Die große Sehnsucht nach Gott
Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch über die Renaissance des Glaubens und homosexuelle Priesterkandidaten
In Deutschland wird künftig wieder mehrüber Werte
gesprochen, die nichts mit dem Wirtschaftswachstum zu tun haben. Davon ist der
Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch im Interview mit der MITTELBADISCHEN
PRESSE überzeugt. Vor allem christliche Werte
rücken nach der Wahl der CDU‑Vorsitzenden Angela Merkel zur Bundeskanzlerin mehr
in den Mittelpunkt als unter der rotgrünen Bundesregierung. »In der neuen
Regierung haben wir einige profilierte Christen«, sagte Zollitsch. Der
67Jährige führt die Erzdiözese Freiburg, zu der die Ortenau gehört, seit 2003.
Ab Weihnachten gehört der Erzbischof zum Kolumnistenkreis der MITTELBADISCHEN
PRESSE.
Herr Erzbischof, die Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst hat Deutschland in Euphorie versetzt. Vor allem junge Menschen zeigen sich begeistert, wie auf dem
Weltjugendtag in Köln zu sehen war: Gibt es eine Renaissance des Glaubens?
ZOLLITSCH: Obwohl Benedikt XVI. kein »Star« ist so wie sein Vorgänger Johannes Paul II., hat er mit seiner Schlichtheit auf dem Weltjugendtag überzeugt. Er hat bei vielen großen Eindruck hinterlassen. Die Begeisterung der Jugendlichen spüren wir allerdings schon länger. In den jungen Menschen ist eine neue Religiosität wach geworden. Es ist die Sehnsucht, etwas von Gott zu erfahren, die Sehnsucht, Glauben zu erspüren.
Woran liegt es, dass die ,Junge Generation sensibler für Religiosität ist?
ZOLLITSCH: Jede Generation ist anders. Als ich 1967 als Vorsteher in das Priesterseminar in Freiburg kam, begannen vor dem Hintergrund der Wachstumsdiskussion die 68erDemonstrationen. Das kann doch nicht alles sein, fragte diese Generation. Die heutige Jugend stellt nicht mehr diese kritischen Fragen an die Wohlstandsgesellschaft, sondern sie fragt tiefer und ernsthafter: Wofür lohnt es sich zu leben?
Liegt das jetzt daran, dass es uns wirtschaftlich schlechter geht?
ZOLLITSCH: Nein, das glaube ich nicht. Vieles, was wir früher meinten mit Wirtschaftsentwicklung und technischem Fortschritt beantworten zu können, das befriedigt nicht bei den entscheidenden Fragen der Menschheit. Das führt zu neuem Fragen und Nachdenken.
Und wozu lohnt es sich nun zu leben?
ZOLLITSCH: Es lohnt sich zu leben, wenn ich einen Sinn und ein Ziel in meinem Leben entdecke, wenn ich etwas entdecke, das über den Alltag hinausgeht. Es kann nicht der Sinn des Lebens sein, möglichst viel Geld zu bekommen und dem Dolce Vita zu frönen.
Das hört sich gut an für die Zukunft einer sinngebenden Glaubensgemeinschaft, wie die katholische Kirche eine ist. Trotzdem laufen Ihnen die Gläubigen davon. Offensichtlich kann die Kirche den Wunsch nach Sinnfindung nicht erfüllen. Warum ist das so?
ZOLLITSCH: Wir müssen da differenzieren. Die Zahl der katholischen und auch der evangelischen Christen geht nicht nur deshalb zurück, weil so viele aus der Kirche austreten, sondern vor allem deswegen, weil so wenige Kinder geboren werden. Natürlich ist es schmerzlich, wenn Leute aus der Kirche austreten oder nicht mehr in den Gottesdienst kommen. Das ist eine Folge dieser offenen Gesellschaft. Es ist nicht mehr selbstverständlich, den Gottesdienst zu besuchen, wie das in früheren Zeiten der Fall war. Das stellt uns vor eine neue Situation.
Was lässt sich dagegen tun, dass sich das ändert?
ZOLLITSCH: Was wir noch nicht genügend getan haben, ist, der jungen Generation zu zeigen, wie Glauben zur Erfahrung und zum Erlebnis wird. Wir haben früher aufgezeigt, was zum christlichen Leben dazugehört. Doch das allein spricht junge Menschen nicht an. Die wollen wissen, wo sie Glauben erfahren können. Glaube muss wie in den USA wieder zum Alltag gehören.
