„Im Umbruch der Zeit ‑ Werkzeug der Liebe Gottes
sein“
‑ so lautete die Jahreslosung der Männer in Schönstatt
für die Jahre 2003/2004 und 2004/2005. Dieses ganz
auf unsere Zeit zugeschnittene Thema wurde unter ver-
schiedenen Aspekten in unseren Zeitschriften „Schön-
stattMann“ und „Krankenapostolat“ eingehend behandelt.
Für das Jahr 2005/2006 hat das Führungsgremium der
Männer im April diesen Jahres eine neue Jahreslosung
erarbeitet. Doch zuvor ein paar Gedanken zu dem Be-
griff „Jahreslosung“. Losung heißt Wahlspruch, Leit-
wort, sagt also etwas aus über die Grundausrichtung des Denkens und Handelns.
Eine Jahreslosung gibt an, welche Thematik innerhalb eines Jahres vertieft
behandelt werden soll. Auch im Militärwesen wurde früher der Begriff Losung oder
Parole gebraucht. Um Zugang, um Einlass zu erhalten, musste man die Losung, die
Parole kennen und nennen. Dadurch wies man sich als Zugehöriger aus. Beide
Aspekte gelten auch für unsere Jahreslosung. Einerseits wird angezeigt, unter
welchem Schwerpunktthema die Arbeit des betreffenden Jahres stehen soll,
andererseits eröffnet die intensive Beschäftigung mit einem Thema einen
vertieften Zugang zu Gott. Darauf kommt es schließlich an: Wir bemühen uns um
ein immer größeres Vertrautwerden mit Gott, dem Urgrund unseres und allen Seins
überhaupt.
so lautet die Jahreslosung für das Jahr 2005/2006. Auch in dieser Jahreslosung wird wieder unsere Beziehung zu Gott ganz deutlich: Er ist nicht ein Gott, der sich nach der Erschaffung der Welt zurückgezogen hat und nun von irgendwoher teilnahmslos die Menschen und das Geschehen auf der Welt betrachtet, sondern ein Gott, der in der Welt gegenwärtig ist und sich den Menschen mitteilen will. Der Mensch ist Gott nicht gleichgültig, sondern er ist als sein Ebenbild geschaffen und ist trotz der Sünde der ersten Menschen und auch trotz der Verfehlungen eines jeden einzelnen Menschen sein Ebenbild geblieben. Deshalb liebt Gott die Menschen und sorgt sich um sie.
Gottes Spur zu entdecken setzt den Glauben voraus, dass Gott jeden einzelnen Menschen durch dessen Leben führen will. Das bedeutet aber nicht, wie es zum Teil im Islam zu finden ist, Fatalismus, also ein Nichtstun, weil Allah ohnehin alles bestimmt und regelt, sondern ist vielmehr ein aktives Tätigwerden. Gott hat die Welt und den Menschen nicht ohne Sinn und Zweck erschaffen, sondern auf ein Ziel hin. Den Menschen hat er zur Mit‑ und Weiterarbeit an seiner Schöpfung aufgerufen, er erwartet also Aktivität von ihm. Damit diese Mitarbeit gelingt, hat er in der Schöpfung Spuren gelegt und legt sie durch die Ereignisse der Zeit täglich neu. Dem Menschen hat er aufgegeben, diese Spuren, seine Hinweise an uns also, zu entdecken und ihnen nachzugehen.
Das gesamte Weltall und jeder einzelne Mensch verdankt seine Existenz der Schöpferkraft Gottes ‑ wie sollte ein solcher Gott sich dann nicht um die Entwicklung seiner Schöpfung und ganz besonders intensiv um jeden einzelnen Menschen kümmern? Es geht somit nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern den Willen Gottes zu entdecken, ihn anzunehmen, ihn zu seinem eigenen zu machen und danach zu handeln.
