Referat zum Abteilungstag am 21. September 2008
im Schönstattzentrum Aulendorf
Lieber Herr Pfarrer Unglert, meine lieben Männer,
als
mich unser Abteilungsführer Paul Mayr gefragt hat, ob ich am Abteilungstag ein
Kurzreferat halten könnte, habe ich ihm zugesagt, obwohl ich schon etwas
Bedenken hatte, weil ich auf Grund
einer
Operation nicht an der Führertagung teilnehmen konnte. Unsere neue
Jahreslosung:
Bindung in Freiheit – das Mariengeheimnis künden
soll natürlich Grundlage meines Kurzreferates sein. Wenn ich nun diese Jahreslosung so auf mich wirken lasse, fällt mir spontan folgendes ein:
Bindung: Bindungslosigkeit, Scheidungen, fehlende Bereitschaft heute, sich zu binden und Verantwortung zu übernehmen.
Freiheit: Gott hat uns den freien Willen geschenkt, Missbrauch der Freiheit.
Mariengeheimnis: Liebesbündnis, Garant für ein erfülltes gottgewolltes Leben.
Nicht zuletzt ist das vom Heiligen Vater ausgerufene Paulusjahr ein Anlass, sich mit dem heiligen Paulus näher zu befassen.
Wir kennen die Geschichte vom Saulus im neuen Testament: Er verfolgte die Christengemeinde, bis ihm Christus erschien und ihn fragte: "Saulus, warum verfolgst du mich?" Da wurde Saulus zu Paulus und kämpfte für die Sache Christi mit all seinen Kräften, ja ich möchte sagen, über seine Kräfte hinaus. Er war ihm treu bis zu seinem Tode. Wenn man die Missionsreisen des heiligen Paulus betrachtet, kann man nur staunen über das, was er geleistet hat. Er war es, der das Christentum geöffnet hat für Menschen, die nicht dem Judentum angehörten. Wenn der heilige Paulus nicht gewesen wäre, wären wir hier vielleicht keine Christen!
Wir sind ihm deshalb zu großem Dank verpflichtet. Es ist deshalb eigentlich normal, dass wir in der Pflicht sind, den heutigen Menschen das Christentum wieder nahe zu bringen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist es, Gruppen zu bilden, d. h. Kirche im Kleinen und im Pilgerheiligtum Christus und Maria zu den Menschen zu bringen. Der heilige Paulus hat sich in Freiheit für Christus entschieden und sich für ihn eingesetzt. Auch uns hat Gott den freien Willen mit auf unseren Lebensweg gegeben, d. h. wir können uns für ihn oder gegen ihn entscheiden. Wenn wir uns gegen ihn entscheiden, missbrauchen wir unsere Freiheit, d. h. wir sündigen. Was das bedeutet, können wir sehr gut erkennen, wenn Menschen einer Sucht anheim fallen. Wir denken an: Habsucht, Genusssucht, Abhängigkeit von Drogen, um nur einige zu nennen, es könnte eine ganze Litanei aufgezählt werden.
Interessant ist auch, wie unser Vater und Gründer Pater Kentenich den heiligen Paulus gesehen hat:
Wenn wir den heiligen Paulus fragen, was seine Sendung war, dann würde er sagen: "Mir wurde die Sendung übertragen, der Welt das Geheimnis Christi zu künden, Christus, den Erlöser, den Mediator, das Haupt des mystischen Leibes."
Unwillkürlich fragen wir jetzt: "Was war denn die Sendung, die mir aufgetragen wurde?" Mit einem Seitenblick auf den heiligen Paulus darf ich sagen: "Meine Aufgabe war es und ist es, der Welt das Mariengeheimnis zu künden." Meine Aufgabe ist es, die Gottesmutter zu künden, sie unserer Zeit zu entschleiern als die Dauerhelferin des Heilandes beim gesamten Erlösungswerk, als die Miterlöserin und Gnadenvermittlerin, die Gottesmutter, tief mit dem Heiland geeint, eine Zweieinheit, mit der spezifischen Sendung, die sie von ihrem Schönstatt-Heiligtum hat für die heutige Zeit.
