Exerzitien in Oberkirch
Zehn Männer
nahmen vom 29. Oktober bis
zum 2. November 2003 im Diözesanzen-
trum Marienfried in Oberkirch an den Exer-
zitien teil.
Geistlicher Leiter, Pater
Heinrich Hug,
Schönstatt, gab den Männern zu Beginn
eine Einführung in das Anliegen der Schweigeexerzitien. Dabei muss man zurückgehen
bis zu Ignatius von Loyola (1491-1556). Nach seiner Bekehrung (1521) machte
Ignatius (zuerst von März 1522 bis Februar 1523 in der Höhle von Manresa) und
in den beiden nachfolgenden Jahren auf einer begonnenen Pilgerfahrt ins Heilige
Land geistliche Erfahrungen, die er in seinem Exerzitienbüchlein niederschrieb
und für andere nutzbar machte.
Exerzitien sind das Ringen des einzelnen mit Gott. Sie stellen sich den Fragen: Wie habe ich bisher gelebt? Wie soll mein Leben weitergehen, vor allem im Vergleich mit dem Leben Jesu? Auch bei Gemeinschaftsexerzitien ist das Wichtigste der einzelne in seinem Verhältnis zu Gott.
Als Ziel der diesjährigen Exerzitien nannte Pater Hug den Männern: Am kommenden Sonntag in innerer Ruhe nach Hause gehen zu könne, gewachsen in der Liebe zu Gott und den Menschen. Der einzelne setzt sich in den Tagen des Schweigens mit Gott und seinem eigenen Leben auseinander.
Als Anregung dient die Vertiefung der Jahreslosung: „Im Umbruch der Zeit - Werkzeug der Liebe Gottes sein”.
I. Beobachtungen und
Betrachtungen zum “Umbruch der Zeit”.
Die neueste moderne Zeit begann mit Beginn des 1. Weltkrieges am 1. August 1914.
Dieser Weltkrieg wurde nur unterbrochen und ging eigentlich erst mit dem 2.
Weltkrieg am 8. Mai 1945 zu Ende. Äußerlich hat sich das politische Gewicht
der Weltmächte verändert. Zwei Drittel der Menschheit waren damals in den 1.
Weltkrieg verwickelt. Große Veränderungen haben sich im 20. Jahrhundert im
technischen Bereich ergeben. Frage: Was hat Gott mit diesen Veränderungen
gewollt?
Es stellt sich uns jetzt die Aufgabe, den Umbruch der Zeit in den Blick zu nehmen und uns damit auszusöhnen und in den Frieden Gottes heimzukehren. Anbetung des Willen Gottes ist die Antwort auf die Probleme der Zeit, und dann Werkzeug der Liebe Gottes sein.
Greifen wir geschichtlich etwas weiter aus, dann müssen wir wenigstens 400 Jahre rückwärts und vorwärts umgreifen. Pater Kentenich sagte: so wie die Würfel jetzt im 20. Jahrhundert fallen, so werden sie in den kommenden 400 Jahren liegen bleiben. Veränderungen im Detail und im Einzelnen (vor allem im Technischen) wird es immer wieder geben.
Wir benutzen
die Methode der Geschichtsbetrachtungen von Pater Kentenich:
1. Die Vorgänge beobachten.
2. Sie mit früher zu vergleichen.
3. Alles auf letzte Prinzipien straffen.
4. Anwenden auf das Leben im Wachsen der Liebe zu Gott und den Menschen trotz
allem Durcheinander und Wirrwarr; gemäß dem Wort des hl. Paulus: Denen, die
Gott lieben, gereichen alle Dinge zum besten.
In einem
eigenen Vortrag sprach Pater Hug (gemäß dem Wunsch der Männer) über Buße
und Beichte. In einem kurzen Überblick sprach er über die Geschichte der
Beichte, bis zu ihrem massenhaften Zusammenbruch
nach dem letzten Konzil. Grundsätzlich muss man die Beichte sehen:
1. Als Gnadenmittel; wenn ich in Schuld gefallen bin und dies bereue, bitte ich
in der Beichte um das Geschenk der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, vermittelt
durch die Kirche und den Priester.
2. Als Sühnemittel: ich stehe zu dem, was in meinem Leben sündig war.
3. Beichte als Erziehungsmittel: ich erlebe mich als noch nicht vollendeter
Mensch und möchte versuchen, es in Zukunft besser zu machen, gemäß der
Idealerziehung.
