Tag der Männer, Oberkirch: „Dem Vater auf der Spur“

25.03.2007 Schrifttexte: Jes 43,16-21; Phil 3,8-14; Joh 8,1-11
Meine lieben Männer,
liebe Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens,
vor Männern über die Bedeutung von Gott als Vater zu sprechen, das müsste doch ein Heimspiel sein; das scheint zu den einfachsten Dingen zu gehören, die man sich vorstellen kann. So könnte man meinen. Und in der Tat: Es ist unsere ureigenste Aufgabe, als Männer und Väter Abbild des liebenden Vatergottes zu sein, der uns allen seine väterliche Zuneigung schenkt. Deshalb ist es so entscheidend, diesem Vater auf der Spur zu sein, ihn in unserem Leben zu entdecken.
Es könnte alles ganz einfach sein, wenn es da nicht auch die andere Seite der Medaille gäbe. Bereits zum Ende des letzten Jahrhunderts zog der SPIEGEL-Autor Matthias Matusek in seinem Buch „Die vaterlose Gesellschaft“ eine ernüchternde Bilanz: Erschreckend viele Kinder wachsen ohne jegliche Beziehung zu ihrem Vater auf, besonders aufgrund zunehmender Scheidungsraten.[1]
Aber selbst in sogenannten ‚intakten’ Familien scheinen die Väter für ihre Kinder zunehmend auszufallen. Dies stellte der 1. Vorsitzende des „Forum Familie Stark Machen“, der uns gut bekannte Professor Hubertus Brantzen, dieser Tage bei der Präsentation einer Umfrage fest, die dieses Forum in Auftrag gegeben hatte:
Nur 37% der Männer sagen demnach von sich, dass sie genug Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wie würden erst die Zahlen aussehen, wenn wir die Kinder befragen würden...
In einer Zeit, in der vor allem über die Bedeutung der Mütter für ihre Kinder gesprochen wird, dürfen wir nicht außer Acht lassen, wie entscheidend und wertvoll die Männer, wie grundlegend die Väter für die Familien und das Miteinander in der Familie sind. Sie haben die große Aufgabe, als Väter, und sei es als Großväter, das Bild des Vaters in ihrer Familie, in der Gesellschaft wach zu halten. Denn nur dort, wo ein liebender Vater erfahrbar wird, kann die Rede vom liebenden Vatergott den Resonanzkörper finden, in dem erkennbar wird, was darunter zu verstehen ist.
Doch wie können wir uns selbst schulen dafür, wie können wir dafür offen werden, als Väter unser Umfeld aktiv zu gestalten? Am besten, indem wir bei Jesus Christus selbst in die Schule gehen, bei dem, der gesagt hat: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9) Wir können dies tun, indem wir etwa auf den Schrifttext schauen, der uns soeben verkündet wurde. Und wir können es tun, indem wir auf den Vater unserer Schönstattbewegung schauen, auf P. Joseph Kentenich, der uns mitten in dieses Thema führt. „Der Hauptbeweggrund für das göttliche Handeln ist seine väterliche Liebe.“[2] , führt der Gründer Schönstatts in den von ihm gehaltenen Priesterexerzitien mit dem Titel „Kindsein vor Gott“ aus. Das ist gleichsam die Überschrift, der Grundzug Gottes: ja, es ist sein Wesen. Dabei darf die liebende Väterlichkeit keineswegs einseitig oder gar dahingehend falsch gedeutet werden, als dürfe der Vatergott nicht auch wehtun. „Er ist auch der gerechte Gott, aber die Gerechtigkeit wird jeweils in Bewegung gesetzt durch die Barmherzigkeit, durch die väterliche Liebe.“[3]
Das heutige Tagesevangelium ist dafür ein gutes Beispiel. Hier geht es zunächst um die Frage der Gerechtigkeit. Eine Frau, die die Ehe gebrochen hat, soll ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Was allerdings die Menschen zur Zeit Jesu unter Gerechtigkeit verstehen, das hat einen Riesen-Mangel: Die Liebe. Sie würden durch die Steinigung der Ehebrecherin nach der einen Seite hin ein klares Zeichen setzen. Das andere würden sie dadurch allerdings nicht darzustellen vermögen: Die Liebe Gottes zu allen Geschöpfen. Dieser grausame Tod hätte alles an sich, aber nicht die Spur der Liebe. Das kann Jesus nicht unterstützen, das lässt sich nicht mit der liebenden Vatergüte verbinden, die er uns Menschen offenbaren und zeigen will. Deshalb wird er die Frau nicht zum Tode verurteilen, sondern zum Leben führen. Doch in seiner Liebe bleibt er nicht ohne Anspruch! Denn gerade das zeichnet die Liebe eines gütigen Vaters aus, dass sie nicht oberflächlich bleibt und alles gleichermaßen gutheißt. Er entlässt sie mit einer klaren Forderung: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11) Jesus selbst zeigt uns durch sein Beispiel, wie Handeln aus väterlicher Liebe heraus gelingt. Der Hl. Joannes Bosco hat dies erkannt, wenn er ausführt: „Wollt ihr, dass eure Zöglinge die oder jene sittliche Tugend üben, dann müsst ihr dafür sorgen, dass eure Zöglinge euch gerne haben. Wie sollt ihr das erreichen? Damit eure Zöglinge euch gerne haben, müsst ihr sie zuerst gerne haben.“[4]
