Gedanken zur Jahreslosung

 

Sinn und Zweck einer Losung ist es - denken Sie an den militärischen Bereich und den Begriff “Parole” - Einlass zu finden. Für uns, für den religiösen Bereich, heißt das, dass wir uns unter einem bestimmten Aspekt Zugang zu Gott erarbeiten wollen, um tiefer in das Geheimnis Gottes einzudringen, auch wenn Gott letzten Endes immer unergründlich und geheimnisvoll bleiben wird.

Es geht hier nicht um ein einfaches “Abarbeiten” der Jahreslosung, sondern um eine tiefere Erkenntnis dessen, was Gott für uns bedeutet.

Die Jahreslosungen der letzten drei Jahre waren:

            “Werkzeug der Liebe Gottes sein “ - 2003/2004 und 2004/2005

            “Entdecke Gottes Spuren in deinem Leben” - 2005/2006.

“Vaterspuren wollen wir folgen” - das ist die Losung, die für das Jahr 2006/2007 erarbeitet worden ist.

Werkzeug der Liebe Gottes sein: Das bedeutet, ganz offen sein für den Willen Gottes, sich ihm ganz zur Verfügung stellen, damit er durch uns wirken kann; “Zweitursache” sein ist der Begriff, den Pater Kentenich dafür geprägt hat.

Eine solche Offenheit befähigt uns, Gottes Spuren in unserem Leben und im Ablauf des gesamten Weltgeschehens zu entdecken. Seine Spuren sind schließlich Wegweiser, die er uns aufgestellt hat, damit unser Leben gelingt, damit wir nach unserem Tod bei ihm ankommen.

Die diesjährige Jahreslosung ist nun fast eine Fortsetzung, eine Weiterentwicklung der zuvor genannten Losungen. Sie geht davon aus, dass wir in den letzten Jahren ein wenig gelernt haben, offen zu werden für die Hinweise Gottes in unserem Leben, sie ist fast eine Aufforderung an uns:

Vaterspuren wollen wir folgen, oder anders gesagt: Folgt jetzt auch den Spuren des Vaters, die ihr entdeckt habt, zögert nicht, sondern werdet aktiv.

Werfen wir einen Blick auf die Symbolkarte, auf der die Jahreslosung graphisch umgesetzt worden ist. Wir sehen:

 -    das Vaterauge:
Wir erinnern uns, dass es das beherrschende Symbol auf der Symbolkarte des letzten Jahres gewesen ist. Dieses Vaterauge mit seinen 24 Strahlen zeigt an, dass Gott immer, in jeder Sekunde unseres Lebens gegenwärtig ist.

 -    offene Türen:
Das ist ja ein Begriff, den Pater Kentenich häufiger bei seinen Ausführungen über den Vorsehungsglauben gebraucht hat: Türen, die Gott dem Menschen geöffnet hat und ihn einladen, hindurchzugehen.

 -    Pater Kentenich, der mit einem Kind durch eine offene Tür schreitet: Puer et Pater, Kind und Vater zum einen, aber auch Gemeinsamkeit von Vater und Kind.

 -    die Jahreslosung “Vaterspuren wollen wir folgen”.

      und - was ganz wichtig ist:

 -    Hinweise, wo überall wir diesen Vaterspuren folgen sollten: in der Familie, im Beruf; in der Gesellschaft, in der Kirche.

Damit kommt im übrigen ganz deutlich die Idee Pater Kentenichs zum Vorschein: Jeder Einzelne soll ja, egal, wo er sich befindet, für Gott wirken, ihn lebendig werden lassen in dieser Welt.

Vaterspuren - das sind Spuren des Vaters, des VATERS, des VATERGOTTES. Gott ist also nicht irgendein numinoses Wesen, sondern er ist VATER. Er ist ein Vater, den wir ansprechen dürfen, er wartet sogar darauf, von uns angesprochen zu werden. Er ist nicht der strenge Vater, der unerbittlich seine Rechte durchsetzt, sondern in erster Linie der Vater, der sich der Sorgen und Nöte seiner Kinder annimmt. Und dieser Vater gibt sich uns zu erkennen, indem er Spuren legt.

Zwei Begriffe sind vorrangig zu untersuchen: Der Begriff “Vater” und der Begriff “Spuren”.

