Der Umbruch der Zeit braucht Männer des Gebetes

und des Vertrauens, bei innerer Gelassenheit,
dargestellt am Leben Mario Hiriarts

 

3. Teil des Vortrags von Hermann M. Arendes auf der Mitgliedertagung 2004

Im zweiten Teil haben wir auf João Pozzobon geschaut, als einen „Mann des Gebetes“. Dem Thema entsprechend wollen wir im dritten Teil auf Mario Hiriart (1931 – 1964) schauen.
Am 8. September 2004 konnten die Akten des Diözesanprozesses in Rom bei der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen abgegeben werden. Nach Abschluss des Prozesses für die Seligsprechung Mario Hiriarts in der Diözese Santiago in Chile beginnt nun die zweite Etappe in Rom.

Mario Hiriart hat das Leitmotiv „beten, arbeiten, leiden“ in seinem Leben vorbildlich verwirklicht.
Den Vorgaben folgend wenden wir uns dem ersten Punkt „beten“ zu.
Wegen der begrenzten Zeit müssen wir uns beschränken auf einige wenige Punkte, die für das Gebetsleben Marios typisch und wichtig waren.

a.)  Mario beschreibt, wie er durch das betrachtende Gebet in der Natur, ob im Elki-Tal oder in Santa Maria, Gott näher kam. Das Staunen über die Größe, Weisheit und Macht Gottes, wie sie sich in der Schöpfung offenbart, wurde für ihn ein Gotteserlebnis.

      „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre ...
ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere,
vernimm o Mensch sein göttlich Wort...“

      Oder, die „Schöpfung“ von Haydn
war die Welt, die ihn ergriff, die ihn hinführte zum Schöpfer und Vater des Himmels und der Erde.

b.)  Täglich betete er den Kreuzweg.
Von Geburt an war seine körperliche Gesundheit geschwächt. Man darf wohl sagen, sein Leben war eine Teilnahme am Kreuzweg Christi.
Dazu kam ein Christuserlebnis am Karfreitag, im Jahr 1952, im Heiligtum in Bellavista. Er nahm an den Exerzitien seiner Studentengruppe teil. Am Karfreitag betrachtete er im Kapellchen das Leiden und Sterben des Erlösers und Heilands.
Was er verstandlich eigentlich schon wusste, aber in dieser Stunde ergreift es ihn. Seine Anwendung: Wenn Jesus mich so unaussprechlich liebt, dann muss auch ich ihn lieben und auch für ihn etwas tun.
Cedric Moller, ein Gruppenfreund von Mario bezeugte: Wer Mario vorher gekannt und nachher erlebte, kann nur von einem Wandlungswunder sprechen.
Dazu dann 12 Jahre später seine letzte Eintragung im Tagebuch:
»Aber das Grundsätzliche ist etwas anderes, mein Mütterlein: Meine innere Haltung dies allem gegenüber: Wie wir gestern gesprochen haben, es könnte Krebs sein... In dieser Einsicht ist sehr sinnreich, was im letzten Bildchen von Ulmer erscheint, dessen Foto mir Jesus Pagan geschenkt hat und weist mir den Weg hin "mein Vater faltet die Hände und geht den Kreuzweg für mich. Wie soll ich da noch zagen - ich gehe den Kreuzweg mit -. Ich falte mit ihm die Hände...". Im Bildchen beim Licht, das vom Vaterauge ausstrahlt auf einem im dunklem Farbton gemalten Kreuz, erscheinen zwei scharf gezeichnete Hände, im Gebet gefaltet und mit einer Kette verbunden: "Ich gehe den Kreuzweg mit", so will ich meine morgige Operation ausdeuten! Die fünfte in meinem Leben. Und sollte der Wille Gottes sein, dass es sich um Krebs handelt - was erst nach der Operation festgestellt sein wird, durch die Untersuchung des Tumors, dann: "Will er mein Leben sich als Pfand erwählen: Ich darf’s ihm freudig zur Verfügung stellen. Dafür lass ewig beim Dreifaltigen sein, die Dir sich und dem Schönstatt-Werke weihn..."«

      Dazu aus dem Bericht von Schwester Winfriede:

