“Vatersein und Vatersinn”

Liebe Männer,

nach der heiligen Messe im Urheiligtum wenden wir uns einem Thema zu, das unserem geistlichen Vater, Pater Kentenich, von Anfang an ein besonderes Anliegen war: Vatersein und Vatersinn.

Hinführung zum Thema

A.  Von Gott her

In den Vorträgen Pater Kentenichs mit dem Buchtitel “Kindsein vor Gott” kommt schon zu Beginn der Hinweis auf Vatersein und Vatersinn. Väterlichkeit schließt ein doppeltes Element in sich: Vatersein und Vatersinn. Väterlichkeit in dieser doppelten Sinndeutung ist schlechthin das Wesen Gottes. Das Wesen Gottes ist Vatersein. Diesem Vatersein entspricht der Vatersinn Gottes.” (Kindsein S. 44).

Pater Kentenich denkt an dieser Stelle von oben her: Was ist uns Menschen von oben geoffenbart? Was hat uns Jesus als Offenbarung gebracht? Es ist die Botschaft vom Vatergott. Darüber werden wir später hören, denn meistens beginnt man heute mit einer Situationsanalyse: Wie ist die Lage?

B.  Wie steht es heute mit Vater und Vatersein von den Menschen her?

Ich bringe Gedankengänge aus einem Vortrag von Bischof Klaus Küng von St. Pölten, über das Vatersein (Zenith-Nachrichtendienst, 7. Februar 2006), dazu Hinweise auf dieses Thema in heutiger Zeit.

1.   Eine vaterlose Gesellschaft

Ein besonders wichtiger Aspekt in unserer Zeit ist die Vaterlosigkeit: Alexander Mitscherlich sprach schon vor Jahrzehnten von der "vaterlosen Gesellschaft". Er meinte damit die Erscheinung, dass die Industriegesellschaft auf Funktionen basiert. Es zählt das Know-how, der Manager, der Macher, der Star. Nicht die Persönlichkeit, sondern die Leistung, die Kraft, das Geld, die Schönheit. Das führt zu einem Abbau der Bedeutung persönlicher Autorität in der Schule, in der Politik. Die Medien spielen in diesem Geschehen eine besondere Rolle.

Aber es ist nicht nur das. Verloren war der Vater zuerst in der für das Kind weit weg liegenden Arbeitswelt, aus der der Vater am Abend kurz zurückkam, meistens nicht gut aufgelegt, manchmal eventuell noch bereit zu einem Spielchen mit dem Kind vor dem Ins-Bett-Gehen. Viel konnte man von ihm nicht erwarten, denn er hatte schon genug gearbeitet, war müde und wollte nur essen und vor dem "Kasten" (TV) sitzen, mit dem Bierkrug in der Hand. Bisweilen war der Vater die richterliche Autorität, an die die erschöpfte Mutter appellierte, um das launische Kind in die etablierte Hausordnung zu fügen.

2.   Die Vital-Bindung von Vater und Kind

Wenn der Vater sich dem Kind nicht zuwendet, kann keine "Vital-Bindung" entstehen. Diese ist wichtig.
Dieser Begriff ("Vital-Bindung") stammt von Viktor von Weizsäcker, dem Begründer der deutschen psychosomatischen Medizin. Er sagt, dass die Entstehung einer Vital-Bindung die unersetzliche Voraussetzung für Erziehung ist. Die Mutter hat in dieser Hinsicht einen eindeutigen Vorteil. Vital-Bindungen sind die Grundlage für Kontakt, Zuneigung, Kommunikation, sie müssen aber verwandelt werden. Weizsäcker lehrt, dass sie gelöst werden müssen. Allein so wird eine Weiterentwicklung des Kindes möglich, auch wenn ihre Wandlung schmerzhaft sein kann und bei ihrer Entwöhnung gewisse Probleme auftreten können. Wörtlich sagt Weizsäcker: "Jeder Erzieher untersteht dem dialektischen Gesetz, dass er nur dort wirken kann, wo eine Bindung ist, und dass er nur dort bilden kann, wo er auch die Bindung wieder löst.

