Woher kommt die viele „Freude“?

 

Immer wieder stellt sich der Mensch die Frage: Warum gibt es soviel Leid auf dieser Welt? Woher kommt all das Leid? Warum lässt Gott es zu? Diese Fragen sind verständlich, beeinträchtigt doch das Leid unser Leben in ganz hohem Maße, schränkt unsere Entfaltungsmöglichkeiten ein, führt häufig in schwierigste und schmerzlichste Situationen. Es gibt Leid, das wir uns selbst durch eigenes Verhalten antun; Leid, das uns von anderen zugefügt wird; Leid, das uns einfach überfällt wie etwa eine schwere Krankheit. Es sind schwere Situationen für einen Menschen, für eine Familie; Existenzen und Familien können daran zugrunde gehen. Die Frage nach dem Leid ist also durchaus berechtigt.

Dennoch sei die Frage gestellt: Woher kommen die vielen „Freuden“, die wir im Laufe unseres Lebens ebenfalls erleben dürfen?
Die ersten Menschen lebten in völliger Einheit und Verbundenheit mit Gott. Leid und Schmerz waren ihnen fremd. Sie lebten in einem für uns unvorstellbaren Zustand des Glücks. Sie waren ganz eingebettet in die fürsorgliche Liebe Gottes. Doch dann geschah durch eben diese Menschen der Bruch dieses durch vollkommene Harmonie geprägten Verhältnisses. Sie missachteten das Gebot Gottes, kündigten damit Gott gleichsam die Freundschaft auf.

Wie reagieren wir Menschen, wenn ein anderer, dem wir vorbehaltlos unser ganzes Vertrauen geschenkt haben, dieses Vertrauen völlig missbraucht? Wir sind zutiefst verletzt und lehnen, wenn der Vertrauensbruch besonders schwer gewesen ist, künftig jeden weiteren Kontakt zu ihm ab. Der andere Mensch kann einem für alle Zeiten „gestohlen bleiben“. Das ist die ganz normale und menschlich verständliche Reaktion. Was in Zukunft auch immer mit dem anderen geschehen mag, er geht uns nichts mehr an, er ist uns wie ein völlig Fremder. Auch Gott hätte so reagieren können, aber er hat sich völlig anders verhalten. Er hat die ersten Menschen zwar - entsprechend dem ihrem Verhalten zugrundeliegenden Wunsch - aus der ganz engen und vertrauensvollen Beziehung, die zu ihm bestanden hat, entlassen, aber er hat sie dennoch nicht völlig verstoßen. Völlig verstoßen wäre der Mensch erst, wenn er nur Leid zu ertragen hätte und keinerlei Hoffnung auf Hilfe und Rettung bestehen würde, wenn also die Erde nur und immer wieder nur Dornen und Disteln, nicht aber auch Blumen und reiche Früchte tragen würde.

Doch Gott lässt sich eben nicht mit menschlichen Maßstäben messen. Er ist ein Gott der Beziehung und des Dialogs. Trotz des Vertrauensbruchs sagt er „Ja“ zum Menschen, schränkt seine Liebe zu ihm nicht ein, sondern tritt erneut mit ihm in Kontakt. Ihm liegt das Glück und das Wohlbefinden der Menschen auch weiterhin am Herzen. Das sehen wir insbesondere an den Wundern Jesu, besonders deutlich an seinem ersten Wunder auf der Hochzeit zu Kana. Dort hilft er dem Brautpaar aus der Verlegenheit; nicht genug Wein eingekauft zu haben. Die einfachen menschlichen Sorgen des täglichen Lebens macht er sich zu eigen, sie sind gleichsam auch seine Sorgen. Bei den übrigen Wundern steht das Heilen von Kranken im Vordergrund. Gott hat also den Menschen nicht abgeschrieben, sondern bringt ihm im Gegenteil weiterhin seine Liebe, seine Menschenfreundlichkeit entgegen.

Das Glück und die Freude kommen also von Gott. Mit dem Glück und der Freude will er uns helfen, die Schwierigkeiten und die Probleme, für die wir selbst verantwortlich sind, in unserem Leben zu mildern. Damit bestätigt er zugleich den Auftrag, den er uns gegeben hat, nämlich an seiner Schöpfung weiterzubauen. Dieses Mitbauen verlangt er von uns aber nicht als Sklaven die willenlos den Befehlen gehorchen müssen. Pater Kentenich verwendet dafür den Begriff der Galeerensklaven, die rudern müssen, die geprügelt werden und die, wenn sie am Ende ihrer körperlichen Kräfte und damit nutzlos geworden sind, einfach über Bord geworfen werden. Gott will, dass wir aus eigenem Entschluss, als freie Menschen, als „freie Ruderer“, wie Pater Kentenich formuliert, für ihn tätig werden. Selbständige Partner sollen wir für Gott sein, nicht aber willenlose Sklaven. Er will uns Mut und Freude machen für die Erfüllung seines Auftrags.

Deshalb schenkt er uns, obwohl wir es nicht verdient haben, auch die Freude in unserem Leben. Für jede Freude, auch für die kleinste und vor allem auch für all das, was wir als ganz selbstverständlich annehmen, können wir nicht dankbar genug sein. Es ist alles ein besonderes Geschenk Gottes. Gleichzeitig ist all die Freude aber auch ein Hinweis Gottes auf sein Reich, in das er uns berufen will. Das Schwere, das Leid im Leben eines jeden Menschen können dann nur ein Hinweis darauf sein, dass wir es auf Grund des Verhaltens der ersten Menschen und auch durch unser eigenes Zutun verdient haben. Wir können es nur annehmen als deutlichen Wegweiser Gottes für unser Leben auf unserem Weg zu ihm.

Gleichzeitig kann unser Leid aber auch ein Wegweiser für andere Menschen sein, die dadurch auf den richtigen Weg geführt werden. Die Frage darf also nicht lauten, „warum“ ich Leid ertragen muss, sondern „wozu“ mein Leid dienen soll. Beides, das Leid ebenso wie die Freude, sollen uns auf die Spur Gottes in dieser Welt hinweisen, uns auffordern, diese Spuren, die Gott uns durch die Freude
ebenso legt wie durch das Leid, zu suchen und ihr zu folgen. Auch Jesus hat bei seinem Leiden und vor allem bei der Annahme des Kreuzes nicht nach dem Warum gefragt, er kannte allerdings das Wozu: Sein Leiden war nötig um unserer Erlösung willen.

(von Manfred Roberts)