Tag der Männer in Oberkirch
Der Diözesanpräses des Katholischen Männerwerkes der Erzdiözese Freiburg, Robert Henrich, referierte beim Jubiläumstreffen der Männerliga auf Marienfried. Mut "im Umbruch der Zeit - Werkzeug der Liebe Gottes zu sein" sprach Diözesanpräses Robert Henrich den 360 Männern aus der Diözese zu, die sich am 28. März zum "Tag der Männer" im Schönstattzentrum "Marienfried" Oberkirch versammelt hatten. Es war die 25. Jubiläumszusammenkunft seit Bestehen des alljährlichen Treffens am 5. Fastensonntag.
Bei der geistigen Durchdringung des Themas ging Diözesanpräses Henrich facettenreich in die Tiefe, verstand es aber zudem noch, seinen Vortrag mit Anekdoten zu würzen. Aus seiner Lebenserfahrung und den Einblicken, die Henrich von Auslandaufenthalten in fernöstlichen Ländern mit einbezog, konnte er den Männern eine Richtschnur für die christliche Lebensgestaltung an die Hand geben.
In den Mittelpunkt seiner Ausführungen rückte der Referent die Personalität des Propheten, der in der Zeit des Umbruchs den richtigen Weg zu weisen vermag. Deshalb, so folgert Henrich, sei es gefährlich, "prophetische Stimmen zu überhören". Propheten seien keine Massenmenschen, sondern große Beweger, die ihre "Ohren offen" hielten. Botschafter unserer Zeit seien Papst Johannes Paul II., die Ordensfrau Mutter Teresa, der Schönstatt‑Gründer Pater Kentenich, Roger Schütz. "Der Prophet widerspricht und stört die Harmonie" lautete Henrichs Aussage.
Um als "Werkzeug der Liebe Gottes" zu dienen, seien das Gebet um Hingabe, um Vertrauen und die Bereitschaft zum "Ja" der richtige Weg. Gerade das Gebet zum heiligen Geist, wie es beispielsweise der heilige Augustinus praktizierte, bringe tiefe Gotteserfahrung. Ein Zeichen höchster menschlicher Reife sei es, wenn man andere nicht verurteile und beschimpfe, sagte Henrich.
Im Hinblick auf die Kirche forderte der Referent die ständige Reformbereitschaft, da sonst die Gefahr der Verknöcherung drohe. "Konzilien brechen Verhärtungen auf. Die lebendige Kirche muss sich justieren lassen", forderte Henrich.
Grundsätzlich dürfe man Umbrüche nicht sofort negativ sehen, aber plötzliche Umbrüche bergen Gefahren, wie Beispiele in der Natur zeigen. Ein ungeheurer Umbruch zeigten die Beispiele des "Klonen" von Tieren und das Experimentieren mit menschlichen Embryonen.
Was interessiert die Menschen? hinterfragte der Referent. Es sei das Authentische der Person, die andere überzeugt, so Henrich. Die Botschaft Jesu komme höflich. Um dem Beispiel Jesu nachzueifern, sollte man den Menschen vornehm begegnen, gab Henrich mit auf den Weg.
Ein Lebenszeugnis für Familie, Beruf, Kirche gaben Heinz Beckers und Karl Anselment mit ihren Statements zum Tagesthema. Beide Männer erfuhren ihre religiöse Prägung durch das katholische Elternhaus. Wertvolle Erfahrungen machten die beiden Männer bei der Gebetswache auf dem Lindenberg und bei den monatlichen Treffen in der Schönstatt-Gruppe. Für sie ist der Glaube das Rückgrat ihres Lebens.
Höhepunkt des „Tages der Männer“ war das
Feiern der heiligen Messe mit Erzbischof Dr. Robert Zollitsch.
