„Nach dem Tode meiner Mutter wollten wir mit meinem Vater 15 Tage in Santa Adela, dem Landgut der Familie P., nahe bei Vicuña, ausruhen ... Madrecita, die Zeit, die ich in Santa Adela verbracht habe, war ein wahres Geschenk von dir. Wenige Male in meinem Leben habe ich mich so zutiefst glücklich gefühlt, so sehr im Besitz all des Guten und Edlen, das es in dieser Welt und im Menschen gibt. Wie ich es wohl schwerlich erneut erleben werde, fühlte ich dort vor allem die Gegenwart Gottes und deine Gegenwart in einem intimen, ruhigen und tiefen Kontakt: Das ist eine der größten Gnaden gewesen, die du mir in meinem Leben geschenkt hast und dazu in einem der Momente, in dem ich ihrer besonders bedurfte.“ 27.12.1956
„Ich glaube, bei diesem Besuch in Santa Adela, - vielleicht dem letzten in meinem Leben - gelang es mir, mit vollkommener Klarheit zu sagen, was mich an diesem Ort so anzieht. Ich erkläre es mir so, dass ich dort in einer jener wunderbaren Mondnächte im Elqui-Tal lernte, die Liebe zu spüren. Ich bin immer geliebt worden und immer habe ich auch viel geliebt, vor allem in meinem Elternhaus, meine Eltern, meine Verwandten, aber nie hatte ich bis 1948 so deutlich die Erfahrung gemacht, was Lieben und Geliebt-werden ist; ich hatte noch nicht die ganze Kraft der Liebe erfahren.
Im Jahre 1948, nach meinem Abitur, war ich in La Serena mit Alicia - sie war damals erst 13 Jahre - und wir kamen gemeinsam für drei Tage nach Santa Adela. Ich verliebte mich ganz und gar in sie, ohne dass ich es merkte, ja sogar ein Jahr danach gab ich immer noch nicht zu, dass ich mich verliebt haben könnte. ...
Zweifellos ist meine persönliche Bindung an diesen Ort durch all das entstanden, was dieses Mädchen umgab, aber mit der Zeit hat sie sich aus dieser Verknüpfung gelöst und ich begann, diesen Ort zutiefst wegen seiner spirituellen Bedeutung für mich zu lieben. - Zuerst war es für mich nur die Stätte, an der ich zum ersten Mal die ganze Intensität der menschlichen Liebe erlebte, später war es ein Ort der spirituellen Erneuerung, des tiefsten Friedens, mit dem ich hunderte von Erinnerungen an viele geliebte Personen verband und wo mir alles willkommen und wert wurde, geliebt zu werden. Schließlich erlebte ich dort die Verbundenheit mit Gott durch die Natur.“ 28.12.1956
„Hier betete ich an einem Sommerabend im Jahre 1951 den Engel des Herrn, wobei ich diesen Friedhof und das Tal von El Tambo betrachtete, das man in seiner ganzen Ausdehnung und eindrucksvollen Dürre überschaut. In diesem Augenblick hatte ich den deutlichen und überaus klaren Eindruck, dass ich die Mystiker verstehen konnte. Das erste Mal in meinem Leben empfand ich das ungeheure, überwältigende Bewusstsein der Gegenwart Gottes an meiner Seite. Seitdem begann ich, Gott in der Natur zu spüren und ihn durch sie mit all meinen Fähigkeiten zu lieben.“ 28.12.1956
„Madrecita, ich bin mir absolut sicher, dass mich niemals eine andere Landschaft so intensiv in die Gegenwart Gottes versetzen kann wie die von Santa Adela und die des ganzen Elqui-Tals. Hier liegt etwas Besonderes in der nackten Größe der Berge, die machtvoll aus Felsen und Sand gemeißelt sind, in der eindrucksvollen Struktur dieser öden Schluchten, die, bis sich der Blick in ihnen verliert, tief in das ansteigende Bergland eindringen; in dem kleinen Tal, im Gegensatz zu den Bergen fruchtbar, strahlend und mit Blumen übersät, mit einer üppigen Vegetation, wie man sie in anderen Regionen des Südens und Mittelchiles nicht findet. Es gibt darin etwas, das mich fasziniert und all meine Sehnsüchte vollkommen erfüllt.