Vater

Was verbinden Sie mit dem Begriff “Vater”? Wie sieht Ihr Vaterbild aus? Anders gefragt: Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Vater gemacht? Sind Sie ihm lieber aus dem Wege gegangen, wenn er müde von der Arbeit nach Hause kam? Hatte er Zeit für Sie - vielleicht am Wochenende wenigstens?

Können Sie sich vorstellen, dass jemand ein solches Vertrauen zu seinem Vater hat wie Jesus? In der qualvollsten Stunde am Kreuz konnte er noch sagen: Papa, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.

Oder eine weitere Frage: Wie sind oder wie waren Sie als Vater?

Doch: Was hat das alles mit meiner Beziehung zum Vatergott zu tun?

Es ist eine psychologische Einsicht, dass die konkrete Vatererfahrung des Menschen dessen Gottesvorstellung und - was noch wichtiger ist - die irrational bestimmten Beziehungen zu Gott prägen. So schafft ein positives Vatererlebnis problemlos das Grundgefühl des Urvertrauens in einen verlässlichen, sorgenden und barmherzigen Gott. Negative Erfahrungen mit dem irdischen Vater dagegen führen zu angst- und schuldbesetzten Grundgefühlen gegenüber einem unzuverlässigen und strafenden Gott. Wenn wir uns also jetzt mit dem Bild des irdischen Vaters beschäftigen, ist damit zugleich immer auch unser Bild und unsere Beziehung zum Vatergott angesprochen.

Vater - darunter verstehen wir natürlich nicht nur den Vater im biologischen Sinn, sondern auch den Vater im geistigen Sinn. Ein solcher Vater ist ganz ausgeprägt Papst Johannes Paul II. gewesen - und wie sehr ist er von der Jugend verehrt worden. Gerade er zeigt, wie sehr die Jugend ein Vaterbild vermisst, wie sehr, wie stark sie Väter sucht, die ihnen helfen, zu ihrer eigenen Identität zu finden. Ganz modern gesagt: Die Männer von Schönstatt liegen damit voll im Trend.

Auch Papst Benedikt XVI. – wir haben das beim Weltjugendtag und auch jetzt wieder bei seinem Besuch in Bayern erlebt – wird als Vater erfahren.

Pater Kentenich war ebenfalls eine ausgeprägte Vaterpersönlichkeit. Er ist ja der Vater der Schönstattgemeinschaft. Wir sehen ihn auf unserer Symbolkarte auch als Vater: Er ist der geistige Vater dieses Kindes und geht mit ihm durch eine Tür, begleitet es also in seine Zukunft hinein. Diese Vaterschaft ist bei Pater Kentenich und dem verstorbenen Papst sehr ausgeprägt gewesen.

Aber Vaterschaft gilt nicht nur für diese beiden Personen, sondern jeder einzelne Mann ist aufgerufen zu solch einer Vaterschaft. Vaterschaft ist gleichsam eine Eigenschaft, ist Wesensmerkmal des Mannes. Vater zu werden, besser: Vaterschaft zu entwickeln ist also Aufgabe eines jeden Mannes - ganz unabhängig davon, ob er nun biologischer Vater ist oder nicht. Es kommt in erster Linie auf die innere, die geistige Einstellung an, durch die der Mann dann nach außen, auf seine Umgebung einwirkt.

Unser Wort “Vater” leitet sich von dem lateinischen “pater” ab, das wiederum seine Wurzel im Indogermanischen hat und “Haupt der Familie, Erzeuger, Ernährer” bedeutet. Im Sanskrit, der heiligen Sprache der Brahmanen, gibt es das Wort „pitaru“, auf das letztlich „pater“ zurückgeht, und dieses Wort „pitaru“ heißt sowohl „Vater“ als auch „Mutter“. Überlegen Sie einmal, was wir dann damit ausdrücken, wenn wir Gott als „Vater“ anreden dürfen: Seine Vaterschaft umfasst auch die Mütterlichkeit.

Wir tun uns heute schwer, das Wort “Vater“ in diesem Sinn zu gebrauchen, wir tun uns überhaupt schwer mit den Worten „Vater, Vaterschaft, Väterlichkeit”. Die Worte klingen altmodisch, konservativ, um nicht zu sagen: reaktionär. Gleiches gilt im übrigen schon fast auch für den Begriff “Familie”.

