„Mario Hiriart, Dein Weg interessiert mich“

Fortsetzung:

Günstig beeinflusst wurde dieser Weg zum Liebesbündnis durch die Grundsteinlegung zum Heiligtum in Bellavista, am 18. Oktober 1948, die Pater Kentenich vornahm. Einige Vertreter der Studentengruppe, unter ihnen Mario Hiriart, nahmen daran teil. Durch die Bauperiode und die Einweihung des Kapellchens am 20. Mai 1949 wurden die Studenten lebensmäßig aufs Heiligtum, die MTA und den Gründer Schönstatts hingelenkt.
Am 29. Mai 1949 legten acht Mitglieder der Studentengruppe im neu eingeweihten Kapellchen die erste Weihe ab.
Wie der Weg Marios im Liebesbündnis weiter ging, lassen wir uns von ihm selbst erzählen.
Vor der Englingweihe am 31. Mai 1959 hält er Rückblick und schreibt in sein Tagebuch: „Morgen, Madrecita, ist der 10. Jahrestag meiner ersten Weihe. Deshalb besteht meine Betrachtung in einem kurzen Überprüfen dieser vergangenen 10 Jahre. Was ich geschenkt bekam, will ich im Hinblick auf meine Weihe am 31.5.1959 betrachten“                                                                              28.5.1959

„Mütterlein, über den 29.5.1949 kann ich nur eines sagen: dass er ein Geschenk Deiner Liebe war, dass ich damals in fast keiner Weise verstand, fühlte, lebte. Was bedeutete er dann für mich? Innerlich nichts. Ich erinnere mich, dass am 21.5., am Schluss der Exerzitien, im „Exerzitienhaus“, an dessen Namen ich mich nicht mehr genau erinnere, über die Weihe diskutiert wurde; ehrlich gesagt, bedeutete mir diese Diskussion nicht viel und die Idee, eine Weihe an Dich abzulegen, war für mich kein besonderer Wert ... So habe ich die Weihe einfach abgelegt, weil die anderen es auch taten, um der Strömung zu folgen. Auch ich bereitete einen Text für die Weihe vor, der von den anderen als geeignet befunden wurde, wenn auch der ausgewählte Text hauptsächlich von Rodolfo war ... Aber das sagte mir innerlich nicht viel.

Wie soll ich das deuten, liebes Mütterlein? Es ist klar, ganz klar wie klares Wasser ... Nicht ich habe Dich erwählt, Mütterlein, sondern Du hast mich erwählt an diesem Abend des 29.5.49, als 8 Gralsritter sich in Deinem Heiligtum vor dem Altar niederknieten - der Altar war provisorisch, nicht der endgültige, weil er nicht den hinteren Altaraufbau hatte, es gab noch keine Kommunionbank, die Kapelle war von innen nicht verputzt. An die Feier selbst kann ich mich kaum erinnern, das ist schade; aber von einem bin ich vollkommen überzeugt: nicht ich war es, der aus eigenem Antrieb hin ging und die Weihe ablegte, sondern Du hast mich hingeführt, Du hast mich auserwählt in einem Zug Deiner mütterlichen Großmut.

Danach stellte sich ganz offenkundig heraus, dass ich nicht sehr von Schönstatt durchdrungen lebte. Als 1951 ein Teil der Gruppe sich für die zweite Weihe entschied, sagte ich zu Pater Benito, dass ich mich nicht für würdig halte, sie abzulegen - er überzeugte mich, die Weihe auf jeden Fall abzulegen -. Madrecita, ich möchte sagen, dass ich mir wenigstens in etwa bewusst wurde, dass Schönstätter sein bedeutet, Dir alles zu geben, auf eine Art zu leben, wie die anderen nicht leben; ich habe unbewusst erkannt, dass die Weihe eine affektive Ganzhingabe bedeutet.

