Der Umbruch der Zeit braucht Männer des Gebetes
und des Vertrauens bei innerer Gelassenheit,
dargestellt am Leben Mario Hiriarts
4. Teil des Vortrags von Hermann M. Arendes auf der Mitgliedertagung 2004.
Lassen wir noch einmal die Worte Jesu auf uns wirken: „Nicht die Handlung in sich bestimmt ihren Wert, sondern die Absicht, in der sie verrichtet wird. Als ich in der Werkstatt zu Nazareth arbeitete, erwies ich meinem himmlischen Vater ebensoviel Ehre wie in meiner öffentlichen Lehrtätigkeit. Ich wünsche so sehr, dass die Menschen das verstehen.“
Papst Johannes XXIII. ergänzt: „In christlich-religiöser Sicht ist also die menschliche Arbeit weder ein Produktionsfaktor noch eine Tätigkeit für Sklaven, die den Herrn der höheren Kaste unrein macht, noch Strafe für die Sünde, sondern Mitarbeit mit dem Schöpfergott, die als solche heiligt, wenn sie in geistiger Verbindung mit dem heiligen Gott getan wird. Vielmehr entspricht es durchaus dem Plan der göttlichen Vorsehung, dass sich Menschen in ihrer täglichen Arbeit bilden und vervollkommnen, die sich bei fast allen auf die Dinge des irdischen Lebens bezieht. Niemand soll sich deshalb dem eitlen Wahn hingeben, dass zwischen der eigenen Vervollkommnung und den Geschäften des täglichen Lebens ein Widerspruch bestehe, als ob man sich notwendig von den Werken des irdischen Lebens zurückziehen müsse, um nach christlicher Vollkommenheit zu streben, oder als ob man sich diesen Aufgaben nicht hingeben könne, ohne die eigene Würde als Mensch und Christ zu gefährden. Alle sind berufen, ihre tägliche Arbeit so zu verrichten, dass sie ihre Arbeit in der Pflichterfüllung für andere durch Christus mit Gott verbinden und zur Ehre Gottes verrichten.“ (MM Nr. 255-257, Joh. XXII.)
Mario Hiriart sah darin eine Sendung, Beruf und Arbeit wieder mit Gott zu verbinden. Er meinte, wir brauchen ein „kopernikanisches“ Umdenken in dem die Erde um die Sonne kreist, und nicht umgekehrt, so dass der Mensch wieder um Gott kreist.
Mario schreibt:
»Das Mittelalter und seine Kultur ist als gottzugewandt charakterisiert worden, weil die Ordnung des ganzen Lebens und aller menschlichen Tätigkeiten auf das Übernatürliche ausgerichtet waren. Es existierte zumindest vom Prinzip her eine integrierte christliche Lebensauffassung, die sich in einer tiefen Einheit zwischen religiösem und profanem Leben ausdrückte.
Wenn wir unsere Epoche analysieren, müssen wir exakt vollkommen entgegengesetzte Charakteristika feststellen. Vielleicht ist die totale Trennung zwischen profanem Leben und den Äußerungen religiösen Lebens das wichtigste spezifische Kennzeichen der gegenwärtigen Zeit, einer Trennung, die nicht nur bei denen vorhanden ist, die keiner Religion angehören, das ist noch einleuchtend, sondern bei vielen, die sich zu einer Religionsgemeinschaft bekennen ...
... Wir können die Geschichte nicht zurückdrehen und wollen es auch nicht tun. ‑ Wenn Gott es zugelassen hat, dass die Schriftsteller, die Musiker, die Architekten, die Forscher oder die einflussreichen Industriellen, welche die moderne westliche Zivilisation gestalten, in der Mehrzahl Atheisten, Liberale, Materialisten oder einfach keine guten Christen waren, dann kann das nicht bedeuten, dass Gott diese Situation wirklich so gewollt hat und noch viel weniger, dass er ihren Fortbestand wünscht. Gott kann die Trennung zwischen religiösem und profanem Leben nicht wollen. Er kann nicht nur die wenigen für sich wollen, die sich hinter Klostermauern zurückziehen und das Ordenskleid anziehen. Wenn die laikale Welt eine konfuse disharmonische Melodie spielt, so geschieht das nicht, weil Gott sie eine solche Melodie gelehrt hätte.