Die Gründe dafür, dass der Vaterbegriff so negativ belastet ist, sind vielschichtig. Dazu beigetragen haben z. B. despotische und unberechenbare Väter in der Familie; preußischer Drill: Dem Vorgesetzten - er vertrat gleichsam des Vaters Stelle - musste bedingungslos gehorcht werden. Dazu beigetragen hat auch der Machtmissbrauch in Diktaturen; die traditionelle Überbetonung männlicher Werte bei gleichzeitiger Zurückdrängung der Frau in eine Opferrolle.

Die 68-Revolution hat die Abrechnung mit diesem Vaterbild dann vorgenommen, das Vaterbild zerstört. Das war einfach, denn der Vater, das Vaterbild, hatte den Argumenten nichts Substantielles mehr entgegenzusetzen. Schon 1966 hatte Pater Kentenich diese Entwicklung erkannt und vom “Mord der Väter” gesprochen. Der Verweis auf die 68-Revolution bedeutet im übrigen keine Schuldzuweisung. Es ist zu bedenken, dass viele dieser jungen Menschen ohne Vater aufgewachsen sind – denken Sie an den 2. Weltkrieg, aber auch daran, dass zum Teil deren Väter wegen des ersten Weltkrieges ebenfalls ihren eigenen Vater nicht erlebt haben. So könnte man das Verhalten der 68-Jugend auch als einen Schrei nach einem vorbildlichen Vaterbild auffassen.

Heute ist noch hinzugekommen: die Erzeugung von Menschen in Laboratorien. Der Vater ist zum bloßen Samenspender degradiert und hat keine weiteren Funktionen mehr.

Und es ist dabei noch mehr geschehen. Dadurch, dass die Verbindung zum Vater gelöst worden ist, steht das Kind, der Mensch, alleine da, isoliert. Er fühlt sich nicht mehr als Glied in einer Kette von Generationen, sondern sieht sich ganz isoliert. Dieses Nicht-Verbundensein mit dem Vater und damit auch mit den vorherigen Generationen bedeutet: Ich bin aus mir selbst, ich bin von niemandem abhängig. Das bedeutet allerdings auch eine Isolierung des Einzelnen, die zur Folge hat, dass die Fähigkeit des Einzelnen zu einer Bindung in hohem Maße - wie wir das im übrigen heute weithin bemerken - verloren gegangen ist. Diese Bindungs- und Beziehungslosigkeit in der heutigen Zeit ist ein großes, gesellschaftliches Problem.

Diese Isolation hat der Mensch auf seine Beziehung zu Gott übertragen. Es mag einen Gott geben, das weiß man nicht so genau, aber wenn es ihn denn gibt, dann ist er irgendwo im Weltenraum und kümmert sich nicht mehr um die Welt. An einen Vatergott zu glauben ist bei einer solchen Denkweise völlig unmöglich.

Hier kann man meines Erachtens den zuvor erwähnten Zusammenhang von menschlichem und göttlichem Vaterbild erkennen. Da unser Vaterbild in den letzten 100 bis 150 Jahren immer weniger dem ursprünglichen oder sagen wir besser: gottgewollten Vaterbild entsprochen hat, haben unsere Vorstellungen vom Vater und damit auch von Gott zunehmend auf tönernen Füßen gestanden, sonst wären diese Begriffe nicht so sang- und klanglos untergegangen.

Wir stehen also vor einem Scherbenhaufen. Es hätte sicherlich einen anderen Weg gegeben, um wieder zu einem neuen und richtigen Vaterbild zu kommen, aber hier hat sicherlich der Diabolos, der Durcheinanderwerfer, alles kräftig durcheinandergeworfen. Er will ja unser Verhältnis zu Gott zerstören, und das hat er über die Zerstörung des menschlichen Vaterbildes erreicht.

Dennoch kann man dieser Situation auch positive Seiten abgewinnen. Wir haben jetzt nämlich die Möglichkeit, die sinnentleerten Begriffe “Vater, Vaterschaft, Väterlichkeit” mit neuem Inhalt zu erfüllen, mit einem Inhalt, den wir Männer uns erarbeiten müssen, den wir nicht einfach als vorgegeben übernehmen müssen.

Pater Kentenich verwendet den Ausdruck “puer et pater”, Kind und Vater. Der Mann soll Kind Gottes und aus dieser Kindschaft heraus Vater in der Welt sein.

