Eine Kur - mit Schatten
Ich weiß natürlich nicht wie es anderen ergangen ist, die sich mit der Absicht befasst haben eine Kur anzutreten. Das Wort „Kur“ störte mich dabei immer schon. Ich wollte auch für mich selbst, alleine durch das Wort den Nachweis einer Notwendigkeit dokumentieren. So war es dann für mich eine notwendige Reha-Maßnahme, so wie es der Träger dieser Maßnahme, die BFA, es auch nannte.
Ich als Selbstständiger habe den Antrag für eine Reha-Maßnahme mit sehr gemischten Gefühlen gestellt. Ich war häufig in der Versuchung, die medizinische notwendige Behandlung, vor Ort durchzuführen, d. h. abends Reha und über Tag die Arbeit im Betrieb. Letztendlich setzte sich in mir die Überzeugung durch, die Reha in einer räumlichen Entfernung und vor allen Dingen ohne die Belastungen des Berufes anzutreten. Ebenso sehnte ich mich nach Ruhe, nur Ruhe. Auch die Erwartung heilender Aktivitäten im Sinn einer fordernden Reha, die sich positiv auf meinen gesundheitlichen Zustand auswirken sollten. Mein Problem: die ständig zunehmenden Beschwerden im Rückenbereich. Bisher rieten alle Ärzte von einer Operation ab, obwohl ich mich zeitweise nach einer erlösenden Operation, mit automatisch einzustellender Schmerzfreiheit gesehnt habe.
In dieser
Erwartung füllte ich dann auch den Fragebogen der BFA aus. U. a. auf die Frage
was erwarten Sie von Reha-Maßnahme. Da gab es auch die Möglichkeit Wünsche
bzw. Erwartungen anzukreuzen, wie z. B. Kreativkurse in der Freizeit zu belegen.
Ich entschied mich für die Rubrik „Ruhe“ und das Gespräch mit einem
Psychologen wählte ich ebenfalls ab.
Vor Antritt
der Reha wurden meine Nerven noch einmal auf eine harte Bewährungsprobe
gestellt. Im Betrieb wurde ein Mitarbeiter krank und ich sah den Antritt meiner
Reha-Maßnahme schon als gescheitert an. Letztendlich sah der behandelnde Arzt
es als sinnvoll an, eine teilweise Aufnahme der Arbeit wieder zuzulassen und als
Vorteil erwies sich auch die kaufmännische Ausbildung eines unserer Fahrer, der
dann kurzerhand vom LKW ins Büro versetzt wurde. Die Beschäftigungslage war
so, dass die übrigen Fahrer mit den üblichen Überstunden Ihr Pensum trotzdem
schaffen konnten.
Im
Bekanntenkreis setzten dann vor Antritt der Reha die üblichen Scherze ein. Fast
immer ging es um den sogenannten „Kurschatten“. Zuerst reagierte ich
gelassen, irgendwann wurden die Hinweise aber nervig und ich ärgerte mich da-rüber.
Der eigentliche Grund der Reha ‑ mein Rückenleiden ‑ war natürlich
für Scherze nicht geeignet. Es gibt Dinge die braucht man nur oft genug zu
wiederholen und man kann sicher sein, irgend etwas davon wird man doch nicht
wieder los. So befasste ich mich letztendlich doch mit den Gedanken dieser
sogenannten Kurschatten. Ich ging sogar so weit, während der Reha einen Brief
an unseren Familienkreis zu schreiben, um ihnen in humorvoller Form die Realität
eines Kurschattens und deren mögliche Auswirkungen auf ein Familienleben zu
schildern. Heute nennt man die Kontaktaufnahme dieser sogenannten
Kurschattenszene „anbaggern“. Ich fragte mich sogar, wie ich mich bei solch
einer sogenannten Anbaggersituation verhalten würde.
Diese Ereignisse vor der Reha waren natürlich nicht
hilfreich. Es gab allerdings auch Ereignisse die anders aussahen. In der Familie
wurden mir alle Belastungen abgenommen, damit ich beruhigt die Reise antreten
konnte. Kurz vorher hatten wir auch eine Gruppenstunde unter uns Schönstattmännern.
