Gilbert Schimmel als Arbeiter und „Vormann“

Die Arbeit in dem Maschinenbaubetrieb der Allis Chalmers Companie machte Gilbert Freude, obwohl er, durch die Weltwirtschaftskrise bedingt, trotz fester Anstellung noch kurze Phasen der Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit hinnehmen musste. Während der Arbeitszeit war er aber ganz bei der Sache. Die Kollegen hatten Achtung vor ihm und viele liebten ihn. Er war bei der Fertigung von Traktoren eingesetzt. Ein Mitarbeiter berichtete: „Gilbert war sehr genau, sauber und eigen in seiner Arbeit; es musste alles ,tip top’ sein. Ich konnte damals kaum englisch sprechen. Gilbert kam oft zu mir und hat mir die Arbeit erklärt. Er hat sich sehr angestrengt, es mir zu verdolmetschen. Ich habe ihn nie anders als hilfsbereit und freundlich erlebt. Er half mir aus freien Stücken. Wenn etwas nicht in Ordnung war, kam er auch schon mal und sagte: „Das musst du anders machen.“

Gilbert wurde von seinen Mitarbeitern und Vorgesetzten so geschätzt, dass er nach fünf Jahren zum „Vormann“, zum Vorarbeiter, befördert wurde. Dabei wurde er sechs Teamchefs unterstellt, über die er die Arbeit von etwa 60 Männern zu koordinieren und zu kontrollieren hatte.

Einer seiner Untergebenen schilderte Herrn Schimmel so: „Ich möchte vorausschicken, dass ich mich glücklich schätze, Gilbert gekannt zu haben. Das hat kein anderer Vormann getan: uns zu Weihnachten ein Geschenk zu machen. Darum sagte ich auch einmal zu ihm: ,Aber Gilbert, das brauchst du doch wirklich nicht tun, das erwartet doch kein Mensch von dir.’ Darauf Gilbert: ,Ich tue das nicht weil ich muss, sondern weil ich euch gern eine Freude mache.’ Ich habe über Gilbert nicht die geringsten Beschwerden. Es gab freilich schon mal Zeiten, wo er erregt war über die Leute. Aber das ist allzu natürlich bei solch einem Betrieb. Er durfte sich ja nicht alles gefallen lassen. Manche waren faul oder nicht korrekt bei ihrer Arbeit.

Gilbert hatte offensichtlich immer wieder zu tun mit einem aufbrausenden Zug in seiner charakterlichen Veranlagung. Er konnte Mitarbeiter so anfahren, dass er sich nachher entschuldigen musste. Gilbert sagte es einem klipp und klar, wenn etwas nicht in Ordnung war. Er war in allem überaus ehrlich und gewissenhaft. Und was schön war: Wenn er einem Arbeiter klar die Meinung gesagt, ihn korrigiert oder ernstlich zum Fleiß angehalten hatte, dann konnte man sicher sein: innerhalb von zehn Minuten kam er wieder und ließ einen merken, dass er einem nichts nachtrage. Gilbert war ein gerechter Mann. Wenn jemand seine Sache gut gemacht hatte, hat er mit Lob nicht gespart und ihm anerkennend auf die Schultern geklopft. Sein Umgang mit uns, die Art auch, wie er einem schon mal eine Freude machte, tat einem richtig gut. Man merkte, dass man bei ihm etwas galt; und das ist wichtig.“

Im weiteren Gespräch mit Pater Ammann kam der Mitarbeiter auf die Religion zu sprechen: „Wissen sie, Mr. Schimmel war ja katholisch und ich bin Lutheraner. Aber der Unterschied in der Konfession hat bei Gilbert nichts ausgemacht. Er hat mich genau so freundlich behandelt wie die katholischen Arbeiter. Einmal hat er mir eine kleine Madonnenstatue geschenkt. Diese habe ich noch immer in meinem Schlafzimmer und halte sie in Ehren.“

Immer wieder haben Mitarbeiter die Herzensgüte ihres Vormanns hervorgehoben. Einer erzählte: „Es passierte in den vierziger Jahren. Da war es mit dem Verdienst nicht weit her. Wir hatten Kurzarbeit und ich hatte damals bereits vier Kinder. Was tat Gilbert? Er gab mir Gelegenheit, an seinem Haus zu arbeiten.“

Ein anderer berichtete: „Eines Tages habe er, ohne etwas Konkretes damit bezwecken zu wollen, Gilbert erzählt, wie sehr sich seine Frau eine Bluse wünschte mit gemalten Blumen. Am kommenden Sonntag sei Muttertag. Ihm sei vor diesem Tag wirklich bange, da er sich ein solches Geschenk für seine Frau nicht leisten könne. Gilbert fragte ihn, was eine solche Bluse koste. Sechs bis acht Dollar. Gilbert griff in die Tasche und gab sie ihm. Als Herr Schimmel dies am Abend seiner Frau erzählte, protestierte sie und meinte, sie könne sich ein solches Kleidungsstück auch nicht leisten. Gilbert antwortete: ,Sieh doch, welche Freude wir jener Frau zum Muttertag gemacht haben; stell dir vor, wie sie und die Kinder vor dem Geschenk stehen und es bewundern. Darüber können wir uns doch auch freuen.’“

Ein Arbeitskollege sagt: „Ich wundere mich über nichts mehr bei Gilbert. Er tut alles, was er kann, alles für die anderen, Nichts ist ihm zu viel.“

Ein Protestant sagte: „Mr. Schimmel stand über einem Durchschnittsmenschen; das muss man sagen. Wo er jemand helfen konnte, da war er zur Stelle. Und in Gilbert war Schwung und Begeisterung. Er war kein Kopfhänger, vielmehr ein Mann der Tat. Das Wort: Es ist unmöglich! stand nicht in seinem Wörterbuch. Oft hatte man im Betrieb etwas für undurchführbar erklärt. Dann gab man es Schimmel. Er wusste einen Weg. Bei allem, was er unternahm, war er mit ganzer Seele dabei. Für ihn gab es keine halben Sachen.“

Nach mehr als elf Jahren Mitarbeit im Betrieb Allis Chalmers wurde Gilbert Schimmel in eine Streikwelle von gewaltigem Ausmaß hineingezogen. Die Arbeit von mehr als einem Drittel aller Produktionsfabriken für die Verteidigung der Nation war 76 Tage ganz oder teilweise lahmgelegt. Zur Durchsetzung ihrer Ziele hatten sich die Führer der radikalen Gewerkschaften auf Betrug und Einschüchterung verlegt. Sie unterhielten Schlägertrupps, die gegebenenfalls brutal zuschlugen. Den Führern der kommunistischen Gewerkschaft ging es nicht in erster Linie um die Durchsetzung höherer Löhne und besserer Arbeitsbedingungen, sondern um die Vorbereitung der Revolution.

Fortsetzung folgt!