Oberbürgermeister Matthias Braun war zur Messfeier mit Erzbischof Robert
Zollitsch ins Schönstattzentrum nach Marienfried gekommen; ein Dankeschön des
Stadtoberhauptes an den hohen geistlichen Würdenträger der Erzdiözese
Freiburg, der bei der Erhebung zur Großen Kreisstadt seine Glück- und Segenswünsche
an den Oberbürgermeister übermittelt hatte.
Text und Foto: Roman Vallendor
Grußwort von Oberbürgermeister Matthias Braun zum
Verehrter Herr
Diözesanpräses Henrich,
Herren Pfarrer,
Herr Beckers,
Ehrwürdige Schwestern,
meine sehr verehrten Herren,
ich freue
mich, dass ich Sie hier auf Marienfried, unserem „Berg Schönstatt“ begrüßen
darf. Dass unter den Pilgern und Marienverehrern, die wieder aus dem ganzen Land
hierher geströmt sind, seine Exzellenz, Erzbischof Robert Zollitsch, höchstpersönlich
dabei sein wird, ist eine besondere Ehre für unsere Stadt.

Mit dem
anspruchsvollen Thema des heutigen Tages „Im Umbruch der Zeit -Werkzeug der
Liebe Gottes sein“ haben Sie sich viel vorgenommen.
Die Menschheit war schon immer in Bewegung. Es gab
immer Umbruch. Ohne Umbruch gäbe es keinen Fortschritt und ohne Fortschritt hätten
wir Stillstand und damit Rückschritt. Was wir aber in unseren Tagen an Umbruch,
an Veränderung in Staat, Gesellschaft und Familie erleben, überfordert viele.
Ich möchte hier nicht den Wertewandel beklagen.
Dazu wäre es notwendig, nach den Gründen zu fragen. Ist es die rasante
Globalisierung oder ist es vielleicht auch hier und da die aberwitzige
Vorstellung, die uns vorgespielt wird, alles ohne unseren Herrgott richten zu können?
Ich bin überzeugt, dass wir die Veränderungen nicht aufhalten können, aber
wir haben die Verantwortung, die Veränderungen und den Wandel in die richtigen
Bahnen zu lenken.
Der Landesbischof der evangelischen Kirchen Badens, Ulrich Fischer, hat dieser Tage geschrieben: „Die Tradition unseres Landes wurzelt in christlichen Bildungs- und Kulturwerten. Wer dies bestreiten wollte, würde die historisch gewachsenen Grundlagen unserer Gesellschaft und unserer Verfassung verleugnen.“ Dieser Tradition haben schon die Gesetzgeber unseres Grundgesetzes und unserer Landesverfassung Rechnung getragen, denn in der Präambel steht, dass wir „im Bewusstsein vor Gott und den Menschen“ handeln sollen. Die Landesverfassung geht sogar noch weiter. Dort ist in Artikel 12 ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben niedergeschrieben. So heißt es, die Jugend ist „in der Ehrfurcht vor Gott“' und „im Geiste der christlichen Nächstenliebe“ zu erziehen. Diese Grundwerte, meine Damen und Herren, gilt es. mit Entschlossenheit und mit klaren Bekenntnissen zu verteidigen. Pluralität ja, aber es muss erlaubt sein, sich klar und deutlich dazu zu bekennen, dass wir im christlichen Abendland leben und auch in Zukunft in Frieden und Freiheit leben wollen.