Einen anderen Vortrag widmete Pater Hug wunschgemäß der Eucharistie und den derzeitigen Streitigkeiten. Dabei müssen wir stark unterscheiden zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft. In seiner Eucharistieenzyklika macht der Heilige Vater Johannes Paul II. ebenfalls darauf aufmerksam und zieht daraus die Konsequenzen. Für sein persönliches Gewissen und seinen persönlichen Glauben ist der einzelne Mensch allein verantwortlich, auch dafür, ob er zur heiligen Kommunion geht oder nicht. Doch eine Eucharistiefeier gibt es nicht ohne die Gemeinschaft. Jede Gemeinschaft hat eine Leitung, es gibt keine Eucharistiegemeinschaft ohne Leitung. Pater Hug sprach in diesem Zusammenhang über Hierarchie, Papst, Bischöfe, das Amtsverständnis der Kirche. Der Bischof ist der Leiter der Eucharistiegemeinschaft, der konkrete Priester handelt in dessen Auftrag (und darf deswegen nicht eigenmächtig handeln). Eucharistie als Gegenwärtigsetzung des Opfertodes Jesu (als Hingabe an den Vater), als Opfermahl zu Gunsten der Menschen, als bleibende Gegenwart Christi in den Zeichen von Brot und Wein. Der amtlich Bestellte spricht in der Nachfolge Christi: „Tut dies zu meinem Gedächtnis ...” Ich und die Gemeinschaft als Glieder der Kirche. Ich stehe vor Gott und bin für mich verantwortlich, bin aber auch Glied der Gemeinschaft der Kirche ... Die Spannung zwischen einzelnem und Gemeinschaft dauert ein Leben lang, sie wird (über die Eucharistie hinaus) die Geschichte in den kommenden Jahrhunderten wesentlich bestimmen. Die geschlossene christliche Welt ist in Europa zerbrochen. Wir erleben eine pluralistische Welt, wo alle Religionen, Kulturen, Rassen, Meinungen nebeneinander stehen und evtl. um Vorherrschaft ringen. Pater Kentenich sagt: im Notwendigen Einheit, im Fragwürdigen und Zweifelhaften Freiheit, darüber hinaus als Grundsatz in allem die Liebe.
Zum Thema
“Umbruch der Zeit” ging Pater Hug der Frage nach, welche Ursachen sichtbare
Veränderungen herbeiführen; es sind vier:
1. Personen machen Geschichte, z. B. Marx, Lenin, Hitler (das Selbstverständnis
von Hitler: ich bin der größte Befreier und Erlöser der Menschen, ich befreie
sie von der Last der Freiheit und Entscheidung, dann können sie glücklich
leben).
2. Ideen machen Geschichte.
3. Wirtschaftliche Verhältnisse machen Geschichte.
4. Unerwartete Ereignisse wie Kriege, Erdbeben, Veränderungen in der Natur
(Klima) ziehen Veränderungen nach sich.
Für uns als
religiöse Männer heißt die Frage: Wozu lässt Gott Veränderungen zu?
Konkrete Antworten:
1. Durch die Veränderungen der letzten 400 Jahre kommt es zu einer vorher nicht
gekannten Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft. Spannung
zwischen der christlichen Religion und anderen Religionen. Infragestellung aller
Traditionen, Bräuche und Sitten; deshalb müssen dauernd Neuentscheidungen
geschehen.
2. Im zweiten Teil des Vortrages der Gründungsurkunde vom 18.10.1914 benutzt
Pater Kentenich den Satz: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht”;
jedes Gericht kennt drei Phasen: a. Offenlegung der (bösen) Taten, b. Urteil
(evtl. Verurteilung), c. Vollzug des Urteils (Strafe oder Freiheit). Die
Weltgeschichte bringt es an den Tag, was in den Menschen an Bösem steckt, sie
ist der erste Teil des Weltgerichtes, alle Menschen sind Opfer der bösen Taten
der Vergangenheit und gleichzeitig wieder Täter. Ein Krieg bringt das Böse ans
Licht; damals zu Beginn des Ersten Weltkrieges wies Pater Kentenich darauf hin
und rief die Schüler dazu auf, den Krieg auszunützen als Förderungsmittel zur
Sühne und Besserung des Lebens.
In einem anderen Vortrag sprach Pater Hug über die Ausnützung der Heiligen Schrift. Wir finden in ihr 1. Heilstatsachen, 2. Heilsbotschaften, 3. Heilserfahrungen, mit denen wir uns heute vergleichen können. Im übrigen wies Pater Hug auf zahlreiche Beobachtungsfelder hin, in denen Veränderungen eingetreten sind, zum Beispiel im Selbstverständnis von Mann und Frau und viele andere. (Pater Hug übergab ein Blatt, auf welchem er 11 verschiedene Beobachtungsfelder auflistete, in denen wesentliche Veränderungen eingetreten sind und die er im Überblick kurz erläuterte.)
II. Zum Thema
„Werkzeug der Liebe Gottes sein“ gab es einige Anregungen.