Angesichts dieser Zeitzeichen haben wir die Verpflichtung, den Willen Gottes aus ihnen herauszulesen. Die Zulassung der atemberaubenden Gottesflucht kann nicht sein Wille sein. Die gottesflüchtige Epoche muss aufhören, um einer neuen gottzugewandten Ära Platz zu machen. Die laikale Welt muss sich wieder vom religiösen Geist durchdringen lassen, die beiden Ebenen müssen wieder zusammenkommen. So stehen wir vor der gigantischen Aufgabe, alles Terrain zurückzugewinnen, welches im Laufe von mehreren Jahrhunderten der Geschichte verlorengegangen ist. Das wird sicher ebenfalls eine jahrhundertelange Arbeit sein. Es ist das Werk der Wiedereingliederung aller kulturellen und menschlichen Werte in eine universelle christliche Lebensauffassung. Durch die Trennung vom Christentum haben diese Werte ihren Mittelpunkt verloren ...« (Aus: Mario Hiriart »razón de ser, Santa Maria 1957)
»Ich glaube, es handelt sich nicht so sehr darum, neue Lehren zu proklamieren, dafür wird der Heilige Geist ohne Zweifel besondere Gaben an Personen mit einer außerordentlichen Sendung austeilen, sondern mehr darum, durch unser eigenes tägliches Leben alle diese materiellen Fortschritte menschlicher Zivilisation der letzten Jahrhunderte der ewigen und unveränderlichen Lehre der Kirche anzupassen und so vital diese neue christliche Kultur für unsere Epoche und die zukünftigen Jahrhunderte zu schaffen ...« (Brief an P. Kentenich, 08.07.1956)
Zunächst einiges über seine Tätigkeit: Sein sechsjähriges Ingenieurstudium an der Universität von Santiago konnte er gleich mit zwei Auszeichnungen abschließen, einmal als bester Schüler des Jahres und zugleich als Schüler, der die beste wissenschaftliche Arbeit abgegeben hatte. Seine Kollegen und Vorgesetzten schätzten ihn als einen ausgezeichneten Ingenieur und angenehmen Menschen. Der Geschäftsführer der Corfo, das halbstaatliche Unternehmen, bei dem er angestellt war, schätzte ihn als einen Mann, der sich von anderen unterschied durch seinen außerordentlichen Sinn für Verantwortung, seine durchdringende Begabung und seine warme Menschlichkeit.
Ein Kollege beschrieb seinen Arbeitsstil wie
folgt: „Mario begriff die technische Arbeit auf eine Weise, dass sie Freude
machte und eine Leidenschaft wurde, selbst wenn es sich um trockene Materie
handelte.“
Ein anderer sagte: „Er studierte und untersuchte seine Sachen sehr genau.
Trotzdem hatte man den Eindruck, als suche er etwas Anderes, als wolle er auf
etwas Anderes hinaus, als nur ein tüchtiger Ingenieur zu sein.“
Diese Aussagen lassen erkennen, wie das Apostolat
Marios im Berufsleben aussah. Durch seine
Arbeit allein schon wurde durchsichtig, dass dahinter mehr stand als
vordergründige Zweckerfüllung oder das andere Extrem, Finanzierungsgrundlage für
eine ausgiebige Freizeitgestaltung. Die Arbeit war sein Gottesdienst, wie
der Priester Heilsmittler für den Menschen ist – die sprechende Schöpfung – so
hat Mario ebenfalls eine Priestertätigkeit gegenüber der stummen Schöpfung
ausgeübt. Er hat in seiner Arbeit das Siebentagewerk der Schöpfung
weitergeführt. Die in der Materie vorgefundene Ordnung hat er durch
Neukombination sowie Konstruktionen erhöht und dadurch die in ihr von Gott
angebotenen Möglichkeiten verwirklicht, geradeso wie der Priester durch seinen
Heilsdienst die im Menschen angelegte Richtung auf Gott entfaltet, bzw.
Hilfestellung dazu leistet. Wenn man seine Arbeit so begreift, dann kann es sich
bei keiner Arbeit je um trockene Materie handeln. Ich zitiere noch einmal seinen
Arbeitskollegen: ... „Füllmaterial für Stahlkonstruktionen“ – so lautete seine
mit einem Preis ausgezeichnete Arbeit, ist gewiss landläufig trockene Materie.
Bei ihm ist es Stoff der Schöpfung, der bearbeitet werden will, um in einer
Neukombination einen höheren Ordnungsgrad zu erreichen und damit wird er zum
Mitschöpfer in der Schöpfung.
