1. Vortrag von Hermann M. Arendes auf der
Mitgliedertagung 2004
Mit dem Thema dieser Tagung greifen wir die Jahreslosung der Männerliga auf; ebenso klinken wir uns ein in die aktuelle Strömung in der Schönstattbewegung, die uns unter dem Namen „Spurensuche“ bekannt ist.
Voraussetzung, dass Gottes liebende Sorge und Führung in meinem Leben wirksam werden kann, ist der lebendige feste Glaube.
Pater Kentenich mag uns auf die Bedeutung des Vorsehungsglaubens hinweisen und auf einige Voraussetzungen aufmerksam machen:
„Schönstatt ist in seinem Werden, Wesen und Wirken ein ausgeprägtes
Providentiakind.“
In diesem Satz sind drei Behauptungen enthalten:
1. Der Vorsehungsglaube hat die ganze Geschichte Schönstatts geprägt.
2. Er stellt für immer ein wesentliches Merkmal der schönstättischen Spiritualität dar.
3. Schönstatt hat die besondere Aufgabe, den Vorsehungsglauben in Gegenwart und Zukunft zu künden und zu verbreiten und bis zum Ende der Zeiten lebendig zu erhalten.
Schönstatt hat allezeit – von den ersten Anfängen an bis heute – stets nur ein Ziel im Auge gehabt: Gott und seine Planung. Nicht eigenes Wünschen und Wollen, nicht ehrgeiziges Markten und Feilschen hat seine Schritte gelenkt und seinen Geist in Bewegung gesetzt. In allen Situationen hat es sich unentwegt an der Vaterunser-Bitte orientiert: „Vater unser ..., Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden ...“ Dabei hielt er das Wort des heiligen Augustinus immer vor Augen: „Zwei Willen gibt es: Gott will und du willst. Dein Wille muss sich nach dem göttlichen richten. Du darfst nicht versuchen, Gottes Willen nach dem deinigen zu drehen. Denn dein Wille ist abwegig. Der göttliche Wille ist die Regel. Die Regel soll Geltung haben, und das Abwegige soll nach der Regel zurechtgerichtet werden.“
Wir kommen später darauf zurück, wenn wir betrachten, wie Pater Kentenich diese Grundhaltung gelebt und verwirklicht hat.
»Wir dürfen uns nicht durch den Klang von Worten täuschen lassen. Wie häufig hören wir bei Kreuz und Leid aus Christenmund das Wort des Glaubens und des Vertrauens, wie häufig mögen wir es selbst aussprechen: „Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut ...“ “Nichts geschieht von ungefähr, von Gottes Güt’ kommt alles her ...“ und wie Worte und Gebete dieser Art heißen mögen. Sie scheinen Ausdruck eines lebendigen, persönlichen Glaubens an die individuelle, spezielle Vorsehung Gottes oder des Glaubens an sein persönliches Wissen um uns und andere persönliche Not und an sein persönliches Interesse an uns persönlich zu sein, sind es aber in ungezählt vielen Fällen nicht, weil Gott praktisch zu einseitig als Idee vor uns steht, als ein großes, unbekanntes, meinetwegen gütiges und wohlwollendes Es, nicht aber, oder wenigstens nicht genügend, als lebendiges und verlebendigendes persönliches Du, wie etwa ein Mensch, der uns gegenübersteht. Wir wissen zwar theoretisch, dass er uns „mit unserem Namen“, mit Vor- und Nachnamen ruft, sind aber davon innerlich nicht erfasst. – Wir schauen und stieren selbst beim Gebet, mehr noch im Alltag in einen luftleeren Raum, nicht aber in das Auge eines persönlichen Gottes, das mit persönlicher Wärme auf unsere Person mit seiner Art und Unart gerichtet ist...