Liebe ist letztlich eine Tat des Willens, ist ein willentliches Jasagen zu den
Willensentscheidungen Gottes. Liebe ist Jasagen zur Wirklichkeit, wie sie Gott
geschaffen hat und zulässt. Ich liebe Dich heißt: Ich sage zu Dir Ja, gleich
wie Gott. Ich sage zu Gott: Lieber Gott, was Du gemacht hast und tust, das
bejahe ich. Christliche Nächstenliebe heißt deswegen: Ich liebe alles und
jeden Menschen, wie Gott (Christus) sie will und bejaht und liebt. Jesus hat
sich am Kreuz geopfert für alle Menschen als endgültiges Ja zu allen und zu
allem.
III. Zum
Werkzeugsgedanken wurden einige Gedanken vorgetragen aus dem Buch von Pater
Kentenich „Marianische Werkzeugsfrömmigkeit”.
Zwei Gedanken:
1. Das Werkzeug muss frei sein vom Eigenwillen.
2. Es muss sich binden an den Werkmeister und seinen Willen. Lösen und
hingeben.
Das aszetische Ziel heißt also: Wachsen in unserer Liebe zu Gott und zu den
Menschen. An der Hand der Gottesmutter wollen wir uns und unser Wachsen und
Reifen gestalten. Die Gottesmutter ist das große Vorbild eines Werkzeuges in
der Hand Gottes.
Einen Vortrag widmete Pater Hug dem Thema „Marienweihe”. Die Marienweihe gab es im Rahmen der Marianischen Kongregationen, welche 1563 durch den Jesuiten Pater Leunis in Rom gegründet wurden. In den Jahren des ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) erneuerten die Mitglieder der Marianischen Kongregation von Pater Kentenich jährlich die Weihe am 8. Dezember. Die Kongregationen hatten drei Ziele: 1. Selbstheiligung, 2. apostolisch tätig sein, 3. Marienverehrung, (und zwar alles in Gemeinschaft, so dass man als 4. Ziel nennen könnte: Mitarbeit mit der Gemeinschaft). Es gibt seit 1918/19 einen Unterschied zwischen Mitarbeiterweihe und Mitgliederweihe, wobei bei letzterer konkrete Versprechungen hinzukommen, die es bei der Mitarbeiterweihe nicht verpflichtend gibt. Bei Exerzitien bietet sich die Gelegenheit, die Weihe (wir nennen sie Liebesbündnis) zu erneuern. Wenn wir uns mit Maria verbinden, wird sie für unsere innere Entwicklung und Reifung mitsorgen. Vom Heiligtum aus schenkt uns die Gottesmutter die Gnaden der Beheimatung, der seelischen Umwandlung und der apostolischen Fruchtbarkeit.
An Allerseelen sprach Pater Hug über die Entstehung Schönstatts. Das Heiligtum war ein altes Michaelskapellchen aus dem Jahr 1143. Auf dem Areal in Schönstatt war ein Kloster und ein Friedhof mit Friedhofskapelle. 1901 kauften die Pallottiner die ehemaligen alten Klostergebäude. Im Jahre 1914 erbat sich Pater Kentenich von den Obern die alte Michaelskapelle als Kongregationskapelle. St. Michael war immer Schutzpatron der Sterbenden und Verstorbenen. Am 18. Oktober 1914 wurde dann dieses Kapellchen zum Heiligtum der Gottesmutter. Doch ist der heilige Erzengel Michael immer noch da und auch wirksam. Er ist der Helfer für alle, die noch nicht in der endgültigen Anschauung Gottes sind. An Allerseelen beten wir für die Verstorbenen, die ins Jenseits gegangen sind. Wir wollen uns auch für unseren Heimgang ins Jenseits vorbereiten.
Pater Hug erzählte
auch über persönliche Begegnungen und Gespräche mit dem Gründer Pater
Kentenich, während dessen Verbannung in Milwaukee. Er sprach über dessen Rückkehr
aus dem KZ Dachau (1945) und aus dem Exil in Amerika (1965 durch ein Telegramm).
Pater Hug als Zeitzeuge des Gründers faszinierte die Männer mit den
Erlebnissen mit dem Gründer Schönstatts.
Feierliche
Eucharistiefeiern, Morgengebet, Rosenkranzgebet, Abendgebet vor dem ausgesetzten
Allerheiligsten im Heiligtum waren Höhepunkte der Exerzitien. Freitagabend bis
Samstagmorgen hielten die Männer Nachtanbetung vor dem Allerheiligsten.
Beim festlichen Schlussgottesdienst erneuerte ein Mann seine Mitgliedsweihe und
vier Männer ihre Mitarbeiterweihe.
Nach einer Statio an der MTA-Säule verabschiedeten sich die Männer mit dem
Vorsatz, vom 27. bis 31. Oktober 2004 wieder zu den Exerzitien zum
Heiligtum in Oberkirch Marienfried zu kommen, um an der geistigen Quelle
aufzutanken und neu gestärkt als Werkzeug der Liebe Gottes das Leben gestalten
zu können.
J.Tanner