Bei Pater Kentenich ist vom Gesetz der Übertragung (Gott überträgt seine Eigenschaften auf Menschen), Weiterleitung und Höherleitung die Rede (der Mensch soll weiterleiten zu Gott). Der Vater, der eine Bindung an das Kind aufbaut, soll das Kind mit der Zeit weiterleiten zu anderen irdischen Autoritätsträgern in Kirche und Gesellschaft, aber immer auch weiterleiten zu Gott, dem Vater.

Bei Bischof Küng von St. Pölten heißt es weiter:

Die kindliche Vital-Bindung, besonders an die Mutter muss "entkindlicht" werden. Wo der Vater abwesend ist und die Frau sich in jeder Hinsicht vernachlässigt und missverstanden fühlt, also als Ehefrau und Erziehungspartnerin unbefriedigt ist, dort wird der Entwicklungsvorgang gehemmt. Dort entsteht häufig eine zu starke Mutterbindung, Ursache vieler Reifestörungen, denen man gerade in unserer Gesellschaft häufig begegnet.
Eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kindes kommt der Beziehung zwischen Vater und Mutter zu. Auch das ist grundlegend, um zu verstehen, was Vatersein bedeutet.

3.   Die Vaterforschung der letzten 30 Jahre

Sie hat stark zugenommen, bezieht sich meist auf Vater und Kleinkind und Mitarbeit in der Familie. Diese hat festgestellt, dass die physische und aktive Anwesenheit des Vaters die harmonische - gesunde Entwicklung des Kleinkindes im großen Ausmaß fördert, dass der Vater genauso fähig ist wie die Mutter Kleinkinder zu versorgen, mit ihnen zu kommunizieren und zu spielen, und das er sich dabei von der Mutter unterscheidet. Es geht dabei nicht nur darum, die Frau zu entlasten, sondern einem Grundbedürfnis des Kindes entgegen zu kommen. Der Vater ist dabei genauso kompetent wie die Mutter. Er sollte diese aber nicht einfach nachahmen, auch wenn es gut sein mag, dass auch er in der Lage ist, dem Kind die Flasche zu geben, das Kind zu baden und ihm die Windeln zu wechseln. Er sollte sich seiner Fähigkeiten bewusst werden und eine größere Verantwortung als Vater übernehmen.

4.   Diese schwierigste Form des "Vaterverlustes
entsteht durch die Ehescheidung

Sie ist die schlimmste Plage unserer Gesellschaft. Hier sind die negativen Folgen für die Kinder am deutlichsten erkennbar, mit oft verhängnisvollen Auswirkungen, die den betroffenen Kindern und Jugendlichen nicht selten für das ganze Leben eine Prägung geben und oft schwer heilbar sind. Die Ursachen sind komplexer Art, sie hängen mit dem Vaterverlust, aber auch mit einer Reihe von anderen Faktoren zusammen wie der Reaktion der Mutter auf die Trennung, das Auftreten wirtschaftlicher Probleme, eventueller Wechsel der Wohnung, der Schule, des Freundeskreises usw. Vor allem stellt der Konflikt der Eltern vor, während und nach der Scheidung eine besondere Belastung für die Kinder dar. Dies beeinträchtigt stark die emotionale und soziale Integration, es kommt zu einer dürftigen Entwicklung des Charakters und des Verhaltens, zu Defiziten in den Schulleistungen. Auch Aggressivität und Depressionen gehören oft zu den negativen Folgen der Vaterentbehrung der Scheidungskinder.
Viele Jungen wachsen ohne männliches Vorbild auf (verstärkt durch das starke Überwiegen von weiblichem Personal in der ganzen Erziehung). Bei den Jungen sind die Folgen besonders deutlich erkennbar, aber auch bei Mädchen spielt die Beziehung zum Vater für die Entwicklung, insbesondere für ihre Beziehungsfähigkeit, eine wesentliche Rolle. Manche verbringen ihr ganzes Leben mit der Suche nach dem Vater.