Zur Ergänzung und Vertiefung ein Blick auf George
W. Carver. Vor 100 Jahren stand er vor einer schwierigen Aufgabe. Im Süden der
USA hatte die Monokultur der Baumwolle den Baumwollkapselkäfer so stark
verbreitet, dass die Ernten vernichtet wurden. Bittere Armut war die Folge.
George W. Carver hatte durch das Anpflanzen von Erdnüssen Ersatz geschaffen und
die Böden verbessert. Doch damit andere Probleme geschaffen.
Ein Abschnitt aus dem Buch: „Der Mann, der überlebte“, soll uns zeigen, wie er
die Probleme löste.
»Eines Tages klopfte eine Dame an Dr. Carvers Labortür. Sie hatte alle seine Ratschläge getreulich befolgt, und der ausgemergelte Boden ihrer Farm hatte mit einer Rekordernte darauf reagiert. Nun hatte sie alle Erdnüsse gespeichert, die sie selbst und ihr einziger Arbeiter in den nächsten Jahren verbrauchen konnten, aber es waren noch viele Zentner übrig.
„Wer kauft sie mir bloß ab?“ fragte sie.
Carver wusste keine Antwort. Er hatte sich so sehr für die Verbreitung der Erdnuss eingesetzt, dass er nun ein Ungeheuer geschaffen hatte, das fast so bedrohlich war wie der gefürchtete Baumwollschädling. Eine schnelle Reise durch die Umgebung zeigte ihm die Lage. Überall hatte eine reiche Ernte die Scheunen gefüllt. Auf manchen Feldern verrotteten die Erdnüsse. Warum sollte man sie auch ernten? Manche Farmer baten ihn um Hilfe, andere beschimpften ihn. Bedrückt und schuldbewusst kehrte er in sein Labor zurück.
Es lag nicht in seiner Natur zu sagen, dies ginge ihn nichts an, er habe seine Pflicht getan und den Farmern reichen Erntesegen verschafft, um den Absatz sollten sich nun andere kümmern. Sein Verantwortungsbewusstsein kannte keine bequemen Grenzen. Tagelang plagte er sich mit Selbstvorwürfen, weil er das Problem nur halb durchdacht hatte. Die Menschen mussten von der Herrschaft der Baumwolle befreit werden, und sie brauchten eine leicht anzubauende Frucht. Die Erdnuss erfüllte beide Forderungen. Aber die Menschen mussten sie auch verkaufen! Carver war überzeugt, dass Gott ihn nicht umsonst auf die Erdnuss hingewiesen hatte. Der Fehler musste bei ihm selbst liegen. Wenn es bisher keine Märkte für die Erdnuss gab, dann musste er sie eben selbst schaffen.
Jahre später, als er weltberühmt und vom Alter bereits gebeugt war, erzählte er seinen Studenten von diesem entscheidenden Unternehmen.
Bekümmert und von den Widersprüchen des Lebens verwirrt, hatte er an einem Oktobertag in seinen geliebten Wäldern Trost gesucht. Während er nach den ersten Anzeichen der Morgendämmerung Ausschau hielt, fragte er: „Ach Herr, warum hast du das Weltall geschaffen?“
Und dann fuhr Carver fort: „Und der Schöpfer sagte mir: ,Für deinen kleinen Verstand ist die Frage zu groß. Frag mich etwas, das mehr zu deiner Größe passt.’“
Und so fragte ich: ,Herr, warum hast du den Menschen erschaffen?' Und Gott antwortete mir und sprach: ,Kleiner Mensch, du fragst noch immer mehr, als du fassen kannst. Suche doch das richtige Maß für deine Fragen!'“
Seine Zuhörer lauschten dem schmächtigen Mann mit der so musikalischen Stimme.
„Und dann stellte ich meine letzte Frage: ,Herr, warum hast du die Erdnuss erschaffen?’
