„Vaterspuren wollen wir folgen“
Predigt von Monsignore Dr. Peter Wolf zum Motto der Wallfahrt der Männerliga, vor dem Taborheiligtum, am 2. Juni 2007
Meine
Lieben, Sie haben sich auf den Weg gemacht und sind hier hergekommen nach
Schönstatt, mit dem Bus und Privatautos waren Sie unterwegs und nun sind Sie da.
Sie haben sich auf den Weg gemacht in der Hoffnung, Vaterspuren zu suchen und zu
finden. Dem Vater und dem Vatergott wollen Sie auf die Spur kommen, so entnehme
ich es Ihrem Motto. Das ist das Anliegen für Ihr Unterwegssein und für dieses
Wochenende. Ich möchte mich da einfach zu Ihnen stellen und mich in diesem
Suchen und dieser Hoffnung mit Ihnen zusammen auf den Weg machen.
Ich will die Gottesmutter dazu einladen, dass sie mit dabei ist. Sie möge dabei sein in dem Geheimnis des Festes, das diese Woche fast in der ganzen Welt gefeiert wurde, nur nicht in Deutschland. Ich meine das Fest Mariae Heimsuchung, das wir Deutsche immer am 2. Juli feiern. Die ganze übrige Welt ist gewohnt, dieses Fest am 31. Mai zu feiern. Ich habe mir gedacht: Sie haben hier ein internationales Heiligtum, wie man an der Darstellung von Lateinamerika an Ihrem Altar sieht. Das können wir so machen wie überall auf der Welt.
Schließen wir uns also mit der Gottesmutter zusammen. Auch Maria ist unterwegs in diesem Festgeheimnis von der Heimsuchung. Sie ist unterwegs zwischen Nazareth und dem Bergland von Judäa. Was will sie da? Sie will ihre Base Elisabeth besuchen. Normal sind wir gewohnt, ihren Besuch zu deuten als eine Hilfe für ihre schwangere Base Elisabeth. Ich glaube allerdings, der Evangelist Lukas hat etwas anderes im Sinn. Der Evangelist hat in der Begegnung mit dem Engel in ihrer Berufungsstunde erzählt, dass der Engel sie hinwies auf ihre Base Elisabeth. Auch sie hat ein Kind empfangen, obwohl sie als unfruchtbar galt. Diese Tatsache soll für Maria ein Zeichen sein, das ihr helfen kann, das fast Unmögliche zu glauben, dass sie jetzt Mutter werden soll. Maria macht sich eilends auf den Weg hinauf ins Bergland von Judäa. Als die Zwei sich begegnen, ist schnell klar, dass Elisabeth schwanger ist. Maria spürt es in der Umarmung ihrer Verwandten. Elisabeth selbst spürt es in ihrem Leib, als das Kind sich bewegt. Und Elisabeth begrüßt Maria voller Staunen und preist sie selig für ihren Glauben, nicht für ihre karitative Hilfe.
Lukas hat also offensichtlich im Sinn, dass Maria sich auf den Weg macht, um eine Hilfe für ihren Glauben zu finden. Auch Maria braucht und sucht Hilfe für ihren Glauben. Danach stimmt sie ein wunderbares Lied an, das Magnifikat, das uns allen bekannt ist. Ihr Lied preist Gott für vieles, was er in der Geschichte Israels getan hat. In dieser Geschichte ist etwas in Gang gekommen auf unserer Erde. Maria hat in ihrer eigenen Lebensgeschichte gesucht und gefunden, dass Gott handelt, dass Gott auf dieser Erde auch heute etwas tut und wirkt: Elisabeth ist schwanger, obwohl es eigentlich keine Chance mehr gab für so alte Leute und Maria selbst ist schwanger ohne Mann. Wunder über Wunder. Maria darf das glauben, und es ist ihr eine Hilfe geschenkt, daran zu glauben in dem, was in ihrer Base Elisabeth geschehen ist. Das Magnifikat, das sie singt, ist ein einziger Lobpreis für alles, was Gott auf diesem Erdboden getan hat in der Geschichte Israels von Abraham bis heute. Sie singt das Lob Gottes für seine Großtaten an dem Volk Israel und für alles, was er verheißen hat, dass er es weiter tut in alle Zukunft. Wenn man den Text in der griechischen Sprache liest, ist das immer wieder als etwas Zukünftiges formuliert, wie eine Verheißung, was jetzt auch weiter geschehen wird. Also nicht nur damals sondern auch heute. So sind wir mittendrin in der großen Frage unserer Wallfahrt: Wo handelt Gott? Wo finde ich seine Spuren?