Ein feiner Menschenkenner – Kardinal Newman – ist derselben Meinung. Er sagt:
„Die Menschen reden wohl in allgemeinen Ausdrücken von der Güte Gottes, von
seinem Wohlwollen, seinem Mitleiden, seiner Langmut; aber sie stellen sich
denselben vor wie einen Strom, der sich über die ganze Welt verbreitet, ähnlich
wie das Sonnenlicht, nicht aber wie die sich fortwährend wiederholende Haltung
eines lebendigen und vernünftigen Wesens, das weiß, wen es heimsucht und welche
Absichten es dabei verfolgt. Demgemäss wissen sie, wenn sie in Trübsal geraten,
nichts anderes zu sagen als: Es ist alles zum Guten. Gott ist gut und was
dergleichen mehr ist.
Aber das fällt nur wie ein frostiger Trost auf ihre Seele und mindert ihren
Kummer nicht, weil sie sich nicht in den Gedanken eingelebt und eingewöhnt
haben, dass Gott ein barmherziger Gott ist, der ihnen persönlich nahe ist, und
dass nicht bloß eine allgemeine Vorsehung nach allgemeinen Gesetzen über ihnen
waltet.“
Weil dem so ist, deshalb haben wir nicht genügend Widerstandskraft gegen das Böse, nicht genügend Schwungkraft zum Guten und keine Triebkraft zur Höhe, zum Heroismus.
Als Kind mögen sie gelernt haben zu beten: „Ein Auge ist, das alles sieht, was
auch in dunkler Nacht geschieht.“
Vielleicht hat damals der Gedanke – ähnlich wie bei Hagar – gewirkt, als sie in
die Wüste geflohen war und einem Engel begegnete, der sie zurücksandte, und als
sie tief erschüttert ausrief: „Du, o Gott, Du siehst mich ...“ Er mag sie damals
vor vielem Bösen bewahrt haben. Heute müssen sie gestehen: Ich hör die
Botschaft, doch mir fehlt der Glaube, das tiefe Erfasst- und Durchdrungensein
vom Glauben an die individuelle, an die spezielle Vorsehung Gottes in meinem
persönlichen Leben. Deshalb hat Gott und Gottes Gedanke seinen Einfluss auf mein
Tun und Lassen verloren. Er wehrt nicht mehr dem Bösen und tröstet nicht mehr in
Trübsal und Not, in Angst und Gefahr. ...
Wir wissen, ER ist im Himmel und vergessen darüber, dass er auch auf Erden ist. Dies ist einer von mehreren Gründen, weshalb die große Masse der Menschen so gottentfremdet ist. Sie führen spöttische Reden im Munde, sie verhöhnen die Religion, sie sind lau oder gleichgültig, sie verkehren mit schlechten Menschen, sie fördern schlechte Maßnahmen, sie verteidigen Ungerechtigkeit oder Grausamkeit oder Sakrilegien oder Unglauben, weil sie von einer Wahrheit nicht überzeugt sind, die sie gleichwohl nicht die Absicht haben zu leugnen, dass nämlich Gott sie sieht... Dasselbe ist nicht selten bei Menschen zu beobachten, welche in Prüfungen geraten. Die Welt verlässt sie und sie verzweifeln, weil sie nicht durchdrungen sind von der Güte und von der Nähe ihres Gottes. Sie finden keinen Trost in einer Wahrheit, welche für sie keine Wirklichkeit, sondern nur eine fromme Meinung ist. Deshalb nannte Hagar, als sie in der Wüste von dem Engel heimgesucht ward, den Namen des Herrn, der zu ihnen sprach: „Du, o Gott, siehst mich“. Es kam wie ein neues Licht über sie, dass mitten in der Prüfung und ihrem Jammer Gott um sie sei. Ganz so ist es noch heute.« (Texte zum Vorsehungsglauben)
Hier dürfen wir uns an die Bedeutung des uns von Herrn Pater aufgezeigten und geschenkten Mannesideals „Puer et Pater“ erinnern. Die liebende, vertrauende Kindeshaltung Gott dem Vater gegenüber, als Fundament und Voraussetzung für eine echte Vaterschaft und ein kraftvolles und geläutertes Mannestum.
Ich staune, wie Pater Kentenich im KZ Dachau Männer wie Fritz Kühr, Edi Pesendorfer und andere in dieser „Hölle“ geformt und erzogen hat. Ein Gebet von Fritz Kühr mag uns einen kleinen Einblick geben und uns anregen. Es lautet:
»Gib mir, o Gott,
ein kindliches Herz zum Glauben,
ein mütterliches Herz zum Lieben,
ein männliches Herz zum Handeln.
