Pater
Kentenich - wie Paulus - allen alles werden und
als Vater das Mariengeheimnis von Schönstatt aus künden
(Zweiter Vortrag von P. Grill)
1. Bei unserem Gründer Pater Kentenich sehen wir eine paulinische und eine marianische Linie
1.1
Paulinisch sind sein “Lebensziel”, niedergeschrieben 1917, und seine Christusmystik (siehe Himmelwärtsgebete und weitere Kentenich-Texte).
Marianisch sind seine Marienweihe mit 9 Jahren, die Gründung Schönstatts 1914 als Bund Marias mit ihm und den Schülern im Heiligtum, sein lebenslanges Wirken als Werkzeug der Gottesmutter, sein Lebensrückblick - mit 73 Jahren - bei der Ansprache vom 16. November 1958 mit dem Hinweis auf den heiligen Paulus.
Wir schauen zunächst auf “das Lebensziel”(P.K.), das persönliche Ideal, das sich in Aufzeichnungen von Pater Kentenich aus dem Jahre 1917 findet.
Hier der lateinische und deutsche Text:
Volo omnibus omnia fieri ut tamquam instrumentum Beatae Mariae Virginis, Reginae Celsissimae et Matris meae Amantissimae omnes animas, praesertim juvenum, Christo lucrifaciam.
Ich will allen alles werden, um als Werkzeug der seligen Jungfrau Maria, der erhabensten Königin und meiner geliebtesten Mutter, alle Seelen, besonders der Jugendlichen, für Christus zu gewinnen.
Das (ist) das Lebensziel, das die Gnade mir gesteckt zu haben scheint. (Monnerjahn, Kentenich-Biographie, S. 91). Dann fügt er hinzu, wie schwach er sei angesichts der Größe der Aufgabe, zu der ihn Gott und die Gottesmutter gerufen haben: Schwach meine Gesundheit, unbedeutend mein Wissen, Mangel an natürlichen Vorbedingungen. Doch wenn Gott ruft: Hier bin ich, Herr.
Diese Aussagen erinnern an Paulus, von dem Pater Kentenich sagt: Er war beständig kränklich, unansehnlich an Gestalt, im Reden befangen, dienend, den Schwachen ein Schwacher, mit schweren Gemütsdepressionen (USM Seite 30 und 220ff).
Bei der Ansprache anlässlich seines 73. Geburtstages am 16. November 1958 in Milwaukee bringt Pater Kentenich den Vergleich, die Nebeneinanderstellung von ihm und Paulus:
Wenn wir einmal den heiligen Paulus befragen, was das denn für eine Sendung war, die er hatte, dann würde er sagen: “Mir wurde die Sendung übertragen, der Welt das Geheimnis Christi zu künden, Christus, den Erlöser, den Mediator, das Haupt des mystischen Leibes.”
Unwillkürlich fragen wir jetzt: “Was war denn die Sendung, die mir vor 73 Jahren aufgetragen wurde?” Mit einem Seitenblick auf den heiligen Paulus darf ich sagen: “Meine Sendung war es und ist es, der Welt das Mariengeheimnis zu künden.” Meine Aufgabe ist es, die Gottesmutter zu künden, sie unserer Zeit zu entschleiern als die Dauerhelferin des Heilandes beim gesamten Erlösungswerk, als die Miterlöserin und Gnadenvermittlerin; die Gottesmutter, tief mit dem Heiland geeint, eine Zweieinheit, mit der spezifischen Sendung, die sie von ihrem Schönstatt-Heiligtum hat für die heutige Zeit.
Im weiteren Verlauf der Ansprache lädt Pater Kentenich die Zuhörenden ein, teilzunehmen an seiner Lebenssendung, ja mitzuwirken, auch das Mariengeheimnis zu künden. Das Mariengeheimnis stellt er allerdings so dar, dass immer die Verbundenheit mit dem Christusgeheimnis gewahrt ist, Maria, tief mit Christus geeint. -
Ähnliches finden wir einige Jahre später (November 1964) beim zweiten Vatikanischen Konzil in der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen gentium Nr. 61f): Mariens Mittlerschaft hängt vollständig von der Mittlerschaft Christi ab. Sie hat beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise mitgewirkt. Sie ist in der Ordnung der Gnade Mutter. Sie wird auch unter den Titeln Helferin, Beistand, Mittlerin angerufen. Das mindert nicht die Wirksamkeit Christi des einzigen Mittlers.