Ich bin überzeugt, dass gerade vom Marienheiligtum
Marienfried viele wichtige Impulse hinaus ins Land gehen, um mit den
Schwierigkeiten unserer Tage besser umgehen zu können. Hier an dieser Tagungs-
und Bildungsstätte haben viele Kraft für Seele und Körper geschöpft und
haben versucht, im Gebet und in der Stille den Kostbarkeiten des Lebens auf die
Spur zu kommen. Der Gründer der weltumspannenden Schönstattbewegung, Pater
Josef Kentenich, hat einmal gesagt „im Schweigen entspannt sich die Seele. Da
findet der Mensch zu sich selbst zurück.“ Pater Kentenich, davon bin ich überzeugt,
wird Sie bei Ihrer heutigen Begegnung begleiten. Im „Dekalog“ des
unvergessenen Papstes Johannes XXIII. habe ich eine hilfreiche Anregung für
unser Alltagsleben gelesen: „... und ich werde mich vor zwei Übeln hüten:
Vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit!“
Vor der Hetze kann man sich ‑ insbesondere im Beruf eines Politikers
‑ nicht immer retten. Aber nie galt es mehr als heute, sich vor der
Unentschlossenheit zu hüten. Ich kann nur aufrufen: Helfen Sie mit, jeder an
seiner Stelle voller Entschlossenheit, den Umbruch der Zeit zu meistern und
Werte zu bewahren. Und wenn Sie heute Abend wieder nach Hause fahren, dann grüßen
Sie Ihre Angehörigen und Ihre Freunde und berichten Sie von Oberkirch, der schönen
und gastlichen Stadt. Erzählen Sie, wie schön es hier auf Marienfried ist und
wie liebevoll Sie von den Schwestern verwöhnt wurden. Unserem „Berg Schönstatt“,
unserem Marienfried, wünsche ich für die Zukunft alles Gute. Möge Marienfried
auch künftig der Ort für neue Kraft für Körper und Geist sein. Möge ein
wenig vom Segen und der Gnade, die hier an diesem Ort walten, auch über unsere
Heimat und in die Welt ausströmen. Auf ein baldiges Wiedersehen in Oberkirch!

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
da steht eine Frau vor Jesus, so hörten wir es gerade im Evangelium. Sie hat ihr Leben verwirkt: sie wurde beim Ehebruch ertappt. Nach dem Gesetz des Mose steht darauf: Todesstrafe durch Steinigung. Die Frau weiß, was sie erwartet. Und da geschieht das Unerwartete. Der Rabbi Jesus bringt durch seine Antwort die Ankläger zum Schweigen. Sie verziehen sich – einer nach dem anderen. Und die Frau? Ihr wird das Leben neu geschenkt: „So verurteile auch ich dich nicht.“ Dieses Wort schenkt ihr das Leben zurück.
I.
1. Die Ankläger interessierte nur eines: das, was die Frau getan, was sie verbrochen hat. Und darauf steht die Todesstrafe. Sie wollen dem Gesetz zum Recht verhelfen. Und dabei können sie Jesus auch noch in Verlegenheit bringen. Verbrechen und Recht interessiert sie, nicht der Mensch. Jesus bringt sie durch seine Antwort außer Fassung. Sie machen sich auf und davon. Jetzt kann Jesus das tun, worauf es ihm ankommt. Er schaut auf den Menschen und wendet sich ihm zu. Die Frau erfährt: während sich alle anderen für ihr Vergehen interessieren, interessiert sich einer – Jesus – für sie, die Sünderin, die Ehebrecherin, den Menschen, die Person. Ja, da interessiert sich einer für sie ganz persönlich – und der schenkt ihr ihr Leben, das sie verwirkt hatte, zurück.
2. Es gibt derzeit eine Diskussion, eine Auseinandersetzung in der Schweiz und in Deutschland, die wir vor einem Jahr noch gar nicht kannten und auch nicht erwartet hätten. Es geht um die sogenannten Friedwälder. Waldbesitzer haben entdeckt: unsere Wälder bringen derzeit kaum noch Gewinn. Vielleicht lässt sich da mit Toten und Beerdigungen ein Geschäft machen? Sie wollen Bäume im Wald vermieten für 99 Jahre. Da können Angehörige die Asche ihrer Verstorbenen ausstreuen oder in einer umweltfreundlichen Urne, die sich im Boden selbst auflöst, an den Wurzeln des Baumes beisetzen. Das Entscheidende und Erschreckende dabei ist: der Tote verschwindet in der Anonymität. Die Asche des Verstorbenen und mit ihr auch er kommen in den Kreislauf der Natur zurück. Der Mensch verschwindet im Vergessen, im vermeintlichen Kreislauf des Ewigen, ist ein Teil im Werden und Vergehen der Natur – nicht mehr.