Beispiele für Suche nach dem Vater gibt es viele. Eine Frau erzählte, dass ihr Vater sehr streng war. Als Mädchen hatte sie immer Angst vor dem Vater, wenn er von der Arbeit heimkam und streng alles überprüfte. Ein Kettchen mit Medaille, das sie erhalten hatte, musste sie sofort in den Ofen werfen, weil sie den Vater nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Diese Angst übertrug sich auf Gott-Vater. Als sie mit etwa 50 Jahren eine Novene zu Pater Kentenich in die Hand bekam, las sie von der Liebe Gottes des Vaters und Pater Kentenichs darin viel. Das löste ihre Angst. Nun erst könne sie Gott gegenüber wirklich froh werden.

Wieder zu Punkt A: “Vater von oben her, von Gott her gesehen”

1.   Wesen und Aufgabe des Vaterseins, abgeleitet von Gott, dem Vater.

Die grundlegenden Kennzeichen jeder wahren Vaterschaft sind Liebe und Verantwortung.

Ein guter Ausgangspunkt für die Erklärung dessen, was ein Vater ist und sein soll, ist die Offenbarung der Vaterschaft durch Christus. Er bezieht sich oft auf "seinen Vater", der unser aller Vater ist.

Die göttliche Vaterschaft ist Grundlage und Vorbild jeder Vaterschaft. Sie kann so skizziert werden:
- Gott ist der Schöpfer aller Dinge des Himmels und der Erde. Von ihm heißt es im Psalm: "Du hasst nichts, was du erschaffen hast." Aus dieser Vaterschaft entsteht von ihrem Wesen her Zuneigung und Liebe zu dem, was von ihm abstammt.

- Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn gesandt hat. Er lässt die Seinen nicht allein, er lässt sie niemals im Stich. Wahre Vaterschaft führt zur unbedingten Annahme des Kindes, das immer zum Vater kommen darf, auch wenn die Probleme groß waren beziehungsweise groß sind.

- Gott führt und leitet. Er sendet sein Wort. Zunächst durch die Patriarchen und Propheten, schließlich sendet er seinen Sohn, der das fleischgewordene Wort ist.

Diese Hinweise auf Eigenschaften Gottes des Vaters .sind . dem verwandt, was Pater Kentenich in seinem Vortrag vom 18. Juni 1966 für Männer sagte (siehe P. Kentenich, Neue Väter neue Welt): Der Vatergott lässt die irdischen Väter teilnehmen an seiner Liebe, Allmacht, All-Gegenwart, Weisheit, Heiligkeit, Barmherzigkeit und Führung. Der irdische Vater soll dadurch Gott, den Vater, präsent machen auf Erden, in der Familie und Welt. Als Beispiel: Ein Vater erzählte, dass er seine Kinder streng erinnere an, das, was sie selbst versprochen hätten. Sie würden aber nun als Erwachsene nicht mehr, oder selten nach Hause kommen. Was tun? Barmherziger werden als Vater. Immer die Kinder aufnehmen und sie nicht dauernd an ihre Schwächen im Durchhalten ihrer eigenen Vorsätze erinnern. In der heutigen Zeit will Gott besonders durch barmherzige Väter wirken (siehe Pater Kentenich, Neue Väter. S. 80).

2    Vatersein bei den Menschen

- Wie bereits gesagt, ist die Zuwendung des Vaters schon beim Kleinkind sehr wichtig, damit eine Vital-Bindung entstehen kann.

Es ist von großer Bedeutung, dass der Vater für seine Familie Zeit hat, sich für sie Zeit nimmt. Vater und Mutter sind nicht austauschbar. Kinder brauchen die Liebe beider, sie brauchen die Ergänzung von Vater und Mutter. Sie brauchen den eigenen Vater und die eigene Mutter zur Findung ihrer Identität. Viel wäre zu sagen` über die Probleme der "Patch-Work-Familien". Der eigene Vater, die eigene Mutter ist nie wirklich ganz ersetzbar. Die Komplikationen sind oft viel größer, als weithin dargestellt wird.