Gib mir zur Kindlichkeit im Glauben Zeit und Ruhe,
zur Mütterlichkeit im Lieben Lauterkeit und Innigkeit,
zur Mannhaftigkeit im Handeln Demut und Zuversicht.
Lehre mich die wahre Großmut.
Lehre mich dienen, wie Du es verdienst,
geben, ohne zu zählen,
kämpfen, ohne der Wunden zu achten,
arbeiten, ohne Ruhe zu suchen,
mich hingeben, ohne Lohn zu erwarten.
Mir genüge das frohe Wissen,
Deinen hl. Willen erfüllt zu haben.
O Gott, Dir gebe ich mich ganz und gar hin,
Schöpfer und Herr, Vater voll Liebe und Güte,
Weisheit und Allmacht.
Erfülle Deinen hl. Willen an mir und durch mich.
Lass mich Dein williges und demütiges, wenn Du es willst,
blindes Werkzeug sein.«
Darunter notiert er aus einem Gespräch mit Pater Kentenich:
»Die Liebe hat immer noch vom Leiden, vom Opfer gelebt.
Wir ahnen nicht, was Gott aus uns machen würde, wenn wir uns ihm ganz großmütig
und vorbehaltlos überlassen würden.
Fügungen: So nennt man hinsichtlich der göttlichen Vorsehung Gottes Handeln, wenn zwischen Gott und Mensch eine causa secunda (Zweitursache) dazwischentritt.
Zulassungen: Wenn eine freie Zweitursache zwischen Gott und Mensch tritt, die nicht dem Willen Gottes entsprechend handelt, wie das oftmals bei Menschen mit bösem Willen und beim Satan der Fall ist. Ist das Geschehen ausgelöst, dann ist dessen Vollzug an mir positiv von Gott gewollt.« (Formung der Ersten)
Kindlichkeit war die Voraussetzung und der Glaube an die Göttliche Vorsehung, die Grundlage ihres Handelns und ihrer Zuversicht und Hoffnung.
Pater Kentenich hat diese Haltung die Männer im KZ gelehrt und sie ihnen vorgelebt. Ich erinnere daran, wie er über die Dachauzeit gesagt hat: „Wie habe ich Dachau gemeistert; in mir lebt nur die eine Erkenntnis: Du tust in jedem Augenblick was Gott will. Was die Menschen wollen, ist einerlei. In mir leuchtet immer ein einziges Licht. Mit einer ganz großen Innigkeit konnte ich beten. Ist es nicht Gottes Wille, dass ich etwas tue, tue ich es nicht, egal ob meine Natur damit einverstanden ist oder nicht. So habe ich die gefährliche Situation gemeistert. ...“
Ebenso möchte ich an die Szene mit Abbe August Houmesser aus Frankreich erinnern, dem er, statt einem Wort des Trostes, sagen konnte: „August, das Wichtigste für uns hier im Lager ist, dass wir auch hier den Willen Gottes erfüllen.“
Es muss uns klar sein, im Streben nach diesen Grundhaltungen stehen wir im
Gegensatz zu manchen „modernen“ Theologen.
Pater Willigis Jäger meint z. B: „Er schämt sich, dass die Kirche ihm und
anderen ein naives Glaubensverständnis aufzwingen will.“
“Heutzutage müssten wir die Vorstellung von einem personalen Gott hinter uns
lassen.“
Für Vertreter und Anfänger einer solchen Theologie gibt es keinen barmherzig
liebenden Vatergott.