Handeln aus der Liebe Gottes, aus der Liebe des Vaters, das heißt zuerst den anderen zu lieben. Dies schließt aber gerade ein, nicht alles an ihm gutzuheißen, sondern ihn durch Herausforderung und Ermutigung zu seinen Möglichkeiten hinzuführen, nicht mit dem Zeigefinger, nicht als Mahnung und Forderung, sondern durch die eigene Liebe, die für mich selbst Antrieb des Handelns ist.
Meine lieben Brüder, liebe Schwestern,
lang haben wir bisher von den Vätern gesprochen; Väter verlangen aber auch nach Kindern. Vatersein gibt es nur, wenn es im gleichen Sinne auch Kindsein gibt. Durch das Kind erlangt der Vater seine Aufgabe und seine Bedeutung. Und wenn Gott der Vater von uns Menschen ist, dann sind wir seine Kinder. Eigentlich eine ganz einfache und logische Erkenntnis; und trotzdem ist sie heute keine Selbstverständlichkeit mehr, denn viele Haltungen, die Kinder auszeichnen, sind nicht so ohne weiteres mit dem Bild und den Vorstellungen vereinbar, die in unserer Gesellschaft vorherrschen. Kinder wissen sich in der Abhängigkeit ihrer Eltern. Sie wissen, dass sie nicht alles alleine können, dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Zwar stehen wir immer wieder vor schier unlösbaren Problemen, wie aktuell etwa die Diskussion um den Klimawandel zeigt; doch wird nicht stets auch suggeriert, wir könnten alles lösen, wir hätten alles selbst in der Hand? An dieser Stelle könnte man an vieles erinnern: Etwa an den Enthusiasmus, mit dem die Gentechnik Erfolge verspricht, ohne auf Risiken zu schauen; oder an die Debatte um die Euthanasie, in der der Mensch es selbst in die Hand nehmen will, wann er seinem Leben ein Ende bereitet. All diesen Einstellungen ist eines gemeinsam: Sie verweigern letztlich das Kindsein. Es geht um die Haltung, dass wir meinen, alles selbst entscheiden zu können, alles im Griff zu haben. Aber genau dies ist der falsche Weg, nicht nur, weil er uns nicht weiter führt; dieser Weg ist auch deshalb falsch, weil er von seiner Grundlage her nicht stimmt. Wir haben eben als Menschen nicht alles selbst in der Hand, wir können nicht alles allein bestimmen und festlegen. Es gehört zu unserem Wesen, dass wir Kinder sind. Dies zu erkennen und daraus zu handeln, das ist es, worauf P. Kentenich deshalb so großen Wert legt: „Darauf kommt es an: dass wir nicht bloß die Idee der Kindlichkeit klar vor Augen haben, sondern dass unser ganzes Sein und Wesen davon erfüllt ist.“[5]
Kindsein ist dabei keineswegs nur gleichzusetzen mit Ohnmacht und Kleinsein; Kindsein hat viele Seiten, die uns helfen, unser Leben freudig anzugehen. In einem Lied der Schönstatt-Jugend, von Johannes Ganz 1974 verfasst, wird dies so beschrieben. „Vater, du hast uns einen Namen geschenkt, noch bevor die Erde entstand. Vater, du hast uns deine Liebe immer geschenkt, weil deine Kinder wir sind.“[6] Wie unglaublich bereichernd und tragend ist es, diese unverdiente Liebe zu erfahren, die nur einem Kind geschenkt werden kann. Wenn ich bekomme, was ich mir erarbeitet habe, dann kann ich möglicherweise darauf stolz sein. Wenn ich aber ohne Vorleistung die Liebe Gottes erfahren darf, dann macht mich das selbst zu einem Liebenden, dann werde ich davon so sehr erfüllt, dass mich das ganz bestimmt. Keineswegs führt mich das in Abhängigkeit oder in Resignation, es befreit mich vielmehr, das zu tun, was mir und meiner Berufung entspricht! So heißt es in dem genannten Lied weiter: „Jeden Tag sind deine Zeichen da. Jeden Tag bist du uns spürbar nah. Jeden Tag schenkst du Gelegenheit. Machst für deinen Auftrag uns bereit, hilfst uns unseren Namen klar zu sehn.“[7] Gerade durch das Kindsein erhalte ich die Würde und die Fähigkeit, dann auch Vater für andere zu werden. In der Weise, wie ich Liebe selbst erfahren habe, kann ich sie anderen weitergeben!