- Es, ist wichtig, dass das Kind die Liebe des Vaters erfährt. Beziehung ist niemals eine Einbahn. Erwachsene werden auch durch Kinder bereichert. Man muss bewusst machen, welchen Schatz ein Kind bedeutet. Jedes Kind hat seine eigene Persönlichkeit, die sich sehr bald zeigt. Väter, können viel von ihren Kindern lernen. Sie sind in ihrer Grundstimmung oft fröhlich, kontaktfreudig, sie können spontan ihre Gefühle äußern, heben ein schier unbegrenztes Vertrauen zu den Eltern.

- Der Vater hat gemeinsam mit der Mutter eine Führungsaufgabe. Es ist wichtig, dass er mittut. Die Beziehungen müssen gepflegt werden, verändern sich allmählich. Es ist notwendig, dass der Vater mit den Kindern (manchmal mit einem der Kinder) etwas unternimmt und, dass sich Gespräche entwickeln. Kinder müssen spüren: Ich bin dem Vater wichtig. Vater und Mutter müssen Ja zu ihren Kindern sagen - mit ihren Eigenheiten, Fähigkeiten und Schwächen, Schwierigkeiten und Problemen; mit ihrer persönlichen Berufung, die nicht immer den Vorstellungen und Träumen der Eltern entspricht.

- Wichtig ist auch das Offenhalten eines Freiraumes: Erziehen hat Grenzen.

Es ist wichtig, auf Wege zu weisen, aber nicht in ein Korsett. Manchmal ist es unvermeidbar, dass Irrwege gegangen werden. Wie schwer ist es, das zu erleben, und wie wichtig ist es, zu ihrer Wiederaufnahme bereit zu sein.
Pater Kentenich betonte von Anfang an (siehe Vorgründungsurkunde 1912) die Erziehung zur wahren Freiheit, als frei werden vom Bösen und frei werden für Gott und seine Wünsche.

- Das Gleichnis von Barmherzigen Vater muss oft betrachtet werden.
Darüber hat der geistliche Schriftsteller Henri J. M. Nouwen im Buch über das Gemälde von Rembrandt, Heimkehr des Sohnes zum Vater, geschrieben. Der barmherzige Vater hat in diesem Gemälde eine Vaterhand und eine Mutterhand (ein Foto kann das nicht darstellen). Er betont, dass der Sohn vom Vater Freiheit hatte wegzugehen, aber auch als freier Mensch zurückkam. Darauf deutet das Schwert, das er als zerlumpter Heimkehrer trägt, das kein Sklave sondern nur ein freier Bürger tragen durfte. Beim Bild von Sieger Köder über die Heimkehr hat der Sohn eine Schnapsflasche in der Tasche.

Dazu auch das Buch "Du bist der geliebte Mensch", Religiös leben in einer säkularen Welt. Dabei ist der' Ausgangspunkt die Stimme des Vaters bei der Taufe Jesu: "Du bist mein geliebter Sohn... "

- Die Vaterschaft stammt von Gott, und auch die Mutterschaft. Gott, dessen Wesen die Liebe ist, hat den Menschen als Mann und Frau erschaffen und zur Liebe bestimmt. Es lohnt sich, die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. zu lesen – was er über die Liebe schreibt.

3.   Voraussetzungen für Vatersein und Vatersinn bei den Menschen

Im ersten Buch Mose, Genesis, heißt es: "Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch" (Gen 2,24). Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Vaterschaft ist, selbstständig zu werden, eigenständig (Abnabelung). Es muss eine gewisse menschliche Reife erreicht werden: intellektuell. Die berufliche Ausbildung ist Grundlage, um sich selbst und eine Familie zu erhalten. Eine gewisse Ausgeglichenheit ist notwenig, Selbstbeherrschung, Fertigkeit im Charakter, Dienstbereitschaft.

Nicht nur Vater und Mutter müssen verlassen werden, manchmal auch Hobbys und Freunde, denen man weiter nachgehen kann, aber mit klaren Prioritäten für die Familie.