Vor allem ist es die Erfahrung des Kleinseins, ohnmächtiges Geschöpf zu sein, die mich angesichts der Erhabenheit und Herrlichkeit dieser einsamen und kargen Natur mit ihrer extremen Kahlheit überkommt, mich überrascht und mich spontan die Gegenwart Gottes begreifen lässt: Wenn ich hier bin, wandle ich in seiner Gegenwart, finde ich ihn in jedem Blick auf meine Umgebung, in den unermesslichen Umrissen der Berge, in den Felsen, von denen man meinen könnte, sie seien einer nach dem anderen von seiner Hand platziert, in der vollkommenen und stilisierten Form der borstigen Wüstenkakteen, in den allerkleinsten Blumen, die sich, staubbedeckt, im Schutz der Steine öffnen, im Wind, der beim Untergang der Sonne mit solcher Stärke weht, dass er fast den Reiter vom Pferd reißt ...
Madrecita, wahrhaftig, hier habe ich mit den Fingerspitzen Gott berührt und den Saum des Kleides Christi ergriffen.“ 28.12.1956
„Oft bin ich zu Fuß neben meinem Pferd ... durch die Seitenschlucht aufgestiegen, so hoch ich nur konnte, und habe in einer Verbundenheit mit dir und mit ihm gebetet, wie es mir nirgends sonst möglich war. Es ist ein Paradies der Einsamkeit, der Stille, des Friedens, der Gegenwart des allmächtigen Gottes!
Madrecita, wie viele Sternenhimmel betrachtete ich auf diesen Wegen oder im Garten des Hauses. Es waren ganze Stunden, in denen ich Minute um Minute in einer Intensität und Vertrautheit die Verbundenheit mit allem erfahren habe, was ich in der natürlichen und übernatürlichen Welt liebe und was ich schwerlich in Zukunft wieder genießen kann: In diesen Abenden und in diesen Nächten, in denen ich den Mond betrachtete, wie er sich über dem mit Eukalyptus und Agaven bedeckten Hügel erhob, verstand ich, warum ich Santa Adela so tief liebe: weil ich hier das Lieben gelernt habe. Ich dachte, dass es für mich der Himmel sein könnte, in Santa Adela zu leben, in dieser innigen Verbindung mit Gott und mit dir, Madrecita, und dabei zu wissen, dass dieses Leben in vollkommenem Frieden und Gebet niemals enden wird.“ 28.12.1956
„Madrecita, Santa Adela ist mir zur Heimat geworden, in der ich Gott begegne ... vielleicht deswegen, weil dort ein tieferes Verstehen der Natur möglich ist, weil es dort tiefere Stille und Frieden gibt ... Ich glaube jedoch, dass der Hauptgrund in dem bereits vorher Erwähnten liegt: Hier erfuhr ich in umfassender Weise zum ersten Mal, was Liebe ist und dass sich diese in mir gespürte Fähigkeit zu einer starken Liebe auf Gott hin entwickelte und sich auf ihn übertrug.
Madrecita,
deshalb fehlt in Santa Adela und El Tambo nur eines, um vollkommen zu sein:
Deine Gegenwart dort, ... vielleicht auf dem Friedhof von El Tambo oder in dem
Tal schon weit oben in den Bergen: Dort könnte ich mit meinen eigenen Händen
eine kleine Kapelle aus Steinen errichten und ein Bild dort lassen ...
Dann wären hier alle meine Lieben
zusammen.“ 28.12.1956
„Madrecita, heute will
ich Dir in Deinem Heiligtum danken für das neue Geschenk, das Du mir in der
letzten Woche gemacht hast: die Sonnenuntergänge. Madrecita, was für ein
unbeschreibliches Wunder! Ich müsste ein außergewöhnlicher Poet sein oder ein
hervorragender Maler, um einen Sonnenuntergang am Horizont von Santá Maria in
Richtung Uruguaiana beschreiben zu können oder den Augenblick, wenn die Sonne im
fernen Chile, vor La Serena, langsam im Meer versinkt ... Madrecita, ich sollte
viel darüber schreiben, vor allem, was es spirituell für mich bedeutet hat. Du
weißt, dass ich nur wenige Male in meinem Leben die Gegenwart Gottes so deutlich
gespürt habe wie in den Dämmerungen und
Abenden in Santa Adela. Hier, in Santa María, habe ich oft dasselbe erfahren,
vor allem heute: Die Wolken am Horizont nehmen so phantastische Farben an, sie
wechseln jeden Moment. Es ist unmöglich, darin nicht das Werk eines Künstlers zu
sehen, das alles menschlich Vorstellbare übertrifft.“
13.05.1957
Betrachtungen und Texte von
Mario Hiriart sind erhältlich über das:
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