Die Welt als Christ gestalten
Ein
Interview mit Herrn Pater Hug, der als priesterlicher Leiter in der Schönstattbewegung
für die Männer zuständig ist.
Manfred Robert (R.):
P. Hug.:
„eyne schoene stat“ heißt es in einer Urkunde des Jahres 1143 über
diesen Ort, der zu Vallendar, einem Ort in der Nähe von Koblenz, gehört. Dort
befindet sich die Zentrale der Schönstattbewegung, dort ist auch der Gründungsort
dieser Bewegung.
R.: Was hat es
mit dieser Schönstattbewegung auf sich? Was ist ihr Anliegen?
P. Hug:
In einer unübersichtlich
gewordenen Welt sucht der Mensch heute – bei allem technischen Fortschritt und
Wohlstand - neu nach dem Sinn des Lebens. Auch Männer sehnen sich nach tieferer
Lebenserfüllung, nach persönlichen Beziehungen, nach Liebe und sich geliebt
wissen, was letztlich Geschenk des uns und alles tragenden Gottes ist.
R.: Aber das wollen doch andere
geistliche Gemeinschaften auch.
P. Hug:
Richtig. Aber die Schönstattbewegung setzt den Hauptakzent auf Freiheit und
Selbstverantwortung. Sie ist insoweit also eine Bewegung, in der die Erziehung
des einzelnen Menschen zu Freiheit und Selbstverantwortung im Vordergrund steht.
Daraus soll der Mensch Kraft schöpfen für die Gestaltung seiner Arbeit und
auch seines Lebens, aber auch Kraft, die Last der Arbeit und des Lebens
freiwillig, also nicht murrend und widerwillig, anzunehmen und durch ein solches
Verhalten den Werktag zu heiligen.
R.: Und was heißt das: Den
Werktag heiligen?
P. Hug:
Werktagsheiligkeit oder auch Werktagsfrömmigkeit sind Begriffe, die gewiss
nicht ganz geläufig sind. Wir haben heute vielfach eine sehr scharfe Trennung
von Berufs- und auch Privatleben auf der einen Seite und einem mehr oder weniger
stark ausgeprägten religiösen Leben auf der anderen Seite. Das ist zurückzuführen
auf die geschichtliche Entwicklung in den vergangenen 500 Jahren. Ich möchte an
Naturwissenschaftler erinnern wie Kopernikus (1473 - 1543), Kepler (1571 - 1630)
oder später dann Newton (1643 - 1727), die durch ihre Naturbeobachtungen zu dem
Ergebnis gekommen sind, dass die von ihnen beobachteten Vorgänge ebenso
ablaufen wie bei einer Maschine. Und denken Sie auch an Descartes (1596 - 1650),
der, beeinflusst durch diese Entdeckungen, die scharfe Trennung von res cogitans
und res externa formuliert, also eine dualistische Auffassung vertreten hat. Das
eine ist die denkende Substanz, deren Wesenseigenschaft das Bewusstsein ist. Mit
res externa dagegen ist der Körper gemeint, dessen At-tribut die Ausdehnung
ist. Beide, Seele und Körper, stehen sich wesensverschieden gegenüber. Das
Funktionieren des menschlichen Körpers setzt er dabei dem Funktionieren einer
Maschine gleich.
Im Laufe dieser 500
Jahre haben sich dann mehr und mehr zwei unterschiedliche Paradigmen zur Deutung
der unendlich vielfältigen Wirklichkeiten der Welt herausgebildet. Dieser ganze
Prozess geschah teils unbewusst, teils aber auch bewusst. Vereinfacht könnte
man diese beiden Deutungsmodelle, die sich heute gegenüberstehen, als
Maschinenmodell und als Organismusmodell bezeichnen.
R.: Könnten Sie diese beiden
Begriffe, Herr P. Hug, erläutern?
P. Hug:
Eine Maschine kann man wie folgt definieren: Sie ist die Wirkeinheit von Teilen,
die auf ein und derselben Seinsebene angesiedelt sind. Eine Maschine kennt nur
materielle Bestandteile, aber keine Seele mit ganz anderen Fähigkeiten (etwa
Gefühle, Triebe, Denkvermögen).
Der Organismus
dagegen ist eine Wirkeinheit von seinsverschiedenen Komponenten, er verfügt über
materielle Bestandteile wie etwa Ausdehnung und Schwere, und über die Seele,
die eine ganz andere Seinsart darstellt und Leben und Wachstum hervorbringt. Im
Gegensatz zur Maschine wächst ein lebender Organismus, bis er stirbt. Das gilt
im Prinzip für alle Arten von Organismus, ob es sich nun um Pflanzen, Tiere
oder um Menschen und menschliche Gemeinschaft handelt. Dieses Organismusmodell
ist eine Grundidee unserer Gemeinschaft. Das bedeutet im übrigen keine
Technikfeindlichkeit. Wir leben im Zeitalter der Technik, Maschinen
funktionieren hervorragend, wir sind in unserem Arbeitsleben auf sie angewiesen.