1.2
Paulinisch und marianisch ist auch Vinzenz Pallotti.
Die beiden Linien (Paulus - Maria) finden wir auch bei unserem zweiten Gründer Vinzenz Pallotti: eine tiefe Marienliebe und ein rastloser Apostolatsdrang (Caritas Christi urget nos. Weltapostolatsverband). Dabei ist zu beachten, was Kentenich zum Verhältnis Schönstatt - Pallotti sagt. Pallotti hat keinen Einfluss auf den zentralen Gründungsakt Schönstatts ausgeübt. Aber sein Leitbild vom Apostolischen Weltverband kann nicht ohne die eigengesetzliche Lebensquelle Schönstatts verwirklicht werden. Schönstatt ist eine gleichwertige Lebensquelle neben Pallotti und “Fühlung mit den beiden Gründern ist für das Gesamtwerk lebensnotwendig”. Wir sagen in Schönstatt Ja zum ganzen Pallotti und zum ganzen Schönstatt.
In der Person und im Leben von Josef Engling können wir auch die marianische und paulinische Linie - vermittelt durch Kentenich - finden. Die Aussage “allen alles werden” drückt auch bei Engling nicht das Ziel aus, sondern den Weg, Maria ganz zu eigen sein, um ein heiliger Priester zu werden.
2.
Kentenich - ein paulinischer und marianischer Vater und Prophet für die neueste
Zeit
Wenn wir Paulus und Kentenich nebeneinander stellen, stellt sich die Frage: Wieweit und in welcher Hinsicht ist Kentenich ein neuer Paulus für die heutige Zeit?
Auf welchem Gebiet finden sich Vergleichspunkte oder Ähnlichkeiten?
2.1
Paulus musste Christus retten vor der Enge des Bindungsorganismus im Judentums (viele Gesetze, Sabbat, Waschungen, reine und unreine Speisen, Opferzeremonien im Tempel u. a.) und zur wahren christlichen Freiheit führen.
Kentenich sieht als seine große Aufgabe, das Christentum vor Bindungszerfall und mechanistischem Denken zu retten und zu einer neuen gottgewollten Gebundenheit zu führen.
Dabei nennt er oft Formen des Bindungszerfalls wie Zerfall der Einheit von Gott und Welt, Christus und Kirche, Trennung von Christus und Maria, von Liturgie und Leben, von Sonntag und Werktag. Er sieht die Bedrohung durch Massenmenschentum, Verlust der inneren Freiheit des Menschen gegenüber Ideologien. Meist nennt er den Bolschewismus, mitgemeint ist der Nationalsozialismus. Er möchte zur wahren Freiheit der Kinder Gottes in einer pluralistischen Welt führen.
In Schönstatt sollen, dürfen wir am Charisma unseres Vaters Kentenich für die Kirche teilnehmen.
Dürfen wir sagen: Pater Kentenich - ein neuer Paulus für die heutige Zeit?
Wir haben schon vom Lebensziel Pater Kentenichs gehört. Weitere Aussagen gehen in ähnliche Richtung. Er möchte “den Namen Mariens verbreiten, die Menschen zum Heiligtum führen, damit sie den Dreifaltigen Gott loben”. Er sieht seine Aufgabe darin, die Menschen im Bündnis mit Maria durch Christus im Heiligen Geist zum Vater zu führen, um ein marianisches Christkönigs- und Vaterreich heraufzuführen. Ja, er sieht seine Lebensaufgabe darin, unzählige Menschen zum unendlichen Gott zu führen. Seine Worte im ehemaligen KZ Dachau am 16. Juli 1967 (1. Vortrag) weisen darauf hin: “Die Aufgabe, von der ich meine, sie in besonderer Weise bekommen zu haben, (sehe ich darin) ungezählt viele Menschen hineinzuführen in die totale Hingabe an den ewigen, an den unendlichen Gott, um heimisch zu werden in der jenseitigen Welt... allen helfen, ausgesprochen jenseitige Menschen zu werden.” (Kentenich, Pr. loc. Band 15, Seite 13).