Der Glaube in den USA besitzt teilweise fundamentalistische Züge. Das können Sie nicht wollen?
ZOLLITSCH: Nein, natürlich nicht. Aber ich finde es großartig, wenn zum Beispiel Politiker auch in der Öffentlichkeit über ihren Glauben sprechen. Vor dem fundamentalistischen Zug habe ich Angst, weil er die Freiheit des Evangeliums in Frage stellt.
Wir haben mit Angela Merkel eine CDU‑Kanzlerin. Werden die christlichen Werte nun einen höheren Stellenwert erhalten als früher bei Rot‑Grün?
ZOLLITSCH: Ich habe die Hoffnung, dass das so sein wird. In der neuen Regierung haben wir einige profilierte Christen. Ich habe mich gefreut, dass sich Angela Merkel klar zum christlichen Menschenbild bekannt hat. Auch Wolfgang Schäuble kommt von einer christlichen Position. In Deutschland wird wieder mehr über Werte gesprochen, die nichts mit dem Wirtschaftswachstum zu tun haben. Unsere freiheitliche Demokratie lebt von Werten, die der Staat selbst nicht garantieren kann.
Bleiben wir bei der Kirche. Weihbischof Bernd Uhl hat gegenüber Diakonen gefordert, ihre Aufgabe sei es, die beharrenden Kräfte in Bewegung zu bringen und die auseinanderstrebenden Kräfte in einer Gemeinde zusammenzuhalten. Wer sind die beharrenden Kräfte?
ZOLLITSCH: Nehmen Sie doch beispielsweise die Politik. Alle sprechen vom Sparen, aber die anderen sollen sparen. Was einem gewohnt und vertraut ist, das will man nicht aufgeben. In den Gemeinden und Seelsorgeeinheiten gibt es viele, die das bewahren wollen, was schon da ist. In den pastoralen Leitlinien wird das formuliert, wovon wir Abschied nehmen müssen. Nur so können wir den Aufbruch im Umbruch gestalten.
Von was gilt es dann Abschied zu nehmen?
ZOLLITSCH: Das können zum Beispiel bestimmte Gottesdienstzeiten sein. Oder auch Formen des Gottesdienstes, die manchen Generationen nichts mehr sagen. Ich habe gerade von einer 91‑jährigen Frau einen Brief bekommen. Für sie ist die moderne Musik beim Firmgottesdienst befremdlich. Aber sie fügte hinzu, dass sie es mit ihren 91 Jahren vielleicht auch nicht mehr verstehen müsse. Das ist doch versöhnlich. Ein weiteres: Der Pfarrer kann nicht für alles verantwortlich sein. Gemeindemitglieder und vor allem Frauen müssen mehr in die Gemeindearbeit integriert werden.
Also ganz praktisch gesprochen: Der Gottesdienst fängt sonntags erst um elf Uhr an, damit die Langschläfer eine Chance bekommen, in die Kirche zu finden.
ZOLLITSCH: In Offenburg-Nord gibt es ganz viele kleine Gemeinden. Da muss nicht jede Gemeinde ihren eigenen Gottesdienst abhalten, sondern man lädt sich abwechselnd gegenseitig ein. Das heißt, man sollte auch die Chance sehen, in einer größeren Gemeinschaft Gottesdienst zu feiern.
Die Gemeinde anders erleben, wenn Gläubige aus dem Nachbarort dazukommen.
Das ist natürlich auch eine Sparmaßnahme, weil es zu wenig Priester und weniger Kirchgänger gibt.
ZOLLITSCH: Es ist nicht nur eine Sparmaßnahme. Ich kann die Gemeinde ganz anders erleben, wenn um zehn oder halb elf aus dem Nachbarort Gläubige kommen. Wenn ich vorher als Jugendlicher der einzige in der Kirche war, gehe ich nicht mehr hin. Jetzt habe ich die Chance, noch andere Gleichaltrige zu treffen.
Auch rund um Schutterwald und Neuried sollen Gemeinden zusammengelegt werden. Glauben Sie wirklich, dass die Neurieder nach Schutterwald in die Kirche gehen werden?