Wichtig ist das Eingehen einer echten Bindung. Das ist ein Punkt, der heute oft übersehen wird. Nur so entsteht die Voraussetzung einer wirklichen Hingabe in der Ehe, nur so entsteht die Grundlage der Geborgenheit für Frau und Kinder.

Eine ganz wichtige – vielleicht die wichtigste – Voraussetzung für eine heilbringende leibliche Vaterschaft ist das Eingehen einer christlichen Ehe und das Bemühen um ihre Verwirklichung.

Es besteht kein Zweifel, dass sehr viele Ehen deshalb oft zerbrechen oder nicht glücklich sind, weil nicht die Stufen beschritten werden, deren Bewältigung Voraussetzung ist für die notwenige Umwandlung der Beziehung in der ersten Phase der Verliebtheit zu den späteren Phasen der ehelichen Beziehung.

Stufen der Ehe-Entwicklung bedeuten jedes Mal nicht nur geistige, sondern vitale Umbildungen, das heißt sie sind nicht nur sittlicher Art, sondern auch sinnlicher und affektiver Art. Anders sind die Beziehungen zwischen Verliebten als jene der Verlobten. Diese sind anders als die der Jungverheirateten; diese sind wieder anders als die von einem Ehepaar, das inzwischen Vater und Mutter geworden ist.

Die Situation ändert sich neuerlich, wenn die Kinder bereits erwachsen und von zu Hause ausgezogen sind. Wieder anders wird es, wenn beide in Pension sind.

Vor allem muss betont werden, dass sich die Erotik auf die physischen Eigenschaften des anderen bezieht, die Verliebtheit die seelischen Qualitäten des geliebten Menschen meint, während personale Liebe sich auf das einmalige, unwiederholbare und unersetzbare Du ausrichtet, das hinter dem körperlichen und seelischen Eigenschaften erkannt und ausgewählt wird, auf dieses Du, welches allein die Ganzhingabe des Ich hervorbringt. Das Steckenbleiben auf einer dieser Stufen bringt die Ehe als Gemeinschaft von Personen ins Schwanken, des Öfteren zum Scheitern, und entstellt von vornherein grundsätzlich alle von Beziehungen zu den Kindern.

Hier können wir einfügen, wie Pater Kentenich die Stufen und Zusammenhänge der Liebe sieht.

Er spricht von:

1. Naturhafter Liebe (Sexus, Eros),

2. Natürlicher Liebe (amor), die vom Verstand und Willen geleitet wird,

3. der übernatürlichen Liebe (Caritas, Agape), die Gnadengeschenk Christi ist (siehe das Buch von Nailis, Werktagsheiligkeit, das auf Vorträge Pater Kentenichs zurückgeht).

Pater Kentenich betont in den Montagsabendvorträgen in Milwaukee (besonders Band 20) die ganzheitliche Sicht der menschlichen, personalen Liebe, die in der Ehe sich entfalten soll: Sexus, Eros, Amor, Caristas oder Agape. Alle diese "Formen der Liebe" sollen miteinander verbunden sein, auch im ehelichen Akt (Montagabend, Band 20, Seite 30ff).

Die Ehe verlangt beidseitige Ganzhingabe oder sie wird - bewusst oder unbewusst - zu einem Bündel von Egozentrismen, das unvermeidlich egozentristische Kinder aufwachsen lässt. Denn wo die eheliche Liebe nicht mehr Ganzhingabe hervorbringt (nur diese ist dynamisch, erneuert sich ständig und ist erfinderisch), dort werden starke Ansprüche erhoben oder Sehnsüchte genährt, die zum Kampf oder zum Krampf führen: Die Atmosphäre der Familie wird gespannt, Machtkonflikte entstehen und von beglückender Freiheit bleibt keine Spur mehr übrig.