Papst Johannes Paul II. hatte das Jahr 2005 zum Jahr der Eucharistie erklärt. Die Eucharistie ist das DU Gottes an die Menschen, in ihr offenbart sich Gott den Menschen, in ihr verehren wir seine immerwährende Gegenwart in unserer Welt. Das ist die feste Wahrheit unseres Glaubens. Das DU, das Gott dadurch zu uns Menschen spricht, muss von den Menschen allerdings auch angenommen werden. Es ist wie bei einem Geschenk. Das Geschenk verbleibt beim Schenkenden, hat also keinerlei Wirkungen, wenn es nicht angenommen wird. Der Mensch nimmt die Offenbarung Gottes an, wenn er den in der Eucharistie verborgenen Gott anbetet. Aber der in dem Brot verborgene Gott offenbart sich nicht nur in der Eucharistie, sondern in seiner gesamten Schöpfung, denn er ist schließlich der Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. In allen Personen, Dingen und Ereignissen des täglichen Lebens kann der Mensch ‑ jeder Einzelne von uns ‑ ihn entdecken. Gott ist Realität in der Welt und im Leben eines jeden einzelnen Menschen.
Die ersten Menschen brauchten Gott nicht zu suchen, sie waren stets in seiner Gegenwart, kannten seinen Willen und konnten entsprechend handeln. Das änderte sich allerdings mit dem Sündenfall. Das innige und vertrauensvolle Verhältnis zu Gott war zerbrochen, der Mensch hatte sich aus dem Willen Gottes entfernt, musste nunmehr beschwerlich seinen Weg durch die Welt gehen. Doch Gott ließ und lässt den Menschen nicht ohne Hinweise auf seine ständige Gegenwart, auf das Ziel seiner Schöpfung und das Ziel eines jeden einzelnen Menschen. Er legt Spuren, damit der Mensch ihn entdecken und so den Weg zu ihm finden kann. Hinter allem Geschehen verbirgt sich eine Botschaft Gottes. Und Gott will, dass der Mensch ihn hinter allen Personen, Dingen und Ereignissen sucht. Genau das ist die Aufgabe, die Gott uns Menschen gestellt hat: Hinter allem Geschehen die Spur Gottes zu entdecken und ihr zu folgen. Gott will, dass wir uns auf sein Offenbarwerden ganz einlassen, um ihn dadurch immer mehr kennen zu lernen.
In seinem Roman „Joseph und seine Brüder“ hat Thomas Mann diesen Auftrag Gottes unübertrefflich dargestellt, wenn er über Abraham schreibt: Er war schlechthin der Mann gewesen, der Gott entdeckt hatte, so dass dieser vor Freude seine Finger geküsst und gerufen hatte: „Bisher hat kein Mensch mich Herr und Höchster genannt, nun werde ich so heißen!“. Die Entdeckung war auf sehr mühsamem, ja qualvollem Wege vor sich gegangen; Urvater hatte sich nicht wenig gegrämt, denn sein Mühen und Trachten war von der ihm eigenen Vorstellung bestimmt und getrieben gewesen, dass es höchst wichtig sei, wem oder welchem Ding der Mensch diene. Ein paar Sätze weiter heißt es dann: Urvater hatte die Frage unbedingt wichtig genommen, wem der Mensch dienen solle, und seine merkwürdige Antwort darauf war gewesen: „Dem Höchsten allein“.
Für die meisten Menschen sind es gewiss völlig neue Überlegungen, Gottes Willen hinter allem Geschehen zu entdecken und zu deuten. Es ist ein Weg, der ebenso mühsam und qualvoll für jeden Menschen sein wird wie er auch für Abraham war. Aber es gilt schließlich, dem Höchsten allein zu dienen und das erfordert Anstrengungen, es ist die Aufgabe unseres Lebens, anders gesagt: Wie viel Eifer verwenden wir auf Dinge, die keinen Ewigkeitswert haben, die nur zur Befriedigung unserer Freude, unseres Ansehens o.ä. dienen. In Neben‑Sächlichkeiten wollte Abraham sich nicht verlieren, sie lagen für ihn tatsächlich neben der Sache, neben dem Wesentlichen also. Ihm kam es darauf an, all sein Tun und Lassen auf den Höchsten auszurichten. Für so wertvoll hielt er sein Leben als Mensch, dass nur der Höchste für ihn als Ansprechpartner in Frage kam. Für so wertvoll hält aber auch Gott jeden einzelnen Menschen, dass er sich ihm offenbaren will durch die Spuren, die er legt, damit der Mensch ihn in diesen Hinweisen entdeckt und zu ihm findet.
