„Der Welt das Mariengeheimnis künden”

Ansprache von Pater Kentenich an seinem 73. Geburtstag

am 16. November 1958 in Milwaukee (USA)

im Kapellchen in Holy Cross vor Ehepaaren

Meine liebe Schönstatt-Familie!

Wir haben in den letzten Wochen schon ein paar Mal das Wort gehört, das Gott zum Propheten Isaias gesprochen hat: “Bevor Du im Mutterschoß empfangen warst, hatte ich Dich schon erwählt und bei Deinem Namen gerufen: Mein bist Du!”

Das Wort passt in einzigartiger Weise zum heutigen Tag, dem Fest, das uns hier im Kapellchen heute vereint. Was heißt das: “Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, mein bist Du!”? Das heißt zunächst: Gott hat mich ins Dasein gerufen. Wir glauben, dass der liebe Gott heute vor 73 Jahren so gesprochen hat. Er sagte: “Ich habe Dich aus dem Nichts ins Dasein gerufen.” Vor 73 Jahren rief er mich mit meinem Namen und sagte: “Du bist mein!” - Was heißt das? Er sagte: Mein bist Du mit Deiner Originalität und Deiner originellen Sendung.

Damit wiederhole ich ein Wort im Sinne des Hl. Paulus. Auf dem Höhepunkte seines Lebens schaute der Hl. Paulus einmal zurück auf den Tag seiner Geburt. Er sieht all die Irrwege und Fehler, die er gemacht und sagt: Menschlich gesprochen bin ich eine Fehlgeburt, und dennoch hat mich der liebe Gott erkoren und auserwählt, bevor ich noch empfangen ward für diese meine besondere Sendung. Wenn wir einmal den Hl. Paulus befragen, was das denn für eine Sendung war, die er hatte, dann würde er sagen: “Mir wurde die Sendung übertragen, der Welt das Geheimnis Christi zu künden, Christus, den Erlöser, den Mediator, das Haupt des mystischen Leibes.”

Unwillkürlich fragen wir jetzt: “Was war denn die Sendung, die mir vor 73 Jahren aufgetragen wurde?” Mit einem Seitenblick auf den Hl. Paulus darf ich sagen: “Meine Sendung war es und ist es, der Welt das Mariengeheimnis zu künden.” Meine Aufgabe ist es, die Gottesmutter zu künden, sie unserer Zeit zu entschleiern als die Dauerhelferin des Heilandes beim gesamten Erlösungswerk, als die Miterlöserin und Gnadenvermittlerin; die Gottesmutter, tief mit dem Heiland geeint, eine Zweieinheit, mit der spezifischen Sendung, die sie von ihrem Schönstatt-Heiligtum hat für die heutige Zeit.

Meine liebe Schönstatt-Familie!

Ich darf wohl sagen, Sie alle sind mit hineingezogen in diese meine Sendung. Sie ist nicht allein auf meine Schultern gelegt, sondern auf die Schultern aller Schönstatt-Kinder.

Überlegen wir doch mal einen Augenblick, wie dem Hl. Josef die Sendung im Traum gegeben wurde. Was sagte ihm der Engel im Traum? “Josef, steh auf, nimm das Kind und seine Mutter!” Er sagte nicht nur: Nimm das Kind! Sondern er sagte: Nimm das Kind und seine Mutter!”

Das glaube ich, dass dieselbe Sendung mir heute vor 73 Jahren gegeben wurde. Also der, der berufen wurde, noch bevor er im Mutterschoß empfangen wurde, empfing eine spezifische Sendung, der Herold der Gottesmutter zu sein, ihr Bote, der ihre Herrlichkeiten unserer Zeit künden sollte.

Gott hat Sie, meine lieben Schönstatt-Familien, auch berufen, bei dieser großen Sendung mir zu helfen. Jeder von Ihnen empfängt heute vom Geburtstagskind diese Sendung, die Sendung unserer Mutter und Königin von Schönstatt. Es ist tröstlich, dass sie nicht allein auf meinen Schultern ruht, dass Sie alle mir helfen möchten, diese riesig große Aufgabe zu erfüllen.