Mein Mütterlein, auf diesem Hintergrund muss ich meine Weihe von Übermorgen betrachten. Ich habe Dich nicht erwählt, sondern Du warst es, die mich erwählt hat. Ich bin nicht wert, die Weihe abzulegen, weil ich nicht verstehe, was sie bedeutet, ich kann ihre Bedeutung nicht ermessen, ich lebe nicht auf der Höhe dessen, was ich Dir anbiete und um was ich Dich bitte; ich werde nicht fähig sein, später der Weihe entsprechend zu handeln. Aber es handelt sich vor allem um ein Liebesbündnis: ich biete Dir, mit all meinen Unfähigkeiten und Grenzen, meine Liebe an, absolut meine ganze Liebesfähigkeit. Und Du gibst mir als Belohnung eine viel größere Liebe, weil Du Dich an Großmut nicht übertreffen lässt. Du schenkst sie mir mit den von Deinem göttlichen Sohn verdienten Gnaden, damit ich mich mit ihnen ernstlich umwandle, trotz all meiner Schwächen und meinem Elend. Darum: "Lass mich für alles, alles herzlich danken..."                29.5.1959

Auf eine Frage nach dem Datum des Liebesbündnisses antwortete Pater Kentenich in Milwaukee: Das Liebesbündnis ist ein dynamischer Vorgang vom 18. Oktober 1914 bis zum 4. Oktober 1918, dem Tod Josef Englings. Hier dürfen wir wohl einen Vergleich ziehen zu dem Wachstumsprozess des Liebesbündnisses bei Mario von der ersten Weihe bis zur Englingweihe am 31. Mai 1959 und der Einlösung mit seinem Tod am 15. Juli 1964. Wir können dann auch den Mitbruder verstehen, der in der Todesstunde bei Mario sein konnte und mir später schrieb: Ich habe mit ihm noch einmal unsere Weihe erneuert und war mir bewusst, mit seinem Tod hat die Gottesmutter unsere Weihe angenommen. Mario selbst schreibt zu diesem Wachstumsprozess: „Am Anfang war ich rein intellektuell eingestellt. Ich erinnere mich auch, dass mir nicht gefiel, wie Josef Engling sich affektvoll an die Gottesmutter wandte, in einem so kindlichen Ton. Meine große Bewunderung für Engling galt viel mehr seinem totalen Verstehen der übernatürlichen Welt und seinem heroischen Leben. ...
Dass meine Haltung zu Dir, Mutter und der übernatürlichen Welt rational und ethisch war, bezeugt sehr klar die Tatsache, dass ich erst Mitte der fünfziger Jahre anfing, mich ganz persönlich an Dich zu wenden in meinem Tagebuch“
14.8.57

Hilfreich auf diesem Weg war für Mario Ende 1949, Anfang 1950 die Suche und Erarbeitung des Gruppenideals, die „Gralsritter“, Maria als die Königin des heiligen Grals, das Kapellchen die Gralsburg. Durchdringung, spirituelle Erarbeitung und Deutung des Gruppenideals war auch nach Aussagen seiner Freunde wesentlich die Arbeit von Mario Hiriart.
Die Gralsgruppe wurde für die weitere Entwicklung Marios ein entscheidender Faktor. Ein Gruppenfreund bezeugt dies mit den Worten: „Ohne die Schönstattgruppe wäre Mario im besten Falle ein ethisch solider Spießbürger geworden.“

Eine Wende in seinem Leben geschah am Karfreitag 1952. Pater Benito hat die Kartage genutzt und die Studenten zu Exerzitien in Bellavista eingeladen. Im Vortrag am Karfreitag zitiert er aus „Popule meus“:

O du mein Volk, was tat ich dir? / Betrübt ich dich? / Antworte mir! / Ägyptens Joch entriss ich dich, / du legst des Kreuzes Joch auf mich. Ich führte dich durch vierzig Jahr / und reichte dir das Manna dar; das Land des Segens gab ich dir, / und du gibst mir das Kreuz dafür. Was hab ich nicht für dich getan? / Pflanzt dich als meinen Weinberg an, / und du gibst bittern Essig mir, / durchbohrst des Retters Herz dafür. Ich führte dich durchs Rote Meer, / und du durchbohrst mich mit dem Speer. / Der Heiden Macht entriss ich dich, / du übergabst den Heiden mich. Ich nährte in der Wüste dich, / und du, du lässt verschmachten mich; / gab dir den Lebensquell zum Trank, / und du gibst Galle mir zum Dank. Ich schlug den Feind, gab dir sein Land; / und grausam schlägt mich deine Hand. / Das Königszepter gab ich dir, / du gibst die Dornenkrone mir. Ich gab dir Gnaden ohne Zahl; / du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl. / 0 du mein Volk, was tat ich dir? / Betrübt ich dich? Antworte mir!"

Mario weilt an diesem Karfreitagnachmittag lange zu Gebet und Betrachtung im Heiligtum von Bellavista. Er vertieft sich in das grausame Leiden und Sterben Jesu und die Gnade bewegt ihn zu einer ganz persönlichen Anwendung.

- Jesus hat alles für mich gelitten und auf sich genommen.

- Jesus ist für mich am Kreuz gestorben, weil er mich liebt.

Deshalb muss auch ich ihn lieben und für ihn etwas tun und mich einsetzen.

Was er vom Verstand her wohl schon wusste, an diesem Karfreitag aber ergreift es ihn, es wird zu einer tiefen Glaubenserfahrung, die nicht nur den Verstand, sondern emotional auch Herz und Gemüt erfasst.

Cedric Moller, ein Gruppenfreund Marios erzählte mir im Februar 1966: „Die Wandlung Marios war ganz ungewöhnlich, ja ein echtes Wandlungswunder. Hat er vorher mehr passiv sich verhalten, so wurde er jetzt aktiv und mitgestaltend. Mussten wir ihn vorher mitziehen, nach diesem Ereignis zog Mario uns mit. Nahm er vorher nicht an unseren Zeltlagern teil, weil es ihm zu unbequem war und verbrachte die Ferien bisher bei seinen Eltern im Elkital, so nahm er nun nicht nur teil, sondern setzte sich auch voll und ganz für das Gelingen des Zeltlagers ein.“

Cedric Moller spricht von einem Wandlungswunder.
Unser Vater und Gründer betet im „Himmelwärts“ und lässt uns beten:

... Bis jetzt hab ich am Steuer selbst gesessen,
und Dich im Lebensschiff so oft vergessen,
an Dich gewandt mich hilflos dann und wann,
damit das Schifflein fuhr nach meinem Plan.
Lass Vater, endlich ganz die Kehr mich finden!
Im Bräutigam möchte aller Welt ich künden:
Der Vater hat das Steuer in der Hand,
ob Ziel und Weg mir auch sind unbekannt.
Ich lasse jetzt von Dir mich blindlings führen,
nun Deinen heiligen Willen will ich küren:
Ich fahr mit Dir durch Finsternis und Nacht,
weil Deine Liebe immer für mich wacht. Amen.

 

Oder:

 

Was irdisch war im Denken,
zu menschlich im Verschenken,
wollt Gott nach oben lenken,
und ganz in sich versenken.

 

Mario Hiriart nennt es später: »kopernikanisches« Umdenken.

„Madrecita, gestern überdachte ich die Frage der Harmonie zwischen Natur und Gnade und wie oft die Natur es verneint, das Übernatürliche anzuerkennen, weil es sich nicht um eine Harmonie in der Gleichheit handelt, sondern in der Unterordnung: die Erde, die die Sonne, das Umfeld der Sonne, umkreist ...