Die Problematik ergibt sich allerdings dann, wenn das Modell Maschine zum
beherrschenden Deutungsmodell aller Wirklichkeit gemacht wird. Dann nämlich
betrachtet man auch den Menschen als seelenlose Maschine, damit auch die
Familie, den Staat und die Gesellschaft. Es setzt sich dann eine
mechanisch-mechanistische Deutung und Gestaltung aller Lebensbereiche durch. Und
welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Zieht man das Maschinenmodell zur
Deutung und Gestaltung des Lebens heran, hat man es immer nur mit einem
Ausschnitt aus der Wirklichkeit zu tun und alles andere fällt weg. Es fällt
dann sehr leicht auch die Beziehung zur Welt Gottes weg, da man sich im
Wesentlichen auf den Umgang mit dem Materiellen, der sichtbaren Welt allein oder
auf bestimmte Ideen (wie bei manchen Philosophen) allein konzentriert und beschränkt.
Dann bringt man es im Alltag nicht mehr fertig, Sichtbares und Unsichtbares,
Diesseitiges und Jenseitiges, Geschöpfliches und Göttliches, Menschliches und
Übermenschliches organisch miteinander zu verbinden, sondern man trennt die
sehr unterschiedlichen Seinsbereiche ganz mechanisch voneinander, obwohl sie
zusammengehören. Der Deismus ist dann, wenn man überhaupt noch an Gott glaubt,
das herrschende Gottesbild.
R.: Damit haben Sie die
Entwicklung skizziert, die zur heutigen Situation geführt hat. Die Schönstattbewegung
will diese Trennung also überwinden?
P. Hug:
In Jesus ist Gott Mensch geworden. Gott kümmert sich also ganz intensiv um den
Menschen und zwar um jeden Einzelnen und auch um die Welt insgesamt. Deshalb
kann es auch keine Trennung von religiösem Leben und Berufs- und Privatleben
geben. Beides gehört zusammen, bildet eine Einheit. Gott wirkt durch uns, hat
uns beauftragt, an seiner Schöpfung mitzuarbeiten, sie mitzugestalten, sie
letztlich zu vollenden. Wir, d. h. jeder Einzelne von uns, hat diesen Auftrag
von Gott erhalten. Diesen Auftrag kann man ganz oder teilweise annehmen, man
kann ihn aber auch völlig ablehnen. Diese Freiheit der Ablehnung oder der
Annahme hat Gott jedem einzelnen Menschen gegeben. Deshalb sind wir, wenn wir
den Auftrag Gottes annehmen, Partner Gottes bei dem Weiterbau seiner Schöpfung.
Gott wirkt dann durch all unsere Handlungen, auch durch die einfachsten und alltäglichsten,
im Berufsleben ebenso wie im privaten Bereich. Bedenken Sie übrigens, was das
heißt: Gott, der absolut Vollkommene, will sich für den Aus- und Weiterbau
seiner Schöpfung der Talente des einzelnen Menschen bedienen. Wer also als
Christ den Alltag, den eigenen Beruf gestaltet, seine Familie christlich aufbaut
oder in öffentlicher Verantwortung tätig ist, darf dieses in dem Bewusstsein
tun, dass er von Gott dazu gebraucht wird.
R.: Das ist ein interessanter Aspekt. Aber wenn ich
mir überlege, welche Tätigkeiten es z. B. im Beruf zu verrichten gilt, in wie
viel Abhängigkeiten man steht, wie viel
zum Teil Unsinniges deshalb häufig verrichtet werden muss, dann muss ich jedoch
Bedenken anmelden.
P. Hug:
Es ist entscheidend, dass wir die Aufgaben, die wir zu verrichten haben, so gut
wie möglich erfüllen, dass wir also voller Verantwortung unsere Arbeit
erledigen. Verantwortung für Dinge, die nicht in unserem Verantwortungsbereich
liegen, können und müssen wir nicht übernehmen. Hier spielt natürlich die
Frage des Gehorsams eine Rolle. Dieser Begriff ist, wie man so schön sagt, ein
weites Feld. Ich möchte deshalb nur ganz kurz darauf eingehen.