Paulus sagt ähnlich über seine Aufgabe: Ich soll den unergründlichen Reichtum Christi verkündigen, ... ihr sollt die unermessliche Liebe Christi verstehen, mit der Fülle Gottes erfüllt werden (vgl. Epheserbrief Kapitel 3).
2.3
Für Pater Kentenich ist Paulus ein modellhafter Heiliger, um sich selbst auszudrücken.
Kentenich sieht, dass er ähnliches wie Paulus erlebte und ein ähnlicher Apostel war wie er. Man hat den Eindruck, dass für Pater Kentenich Paulus ein Modell ist, um sich selbst auszudrücken.
In zwei Vorträgen aus der “Frühzeit” Schönstatts wird das sichtbar, im Vortrag von Allerheiligen 1912 und vom 29. Juni 1914, abgedruckt im Buch von Kastner, Unter dem Schutze Mariens.
Im folgenden seien einige Aussagen aus Vorträgen vom 1.11.1912 (USM S. 27ff), vom 29. Juni 1914 (USM S. 217ff) und aus dem Hirtenspiegel (Verse 221ff) und anderen Texten angeführt.
- Paulus ist “Völkerapostel mit Feuerseele”, aber unter der Last beständiger Kränklichkeit (USM S.30). Ein Stachel ist ihm ins Fleisch gegeben.
- Paulus ist schwach und doch mit rebellischem Temperament (USM S. 219).
- Paulus habe sich, um alle zu retten, freiwillig zum Knechte aller gemacht, um allen alles zu werden, wie er im ersten Korintherbrief beteuert (USM S. 219).
- Paulus ist ein Edelmensch mit zarten Gefühlen, mit Leidenskatalog, mit drängender Liebe (Hirtenspiegel Nr. 212ff).
“Für alle zarten, menschlichen Gefühle
blieb Paulus trotz der großen Arbeitsfülle,
die er des Heilands Siegeszug geweiht,
empfänglich bis zum End der Lebenszeit.” (221)
- Paulus war Vater und Mutter zugleich. Er sagte: Ich leide aufs neue für euch Geburtswehen, bis Christus in euch Gestalt gewonnen hat (Gal 4,19).
“Nicht nur als Vater konnte er sich geben,
auch wie die Mutter, weil er froh sein Streben
mit allen Weh´n den Seinen hat gereicht,
bis Christus war in ihnen voll erzeugt.” (222)
- Paulus vereinigte in sich die schroffsten Gegensätze, ganz Mensch, ganz in Gott versenkt:
Er “vereinigte die schroffsten Gegensätze
zu einer Ganzheit voller selt´ner Schätze.
Weil er sich ganz und gar in Gott versenkt,
ist echtes Menschentum ihm reich geschenkt”. (226)
2.4
Paulus wirkt weiter durch seinen Geist und sein Charisma
Bei den Paulustexten (siehe Buch) gibt es eine Reihe von Texten von Pater Kentenich, die seine Hochschätzung für Paulus ausdrücken.
Ein Vortrag, den unser Vater, Pater Kentenich, in Milwaukee am 15. März 1963 hielt, der wie eine Zusammenfassung aussieht, ist wie ein Überblick über Theologie, Christusmystik und christliche Lebensweise bei Paulus anzusehen. Daraus einige Grundgedanken (der ganze Text ist lieferbar, siehe auch im Internet bei “Männerliga”):
Bei Paulus in die Lehre gehen:
- Harmonie von Leib und Seele wieder herstellen, deshalb den Leib in Dienstbarkeit bringen wegen der Folgen der Erbsünde.
- Wir leben in der Kreuzesordnung.
- Als Glied Christi teilnehmen am leidenden, sterbenden und verklärten Heilandsleben.
- In Christus leben und so Kind des Vaters sein.
- Die reiche Christusmystik des hl. Paulus sehen wir auch bei Pallotti sich entfalten.
- Bei Paulus das Christusgeheimnis (siehe Epheserbrief), bei uns auch das Mariengeheimnis.