Wie der Hl. Josef hören auch wir heute das Wort: Stehe auf! Lege Dich nicht hin und ruhe Dich aus, oder wünsche Dir nicht ein Leben in Komfort und Gemütlichkeit oder es gut zu haben in dieser Welt! Nein, der Engel sagt: “Stehe auf, nimm das Kind und seine Mutter!” Nimm sie zuerst selbst auf; nimm sie in Dein eigenes Herz; dann bereite ihnen einen warmen Platz in Deiner eigenen Familie, dann in den Herzen der anderen!

Haben wir bisher unsere Sendung so klar gesehen? Haben wir uns ernstlich bemüht, sie zu erfüllen?

Wie heißt unser Motto, und was bedeuten die einzelnen Worte?1

         “Patris atque Matris sum, nunc et in perpetuum. Vivat Sanctuarium!”

Was bedeuten die einzelnen Worte?

         “Ich gehöre dem Vater und der Mutter, jetzt und in alle Ewigkeit.
 Es lebe das Heiligtum!”

Heute, am 16. November 1958, haben zwei Paare eine besondere Feier im Schönstatt-Heiligtum in Chile. Ein Paar hat diesen Tag gewählt als Hochzeitstag. Sie wollen ein Geburtstagsgeschenk sein für das Geburtstagskind. Was ist der Inhalt dieses besonderen Geschenkes? Sie versprechen, heute das Leben einer idealen Schönstatt-Familie zu beginnen. Sie wollen bereit sein, dass die liebe Gottesmutter von Schönstatt ihre große Sendung durch sie erfüllen kann.

Ich weiß, was jede von Ihnen still denkt: Wir möchten auch helfen, diese große Schönstatt-Sendung in unserer Zeit zu verwirklichen! Wir haben ebenfalls den Wunsch, dass unsere eigene Familie eine echte Schönstatt-Familie wird.

Das zweite Paar in Chile, von dem ich vorher sprach, verlobt sich heute im Kapellchen in Santiago. Auch sie möchten ein Geburtstagsgeschenk heute sein. Und was versprechen sie? Sie möchten ihre brennende Liebe für Schönstatt in ihrer zukünftigen Familie zum Ausdruck bringen und verwirklichen. Habe ich nicht recht, wenn ich sage: Sie alle, meine lieben Schönstatt-Familien, haben diesen Wunsch. Sie alle möchten heute sozusagen wiedergeboren werden für unsere große Schönstatt-Sendung. Wir alle haben also heute Geburtstag!

Wir, die wir heute hier beisammen sind im Heiligtum, wir stehen nicht mehr am Anfang unseres ehelichen Lebens. Wir stehen auf dem Höhepunkt unseres Lebens. Wir haben bereits erfahren, dass es neben der schönen Seite und den schönen Dingen in einer Familie auch Sorgen, Kreuz und Leid gibt. Und dennoch: Wir nehmen heute erneut die Mutter und das Kind neu an und auf. Wir sagen wieder ein Ja zu Kreuz und Leid. Wir empfangen unsere Schönstatt-Sendung aufs Neue.

Die heutige Geburtstagsfeier ist also eine gemeinsame, denn unsere Sendung ist auch eine gegenseitige und gemeinsame. Obwohl viele Menschen heute das göttliche Kind und seine Mutter hassen, wir empfangen und umfangen sie neu und geben ihnen einen bevorzugten Platz in unserem Herzen und im Herzen unserer Familie.

Mit diesem Wunsch und dieser Freude in der Seele reichen wir einander die Hand und wünschen uns gegenseitig einen frohen Geburtstag. Wir gratulieren zur Geburt unserer Sendung, zur Neu- und Wiedergeburt der brennenden Liebe und Sehnsucht einer echten Schönstatt-Familie.
Nos cum prole pia --- benedicat virgo Maria!

1 Pater Kentenich gab den Ehepaaren ihr Motto am 18. Dezember 1956. Er sagte, dass es ihm am heutigen Bündnistag im Kapellchen gekommen sei. Die Familien waren schon länger daran, es zu erarbeiten, hatten aber den (lateinischen) Wortlaut noch nicht. Den gab Ihnen Pater Kentenich am Abend des 18. Dezember 1956.