ZOLLITSCH: Es geht um die Bildung der Seelsorgeeinheit Schutterwald-Neu-ried. In diesem Raum soll es zwei Priester geben. Auch in den größeren Orten wird es dort sonntags einen Gottesdienst geben. Jetzt geht es um die Frage: Wie viel Kooperation ist möglich bei der Jugendarbeit oder der Erwachsenen-Katechese? Dann könnte beispielsweise Neuried von Gemeindereferenten in Schutterwald mit profitieren.
Kehren wir noch einmal zu den beharrenden Kräften zurück. Das Festhalten am Zölibat, der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt und jetzt gerade aktuell erneut die Weigerung, homosexuell veranlagte Menschen zu Priestern zu weihen, macht die Kirche angreifbar. Sind das nicht auch Gründe, warum die Menschen sich von der Kirche abwenden?
ZOLLITSCH: Die evangelische Kirche hat diese drei Probleme nicht, und dennoch ist die Bindung der Menschen zur Kirche nicht stärker als bei der katholischen Kirche. Es ist zu einfach, mit diesen drei Punkten das Problem zu erklären. Sicher ist, dass sie unser Image in der Öffentlichkeit prägen.
Wie lässt sich der Zölibat erklären?
ZOLLITSCH: Die Forderung nach der Ehelosigkeit von Priestern ist eine gemeinsame Tradition von katholischer und orthodoxer Kirche. Bei den Orthodoxen können jedoch verheiratete Diakone zu Priestern geweiht werden, aber Geweihte dürfen nicht mehr heiraten. Der Zölibat ist ein Zeichen, dass sich Menschen völlig in den Dienst des Evangeliums stellen. Die Botschaft heißt: Ich habe alles auf die eine Karte gesetzt, ich werde bis in die Lebensform hinein Zeuge des Evangeliums.
Und die Frauen?
ZOLLITSCH: Frauen im Priesteramt, das ist eine große theologische Frage. Die Tradition, nach der nur Männer zu Priestern geweiht werden, gibt es seit Jesus Christus. Er berief nur Männer zu Aposteln. Johannes Paul II. hat gesagt, dass er sich nicht in der Lage sieht, sich über diese Tradition, an die sich auch die orthodoxe Kirche gebunden weiß, hinwegzusetzen.
Wer das Vatikan‑Dokument Homosexualität und Priesteramt liest, kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass da homosexuelle Menschen als schlechtere Menschen dargestellt werden.
ZOLLITSCH: Nein, das ist ein falscher Eindruck. Wer sich für das Priesteramt und die Ehelosigkeit entscheidet, muss sich über seine Geschlechtlichkeit klar werden. In der Priesterausbildung geht es auch darum, zu klären, wie gehe ich mit meiner Neigung um, wenn ich sie nicht praktizieren kann. Das ist eine Frage der Reife. Das Papier beschreibt etwas, was schon lange Praxis ist: Wer Homosexualität praktiziert, kann ebenso wenig Priester werden wie jemand der Heterosexualität praktiziert.
»Wer seine Sexualität praktiziert, kann nicht Priester werden.«
Wenn jetzt also ein Homosexueller seine Neigungen so im Griff hat wie ein Heterosexueller, dann kann er also Priester werden?
ZOLLITSCH: Wir entscheiden in jedem Fall einzeln, wie jemand in seiner Reife ist. Wer seine Sexualität praktiziert, kann nicht Priester werden. Wer Neigungen oder Wünsche hat, dem versuchen wir von der psychologischen und pädagogischen Seite aus zu helfen.
Noch ein Wort zum Zölibat. Die Vereinigung der verheirateten Priester behauptet, der Zölibat sei theologisch nicht haltbar. Ist das so?
ZOLLITSCH: Paulus empfiehlt die Ehelosigkeit. Er empfiehlt um des Evangeliums willen so zu leben wie er, also ehelos. Er fügt jedoch hinzu, dass der, der »brennt«, lieber heiraten soll. Das neue Testament fordert also nicht unbedingt den Zölibat. Er ist eine Tradition, die sich in Hunderten von Jahren entwickelt und bewährt hat. Der Zölibat ist im Unterschied zu Frauen im Priesteramt eine kirchliche Entscheidung und keine theologische Notwendigkeit.
Also der Papst könnte morgen sagen, dass der Zölibat aufgehoben wird?
ZOLLITSCH: Aber er würde es sicher nicht ohne ein Konzil tun.
(Mittelbadische Presse – Brennpunkt – vom 3./4. Dezember 2005)