Im weiteren Verlauf der Ansprache lädt Pater Kentenich die Zuhörer ein, teilzunehmen an seiner Lebenssendung, ja mitzuwirken, auch das Mariengeheimnis zu künden. Das Mariengeheimnis stellt er allerdings so dar, dass immer die Verbundenheit mit dem Christusgeheimnis gewahrt ist, Maria, tief mit Christus geeint.
Kentenich
- ein paulinischer und marianischer Vater und Prophet für die neueste Zeit
Wenn wir Paulus und Kentenich nebeneinander stellen, stellt sich die Frage: Wieweit und in welcher Hinsicht ist Kentenich ein neuer Paulus für die heutige Zeit?
Auf welchem Gebiet finden sich Vergleichspunkte oder Ähnlichkeiten?
Paulus musste das Christentum retten, von der Enge des Bindungsorganismus im Judentum, (viele Gesetze, Sabbat, Waschungen, reine und unreine Speisen, Opferzeremonien im Tempel u. a.) und zur wahren christlichen Freiheit führen.
Kentenich sieht es als eine große Aufgabe, das Christentum vor Bindungszerfall und mechanistischem Denken zu retten und zu einer neuen gottgewollten Gebundenheit zu führen. Dabei nennt er oft Formen des Bindungszerfalls wie: Zerfall der Einheit von Gott und Welt, Christus und Kirche, Trennung von Christus und Maria, von Liturgie und Leben, von Sonntag und Werktag. Er sieht die Bedrohung durch Massenmenschentum, Verlust der inneren Freiheit des Menschen gegenüber Ideologien.
Meist nennt er den Bolschewismus, mitgemeint ist der Nationalsozialismus. Er möchte zur wahren Freiheit der Kinder Gottes in einer pluralistischen Welt führen.
In Schönstatt sollen, dürfen wir am Charisma unseres Vaters Kentenich für die Kirche teilnehmen.
Dürfen wir sagen: Pater Kentenich - ein neuer Paulus für die heutige Zeit?
Wir haben schon vom Lebensziel Pater Kentenichs gehört. Weitere Aussagen gehen in die ähnliche Richtung.
Er möchte "den Namen Mariens verbreiten, die Menschen zum Heiligtum führen, damit sie den Dreifaltigen Gott loben." Er sieht seine Aufgabe darin, die Menschen im Bündnis mit Maria durch Christus im Heiligen Geist zum Vater zu führen, um ein marianisches Christkönigs- und Vaterreich heraufzuführen. Ja, er sieht seine Lebensaufgabe darin, unzählige Menschen zum unendlichen Gott zu führen. Seine Worte im ehemaligen KZ Dachau am 16. Juli 1967 weisen darauf hin: "Die Aufgabe, von der ich meine, sie in besonderer Weise bekommen zu haben, (sehe ich darin) ungezählt viele Menschen hineinzuführen in die totale Hingabe an den ewigen, an den unendlichen Gott, um heimisch zu werden in der jenseitigen Welt... allen helfen, ausgesprochen jenseitige Menschen zu werden." (Kentenich, Pr. loc. Band 15, Seite 13)
Paulus spricht ähnlich über seine Aufgabe: Ich soll den unergründlichen Reichtum Christi verkündigen, ihr sollt die unermessliche Liebe Christi verstehen, mit der Fülle Gottes erfüllt werden. (vgl. Epheserbrief Kapitel 3)
Für Pater Kentenich ist Paulus ein modellhafter Heiliger, durch den er sich selbst verstehen kann. Kentenich sieht, dass er ähnliches wie Paulus erlebte und ein ähnlicher Apostel war wie er. Man hat den Eindruck, dass für Pater Kentenich Paulus ein Modell ist, um sich selbst auszudrücken.
- Paulus ist "Völkerapostel mit Feuerseele," aber unter der Last beständiger Kränklichkeit (Unter dem Schutze Mariens, 4. Auflage 1952 = USM S.30). Ein Stachel ist ihm ins Fleisch gegeben.