Es ist für jeden Menschen schwer, im Alltagsgeschehen Spuren Gottes zu entdecken und diese Spuren zu deuten. Die Bedeutung vieler Ereignisse und Entscheidungen, die man getroffen hat, erhellt sich häufig erst in der Zukunft. Am einfachsten ist es, mit einem Rückblick auf wichtige Ereignisse und Entscheidungen im eigenen Leben zu beginnen, um in ihnen die Führung Gottes zu erkennen. Dadurch kann man ein Gespür dafür entwickeln, was Gott einem durch die Ereignisse der Gegenwart mitteilen will. Man könnte also überlegen, weshalb man in bestimmten Situationen bestimmte Entscheidungen getroffen hat, die das eigene Leben geändert haben, aber auch darüber nachdenken, welche Bedeutung Ereignisse gehabt haben, denen man gewissermaßen eher ausgeliefert war, wie etwa bei einer schweren Erkrankung, einem Todesfall o.ä.
Pater Kentenich hat bei der Gründung und Entwicklung des Schönstattwerkes stets aus den Zeichen der Zeit gelesen, dabei manchmal aber auch den „Todessprung für Verstand, Wille und Herz“ machen müssen, wie er selbst schreibt. Er hatte kein festes, am Schreibtisch entwickeltes Konzept für das Schönstattwerk, sondern verließ sich tastend und suchend auf Menschen und Ereignisse, um darin den Willen Gottes zu entdecken. In einem Buch (Tödliche Schatten ‑ Tröstendes Licht, von P. Gereon Goldmann, erschienen im EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien) wird die Führung Gottes bei einem Menschen so augenscheinlich, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt.
In einem Nachwort schreibt P. Goldmann dann: Fester als zuvor aber ist meine Überzeugung, dass alles, was auch immer im Leben geschehen mag, unter der gütigen und oftmals unverständlichen Vorsehung einer ewigen Liebe geschieht. Freude und Leid, Erfolg und Misserfolg, Krankheiten und Nöte aller Art, alles schlägt zum Guten, ja zu unserem Besten aus, wenn wir die Überzeugung bewahren, dass Gott uns sieht, uns hört und liebt, wenn wir uns an ihn wenden. Die Brücke zu ihm ist das Gebet und die heilige Eucharistie. Gebet und Eucharistie empfiehlt P. Goldmann also als Hilfsmittel für jeden einzelnen Menschen, um das Wirken Gottes, seine Spur in Menschen und Ereignissen zu entdecken.
Beginnen Sie also zunächst einmal damit, über Ihr Leben, über Geschehnisse Ihres Lebens nachzudenken. Danach besteht dann die Möglichkeit, auch in der Gegenwart Gottes Hinweise zu finden. Häufig mag man vergeblich auf eine klare Antwort warten. Dann bleibt jedoch der letzte Satz von P. Goldmann: Die Brücke zu Gott ist das Gebet und die heilige Eucharistie. Durch sie führt Gott uns zu der richtigen Entscheidung, manchmal vielleicht ein wenig geschoben, manchmal vielleicht auch entgegen unserer eigenen Planung. Wenn wir jedoch bei allem stets die Überzeugung bewahren, dass Gott uns hört und sieht, dass er uns liebt, dann kann man stets in vollster Sicherheit und mit aller Zuversicht davon ausgehen, dass alles zum Besten gelingt.
Pater Kentenich formuliert das so: Unsere größte Sorge sollte es sein, grenzenlos sorglos zu sein, weil wir auf Gott vertrauen.
Starten wir also gemeinsam den Versuch, Gottes Spur in unserem Leben zu entdecken. Beiträge im SchönstattMann und im Krankenapostolat werden dazu Hilfe anbieten.
M.Roberts