Heute, stoßen wir einerseits auf manche extremen Formen der Emanzipation der Frau, die zum Egoismus pur werden können, aber auch seitens der Männer besteht- die Gefahr, dass sie Besitzansprüche stellen, welche die Liebe erdrücken. Nicht nur seitens der Frau, sondern auch seitens des Mannes ist Ganzhingabe nötig, andernfalls kommt es zur Gefährdung der Ehe und zur Gefährdung der gesunden Entfaltung der Kinder. Diese Ganzhingabe wird nie auf Distanz verwirklicht, das heißt indem ein Mann sich sagt, dass seine Aufgabe darin bestehe, die Familie wirtschaftlich zu sichern, um der Frau die möglichst ungeteilte Zuwendung zum Kind zu ermöglichen. "Ich will meinen Kindern die beste Bezugsperson schenken, und das ist meine Frau: Sie tut es so geschickt, und ich habe darüber hinaus keine Zeit." Es braucht auch den Vater.

Die eheliche Hingabe ist eine ganz besondere Form der Gemeinschaft zwischen Personen, genauer gesagt der Gemeinschaft eines Mannes und einer Frau, die das Teilen, das Geben, das Empfangen, das Verstehen und Mitfühlen fordert und fördert. Es ist notwendig, dass beide die Beziehung zueinander und zu den Kindern pflegen. Nur die aktuelle, stets erneuerte Liebe des Mannes zu seiner Frau vermag ihm den Sinn seiner Vaterschaft zu geben und die Art und Weise dieser Vaterschaft zu verwirklichen.

Die beste Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Kinder, für die Verwirklichung von Mutterschaft und Vaterschaft besteht dann, wenn die Ehe als Sakrament gelebt wird. Dies führt dazu, dass beide persönlich um ein christliches Denken, Reden und Tun bemüht sind und sich Gedanken machen, wie sie dieses Christsein gemeinsam am besten leben können. Mit der Hilfe Christi finden sie den Weg zu einem friedlichen und liebevollem Miteinander trotz aller Probleme und Schwierigkeiten. In der Beziehung zu Gott erhält die Vaterschaft jene Festigkeit, die mit Güte und Barmherzigkeit gepaart ist, für die Kinder zu Zuflucht und zum Halt wird und ihnen doch die nötige Freiheit und Entwicklung zu eigenständigen, gesunden Persönlichkeiten ermöglicht. Es hat in der Tat. eine tiefe, nie ganz ausgeschöpfte Bedeutung, wenn Paulus lehrt: "Es ist ein, großes Geheimnis. Ich beziehe es auf Christus und die Kirche" (Eph 5,32).

4.   Geistliche: Vaterschaft gnadenhaftes Vatersein

Geistliche Vaterschaft, wie sie in der Kirche gelebt wird, geht zurück auf Christus. Sie ist ein großer Segen, wenn sie zustande kommt und entdeckt wird. Sie setzt im Besonderen eine reif Persönlichkeit voraus, die Verbundenheit mit Gott und das Bemühen um eine konsequent gelebte Nachfolge Christi.

Es gibt geistige Vaterschaft und Mutterschaft in Bereich der Schöpfungsordnung Gottes, z. B. Autor eines Kunstwerkes, eine Buches, auch einer Gemeinschaft von Menschen zu sein:

Die geistliche Vaterschaft (Pater Pneumatikos bei den griechischen Mönchen genannt) ist Urhebersein, Vatersein in der Kraft der Gnade Christi, d. h. Gnade weiterleiten durch Vatersein als Glaubender, Liebender, Betender, Gnadenmittler.

Auch in diesem Zusammenhang ist eine feste Bindung an Christus (oft im Sinne des Zölibates) wichtig. Die Verbundenheit mit Gott führt zu einer Liebe, die wohlwollend ist, für den anderen das Beste möchte. Sie ist gerade deshalb verständnisvoll, aber auch fest in Gottes Geboten verankert. Sie vermittelt Geborgenheit und Halt, ist ehrlich und scheut sich nicht, vor dem zu warnen, was schaden könnte. Sie öffnet neue Horizonte und führt ans richtige Ufer.

Über diese geistliche Vaterschaft soll im zweiten Vortrag mit besonderem Blick auf unseren geistlichen Vater, Pater Kentenich mehr gesagt werden.