Und unsere Natur widersetzt sich, diese Rolle anzunehmen, sie möchte selbst der Mittelpunkt sein. Deshalb ist ein »kopernikanisches Umdenken« erforderlich. Madrecita, für mich will das heißen, dass ich vollkommen die Haltung des Kelches annehmen möchte, Deine Haltung in der Verkündigungsstunde, Madrecita querida: Möge meine ganze Natur eine »Ancilla Domini« (»Magd des Herrn«) sein, welche durch das Kreisen um das Blut Christi ihren eigentlichen Sinn empfängt.“                                                                                                       26.3.1958

Dementsprechend entwickelte sich auch sein Persönliches Ideal (PI). Beeinflusst von seinem zielstrebigen Studium und der Werktagsheiligkeit hieß es. „Das Gewöhnliche außergewöhnlich gut tun“.

Nach dem Karfreitag, und in Verbindung mit der Erarbeitung und Durchdringung des Ideals der Studentengruppe „Ritter des Heiligen Gral“ formuliert Mario Ende 1952 sein neues Ideal: „Lebendiger Kelch, ewiger Träger der Botschaft Christi“.

Einige Jahre später präzisiert er dies Persönliche Ideal: „Lebendiger Kelch, Träger Christi“. Es war eine Straffung, aber auch Ausdruck einer stärkeren und lebendigeren Bindung an die Person Jesu Christi.

Angeregt durch die Übergabe des „Kreuzes der Einheit“ am Heiligen Abend 1960 an das Heiligtum von Bellavista, gibt Mario am 1.1.1961 seinem Persönlichen Ideal die endgültige Formulierung:

„Wie Maria, lebendiger Kelch, Träger Christi“.

Jeder Wachstumsschritt des Persönlichen Ideals war begleitet von einer tieferen Bindung an die Mutter und Königin im Heiligtum. Ein Gebet von Mario im Jahr 1957, im Tabor-Kapellchen von Santa Maria ins Tagebuch geschrieben, mag uns dies ein wenig erahnen lassen:

„Lieb Mütterlein:

Wie das Kind, sehnsüchtig erwartet nach Hause zurückkehrt, um auszuruhen in der mütterlichen Liebe, so sehnt sich mein Herz heute, in Dein kleines Heiligtum zu kommen. Durch Deine mütterliche Sorge und die unzähligen Wohltaten, die Du mir im Heiligtum, am geliebten Ort, hast zukommen lassen, ist er mir zum stillen friedvollen Heim geworden. Dorthin komme ich Tag für Tag, um in Deinen Armen auszuruhen und Dir meine ganze Armseligkeit und Kleinheit mit kindlicher Freude zu übergeben. Das Tagewerk mag schwer und voller äußerer Fehlschläge gewesen sein. Wenn ich aber zu Dir komme und Dir alles aufopfere, dann verwandelt sich alles durch meine kindliche Ohnmacht in einen Triumph der mütterlichen Liebe, und ich fühle mich innerlich glücklich, in diesem mütterlichen Schutz ganz geborgen zu sein.

Mütterlein, in diesem unserem Heim hast Du für mich Himmel und Erde geeint. Alles, was wirklich gut und liebenswert in unserem Leben ist, hast Du mir von diesem Heiligtum geschenkt:

Kindesliebe,
Bruderliebe,
Bindung an den Ort,
Sehnsucht nach Friede und geistiger Freude,
die Kraft großer Ideale.

Du aber hast es verstanden, mir zu zeigen, was alle diese erhabenen Erdengüter in Wirklichkeit sind: nur ein Heimweh nach dem Himmel, nach der Ewigkeit, nach Gott. An diesem Ort hast Du mit mütterlicher Liebe und Weisheit alles aufgefangen, was an Großem und Gutem in meiner menschlichen Natur ist, um es dann emporzuheben, zu wandeln und hinzuführen zum übernatürlichen Leben.

