsucht geweckt wird, das
Triebleben in Ordnung zu bringen, die Fantasie zu kultivieren, Selbstdisziplin
zu üben. Diese Sehnsucht hilft dem Menschen, trotz aller Niederlagen seinen Weg
auf Gott hin zu gehen.
Beachtenswerte
Punkte im Umgang mit den Mitmenschen sind auch Ehrfurcht und Respekt. Dem
anderen Menschen im Auftreten, im Stil, in der Kleidung so entgegenzutreten,
dass er erkennt, dass er voll und ganz als Mensch akzeptiert wird, gleichgültig,
welche Stellung er bekleidet. Durch die Kirche, durch die
Ideen Pater Kentenichs muss der neue Mensch geformt werden. Das Charisma Schönstatts
besteht darin, diesen Dienst für die ganze Kirche zu leisten, damit jeder
Mensch Christ und Christus wird. Das ist die Vision des neuen Menschen. Diesen
Weg zum neuen Menschen können wir nicht gehen als Menschen, die streng-katholisch
sind. Wir sollten uns vielmehr darüber freuen, dass wir einen solchen Weg
kennen und ihn gehen dürfen. Statt streng-katholisch muss es also heißen glücklich‑katholisch.
Dieser Satz von Schwester Gertrud-Maria macht deutlich, dass Religiosität, dass
vor allem das Katholischsein nichts Belastendes ist, sondern im Gegenteil etwas
Beglückendes: Wir haben ein Ziel vor Augen und wir wissen uns auf unserem
Lebensweg auf dem richtigen Weg zu diesem Ziel.
Am
Nachmittag war eine Videoaufzeichnung zu sehen. Schwester Carol aus Milwaukee
berichtete über ihre Gespräche mit Pater Kentenich. Für sie war er, der Schönstatt
als eine geheimnisvolle Kugel bezeichnet hatte, selbst eine solche
geheimnisvolle Kugel: ein einheitliches, abgerundetes Ganzes, das aber immer
wieder neue Facetten zeigt, je nachdem, wie man die Kugel dreht. Kentenich war
eine Vaterpersönlichkeit, durch ihn erfuhr man die Liebe Gottes. Sein Leben und
sein Werk waren geprägt durch seine Sorge um den Menschen. Es war das Leben
eines Charismatikers, das Leben eines Menschen, der stets für andere da war.
Ihre eigene Entwicklung, so sagte Schwester Carol, sei entscheidend durch Pater
Kentenich geprägt worden. Von ihm habe sie sich von Anfang an voll und ganz
angenommen gefühlt. Nie habe sich Pater Kentenich enttäuscht gezeigt über
ihre Schwächen und ihr Versagen, sondern stets ein unerschütterliches
Vertrauen ausgestrahlt.
Pater Boll
setzte die Veranstaltung fort und knüpfte an sein Referat vom letzten Jahr an.
Er stellte das besondere Charisma von Pater Kentenich heraus. Der neue Mensch,
die neue Welt bedeuteten für Pater Kentenich das Ende der Trennung von Natürlichem
und Übernatürlichem. Das Miteinander dieser Bereiche macht den neuen Menschen
aus. Pater Kentenich hat dieses Miteinander bereits voll und ganz verkörpert.
Wie selbstverständlich war in all seinen Gesprächen die Gottesmutter zugegen,
ohne dass diese tiefe Verbindung aufgepfropft, gekünstelt gewesen wäre.
Das Immaculata‑Dogma, die unbefleckte Empfängnis Mariens ohne erbsündliche
Belastung, war für Pater Kentenich von besonderer Wichtigkeit. Der Bruch durch
die Erbsünde, der den Menschen belastet, fehlt bei ihr. Sie war voll und ganz
der Mensch, den Gott von Anfang an gewollt hat. Deshalb kann sie uns den Weg
zeigen. Immaculata-Geist heißt deshalb für Pater Kentenich, voll und ganz
Mensch zu sein, nicht verkrampft, sondern, um ein heute modernes Wort zu
gebrauchen, ganz „locker“ zu sein.
Pater Boll
erzählte dann, dass seine Weihe zum Priester für Pater Kentenich eine Wende
bedeutet habe. Da Pater Boll sich als Priesteramtskandidat für Pater Kentenich
und Schönstatt entschieden hatte und nach der Weihe für Schönstatt
freigestellt werden wollte, wollte ihn kein Bischof zum Priester weihen. Auch in
Südamerika gab es zunächst Schwierigkeiten. Aber weil es menschlich gesehen
unmöglich war, war es für die Gottesmutter möglich. Diese Einstellung Pater
Kentenichs bestätigte sich auch bei Pater Boll. Nach Aussprache mit einem südamerikanischen
Bischof wurde er zum Priester geweiht und von diesem sofort für Schönstatt
freigestellt. Für Pater Kentenich war dies eine Bestätigung seines Weges und
ein deutliches Eingreifen der Gottesmutter.
Am nächsten
Tag gab es Informationen über anstehende Projekte. Sie zeigen, dass Schönstatt
kein Schattendasein mehr führt, sondern in die Welt hinausgeht.
So findet vom 28. April bis 2. Mai 2004 ein europäischer Familienkongress
statt, an dem etwa 20 Länder (auch Russland und Weißrussland) teilnehmen.
Möglicherweise
beteiligen sich auch Israel und Palästina.
Am 6./7.
Mai 2004 findet in Stuttgart ein Treffen der geistlichen Bewegungen statt.
„Miteinander Reichtum entdecken und teilen“ lautet das Motto. Aus mehr als
100 Gemeinschaften und Bewegungen werden Teilnehmer erwartet.
In Schönstatt
befasst sich vom 1. bis 4. Juni 2004 ein Pastoralkongress mit dem Thema „Gott
im Leben junger Menschen“.
Auf dem
Katholikentag in Ulm wird Schönstatt aktiv mitgestalten.
Seinen
besonderen Schatten voraus wirft natürlich der Weltjugendtag in Köln, vom 15.
bis 21. August 2005. Auch hier ist Schönstatt selbstverständlich beteiligt. Es
werden sowohl in Schönstatt selbst, als auch in von Köln aus erreichbaren
Heiligtümern viele junge Menschen erwartet.