Ist das der Mensch? Lohnt es sich da überhaupt zu leben, um einmal als Asche ausgestreut zu werden, anonym? Ist das eine Perspektive, die Mut macht? Die Botschaft der Friedwälder ist erschreckend und perspektivlos. Die biblische Botschaft, unser christlicher Glaube sagt uns etwas ganz anderes: wir sind nicht irgendein Stäubchen im ewigen Sterben und Werden. Wir sind Person, etwas Einmaliges. Durch den größten Propheten des Alten Bundes, Jesaja, lässt Gott seinem Volk und damit uns sagen: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst mir.“ (Jes 43,1).
3. Diese Aussage, liebe Schwestern und Brüder, ist so unglaublich, dass wir noch ein wenig innehalten müssen, um die Tragweite dieser Wahrheit auch nur ein wenig in uns aufzunehmen. Da gibt es ungeheuer viele Menschen auf unserer Erde – mehr als sechs Milliarden. Eine Milliarde – das sind tausend Millionen, eine Zahl, unter der wir uns nichts mehr vorstellen können. Und unter dieser ungeheuren Zahl von Menschen, da kennt Gott mich, da kennt und ruft mich Gott bei meinem Namen. Gott weiß, wie ungeheuerlich und geradezu unglaublich dies für uns klingt. Darum lässt er uns noch deutlicher machen und lässt uns durch den gleichen Propheten Jesaja sagen: ,kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst, wenn sie ihn vergessen könnte – ich vergesse dich nicht. Denn siehe, in meine Hände habe ich dich eingeschrieben‘, eingraviert. So viel bin ich Gott wert, so viel liegt ihm an mir. Wir können uns das nicht oft genug sagen lassen, wir können nicht oft genug darüber nachdenken. Wir wissen, wem wir gehören; wir wissen, was wir Gott wert sind. Gott hat mich beim Namen gerufen. Gott kennt mich, Gott liebt mich. Wir sind nicht ein anonymes Stäubchen in dieser Welt, vergessen im Werden und Vergehen. Wir sind eine Person mit Namen, ein Du, das gewollt und geliebt ist.
II.
1. Am vergangenen Donnerstag haben wir das Fest Mariä Verkündigung gefeiert. Neun Monate vor Weihnachten gedachten wir jenes großen Ereignisses, da der Sohn des ewigen Gottes im Schoß der Jungfrau Maria sein irdisches Leben begann, um Fleisch, einer von uns zu werden. Gott sendet seinen Erzengel Gabriel zu Maria, um ihr zu sagen, was er mit ihr vorhat. Aus ihr soll der ewige Sohn des Vaters Mensch werden. Gottes Sohn will Mensch werden durch Maria, sie gebrauchen, um durch sie als Mensch auf unsere Erde zu kommen. Und Maria sagt Ja dazu. Sie lässt sich von Gott gebrauchen. So handelt Gott beim entscheidenden Akt beim Beginn der Menschwerdung seines Sohnes. So handelt Gott in der Heilsgeschichte: er nimmt Menschen in Dienst, er gebraucht sie; er handelt mit Menschen und durch Menschen. So handelt Gott bis heute, indem er Menschen in Dienst nimmt und durch sie in dieser Welt handelt.