Die Heilige Schrift bezeugt uns immer wieder, dass Gott in der Geschichte handelt. ER wirkt nicht nur in seinem Himmel, da oben weit weg von uns, sondern hier auf dieser Erde, die er geschaffen hat. In unserer Welt und auf diesem Erdboden hat seine Geschichte mit dem Menschen begonnen. Diese Geschichte wird uns in der Bibel erzählt. Immer wieder hat Gott auf diesem Erboden etwas getan, etwas gewirkt, etwas vorangebracht, weil es seine Erde ist, weil es seine Menschen sind. Es ist eine heilige Geschichte und diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Die Heilige Schrift ist nicht das Ende des Handelns Gottes, sondern dieses Handeln Gottes in der Geschichte auf diesem Erdboden geht weiter. Das ist eine Wahrheit, die Pater Kentenich so wichtig war, dass wir die Heilige Schrift nicht zumachen und sagen: Jetzt ist Ende der Vorstellung, sondern die heilige Geschichte Gottes geht weiter. Das war ihm ganz wichtig und es war ihm eine Frage für die Zukunft des Glaubens. Ob wir moderne Menschen auch heute noch damit rechnen, dass diese Erde Gott gehört, dass diese Erde seine Schöpfung ist, dass er auf dieser Erde etwas tun und wirken kann, dass er unter uns etwas tun und wirken kann.
Unserem Gründer war es ganz wichtig für die Zukunft des Glaubens, dass wir mit dieser Voraussetzung an unser Leben herangehen. Er hat gespürt, dass unser letztes Jahrhundert, in dem er gelebt hat, ein Riesenproblem hatte, ein Riesenproblem mit dem lieben Gott. Sicher auch früher haben Leute Glaubenszweifel gehabt. Auch früher haben Menschen sich schwer getan mit einzelnen Glaubenswahrheiten, zum Beispiel mit der Gegenwart des Herrn in der Eucharistie. In Walldürn wird erzählt von einem Pfarrer, der das einfach nicht glauben konnte. Also vor 600 Jahren hat er an einer Glaubenswahrheit gezweifelt. Andere haben an anderen Wahrheiten des Glaubensbekenntnisses gezweifelt.
Aber im letzten Jahrhundert war die Schwierigkeit mit dem Glauben von anderer Art. Die Schwierigkeit mit dem Glauben war gewissermaßen flächendeckend geworden. Unzählige Menschen haben auf einmal Gott und Welt, Gott und Geschichte, Gottes Freiheit und die Freiheit der Menschen überhaupt nicht mehr zusammengebracht. Hier hat ein grundlegender Zweifel angefangen um sich zu greifen. In den Jahrhunderten zuvor war einer, der ungläubig war, für die anderen der Dumme, der Tor, der einfach nicht alles versteht. Aber seit dem letzten Jahrhundert und in unserer Zeit scheint es so zu sein, dass wir die Dummen sind. Und die, die nicht glauben, die Gott und Welt nicht zusammenbringen, erscheinen als die eigentlich Gescheiten und gelten als die Intellektuellen. Zur Zeit beginnt dieses Vorurteil ein wenig zu kippen. Unser Papst wird von manchem Menschen auch über unsere Kirche hinaus ernst genommen als ein Intellektueller, als einer, der etwas denkt, als einer, der wirklich eine Meinung hat. Er hat sich den Respekt verdient, dass er sich auf den Dialog mit den Philosophen unserer Zeit einlassen kann und die Philosophie unserer Zeit versteht, sie besser kennt als viele andere, die schnell daherreden. Es wird ein wenig anders, aber der große Zweifel ist immer noch in der Welt.