Es gibt für sie kein „der Vater sitzt am Steuer“ (P.K.). Sie können nicht
wie Prälat Wissing ihre Lebenserfahrung zusammenfassen in nur zwei Worte: „Gott
führt!“
Pater Kentenich hat immer wieder darauf hingewiesen, Gott ist nur noch eine
Idee, mit der man sich wissenschaftlich befasst. Mit einer Idee aber kann man
nicht sprechen, also nicht mehr beten. Deshalb lehrte er uns Männer:
„Kindlichkeit vor Gott ist die triebkräftige Wurzel echten christlichen
Mannestums, sie gehört zu unserer Spiritualität und will sorgfältig gepflegt
werden.“
Im Blick auf die heutige Situation in der Bundesrepublik und darüber hinaus und zum besseren Verständnis des oben gesagten lassen wir noch einen Abschnitt aus dem Brief Pater Kentenichs vom 31. Mai 1949 auf uns wirken:
»Wir müssen uns konzentrieren auf heroische Kindlichkeit vor Gott.
Wir wissen, dass wir uns damit selbst als Einsiedler in eine geistige Einöde
verbannen. Wir sind uns bewusst, dass wir uns auf einen Standpunkt stellen, den
die heutige diesseits orientierte Menschheit nicht mehr versteht. Mit Recht sagt
der Heiland: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“. Die Welt kennt nur
noch Diesseits und Diesseitswerte; deshalb ist auch dort, nur dort ihr Herz. So
kommt es, dass alle modernen Krisen, mag es sich dabei um wirtschaftliche oder
gesellschaftliche oder politische handeln, zutiefst Seelenkrisen sind.
Auf die Dauer kann der Mensch nicht bloß vom Brote leben, er braucht etwas
Höheres, er braucht Geist, er braucht Gott.
Von allen Seiten mag man uns zurufen: „Für uns kommt es darauf an, dass wir es
uns hier auf Erden auf lange Sicht bequem machen können. Hier sind wir zu Hause,
ganz zu Haus. Die andre Welt überlassen wir neidlos Gott und den Engeln. Nach
dem Tode ist noch Zeit genug, uns damit abzugeben“. Kommt das Herz zur Ruhe, so
redet es trotzdem eine andere Sprache.
In der Öffentlichkeit sind und bleiben jenseitig orientierte Ideen entweder ganz
oder größtenteils außer Kurs gesetzt.«
Wundern wir uns dann über den Wirrwarr, den wir in unserer Zeit beobachten können oder die Unfähigkeit, Krisen zu meistern und Probleme wirklich zu lösen?
Pater Kentenich macht uns darauf aufmerksam:
1. Unser Vorsehungsglaube hat eine
marianische Färbung. Da wir im Liebesbündnis mit der MTA leben, ist sie unsere
jenseitige Ansprechpartnerin.
Laut Gründungsurkunde will sie uns zu brauchbaren Werkzeugen in ihrer Hand
erziehen. Sie will uns gebrauchen, damit sie ihre Sendung erfüllen kann in der
heutigen Zeit.
Herr Pozzobon konnte von sich sagen, die Gottesmutter hat mir alle Bitten
erhört, ich habe alle ihre Wünsche erfüllt. (Im letzten Vortrag kommen wir noch
einmal darauf zurück.) Er ließ sich von IHR führen.
2. »Unser Vorsehungsglaube, wenn er
schönstättisch geprägt ist, ist ausgeprägt und ausgesprochen aktiv.
Vorsehungsgläubigkeit heißt nicht nur ‘Fiat’ sagen (mir geschehe) und dann
schlafen während der Zeit. Das heißt sich Ziele stecken lassen, aber dann auch
bereit sein, für die Ziele etwas zu tun, sich dafür hinzugeben.«
(Pater Kentenich in Milwaukee)
Herr Pater hat uns den aktiven
Vorsehungsglauben in schwierigsten Verhältnissen und Umständen vorgelebt. Er
selbst erzählt: »Es wäre für mich einfacher gewesen z. B. im Karmel-Gefängnis
in Koblenz zu sagen „Gottes Wille, drum sei Stille“. Ich hätte sehr gut in der
Zelle ein kontemplatives Leben führen können.
Aber als Gründer habe ich eine Aufgabe, ich trage für die Gründungen eine
Verantwortung, die geht auch im Gefängnis weiter. Um für die Schönstattfamilie
etwas tun zu können, sie zu schulen, musste ich Kontakt nach außen bekommen.