Mein Stellvertreter wünschte mir im Namen aller Anwesenden einen guten
Reha-Verlauf und Gottes Segen. Und zum Abschluss überredete er mich sogar das
MTA-Bild mitzunehmen. Ein MTA‑Gruppenbild, was uns Josef Baumeister
hinterlassen hatte.
Wie dankbar bin ich heute, dass ich dieses Bild dabei hatte.
Im
Reha-Zentrum angekommen verlief alles zu meiner besten Zufriedenheit. Die
Unterbringung war sehr gut und es begann die übliche Aufnahmeprozedur. Die
Behandlungen zeigten eindeutige Erfolge und besonders der aktive Teil zeigte
mir, wo ich zu Hause weiterzumachen habe. Ich habe mich bewusst dem Programm der
Reha untergeordnet. Der Zeitrahmen verlief täglich unterschiedlich. In der
Regel war der Beginn um 8.00 Uhr und dauerte bis 15.00 oder 17.00 Uhr.
Ebenso gab es noch einen anderen Zeitrahmen. Ich besorgte mir eine
Kirchenzeitung und suchte mir Mess‑ und Andachtsangebote heraus. Ebenso
mietete ich mir ein Fahrrad und erhoffte damit alles erledigen zu können. Der
Zeitplan der Reha-Maßnahmen standen natürlich auch oft im Konflikt mit dem
Zeitrahmen der kirchlichen Angebote. Es war natürlich klar, der Zeitrahmen der
Anwendungen hatte Vorrang. So habe ich auch oft die Gottesmutter gebeten, mir
ein Reha-programm zu schicken, dass beides berücksichtigt. So hatte ich zu
anfangs den Wunsch ein Andachtsangebot um
16.00 Uhr wahrzunehmen. Um 15.30 Uhr war ich aber noch in der Reha gebunden.
Meine Bitte an die Gottesmutter, wenn es geht richte es ein. Ich nahm meinen
ganzen Mut zusammen und fragte meinen Therapeuten, ob ich etwas früher kommen dürfe.
Ich hatte Glück, an diesem Tag kam ihm die zeitliche Vorvorlegung sehr
gut aus, zumal ich sein letzter Patient war. Ich kam so zu meiner Andacht und
der Therapeut hatte früher Feierabend.
Das was ich zu Hause selten schaffe, ist mir in der Reha immer öfters gelungen
– ordentliche Andachtszeiten vor dem MTA-Bild abzuhalten.
Neben dem
festgelegten Zeitrahmen der Reha hatte ich auch irgendwann einen festgelegten
Zeitrahmen für religiöse Zeiten. Mein Programmheft war die Kirchenzeitung. Ich
fuhr bei entsprechender örtlicher Nähe mit dem Fahrrad u. a. auch in die
Nachbargemeinden und erreichte oft bei herrlichem erfrischendem Wetter und einer
sehr anschaulichen Natur meine Ziele. So besuchte ich ökumenische Bibelabende,
adventliche Einstimmungen in unterschiedlichen Gemeinden, oft genug auch eine
heilige Messe und Andachten vor dem Allerheiligsten.
Die zunehmende positive Auswirkung der Reha, die natürliche Bewegung und
Erholung in der Natur und die zunehmende seelische Beheimatung meiner religiösen
Suche wurden immer mehr zur Einheit. Darüber mehr zu berichten ist nicht
notwendig, da ich davon überzeugt bin, dass es jedem von uns Schönstattmännern
klar ist, mit welchen Erlebnissen ich verwöhnt worden bin.
Die dabei entstandenen Kontakte mit den örtlichen Gemeindemitgliedern und auch
anderen Kurgästen, die in der gleichen Spur liefen wie ich, war ein weiteres
Erlebnis.
So kleine
Kurerlebnisse gibt es natürlich auch zu berichten.
In der ersten
Woche hatte ich mehrere Telefonate mit dem Betrieb geführt und diese Gespräche
haben mir dann immer die Gewissheit vermittelt, alles nimmt einen guten Verlauf.
Meine Tischgemeinschaft - in diesem Fall alles Männer und Arbeitnehmer -
hatten schon Kommentare parat ‑ wie Chef kannst Du noch ohne Deine Firma?