- Bei Johannes Christus als der wahre Weinstock
2.5
Pater Kentenich hat - wie Paulus - eine ökumenische Linie, aber er ergänzt diese Linie durch Maria als Zeichen der Einheit
Einheit in der Liebe und Wahrheit. Das Wort auf dem Primizbildchen Pater Kentenichs drückt seine ökumenische Sicht aus: “Verleihe, o mein Gott, dass alle Geister in der Wahrheit und alle Herzen in der Liebe sich einigen.” (Schlickmann, Verborgene Jahre, S. 265)
In Schönstatt gehört zur Ökumene immer Maria, die Mutter der Einheit (siehe Kentenich, Texte zur Ostsendung, Abschnitt Einheit der Kirche, Seite 40ff).
Die Ökumene von Schönstatt aus schließt die anthropologische Linie ein: Einheit mit allen Christen im Einsatz für den Schutz des Lebens (von Anfang bis zum Tod), Einsatz für das christliche Menschenbild. (Siehe Extratext von P. Grill über Ökumene von Schönstatt aus)
3. Wir sind berufen - mit unserem Vater Pater Kentenich und Josef Engling - paulinische und marianische Menschen zu werden
Einige Anregungen:
Die katholische Kirche heute soll wieder missionarischer werden. Sie soll zu den Menschen gehen und nicht wie ein Fels warten, ob jemand kommt.
Bei den “Evangelikalen” können wir Anregungen finden. Sie bleiben aber bei der Bibel als Wort Gottes stehen und haben kaum Sakramente (außer der Taufe).
Unser Hausheiligtum als Ort der Beheimatung für die Menschen, die zu uns kommen, sehen.
Als Familie sollen wir “Quelle und Seele” (P. Kentenich) für viele sein.
Die Kirche soll nicht bloß eine “Komm-her-Kirche” sondern eine “Geh-hin-Kirche” sein (der Ausdruck findet sich bei Kardinal Höffner). Schönstatt nicht ein “Komm-her-Schönstatt”, sondern ein “Geh-hin-Schönstatt.”
Wo könnten wir hingehen und uns einbringen (Hausbesuche mit der pilgernden Gottesmutter, Besuche bei jungen Familien, bei Kranken, Zugezogenen, Armen, aber auch Teilnahme bei Familientagen in den Diözesen, Teilnahme an diözesanen Aktionen, an Katholikentagen, an Familienkongressen).
Wir sind auf einem Weg der Erinnerung als Erneuerung der Charismen unseres Vaters Kentenich: 2010 (Gedenken an seine Priesterweihe 1910), 2012 (Charisma der Erziehung), 2014 (Ursprung des Gnadenquells 1914), 2016 (Hinzufügung des Charismas Pallottis zu Schönstatt 1916), 2019 (100 Jahre Gründung des Apostolischen Bundes), 2020 (100 Jahre Apostolische Liga Schönstatts).
Einige praktische Anregungen für die Tagungen im Paulusjahr 2008-2009:
Votivmesse zu Ehren des heiligen Paulus (oder einen Wortgottesdienst) in der Pfarrei vorschlagen.
Eine Pauluskerze, eine Pauluspforte oder eine Porta oecumenica wie in Rom auch bei uns im Haus aufstellen, einrichten.
Apostolat von Schönstatt aus erfolgt von den Heiligtümern. Die Filialheiligtümer in den Diözesen mittragen, beseelen.
Die Hausheiligtümer stärken und durch Pilgerheiligtümer auf die bleibenden Hausheiligtümer aufmerksam machen und mithelfen, schönstättische Hausheiligtümer einzurichten.
Mit anderen missionarischen Kreisen zusammenarbeiten.
Literaturhinweise:
Siehe Literaturhinweise zum ersten Vortrag von P. Grill (SM 2-2008)
P. Kentenich Predigt vom 16. November 1958: Der Welt das Mariengeheimnis künden (als Text lieferbar und im Internet bei “Männerliga Schönstatts”)
P. Kentenich, Vortrag in Milwaukee über die Christusmystik des hl. Paulus (Text lieferbar und im Internet bei „Männerliga Schönstatts“)