Also musste ich von den Wachleuten jemand gewinnen, der bereit war, Botendienste
zu übernehmen. Zwei waren bereit. Der eine wohnte in Niederwerth und hatte
Kontakt zu der dortigen Filiale der Marienschwestern, der andere wohnte in der
Nähe des Brüderkrankenhauses in Koblenz, in dem Marienschwestern arbeiteten.
Über die zwei „Boten“ gingen dann Briefe und sonstiges hin und her. Ich bekam,
was zur täglichen Messfeier in der Zelle notwendig war, wurde mit Wäsche und
Lebensmitteln versorgt, brauchte keinen Hunger zu leiden. Das war wieder
providentiell, denn wäre ich schon unterernährt nach Dachau gekommen, hätte ich
dort die ersten Hungermonate wohl nicht überstanden.
Ich habe geschrieben und geschrieben, z. B. einem Schwesternkurs in Schönstatt
Exerzitien gehalten, usw., usw.
Anfangs sollte ich auch, wie damals üblich war, im Gefängnis Tüten kleben. Ich
habe dem Wärter gesagt; ich klebe keine Tüten, ich brauchte ja die Zeit zum
Schreiben, er könne aber das Papier dalassen. Das habe ich dann zum Schreiben
benutzt, bis die Schwestern besseres hineinbesorgen konnten.«
Das Ganze war nicht ungefährlich, aber Pater Kentenich ging davon aus, du hast von Gott eine Aufgabe bekommen, die gilt es zu erfüllen, deshalb muss ich auch vom Gefängnis aus Wege suchen, die Schönstattfamilie zu schulen und zu leiten.
Am 13. März 1942 durchschreitet Pater
Kentenich das Tor „Arbeit macht frei“ ins KZ Dachau.
Nachdem er die üblichen Schikanen und groben Lächerlichkeiten der Aufnahme
überstanden hat, kommt er auf den Zugangsblock 13. Weil er als besonders
gefährlich eingestuft war, bleibt er bis August dort. Der Block war durch einen
Zaun vom übrigen Lager getrennt und das Tor Tag und Nacht bewacht. Trotz aller
Unannehmlichkeiten nimmt Herr Pater auch hier sofort seine seelsorglichen und
Gründertätigkeiten wieder auf, zuerst im Zugangsblock, aber schon bald trotz
Zaun und Wache hinein ins Lager. So konnte er nach Schönstatt berichten: meine
Arbeit und Aufgabe geht weiter, ich habe nur den Ort gewechselt. Fritz Kühr und
Ede Pesendorfer z. B.gelingt es, sie dürfen Pater Kentenich im Zugangsblock
besuchen oder ihn auch zu Gesprächen herausholen. Alle Schulungen und
Vorbereitungen für die Gründung des Familienwerkes und der Marienbrüder gehen
vom Zugangsblock aus.
Als im Juni die Gefahr droht, dass Pater Kentenich in den Invalidenblock verlegt
werden soll, von dem aus die Häftlinge in der Regel zum Sterben abtransportiert
wurden, gelingt es Fritz Kühr und Edi Pesendorfer, ihm im Strohsackkommando von
Jakob Koch einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Da er einen Arbeitsplatz im Lager
hatte, war er kein Invalide mehr und durfte zur Arbeit auch den Zugangsblock
verlassen. Dadurch wurde er vor einem Abtransport sicherer und andererseits im
Lager beweglicher und „freier“.
Am 11. Juli 1942 kommt ein österreichischer Lehrer in den Zugangsblock. Pater
Kentenich gewinnt ihn zur Kandidatur für die Marienbrüder. Am 15. August beginnt
Franz Zuber sein Noviziat.
Ebenso gewinnt er im Juli den Journalisten Bernhard Pfeiffer aus Leipzig für
eine Kandidatur. Leider wird dieser im Juni 1944 in das KZ Mauthausen verlegt
und dort am 6. Januar 1945 erschossen.
Alle diese Männer hat Pater Kentenich nicht nur angesprochen, sondern sie in
Schönstatt eingeführt, sie geschult und betreut.