      Am Tage der Operation bereits bat mich mein Bruder Mario, ich solle aus dem Himmelwärts etwas vorbeten. "Und was hätten Sie gerne?"
Antwort: "Ich bitte Dich um alles Kreuz und Leid, das Du, o Vater, hältst für mich bereit!" Und danach: "Lass mich für alles, alles herzlich danken!"
Es war ja heute Bündnistag! Bruder Mario hatte sich eine rote Rose aus dem Kapellchen gewünscht, die ich auch mitbrachte. – Er fragte nun gleich, was der Arzt mir gesagt hätte, ob es Krebs sei. Ich bejahte, er nahm es sehr gefasst und ruhig entgegen und sagte mit einem frohen Lächeln: "Interessant, interessant, interessant!"
Nicht wissend, was er meinte, fragte ich vorsichtig, ob ich mal fragen dürfte, was so interessant sei.
Antwort: "...Ich habe als Kind schon eine tiefe Liebe zum Heiland gehabt und als Junge mir schon gewünscht, ich dürfte im Heilandsalter sterben."
"Darf ich einmal fragen, wie alt Sie sind?"
"Ja, ich werde im Juli gerade 33 Jahre alt."
Seine großen braunen Augen strahlten und er hatte ein frohes Lächeln. – Und nochmals fügte er bei: "Interessant!" -
Wir waren beide eine Weile ganz still – und was in unserer Seele vorging, lässt sich nicht gut in Worten sagen.
"... Ich bin Ingenieur, habe mein Leben lang geplant, immer geplant ... Jetzt werden die Rollen vertauscht. Ich weiß, von jetzt ab muss ich den Vater planen lassen, ich habe nur den Vaterwillen zu erfüllen" und zu erleiden - fügte ich bei, - wie es in der Predigt geheißen hätte.
"Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut."
Diesen Satz hat er übrigens bis zu seinem schlichten, heiligmäßigen Sterben oft wiederholt, sogar in der allerletzten Nacht noch mehrmals gesagt!
Wie jeden Tag - so bat er auch am 18. Juni – ich möchte ihm aus dem Himmelwärts vorbeten. Und was? "O heilig Kreuz, ich falle vor Dir nieder". Und dann: "Ich bitte Dich um alles Kreuz und Leid..."
Er hat das so kraftvoll und laut und überzeugt mitgebetet, dass es mir richtig durch und durch ging!

      Mario hat nicht nur täglich den Kreuzweg gebetet, er ging den Kreuzweg mit.

c.)  Mario sagt: "Das Heiligtum war für mich entscheidend, die Wiege der Heiligkeit. In der Wiege lernt man nicht nur sprechen, sondern auch lieben."

      Nach seiner Rückkehr von Santa Maria nach Chile 1960 und der Aufnahme der Arbeit in der Universität sowie der Übernahme der Verantwortung für die Jungmänner war er beruflich und apostolisch voll und ganz ausgelastet. Da er gewöhnlich samstags/sonntags für die Jugend tätig war, hat er sich den Montagnachmittag freigehalten. So konnte er von der Uni direkt nach Bellavista fahren und dort bis zum anderen Morgen bleiben. Die Schwestern stellten ihm ein Zimmer zur Verfügung.

      Mit der Zeit gesellte sich sein Priesterfreund Raul Hasbun dazu. Dieser zelebrierte eine heilige Messe und Mario ministrierte, sie wurde bald sprichwörtlich "Messe Marios". Mario war immer pünktlich. Schwestern erzählen, als Mario einmal verhindert war, rechtzeitig zu kommen, hat Raul zuerst gepredigt und sich entschuldigt, er würde diese Änderung vornehmen, weil Mario etwas später kommen würde. Mario hat dann diese Stunden benutzt zum stillen Gebet, zur Betrachtung, geistlichen Erneuerung und hat dann auch vieles niedergeschrieben.

      Zwei Aussagen der Schwestern mögen den Eindruck von diesen Stunden wiedergeben: "Was konnte der beten" und "Was hat der geschrieben". ‑ Was diese Worte aussagen, können sie geschrieben nicht ausdrücken, da müsste Ihnen die Betonung in den Ohren klingen, wie es gesagt wurde. (Der Ton macht die Musik.) Besonders ausgenutzt hat er die Essenszeit der Schwestern, da er dann ganz allein mit der Mutter und dem Heiland im trauten Zwiegespräch war. Er selber sagt darüber: "Was ich brauche, sind die Stunden im Heiligtum". - "Für mich sind diese Stunden allein im Heiligtum absolut notwenig."