Erzbischof Cordes (Verlorene Väter, S. 50), von dem ich viele Gedanken für diesen Vortrag übernommen habe, schreibt zur biologischen Vaterschaft: Von der Gegenwart des männlichen Körpers geht etwas auf das keimende Selbst des Kindes über. Wer niemals in dieser Weise von seinem Vater als Individuum hervorgebracht worden ist, dessen Selbstachtung bleibt eingeschränkt.

Übersetzt auf unsere Beziehung zum Vatergott heißt das: Unsere Beziehung zum Vatergott als seine Kinder kann nicht eng genug sein. Je enger sie ist, desto mehr werden wir Individuen mit Selbstachtung und väterlicher Kompetenz. „Vater, ich habe Deinen Namen den Menschen kundgetan“, so zitiert Johannes (17,6) eine Aussage Jesu. Und dieser Name ist der Vatername. Gott offenbart sich damit also tatsächlich als Vater.

Aus diesem Verhältnis unseres Kindseins erwächst unsere Kraft zu Vaterschaft, zu Väterlichkeit, zum Vatersein. Das ist es, was Pater Kentenich mit dem Begriff „puer et pater“, Kind und Vater zugleich, sagen will.

Deshalb stellt Paulus auch so nachdrücklich die alttestamentliche Knechtschaft der neutestamentlichen Kindschaft gegenüber.

Unsere Vaterschaft leitet sich also ab aus der Vaterschaft Gottes, unsere Vaterschaft erwächst aus unserem Kindschaftsverhältnis zu Gott und ist dadurch geprägt. Kindschaft bedeutet in diesem Zusammenhang natürlich nicht ein unmündiges und unbedarftes Kindsein, sondern steht für absolute Offenheit, für uneingeschränktes Vertrauen zum Vatergott und seinen Willen, vielleicht besser gesagt: Für seine Wünsche, denn den Begriff “Wille” übersetzen wir meistens mit “Befehl”. Und Gott ist ja nicht derjenige, der als autoritärer Befehlshaber auftritt, sondern er berücksichtigt den freien Willen des Menschen, will dessen Mitarbeit aus dessen freiwilliger Entscheidung heraus. Gott als den Vatergott zu verkündigen ist und bleibt nur möglich durch Menschen, ist nur dadurch möglich, dass wir als Männer Transparente des unsichtbaren Vatergottes werden. Und dazu sind auch wir Männer aufgerufen.

Dazu das folgende Beispiel:

Ein Betrieb wird vom Inhaber selbst mit großer Verantwortung geführt. Es ist bekannt, dass seine Anordnungen stets dem Wohl der Firma dienen. Man kann ihm in allem voll vertrauen. Deshalb identifiziert sich ein Mitarbeiter voll und ganz mit den Ideen seines Chefs, ist völlig offen für seine Weisungen. Was ist die Konsequenz daraus? Er gleicht sich in seinem Auftreten und seinem Handeln immer mehr dem Auftreten und Handeln seines Chefs an. In ihm spiegelt sich der Chef wider.

Oder denken Sie an ein kleines Kind, das in seinem Verhalten den Vater, die Mutter nachahmt: In ihm spiegelt sich das Verhalten von Vater und Mutter wider.

In Jesus spiegelte sich der Vatergott wider – „Abbild des Vaters“ ist unsere Bezeichnung dafür.

Eben dieses ist gemeint mit unserem Kindschaftsverhältnis zu Gott. Je mehr wir offen werden für seine Wünsche, desto mehr verkörpern wir den Vatergott.

Noch ein Beispiel:

Ich habe vor vielen Jahren einmal eine Studienreise durch Marokko gemacht. Wir waren irgendwo in einer einsamen und wüstenähnlichen Gegend und standen auf einmal vor einem großen Zelt, in dem eine ganze Familie lebte.

Nur die Frauen und Kinder waren dort. Dann stand ganz plötzlich der Chef der Familie, der Vater, hoch zu Ross vor uns und beobachtete ganz ruhig die Situation. Alle wussten, die Frauen und Kinder und wir Touristen ebenfalls, der Vater ist da, es wird nun nichts passieren. Es war für mich ein sehr beeindruckendes Bild einer beschützenden und sorgenden Vaterschaft.

Fortsetzung folgt!                                                                    Manfred Robertz