Endlich - am 23. August 1942 - kann er
den Zugangsblock verlassen. Aber er kommt nicht, wie erwartet, zu den deutschen
Priestern, sondern zu den polnischen. Von seiten der Lagerleitung war es eine
neue Schikane, für Pater Kentenich jedoch eine ihm von Gott übertragene Aufgabe
für die polnischen Priester. Es scheint eine schwierige Situation zu sein, aber
er hat sofort Kontakte geknüpft mit einzelnen aufgeschlossenen Priestern. Schon
bald hält er Vorträge in Latein, es bilden sich Gesprächsrunden usw.
Diese Situation beschreibt Edi Pesendorfer in seiner Dachauchronik wie folgt:
»Bei den Polen wohnten viel mehr Männer in einem Raum als sonst, in einer Stube
mindestens 200. Es waren meistens polnische Priester, aber auch einzelne Laien,
einzelne Sektierer, z. B. Marianiten. Der Blockälteste, ein sehr liederlicher
Mensch, war mit Fritz und mir gut befreundet. Fritz hat wieder gesagt: „Es muss
etwas geschehen.“ Zuerst bin ich zum Blockältesten gegangen und sagte: „Du, da
ist ein guter Freund von mir und vom Kühr Fritz. Wir möchten haben, dass wir 1.
zu ihm kommen können, wann wir wollen, und 2. dass er ja keine schweren Kessel
trägt.“ Er war einverstanden: „Das wird gemacht, Edi. Kann er wohl Stubendienst
machen?“ – „Ja.“ – „Also, es wird gemacht, und ihr könnt kommen, wann ihr wollt“
– Auch der Stubenälteste von Stube 2 war sehr nett. Die Polen hatten eine viel
strengere Ordnung, durften kaum hinaus und hatten wenig Freizeit. Das machte uns
Schwierigkeiten, und wir haben den Pater auch wirklich eine Zeitlang weniger
gesprochen, obwohl wir die Möglichkeit gehabt hätten, ihn herauszureißen. Aber
er wollte es nicht, er wollte keine Bevorzugung und hat auch keine gehabt, außer
dass er die schweren Kessel nicht zu tragen brauchte. – Auf diesem Block hat die
Schwäche bei ihm eingesetzt; hier musste er auch den Vorraum putzen.«
Erst am 13. Oktober 1942 konnte er nach
Block 26 zu den deutschen Priestern umziehen. Schon ab dem 20. Oktober hat er in
seiner Stube jeden Abend einen Vortrag gehalten. Ebenso hatte er abends die
vielen persönlichen Besprechungen. Am Christkönigsfest hat er für alle Priester
in der Kapelle seine erste große Predigt gehalten.
Wochen hindurch, so bezeugt Edi Pesendorfer, bat er immer wieder: „Betet alle
Tage, dass ich mit den Priestern Erfolg habe“.
Monsignore Dresbach erzählte in seinen Dachauexerzitien, er habe mal nachgerechnet und überschlagen, Pater Kentenich habe in den drei Jahren in Dachau rund 3000 Vorträge gehalten, also jeden Tag fast drei Vorträge, dazu die Schulungen, Beratungen, Gespräche von morgens früh bis abends spät.
Zum Beispiel schrieb Edi Pesendorfer:
»Abends bin ich noch einmal zum Pater gegangen, knapp vor dem letzten Abblasen
ungefähr um 9 Uhr. Er hatte sein Bett gleich als erster am Fenster. Ich habe
geklopft, er schaute zum Fenster raus und sagte: „Ah, der Edi!“ und ist an das
Fenster gekommen: „Ich sag dir was Schönes von Paulus: Euer Wandel sei im
Himmel. Das musst du so verstehen: ...“«
In drei Punkten hat er dann dem Edi diese Bibelstelle vom heiligen Paulus erklärt.
So sieht also aktiver Vorsehungsglaube aus. Er hat sich bewährt in der „Hölle“ von Dachau, wo alles verboten war.
Ich glaube, es lohnt sich, einmal über die Frage nachzudenken: muss nicht mein passiver Vorsehungsglaube durch einen aktiven Akzent ergänzt werden?
Fortsetzung folgt!