Unser Vater und Gründer Pater Kentenich hat im letzten Jahrhundert sehr deutlich gespürt, dass hier ein Problem entstanden ist, das auf die Kirche zukommt. Nicht, dass einer an dieser oder jener Glaubensfrage seine Not und seine Zweifel hat, sondern dass für viele das Ganze des Glaubens nicht mehr zusammengeht: Gott und Welt, Gott und die Menschen. Er hat oft davon gesprochen, dass da etwas auseinandergebrochen ist im ganzen Denken und Fühlen der Menschen. Er hat gesehen, dass der moderne Mensch sich geradezu unfähig erlebt zu glauben.
Pater
Kentenich wollte uns und vielen Einzelnen zum Glauben helfen. Er wollte einer
ganzen Generation und der Kirche auf Zukunft hin wieder helfen. Er machte sich
Sorge um die Voraussetzungen und Fähigkeiten zu glauben. Manchmal hat er über
die modernen Schwierigkeiten des Glaubens gesprochen wie über eine Krankheit. Er
spricht von einem Bazillus, einem Bazillus, der von Deutschland sogar
ausgegangen ist, von großen Denkern des philosophischen Idealismus in unserem
Land. Es ist jetzt hier nicht der Platz und die Zeit, dieser Philosophie
nachzugehen. Das Problem, das spüren wir alle. Dazu braucht man keine
Philosophie studiert zu haben. Es ist das Problem, Gott und die Welt
zusammenzubringen. An diesem Punkt wollte unser Gründer ansetzen, wollte er uns
helfen.
Wie kann das geschehen? Pater Kentenich hat uns zum Beispiel dazu angeleitet, sich die Wahrheit des Glaubens immer wieder vorzusagen. Sie immer wieder zu Gehör zu bringen und zu hören. Das hat die Kirche über Jahrhunderte getan. Aber das zu wiederholen und es sich selber immer wieder zu sagen und zu wiederholen. Er bekennt einmal von sich, dass er sich im KZ Dachau immer wieder die eine Wahrheit des Glaubens vorgesagt hat: „Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles was er tut.“ Er hat sich das gesagt mitten in einem Konzentrationslager, mitten in einer Situation, wo vieles so ganz anders aussah. Damit möchte er uns anleiten, dass wir uns diesen Glauben immer wieder vorsagen, dass wir uns immer wieder hineinführen lassen in die Wahrheit: Diese Welt ist Gottes Welt. Gott hat sie geschaffen. Sie ist Gottes Schöpfung.
Wie könnten wir das tun? Darf ich Ihnen sagen, wie ich das mache? An einem schönen Tag zum Beispiel, wenn ich spazieren gehe, wenn ich allein bin, dann denke ich oft und sage vor mich hin: Dein Schwarzwald! Deine Eifel! Dein Berg Moriah! Dein Wald! Deine Menschen! Ich sage mir diese Dinge, die ich sehe, an denen ich mich freue immer mit einem Wort, das mich an Gott erinnert. Dass es seines ist, seine Welt.
Ich glaube, uns ist das manches Mal so weit weg, dass wir uns das sagen müssen, uns das einprägen müssen. Pater Kentenich hat im KZ ein Glorialied gedichtet. Sie kennen es aus dem Himmelwärts. Also da singt er mitten in diesem Chaos und prägt sich ein:
„Liebe hat die Welt gerufen,
dass sie gleichet Liebesstufen,
die uns wirksam himmelwärts
führen in das Gottesherz.“
Alles, was Dir Freude macht an der Schöpfung, an der Sonne, am Nachthimmel, alles soll für Dich wie eine Treppe werden, die Dich in das Gottesherz emporführt.