Ja, mein Mütterlein, an diesem kleinen Gnadenheiligtum wandelst du das unnütze und leere Gefäß meiner Natur in einen Kelch, der fähig ist, sich für Christus zu öffnen. Und von diesem Heiligtum aus erhebst du diesen Kelch, mein Herz, zu Gott, damit er sich fülle mit dem göttlichen Blut.

Mütterlein, mach, dass mein Herz durch Dein Heiligtum stets ein nach oben geöffneter Kelch sei, wie du selbst es gewesen bist, damit an diesem Orte, den du in besonderer Weise erwählt hast, um Gaben auszuteilen, all meine natürliche Welt in inniger Harmonie sich eine mit dem Göttlichen und mein ganzes Leben sich ausschließlich und auf immer hinwende zum Blute Deines Sohnes.“

Liebe Männer, sie interessieren sich für den Weg, den Mario gegangen ist, oder von Gott und der Gottesmutter geführt wurde, sodass sein Seligsprechungsprozess schon in Rom weitergeführt wird. Auf diesem Weg war das Gnadenerlebnis im Heiligtum von Bellavista ein entscheidender Wendepunkt.

Für Pater Kentenich war dieses Ergriffensein oder wie er auch sagte innerliches Erfasstsein von den Glaubenswahrheiten wichtig, ja unerlässlich, um auf dem Weg zur Heiligkeit in den heutigen Widrigkeiten und Hindernissen nicht auf halbem Weg stecken zu bleiben. Einige Gedanken von ihm mögen uns das vor Augen führen:
»Wir dürfen uns nicht durch den Klang von Worten täuschen lassen. Wie häufig hören wir bei Kreuz und Leid aus Christenmund das Wort des Glaubens und des Vertrauens, wie häufig mögen wir es selbst aussprechen: „Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut ...“
„Nichts geschieht von ungefähr, von Gottes Güt kommt alles her ...“

Und wie Worte und Gebete dieser Art heißen mögen. Sie scheinen Ausdruck eines lebendigen, persönlichen Glaubens an die individuelle, spezielle Vorsehung Gottes oder des Glaubens an sein persönliches Wissen um uns und unsere persönliche Not und an sein persönliches Interesse um uns persönlich zu sein, sind es aber in ungezählt vielen Fällen nicht, weil Gott praktisch zu einseitig als Idee vor uns steht, als ein großes, unbekanntes, meinetwegen gütiges und wohlwollendes Es, nicht aber, oder wenigstens nicht genügend, als lebendiges und verlebendigendes persönliches Du, wie etwa ein Mensch, der uns gegenübersteht. Wir wissen zwar theoretisch, dass er uns „mit unserem Namen“, mit Vor- und Nachnamen ruft, sind aber davon innerlich nicht erfasst. – Wir schauen und stieren selbst beim Gebet, mehr noch im Alltag in einen luftleeren Raum, nicht aber in das Auge eines persönlichen Gottes, das mit persönlicher Wärme auf unsere Person mit ihrer Art und Unart gerichtet ist ...«
(Texte zum Vorsehungsglauben, Seite 88)