,Das ist schon besser!’ sagte der Herr, gab mir eine Handvoll Erdnüsse und ging mit mir ins Labor. Gemeinsam gingen wir an die Arbeit.“
Er band sich eine Mehlsackschürze um, entkernte eine Handvoll Erdnüsse und zerrieb sie zu einem feinen Pulver. Das erhitzte er und presste es aus, bis das Öl herausquoll und er eine Tasse damit gefüllt hatte. Dieses Öl untersuchte er lange und sorgfältig, unterzog es einer Reihe von Hitzeversuchen und fühlte sich von den Ergebnissen sehr ermutigt. Anders als tierische Fette, ließ sich Erdnussöl sehr leicht mit anderen Substanzen vermischen und dadurch zu Margarine, Seife, Kochfetten und kosmetischen Mitteln verarbeiten.«
Immerhin sein fachliches Können, Fleiß, Verantwortungsbewusstsein und tiefer Glaube an den allweisen und allmächtigen Schöpfergott waren die Grundlage, dass es ihm gelang, über 1000 neue Produkte aus Erdnüssen und Kartoffeln etc. herzustellen. Industrien entstanden und damit Arbeitsplätze. Vor allem aber, das Ausgangsproblem war gelöst, Farmer und kleine Landwirte konnten ihre Erzeugnisse alle gut verkaufen. Es entwickelte sich Wohlstand für alle.
Und das alles begann mit einem farbigen Landwirtschaftslehrer, der nicht glaubte, dass Gott die Erdnuss nicht ohne tieferen Sinn erschaffen habe.
Von Dr. Carver heißt es: „Er ehrte Gott, indem er
aus allem, was Gott auf Erden wachsen lässt, das herausfand, was den Menschen
dient.“
Und seine Grabinschrift lautet: „Zum Ruhm hätte er den Reichtum fügen können. Da
er beides nicht achtete, fand er Glück und Ehre darin, ein Helfer der Menschheit
zu sein.“
Wenden wir uns wieder Mario zu. Von ihm heißt es:
„Weil Mario in seiner Arbeit immer den ganzen Schöpfungshintergrund sah, konnte
er gar nicht zum Fachidioten werden, was gerade bei Ingenieur- und
Naturwissenschaften sehr nahe liegt, da deren Methode, wenn sie verabsolutiert
wird – die Wirklichkeit auf das Zähl-, Wäg- und Messbare beschränkt. Wir
wissen, dass diese Methode – vielfach ähnlich missbraucht – auch nach den
Geisteswissenschaften greift und die Weite der Wirklichkeit in die Enge des
begreifenden menschlichen Geistes zwängt.
Mario war aber auch nicht das andere Extrem des begreifen wollenden Menschen,
der seinen Geist enthusiastisch über alles Verstehen hinaus ausspreizt und
dennoch verstehen will, aber auch praktisch die Engel im Himmel zu umarmen
sucht. Mario war sittlich wie geistig durch und durch zuchtvoll. Das sieht man
an seiner Betrachtung über den Humanismus. Er schreibt: „Meine innere
machtvolle Tendenz geht auf einen Humanismus. Darum schaue ich auf die Natur.
Aber, Du Mutter, hast mir im Heiligtum die Gnade geschenkt, zu verstehen, dass
dieser Humanismus zu nichts nütze ist, wenn er nicht vergöttlicht wird, weil er
sonst auch von Gott wegführen kann. Darum Erhebung der Natur durch die Gnade.
Die Natur bewahren, mehr noch, die natürlichen Werte und Güter sorgfältig
pflegen – die Füße solid auf der Erde – und mit ihnen dann sich zum Himmel
erheben. Das heißt: Mit vollem Bewusstsein der natürlichen Werte alles von der
Gnade erwarten und aus ihr leben: alles von Gott empfangen und ihm alles
aufopfern. Das verstehe ich unter wahrem christlichen Humanismus.“
Raúl Devés, Dekan der Ingenieurfakultät der Kath.
Universität Santiago de Chile, bezeugt in einem Interview im Dezember 1967: „Ich
erinnere mich daran, dass Mario einige Jahre mit mir in der Fakultät
zusammengearbeitet hat. Dabei hat er diese Tätigkeit mit großer Effizienz
ausgeübt.“
Mario Hiriart zeichnete sich aus durch (hier einige Kernaussagen, Interviews):
- ausgeprägte Intelligenz und zugleich durch große Güte
- große Tatkraft und Wirksamkeit
- keine Befriedigung des Ehrgeizes
- immer dienstbereit
- er befasste sich in besonderer Weise mit den
Problemen
und Anliegen der Studenten
- er hat seine tiefe Religiosität nicht zur Schau gestellt, aber man spürte sie
- er wurde von den Kollegen und Studenten geachtet, weil er authentisch, echt war.
Mario war eine durch die Spiritualität Schönstatts geformte, ausgeglichene, authentische Persönlichkeit, fachkompetent und berufstüchtig, gepaart mit echter, gläubig tiefer Religiosität.
Durch solche Persönlichkeiten ist das Christentum auch den Menschen unserer Zeit vermittelbar.