Wenn man das immer wieder versucht, dann kommt man Gott näher mitten in seiner Schöpfung. Dann wird einem diese Botschaft der Bibel, dass Gott die Welt erschaffen hat, immer wichtiger. Sie wird einem kostbar und kommt einem näher. Wir lernen uns zu freuen an der Schöpfung, wie Franziskus sich daran gefreut hat. Doch Franziskus war kein Romantiker, als er seinen Sonnengesang gedichtet hat. Er war ein Mann, der sich von der Heiligen Schrift her und von der Kirche sagen ließ: Es ist seine Welt. Gott hat sie geschaffen und er ist der Vater von allem. So wurde ihm alles in dieser Welt zu einer Spur hin zu diesem Vater. So wurde für ihn die Sonne zur Schwester und der Mond zum Bruder, weil Gott sein Vater war, weil Gott der Vater aller Dinge ist. Er war kein romantischer Dichter. Franziskus war blind, als er dieses Gedicht geschrieben hat. Blind und voller Glaube. Und er hat sich diese Wahrheiten vorgesagt: Das sind meine Brüder. Das bisschen Licht, das noch durchkommt zu mir, ist Licht von Gott, von meiner Schwester der Sonne. Weil Gott Vater ist, kann er so singen, hat er so gesungen.
Unser Vater und Gründer will uns helfen und mit uns gleichsam trainieren, dass wir diese Wirklichkeiten wieder zusammenbringen: unsere Welt und den lieben Gott, unser Leben und den lieben Gott, unseren Alltag und den lieben Gott. Und Pater Kentenich kennt uns. Er weiß, wie gedankenlos wir durch einen Tag gehen können, wie viele Stunden wir erleben können, ohne an den lieben Gott zu denken. Was schlägt er uns deshalb vor? Ich finde etwas ganz, ganz Heilsames. Er schlägt uns vor: Machen Sie es doch wenigstens am Schluss eines Tages, dass Sie ein wenig still werden und noch einmal den Tag durchgehen: den Morgen, wie er begonnen hat, die Begegnungen eines Tages und die Gespräche, das Geschäft und die Stunde, wo sie für sich selber Zeit hatten. Er lädt uns ein, am Abend durchzugehen, was schön war und was wir nicht auf die Reihe gebracht haben. „Nachkosten“ hat er das genannt und erinnert uns so vielleicht an das „Auslutschen“ einer Zitrone.
Versuchen Sie am Abend,
den Tag „nachzukosten“. Das ist sein Wort dafür und das hat er oft praktiziert.
Er hat uns dazu angeleitet, das immer wieder zu tun. Er hat damit gerechnet,
dass auch wir Pfarrer nicht den ganzen Tag auf den lieben Gott konzentriert
sind. Er hat es auch uns nicht zugetraut. Deshalb hat er uns angehalten: Tun Sie
das wenigstens am Abend. Dabei hat er ein wunderbares Bild gebraucht, an das ich
ganz oft denken muss: Stellen Sie sich vor, dass Sie am
Abend an die Ereignisse des Tages eine Leiter anlegen und darauf emporsteigen
wie auf einer Leiter an einem Kirchturm, und umarmen Sie oben auf der Spitze den
lieben Gott. Ziel ist, den Gott des Lebens, der mit unserem Leben zu tun hat, zu
entdecken und zu umarmen.
Zur Zeit ist der Freiburger Münsterturm eingerüstet bis oben hin. Und es gibt eine Leiter an ihm hoch. Ich weiß nicht wie viele Sprossen. Letzte Woche stand ich davor und dachte an diese Anregung unseres Vaters und Gründers, an sein Bild von der Leiter am Kirchturm. Die Leiter hatte unzählige Stufen. Aber man kommt hinauf, und es lohnt sich am Ende des Tages, den lieben Gott auf der Spitze der Ereignisse, auf der Spitze eines Tages zu umarmen. Man braucht Zeit. Man braucht die Konzentration auf den lieben Gott und die Sehnsucht, an ihn glauben zu wollen, und auf einmal ist man oben. Man kann wieder glauben, dass er dazugehört: Gott umarmen auf der Spitze der Ereignisse des Lebens.
Unserer Gemeinschaft des Priesterverbandes und den anderen Verbänden hat Herr Pater noch etwas anderes vorgeschlagen. Dieser Vorschlag steht nicht gleich am Anfang, sondern gilt mitten im Leben, wenn man mal ein ganzes Stück mit dem lieben Gott gelebt hat. In der Zeit des Ewigterziates, bevor jemand von uns das „Ewig“ macht und sich endgültig für die Gemeinschaft entscheidet, soll jeder und jede einen „Lebensroman“ schreiben. So hat unser Vater das genannt. Es geht nicht darum, dass man später Unterlagen für einen Seligsprechungsprozess hat. Das wird für die wenigsten notwendig sein. Bei mir auf jeden Fall nicht.