Zunächst: Keine Gemeinschaft ist ohne Gehorsam lebensfähig. Durch Übernahme
einer Arbeit begebe ich mich in den Dienst eines Arbeitgebers, einer
Institution, übernehme dadurch in gewisser Hinsicht auch deren
Zielvorstellungen. Das bedeutet aber nicht, dass ich damit zugleich das große
Geschenk, das Gott jedem einzelnen Menschen gegeben hat, nämlich die Freiheit,
völlig aufgebe. Diese Freiheit darf ich nicht nur, sondern muss ich sogar
nutzen, indem ich darauf hinweise, wenn durch irgendwelche Anordnungen Schaden
entstehen kann. Gemeinsames Ziel aller, der Vorgesetzten ebenso wie der
Mitarbeiter, muss die Bewältigung der anstehenden Aufgabe sein. Jeder übernimmt
dafür in seinem jeweiligen Fachbereich Mitverantwortung. Dass das heute
vielfach auch bei den Vorgesetzten noch nicht so gesehen wird, stimmt
allerdings. Manchmal kann man dann nur versuchen, sich vor, wie es so schön heißt,
„vorauseilendem Gehorsam“ zu hüten, also davor, noch schneller und noch
akribischer Dinge umzusetzen als vorgesehen.
R.: Ich muss also nicht immer
alles akzeptieren?
P. Hug:
Denken wir einmal an die Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern und
Schriftgelehrten, mit seinem Verhalten bei den Verhören vor dem Hohen Rat oder
vor Pilatus: Jesus hat sich durchaus gewehrt, hat sich letztlich aber dem
ungerechten Urteil gebeugt. Er ist, menschlich gesehen, mit seinem Leben
gescheitert. Das kann auch jedem Einzelnen passieren, wenn wir etwa im Berufs-
oder Privatleben nicht das erreichen, was wir uns erhofft hatten, vielleicht
auch deshalb nicht, weil die sachliche Kritik, die wahrgenommene
Mitverantwortung, also unerwünscht war. Aber letztlich geht es doch um die
Grundfrage, was eigentlich der wesentliche Bezugspunkt in unserem Leben ist.
Wenn wir nur unser eigenes Leben betrachten, nur den eigenen persönlichen
Erfolg sehen, sind wir gescheitert, wenn nicht alles nach unseren Wünschen
gelaufen ist. Wenn unser Bezugspunkt dagegen Gott ist, wenn wir wieder dieses
absolute Vertrauen zur Führung Gottes auch und gerade in unserem eigenen täglichen
Leben finden, dann erhält doch alles einen ganz anderen Sinn, dann können wir
doch darauf vertrauen, dass Gott hinter allem steht und uns auffängt.
R.: Heißt das „Augen zu und
durch“?
P. Hug:
Nein, es heißt zum einen, dass ich meine Verantwortung im Leben wahrnehme,
meine Aufgaben freiwillig übernehme, auch wenn sie manchmal unangenehm sind,
und versuche, sie bestmöglich zu verrichten, wie ich schon gesagt habe, und zum
andern, dass ich die Dinge, die auf mich zukommen, annehme als von Gott für
mich vorgesehen. Es ist ganz einfach das Fiat, das die Gottesmutter dem Engel
gesagt hat, als dieser ihr die Botschaft überbrachte. Sie hat diese für sie
unbegreifliche Botschaft angenommen und alles andere Gott überlassen.
Deshalb spielt Maria in Schönstatt auch eine große Rolle als die Frau, die
ganz dem Willen Gottes gelebt und auch ganz die Härte des Lebens ertragen hat.
Zu einem solchen Verhalten will auch die Schönstattbewegung erziehen.
R.: Sie haben gerade noch
einmal die Schönstattbewegung erwähnt. Seit wann
existiert diese Bewegung eigentlich?
P. Hug:
Das Gründungsdatum ist der 18. Oktober 1914. Damals hatte Pater Kentenich,
unser Gründer, mit einigen Priesteramtskandidaten innerhalb der Gemeinschaft
der Pallottiner eine kleine Gruppe gegründet, die in besonderer Weise mit Hilfe
der Gottesmutter ihr Leben ausrichten wollte. Sie schlossen ein besonderes Bündnis
mit ihr, das wir als Liebesbündnis bezeichnen.
R.: Das ist also 90 Jahre her.
Wie sieht es heute aus?
P. Hug:
Wir sind über die ganze Welt
verbreitet. Überall findet man Schönstatt-Heilig-tümer, das sind kleine
Kapellen, die originalgetreu der Kapelle in Schönstatt nachgebildet sind, in
der 1914 die Gründung der Gemeinschaft erfolgte.
R.: Herr Pater Hug, ich bedanke
mich sehr herzlich für das Gespräch.
Kann man sich mit weiteren Fragen an Sie wenden und wie kann man Sie erreichen?
P. Hug:
Meine Postanschrift lautet:
Pater Heinrich Hug, Provinzhaus Berg Sion 6, 56179 Vallendar.
Telefonisch bin ich unter der Nummer 0261/9622891 erreichbar.