Wer Geschenke annehmen kann, die Freude erfährt, die davon ausgeht, der kann dieses Schenken an anderer Stelle und in anderer Form weitergeben. Wer die Vaterliebe Gottes erfahren hat, wer sich nicht davor scheut, sich auch als Erwachsener und im Alter von Gott als dem Vater gerufen und geführt zu wissen, der kann selbst ein liebender Vater werden, der seinen Kindern dieses Geschenk ebenfalls ermöglicht.
Deshalb sagt es unser Pater Kentenich deutlich: „Werde, was das Kind ist! Auch ich muss mir ein unerschütterliches Vertrauen aneignen auf den Vatergott, im einzelnen: Auf die Allmacht des Vaters, auf die Güte des Vaters, auf die Treue des Vaters. Das sind die drei Eigenschaften, auf die das Kind im natürlichen und übernatürlichen Vertrauen so fest baut. Will ich mich deswegen im kindlichen Vertrauen stärken, dann muss ich ständig leben in diesen drei Eigenschaften Gottes.“[8]
Liebe Brüder im Glauben,
ich freue mich, dass Sie sich immer wieder auf diesen Weg begeben, wie ihn der Vater und Gründer der Schönstattfamilie beschrieben hat, und dass wir so dem liebenden Vatergott auf der Spur sind. Ich bin überzeugt, dass dadurch viel Heil gewirkt werden kann, dass unsere Gesellschaft keineswegs als ‚vaterlos’ bezeichnet werden kann, solange sich so viele Väter in der Nachfolge unseres himmlischen Vaters befinden. Gehen wir diesen Weg im Vertrauen auf die Zusage, wie sie in dem bereits zitierten Lied von Johannes Ganz formuliert ist, der von unserem gütigen Vatergott schreibt: „Unsre Sehnsucht hast du schon gekannt, unser Wesen hast du schon benannt, unsres Lebens Sinn hast du gesehn, Deinen Geist ließ’st über uns du weh’n, noch bevor du Abraham beriefst.“[9] Nehmen wir dies als Ermutigung und als Zusage Gottes, der selbst sein Heil schon an so vielen Menschen gewirkt hat. Amen.
[1] Vgl. Mattusek, Matthias: Die vaterlose Gesellschaft, Hamburg 1998, S. 31ff
[2] P. Josef Kentenich (bearb. von Günther-Maria Boll): Kindsein vor Gott, Vallendar-Schönstatt 1979, S. 45
[3] ebd. S. 46
[4] zitiert nach, ebd. S. 49
[5] ebd., S. 51
[6] zitiert nach: P. Josef Kentenich (hersg. von Günther-Maria Boll): Geborgen im Vatergott, Vallendar-Schönstatt
1999, S. 98
[7] ebd.
[8] P. Josef Kentenich: Exerzitien für die Patres der Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee (Schweiz), 1937
[9] zitiert nach: P. Josef Kentenich (hersg. von Günther-Maria Boll): Geborgen im Vatergott, Vallendar-Schönstatt
1999, S. 98