Warum hat der Gründer diese Sache mit dem Lebensroman angeregt und eingeführt? Er wollte, dass jeder in seinem Leben nach den Spuren Gottes sucht und in seinem Leben Ereignisse und Zusammenhänge entdeckt, wo ihm aufgegangen ist: Ich bin nicht allein, das hat Gott so gefügt. Das hätte ich selber gar nicht so hingebracht. Da war Gott dazwischen, da war er dahinter. Wo immer jemand solches erlebt und fühlt und ins Wort bringt, wächst der Glaube an Gottes Führung in unserem Leben. Darum geht es beim Schreiben eines Lebensromans. Inzwischen ist es bei den Jesuiten in ihrer Exerzitienarbeit Gang und Gäbe, Gottes Spuren im Durchgehen der eigenen Biographie zu suchen. Neue Veröffentlichungen zur Spiritualität handeln davon und regen an, die persönliche religiöse Biographie seines Lebens auszuarbeiten. Unser Vater hat es seit Jahrzehnten in seinen Gemeinschaften praktiziert.
Ja, lasst uns Gott suchen, den Gott in unserem Leben. Herr Pater ist davon ausgegangen, dass wir ihn finden dürfen. Er hat uns Hoffnung gemacht, dass Gott sich nicht so verbirgt und so versteckt, dass wir ihn nicht finden könnten. Freilich kann es in unserem Leben auch Dinge geben, die wir nicht auf die Reihe bekommen. Auch ich erlebe Dinge, von denen ich nicht weiß, wie ich das mit dem lieben Gott zusammenbringen soll. Vorgestern z.B. starb ein Mitbruder aus der Leitung der Patres, 61 Jahre alt. Am Morgen lag er tot im Bett. Mitbrüder, die ganz nahe daran sind und auch die anderen, die wie ich davon hörten, haben keinen Reim darauf. Ich kann darauf keine Antwort geben. Aber deshalb dem lieben Gott aufkündigen, daran zweifeln, dass er der Vater ist, dass er ein guter Gott ist, dass er mit dieser Welt zu tun hat? Das kann’s auch nicht sein. In solchen Situationen oder manchmal abends bei schrecklichen Nachrichten im Fernsehen denke ich an unseren Vater und sage mir, dass er im KZ geglaubt hat angesichts von soviel Elend und Ungerechtigkeit, von Tod und Verbrechen. Ich versuche dann, mich an seinem Glauben zu halten.
Es gibt moderne Theologen, die sagen: Nach Auschwitz kam man nicht mehr von Gott reden, darf man nicht mehr von Gott reden. Sie schreiben das am grünen Tisch. Unser Vater war mittendrin. Er war mittendrin in einem solchen KZ und hat mittendrin den Glauben durchgetragen. In dieser Frage halte ich mich an ihn und nicht an die Theologen am Schreibtisch. In dieser Frage versuche ich, mich in seine Nähe zu stellen und von ihm her an Gott zu glauben, auch wenn ich selber noch keine Antwort habe auf das Böse, auf das Leid und so manches Unglück in dieser Welt. Ja, lasst uns auf der Spur bleiben, auch wenn es da dunkle Flecken gibt. Auch wenn wir da nicht alles verstehen und begreifen. Aber lasst uns für das danken, was wir verstehen! Lasst uns eine Dankeslitanei beginnen für das Verstandene und Erfahrene in unserem Leben. Lasst uns ein Stück von unserem „Lebensroman“ durchdenken oder vielleicht sogar hinschreiben und mehr und mehr glauben, dass es diese Vaterspuren gibt in unserem Leben.