2. Gott bindet sich an Menschen um seine Pläne auf den Weg zu bringen. Gott bezieht den Menschen mit ein, ja: der Mensch ist der Weg Gottes zum Menschen, wie Papst Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika „Redemptor Hominis“ im Jahr 1979 formuliert. So viel sind wir Gott wert, so viel gelten wir bei ihm, so dass wir noch einen Schritt weiter gehen dürfen – bis nahe an den „Rand der Häresie“ sozusagen – und feststellen dürfen: Gott braucht den Menschen. Das stellt nicht seine Souveränität in Frage, sondern es ist geradezu Ausdruck der großen Freiheit Gottes, dass er so handelt, dass er den Menschen braucht. Gott braucht den Menschen. Er braucht Maria und ihr Einverständnis für die Menschwerdung seines Sohnes. Gott braucht heute den ganz konkreten, einzelnen Menschen für seine Pläne, für seine Wege. Gott braucht die Talente des Menschen, die Möglichkeiten, die jedem gegeben sind. Wer als Christ den Alltag, den eigenen Beruf gestaltet, wer als Christ in öffentlicher, ja politischer Verantwortung agiert, wer als Christ seine Familie christlich aufbaut, darf dies tun im Bewusstsein, dass er von Gott dazu gebraucht wird.
3. Aber nicht nur Gott braucht den Menschen. Auch wir Menschen brauchen einander. Das ist mehr als eine banal klingende Selbstverständlichkeit, es ist eine anthropologische Wahrheit, die bei Gott ihren Ausgangspunkt hat und so zur zwischenmenschlichen Maxime wird. Menschen brauchen einander. Erfüllendes Leben gelingt nur, wenn wir uns gegenseitig mit unseren je eigenen Fähigkeiten beanspruchen und in Anspruch nehmen lassen. Im Brauchen und Gebrauchtwerden vollzieht sich unser Menschsein. Gerade in der negativen Erfahrung wird deutlich, wie wahr das ist: wenn Menschen erleben müssen, dass sie nicht gebraucht werden, kann dies verheerende Folgen haben: Niedergeschlagenheit, Selbstzweifel und massive Unsicherheit können sich einstellen. Viele Arbeitslose trifft es am meisten ins Mark, anscheinend nicht mehr gebraucht zu werden, ja, oft sogar schonungslos hören zu müssen: ,wir haben für Sie, wir haben für dich keine Verwendung mehr.‘ Auch scheinbar kleine Dinge tun hier oft weh, auch die scheinbar unbedeutende Nebenbemerkung, mit der einem anderen signalisiert wird: ,eigentlich bist du überflüssig, eigentlich geht es auch ohne dich.‘
In der Gemeinschaft des Glaubens, im Bündnis mit Gott erfahren wir: ich werde ernst genommen. Gott will mich, Gott ist interessiert an mir und an meinem Einsatz, Gott braucht mich.

III.
1. Gott braucht den Menschen. Dies ist Auszeichnung für uns und lässt uns erahnen, wie groß Gott von uns denkt, welche große Würde er uns zugedacht hat. Und Gott macht sehr ernst damit. Er geht so weit, dass er uns zu seinem Partner erwählt. Er hat sein Volk Israel nicht nur aus der Sklaverei Ägypten befreit und durch die Wüste geführt. Er erwählt und erhebt es zu seinem Bundespartner und schließt einen Bund mit ihm. Wenn wir uns dies vor Augen führen, macht es uns fast sprachlos. Der einzige, große, unendliche Gott kommt auf uns kleine, sterbliche Menschen zu, macht uns zu seinen Partnern, schließt seinen Bund mit uns, will gemeinsam mit uns und durch uns wirken.
Das ist es, was uns gerade hier auf Marienfried, in jedem Schönstattheiligtum, bewusst und geschenkt wird: im Liebesbündnis mit der Gottesmutter sagen wir ganz persönlich Ja zu jenem Bund, den Gott in der Taufe mit uns, mit einem jeden von uns, als er uns beim Namen rief, geschlossen hat. Gott hat mich zu seinem Bundespartner erwählt, ich bin Bundespartner Gottes. Im Liebesbündnis mit der Gottesmutter gehe ich Tag für Tag den Weg mit ihm.