Mein letzter Anruf in der Firma hat mich sehr zum Lachen gebracht und trotzdem
eine Verhaltensänderung eingeleitet. Mein Rückruf hatte das Ziel einen
anstehenden Liefervertrag beratend zu begleiten. Die flachsige Antwort meines
Mitarbeiters: „Chef mach Dir nicht so viele Gedanken, erhol Dich, denk daran,
morgens Fango, abends Tango!“ Ich hatte meinen Spaß an dieser Antwort und
beschloss ab sofort nicht mehr anzurufen. Die letzte Woche dieses Vorhaben
durchzuhalten ist mir allerdings sehr schwer gefallen und ich habe unter dieser
selbst auferlegten Maßnahme sehr gelitten. Sorgende Gedanken, die kann man
nicht so einfach abstellen.
Zu Hause wieder
angekommen, waren die Gedanken natürlich völlig unberechtigt. Ich habe nur die
Probleme im Geschäft wieder vorgefunden, die ich selbst vorher schon
hinterlassen hatte.
Ebenso
wurde ich zu meiner Überraschung zu einem Gespräch mit dem Psychologen
geladen, obwohl ich es eingangs abgewählt hatte. Auf die Frage der Psychologin,
(es war eine Frau) warum ich den Wunsch für ein Gespräch hätte, habe ich sie
davon in Kenntnis gesetzt, dass ich diesen Wunsch gar nicht habe. Sie meinte,
dann wäre es eine Anordnung des Arztes. Bekanntlich sind Anordnungen eines
Reha-Arztes aus Sicht des Versicherungsträgers unbedingt zu folgen und so führte
ich dann doch ein Gespräch mit der Psychologin. Sie machte sich zuerst ein Bild
über meine Familie, über meine berufliche Belastung und über meine
gesundheitlichen Beschwerden. Die Gesprächsdauer war auf eine Stunde angesetzt.
Zunehmend versuchte sie sich in meine Situation zu versetzen und gab mir einige
Beispiele wie man mit Stress-Situationen besser umgehen kann. So besuchte ich
sogar einen Kurs von ihr mit dem Thema „Zeitmanagement“. Ich war davon
überzeugt, dass gerade in diesem Punkt bei mir einiges verbessert werden könnte.
Ganz zum Schluss stellte sie die Frage, wie ich denn bisher mit den Belastungen
und Anforderungen fertig geworden wäre.
Ich sah darin eine Notwendigkeit ihr zu erklären, in unserem Gespräch hätte
ich eine Möglichkeit vermisst. Ich sprach die Möglichkeit einer religiösen
Aufarbeitung an und dass meine persönliche Gottesbeziehung mich in meinen
Belastungen und Anforderungen bisher immer getragen hätten. Ich bekam darauf
kein abwertendes Echo, sie erzählte mir sogar eine Begebenheit aus ihrem
Urlaub, wie sie aus ihrer Sicht eine falsche Gottesbeziehung hautnah miterleben
musste.
Ich könnte
so weiter fortfahren mit diesen „kleinen Erlebnissen“ einer Kur.
Äußerlich keine großen Ereignisse, aber doch allesamt menschlich tragende Ereignisse mit positiven Entwicklungen.
Was gänzlich
allerdings aus dem Blickfeld geriet, war das Thema vom sogenannten Kurschatten.
Im Gegenteil, an den Wochenenden erlebte ich die Besuche der Familienangehörigen
und ich spürte die Freude über diesen Besuch. Unsere Männer am Tisch erzählten
innerhalb der Woche von Ihren Familien und Kindern und auch von Ihren Sorgen.
So war zum Glück
das Thema „Kurschatten“ anfangs zwar ein gutgemeinter Scherz ‑
allerdings ist dies doch auch ein schlechter Witz.
Zu Hause
angekommen und einige Tage im Betrieb wieder tätig, bekam ich in meinem Büro
Besuch von einer guten Bekannten, Ehefrau, Mutter von vier Kindern. Mit ihrem
Mann spiele ich oft Doppelkopf. Sie ist seit einigen Jahren selbst in einer Schönstattgruppe.
Auf ihre Frage nach dem Kurverlauf habe ich diesen sehr bereitwillig und ausführlich
geschildert, u. a. auch den anfangs nervigen Humor über den
sogenannten Kurschatten, aber ebenso auch die freudige Feststellung, dass
meine Männergruppe mir unser MTA‑Gruppenbild mitgegeben hat.
F.Künstler