      "Ohne diese Stunden im Heiligtum hätte ich nicht treu bleiben können. Durch das Schreiben schweifte meine Phantasie nicht ab."

d.)  Nun noch ein Blick auf die besondere Sendung Marios.
Wie kommt er auf diesen Weg?
Es waren seine Beobachtungen und Erlebnisse.
Zum Beispiel:

       •    An der Uni als Student.
Mario: "Die Existenz des Atoms und all die Prinzipien der modernen Physik erfordern einen Schöpfergott!" Aber Professoren waren nicht bereit auch nur darüber zu diskutieren, weil: Gott gibt es nicht.

       •    Als Praktikant in einem Stahlwerk.
Der Chef sagt: Ich müsse für das Unternehmen wie stummes Stück sein, dessen Wille und Handlungen sich immer den Interessen und Nutzen anpassen müssten, auch wenn das ein unmoralisches Vorgehen erfordere. Mein Gewissen könne ich draußen lassen.

       •    Während seiner Tätigkeit im staatlichen Planungsbüro erlebte er, wie die Staatsmänner die Projekte bevorzugten, die dem eigenen Glanz und der Partei dienten. Für langfristige, dem Wohl des Volkes dienende Projekte hat man wenig Interesse.

            Oder die Frage: Was könnte der Wille Gottes sein, gilt als völlig absurd.
Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Arbeitswelt, etc., von Ausnahmen abgesehen, eine Welt ohne Gott.

      Mario schreibt in einem Brief an Pater Kentenich:

      »Lieber Vater und Gründer!

      ... Der Weg meiner Berufung, so wie ich ihn heute sehe, beruht auf meiner persönlichen Überzeugung, dass das Christentum unserer Zeit in gebieterischer Form einen außerordentlichen Grad laikaler Heiligkeit fordert. Diese laikale Heiligkeit muss sich in einer entschiedenen Berufung zu einem Beruf und einer Sendung in der laikalen Welt auswirken, veredelt durch eine völlig christliche und theozentrische Auffassung des laikalen Lebens, und sie muss mit einem Heroismus verwirklicht werden, der gleich oder noch größer ist als der des größten Martyrers der Kirche. Diese Schau fing an sich bei mir zu bilden, zuerst in den Jahren im Kolleg, als ich die Probleme der Erziehung der Seelen beobachtete, die mein größtes Anliegen war und auch weiter bleibt. Viel später gewährte die Mutter mir die Gnade, durch meine Ingenieurstudien und durch eine fast drei Jahre lange Berufspraxis viele andere Dimensionen und Probleme des laikalen Lebens kennenzulernen, die mir halfen, meine Anliegen genauer zu bestimmen und für sie mit Sehnsucht eine objektive Lösung zu suchen...

      Insbesondere bei mir zog diese Sicht der laikalen Heiligkeit mehr meine Aufmerksamkeit auf sich wegen eines Umstandes, den ich jeden Tag als bedeutender anerkenne: die Entfernung der metaphysischen Fundamente der menschlichen laikalen Kultur aus ihrer Mitte, die schon immer seit dem Ausgang des Mittelalters sich vollzogen hat, bis sie in unserer Zeit in einer anthropozentrischen und übersteigerten laizistischen Zivilisation ausmündete, die in der Praxis das Erlebnis dieser ganzheitlichen Heiligkeit des laikalen Lebens nahezu unmöglich macht, eine Heiligkeit, die wir zur vollen Verwirklichung des göttlichen Schöpfungsplanes für unerlässlich halten...

      Das alles, Vater, das habe ich nicht als Ausnahme gesehen, sondern als alltägliche und konkrete Wirklichkeit: das sind die Haltungen und Tatsachen, an denen unter vielen anderen ein Laie in seinem Kampf um eine wahre Heiligkeit zerschellt, das sind die Probleme, denen ich notwendiger Weise jeden Tag gegenübergestellt war.
Es ist diese sehr tiefe persönliche Erfahrung, Vater, die mich mehr als alle Predigten und alle Exerzitien zu der unumstößlichen Überzeugung geführt hat, dass unsere Zeiten eine ganzheitliche Lösung all dieser Probleme erfordern. Die Kirche hat immer die Wahrheit besessen, und ihre Lehre löst im Prinzip die ganze aus der Mitte gerückte Auffassung des laikalen Lebens.
Aber trotz all dem hat sie es nicht vermeiden können, dass die laikale Welt sich immer mehr von dieser objektiven Wahrheit trennt.