Ein Mitbruder von mir - und nach ihm viele andere - hat viel mit Jugendlichen gearbeitet. Er wollte diesen Glauben, dass Gott mitten im Leben dabei ist und uns führt, diesen Vorsehungsglauben, jungen Menschen nahe bringen. Ich meine unseren Pfarrer Werner Krimm. Zusammen mit Herrn Basler hat er viele Zeltlager gehalten. Dabei hat er die jungen Leute angeleitet, am Abend auf ihre Weise „Tagesschau“ zu machen. So haben sie es genannt. Wie die Tagesschau im Fernsehen wollten sie am Abend berichten: Was war heute los? Wo bin ich dem lieben Gott begegnet? Wo habe ich eine Freude erlebt? Wo habe ich etwas gefunden, was mich an den lieben Gott, an die Gottesmutter erinnert hat? Ja, das war eine jugendliche Weise, nach Gott zu suchen. Es war und bleibt eine gute Weise, dem Gott des Lebens auf die Spur und so auf Vaters Spuren zu kommen.
Es ist jetzt ein paar Jahre her. Es war im Umfeld des 50jährigen Jubiläums vom 31. Mai. Wir waren oben auf Moriah zusammen. Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, damals noch nicht Kardinal, Herr Professor Brantzen, Frau Dr. Pollack, Pater Marmann, damals als Bewegungsleiter und Vorsitzender von den Patres und ich. Wir saßen zusammen in meiner Wohnung und haben über Pater Kentenich gesprochen und über den 31. Mai 1949 in seinem Leben. An diesem Abend haben wir unter anderem diese Geschichte erzählt von unserem Mitbruder Werner Krimm und der Tagesschau von Jugendlichen über den Gott des Lebens bei den Zeltlagern. Mitten in diesem Abend sagte Bischof Lehmann: Bringen Sie das in die deutsche Kirche hinein: Den Gott des Lebens zu suchen. Seine Spuren zu suchen. An diesem Abend wurde die „Spurensuche“ geboren, etwas, was inzwischen zu jedem Katholikentag gehört. Etwas, was von Schönstatt hineingetragen wird in unsere deutsche Kirche. Unserem Gründer war das unheimlich wichtig, dass wir diesen Grund unseres Glaubens neu legen, dass Gott mit uns zu tun hat. Er wollte etwas tun für den Grundwasserspiegel des Vorsehungsglaubens, weil ihm klar war, wenn uns das wegbricht, dann werden die Menschen alles andere auch nicht mehr glauben können. Wenn uns diese Grundlage des Glaubens wegbricht, dann hängt das Christentum in der Luft, dann hängt die Kirche in der Luft.
Sie haben also ein ganz zentrales Thema getroffen mit ihrem Wallfahrtsmotto. Mit dem, was Sie hier wollen, sind Sie an der Grundsubstanz von dem, was unsere Kirche in Deutschland braucht, wenn der Glaube weitergehen und eine Zukunft haben soll. Lasst uns auf diesen Spuren weitergehen, lasst uns miteinander mit unserem Gründer glauben, dass Gott wirklich mit der Welt, mit unserem Leben, mit der Geschichte etwas zu tun hat. Denn nur, wenn das wirklich so ist und wir das glauben, werden wir auch in Zukunft noch ein Magnifikat singen für die Großtaten Gottes in der Geschichte des Heils. Sonst ist das alles nur Vergangenheit, und wir werden es bald nicht einmal mehr für die Vergangenheit glauben. Wenn uns Gott wegbricht, weil er mit unserem Leben nichts mehr zu tun hat, dann wäre alles umsonst. Aber er hat mit unserem Leben zu tun. Das ist die frohe Botschaft, die wir von der Bibel her künden, die die Kirche im Glaubensbekenntnis verkündet, für die unser Papst steht mit all seiner Nachdenklichkeit und mit all seinen Büchern über den Glauben. Er kann uns viel helfen. Er hat keine Angst, dass die Philosophen mehr Recht hätten als unser Glaube. Er versteht es, mit ihnen zu streiten. Ich bin froh und dankbar für ihn. Lasst uns also miteinander die Vaterspuren ernst nehmen, sie suchen und auf ihnen unseren Lebensweg gehen. Das wünsche ich mir, das wünsche ich Ihnen. Amen.