2. Damit stehe ich auch für ihn, für meinen Bundespartner, in dieser Welt. Ich bin sein Zeuge und sein Werkzeug in dieser Welt. Gott ist in dieser Welt, unsichtbar. Er will durch uns Menschen, durch unser Leben, durch unser Wort, durch unser Tun in unserer Welt sichtbar und erfahrbar werden. Wir sind von Gott ganz persönlich bei unserem Namen gerufen. Wir sind berufen und ermächtigt, seine Zeugen, sein Werkzeug zu sein. Das ist Auszeichnung und Herausforderung. Er hat uns berufen, in dieser Welt für ihn zu stehen. Dürfen wir es wagen, diese Wahrheit und die Konsequenzen ganz konkret durchzuziehen und bis zum Ende durchzudenken? Dann heißt dies: wo ich stehe, da will Gott durch mich stehen. Wo ich handle, da will Gott durch mich handeln. Wo ich spreche, da will Gott durch meine Worte gehört werden. Die Liebe, mit der Gott uns liebt, die Liebe, die Gott uns schenkt, die Liebe, die von Gott ausgeht, will uns erfassen und als unsere Antwort zu ihm zurückkehren. Doch sie will dies nur tun über den Nächsten. Durch mich, durch mein Zeugnis, durch mein Tun soll der andere neben mir Gottes Liebe erfahren und von Gottes Liebe erfasst werden.
3. All das ist für viele, ja für die meisten unserer Zeitgenossen weit weg. Es klingt fremd für sie. Wir leben in einer Zeit, in der vieles zerbricht, was vor einer Generation noch nahezu selbstverständlich war. Ich brauche die einzelnen Punkte, Beobachtungen und Erfahrungen gar nicht aufzuzählen. Sie kennen sie. Es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuhalten und zu klagen. Das wäre vergeudete Zeit. Auch unsere Zeit ist Gottes Zeit. Gott hat uns in diese Situation des Umbruchs hinein gestellt, damit wir als seine Zeugen und Werkzeuge das Notwendige und uns Mögliche tun, damit aus dem Umbruch ein Aufbruch wird. Wenn wir im Glauben an Gott und im Vertrauen auf ihn die Augen aufmachen, können wir entdecken, wo wir gerufen sind und wo das Neue bereits wächst. Wie heißt es doch in der alttestamentlichen Lesung des heutigen Fünften Fastensonntags aus dem Propheten Jesaja?: „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jes 43,19). Das ist Verheißung auch für uns.
Dankbar für den Glauben, in dem uns das tragende Fundament unseres Lebens geschenkt wurde; verankert in der Hoffnung, die uns das Ziel unseres Lebens vor Augen stellt, dürfen wir Zeugen und Werkzeug der Liebe Gottes sein: indem wir von dem sprechen, was uns erfüllt und trägt; indem wir unseren Glauben und unsere Hoffnung mit anderen teilen und sie so etwas davon erfahren lassen, dass dieser große und unendliche Gott lebendig an uns interessiert ist; im Bund, den er mit uns geschlossen hat, den Weg unseres Lebens Tag für Tag mit geht und in seiner Liebe zu uns so weit geht, dass er in seinem Sohn Mensch wird, unsere Last und Schuld auf sich nimmt und abwäscht in seinem Blut am Kreuz. Das tut Gott für uns. So viel liegt ihm an uns. So weit geht allein die Liebe.
Was uns hier geschenkt ist, liebe Schwestern und Brüder, ist so gewaltig, dass es unsere ganze Leidenschaft herausfordert und zugleich gelassen macht. Es ist so faszinierend und gewaltig, dass es unsere ganze Leidenschaft und unser volles Engagement einfordert. Es ist zugleich so groß und mächtig, dass es uns gelassen machen darf. Es wird sich durchsetzen und Frucht tragen durch uns, trotz unserer Grenzen, wenn wir bereit sind, uns als Zeugen und Werkzeuge dafür zur Verfügung zu stellen. Dieses Ja ist gefordert. Amen.