      Meiner Meinung nach, Vater, hat sie es nicht vermeiden können; weil sie nicht mit den Menschen gerechnet hat, die diese Lehre verkörpern müssen, die in ihrem eigenen Leben solche Probleme lösen. In einem Wort: sie hatte keine Heiligen des laikalen Lebens.

      Es ist notwendig, Zeugnis von diesem Radikalismus abzulegen, damit eines Tages das ganze Leben jedes Laien übernatürlich durchdrungen ist, bis in seine kleinsten Einzelheiten. Der verheiratete Laie benötigt auch diese übernatürliche Durchdringung, die objektiv ein Standesideal für ihn ist, aber heute ist es für ihn fast unmöglich, denn er wirkt gegen eine feindliche Umwelt, die in Jahrhunderten der Verformung der laikalen Kultur entstanden ist. Diese Umwelt muss durch Menschen wieder neu geschaffen werden, deren einzige Sendung einzig darin besteht, alle diese Elemente zurückzuerobern, um sie in einer theozentrischen Kultur einzufügen, in der Weise, dass in den kommenden Jahrhunderten der gewöhnliche Laie eine Umwelt antrifft, die völlig zur Entwicklung eines wahrhaft christlichen Lebens geeignet ist.«

Einige Zitate können uns helfen, Mario besser zu verstehen.

1. Brockmöller (Christ von morgen):

„Das bedeutet aber in unserer Überlegung, dass der Christ von morgen das Versagen der Christen von gestern aufholen und sowohl im Glaubensleben wie auch im sittlichen Lebensbereich den weiten Bereich des Berufslebens in der industriellen Gesellschaft mit neuen Vorstellungsformen und neuen praktischen Lebensordnungen durchdringen muss.
Denn entweder ist der Mensch auch in seiner Arbeit religiös, oder er ist es auf die Dauer überhaupt nicht mehr.“

2. Gandhi:
„Wenn man die Hand in die Wasserschüssel taucht, wenn man das Feuer mit dem Blasebalg anfacht, wenn man in seinem Büro unendliche Zahlenreihen addiert ... oder an der Feueresse steht und bei alledem nicht dasselbe religiöse Leben führt, als wenn man zum Gebet im Kloster weilte, kann die Welt niemals gerettet werden.

3. Pater Kentenich:
„Wenn es uns nicht glückt, der Arbeit wieder den wahren Sinn zu geben ... werden alle anderen Reformarbeiten schwerlich ihr Ziel erreichen.
Wir können die Wirtschaft nicht wieder zurückschrauben in das Mittelalter. (Komeni) Wir müssen die heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse nehmen wie sie sind und wenigstens im Kleinen versuchen, helles erquickendes Wasser des Lebens, der Liebe und der Freude aus dem harten Felsen unbefriedigender Arbeit herauszuschlagen.“

Zu seiner Mystikerin sagt Jesus: Nicht die Handlung in sich bestimmt ihren Wert, sondern die Absicht, in der sie verrichtet wird. Als ich in der Werkstatt zu Nazareth arbeitete, erwies ich meinem himmlischen Vater ebensoviel Ehre wie in meiner öffentlichen Lehrtätigkeit. Ich wünsche so sehr, dass die Menschen das verstehen.

Viele, die in den Augen der Welt eine angesehene Stellung innehaben, erweisen meinem Herzen große Ehre. Ich habe aber auch viele Seelen, die in der Verborgenheit ihres schlichten Tagewerkes nützliche Arbeiter in meinem Weinberge sind.
"Jene, die in ständiger Vereinigung mit mir leben, verherrlichen mich und wirken in hohem Maße zum Nutzen der Seelen. Verrichten sie eine Arbeit, die in sich nur wenig Wert hat, diese aber vereinigen mit der Arbeit, die ich selbst während meines irdischen Lebens verrichtete, wie viel."
Frucht wird sie für das Heil der Seelen bringen, mehr vielleicht als hätten sie der ganzen Welt gepredigt! Gleichviel, ob sie studieren, reden oder schreiben, ob sie putzen, nähen, sich erholen; solange die Tätigkeit nicht durch Laune bestimmt, sondern durch Gehorsam und Pflicht geregelt ist und in inniger Vereinigung mit mir verrichtet wird, ist sie fruchtbar für die Seelen..."  (Buch: "Die Liebe ruft", Schw. Josefa Menédes 1890-1923.)

Fortsetzung folgt!