Zur Ergänzung und Vertiefung ein Geschehnis aus meinem eigenen Leben:
Der Ort Rustavi, ein Gefangenenlager etwa 40 km von Tiflis entfernt. Hier sollte in der Steppe zwischen der Kura, einem Fluss etwa wie die Mosel, und dem Gebirge des Kaukasus eine Industriestadt entstehen. Die Zeit, Advent und Weihnachten 1946. Für mich stand das dritte Weihnachtsfest in Kriegsgefangenschaft vor der Tür. Ich hörte, von einem aufgelösten kleinen Nebenlager sei ein katholischer Priester mit in unser Lager gekommen. Meine Erkundungen gingen dann weiter, ich erfuhr, er arbeitet als Hilfsarbeiter bei den Terrazzolegern und zu meiner Freude, er wird am Heiligen Abend eine heilige Messe in einer Baracke feiern. Da Weihnachten für uns ein Arbeitstag war, hatte man ausgemacht, am Heiligen Abend ist der katholische und am Weihnachtsabend der evangelische Gottesdienst. Da ich die heilige Kommunion empfangen wollte und dem Göttlichen Kind eine würdige Herzenskrippe bereiten wollte durch eine gute Beichte, machte ich mich am Nachmittag des 4. Advent, es war arbeitsfrei, auf die Suche nach dem Priester. Nachdem ich seine Baracke gefunden hatte, fragte ich mich durch, bis mir einer sagte: Wenn du den Pastor suchst, der da drüben auf der Pritsche, das ist ein Pastor. Ich habe ihn dann angesprochen und gefragt ob ich bei ihm beichten könnte. Er stand sofort auf und wir gingen nach draußen auf die Lagerstraße und so konnte ich nach drei Jahren wieder das Sakrament der Buße empfangen. Zur Buße sagte er mir, ich solle mir ein ruhiges Plätzchen suchen und einmal über den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an Gott den allmächtigen Vater“ nachdenken und in Ruhe überlegen: was sagt mir diese Aussage jetzt hier im Gefangenenlager. Dem Rat des aus Schlesien verschleppten Priesters folgend habe ich mich in den Windschatten der Giebelwand einer Baracke gesetzt, wo die Wintersonne auch noch etwas Wärme spendete, und im Rückblick kann ich sagen, zum ersten mal in meinem Leben Betrachtung gehalten. Dazu muss man die Situation sehen, der Winter 1946/47 war für uns noch mal sehr schlimm. Es würde zu weit führen das zu schildern, nur die Tatsache, von den etwa 4500 Gefangenen des Lagers gingen im Januar 1947 keine 850 zur Arbeit, alle anderen waren arbeitsunfähig. Die Gefangenen waren so heruntergekommen, dass die Lagerleitung einsehen musste, es geht einfach nicht mehr. Ein Arbeitskamerad hatte es mir gegenüber so ausgedrückt: „Der Russe lässt uns hier so lange arbeiten bis wir alle verreckt sind“.
In dieser Situation der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung nun die Überlegungen:

Ich glaube an Gott: - Es gibt ihn wirklich; er ist da.

Ich glaube an Gott den allmächtigen: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“. Oder, wie wir es schon als Kind im kleinen Katechismus gelernt haben: Gott ist allmächtig heißt, er kann alles machen, was er will.

Ich glaube an Gott ,den allmächtigen Vater: Also, dieser allmächtige ist mein Vater, er sieht mich, er sorgt für mich und wenn er will, kann er mich in die Heimat zurückführen.

Als die Sonne im Westen unterging, ging ich in die Baracke zurück mit der festen Zuversicht, wenn der allmächtige Vater es will, komme ich wieder heim, da kann sich die NKWD (Ru. Geheimdienst) auf den Kopf stellen, ich komme heim.
Von da an hatte ich festen Boden unter den Füßen, voll Vertrauen und Hoffnung. Es dauerte zwar noch drei Jahre, (in den Jahren 1948 und 1949 waren die Verhältnisse erträglicher) aber Weihnachten 1949 konnte ich daheim feiern.

Liebe Männer, Mario bekam die Gnade des innerlichen Erfasstseins, ja Ergriffenseins im Heiligtum von Bellavista.

Für mich war eine solche Gnadenstunde der 4. Advent 1946. An diesem Nachmittag haben mich die oben genannten Wahrheiten wirklich, wie Herr Pater sagt, innerlich erfasst, ja so tief ergriffen, dass sie mein weiteres Leben mitgeprägt haben.
Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass durch die Beichte und dieses innerliche Erfasstsein von der Wahrheit „Gott ist mein Vater“ vorbereitet, das Weihnachtsfest äußerlich vielleicht ärmer wie im Stall von Bethlehem, aber um so mehr innerlich voll Freude, Frieden, Glückseligkeit und vor allem voll Hoffnung war.

Fortsetzung folgt!