- Paulus ist schwach und doch mit rebellischem Temperament (USM S. 219).
- Paulus habe sich, um alle zu retten, freiwillig zum Knechte aller gemacht, um allen alles zu werden, wie er im ersten Korintherbrief beteuert (USM S. 219).
- Paulus ist ein Edelmensch mit zarten Gefühlen, mit Leidenskatalog, mit drängender Liebe (Hirtenspiegel Nr. 2I2ff).
"Für alle zarten, menschlichen Gefühle blieb Paulus trotz der großen Arbeitsfülle, die er des Heilands Siegeszug geweiht, empfänglich bis zum End der Lebenszeit. " (221)
- Paulus war Vater und Mutter zugleich. Er sagte: Ich leide aufs neue für euch Geburtswehen, bis Christus in euch Gestalt gewonnen hat (Gal 4,19).
"Nicht nur als Vater konnte er sich geben, auch wie die Mutter, weil er froh sein Streben mit allen Weh 'n den Seinen hat gereicht, bis Christus war in ihnen voll erzeugt." (222)
- Paulus vereinigte in sich die schroffsten Gegensätze, ganz Mensch, ganz in Gott versenkt: Er "vereinigte die schroffsten Gegensätze zu einer Ganzheit voller selt 'ner Schätze. Weil er sich ganz und gar in Gott versenkt, ist echtes Menschentum ihm reich geschenkt". (226)
Paulus wirkt weiter durch seinen Geist und sein Charisma
Bei den Paulustexten (siehe Buch) gibt es eine Reihe von Texten Pater Kentenichs, die seine Hochschätzung für Paulus ausdrücken.
Ein Vortrag, den unser Vater, Pater Kentenich, in Milwaukee am 15. März 1963 hielt, der wie eine Zusammenfassung aussieht, ist wie ein Überblick über Theologie, Christusmystik und christliche Lebensweise bei Paulus anzusehen. Daraus einige Grundgedanken (der ganze Text ist lieferbar, siehe auch im Internet der Schönstatt- Männerliga).
Bei Paulus in die Lehre gehen:
- Harmonie von Leib und Seele wieder herstellen, deshalb den Leib in Dienstbarkeit bringen wegen der Folgen der Erbsünde.
- Wir leben in der Kreuzesordnung.
- Als Glied Christi teilnehmen am leidenden, sterbenden und verklärten Heilandsleben.
- In Christus leben und so Kind des Vaters sein.
- Die reiche Christusmystik des heiligen Paulus sehen wir auch bei Pallotti sich entfalten.
- Bei Paulus das Christusgeheimnis (siehe Epheserbrief), bei uns auch das Ma- riengeheimnis.
- Bei Johannes Christus als der wahre Weinstock.
Pater Kentenich hat - wie Paulus - eine ökumenische Linie, aber er ergänzt diese Linie durch Maria als Zeichen der Einheit
Einheit in der Liebe und Wahrheit. Das Wort auf dem Primizbildchen Pater Kentenichs drückt seine ökumenische Sicht aus: "Verleihe, o mein Gott, dass alle Geister in der Wahrheit und alle Herzen in der Liebe sich einigen." (Schlickmann, Die Verborgenen Jahre, S. 265)
In Schönstatt gehört zur Ökumene immer Maria, die Mutter der Einheit (siehe Kentenich, Texte zur Ostsendung, Abschnitt Einheit der Kirche, Seite 40ff).
Die Ökumene von Schönstatt aus schließt die anthropologische Linie ein:
Einheit mit allen Christen im Einsatz für den Schutz des Lebens (von Anfang bis zum Tod), Einsatz für das christliche Menschenbild. (Siehe Extratext von P. Grill über Ökumene von Schönstatt aus)
Wir sind berufen - mit unserem Vater Pater Kentenich paulinische und marianische Menschen zu werden
Einige Anregungen:
Die katholische Kirche heute soll wieder missionarischer werden. Sie soll zu den Menschen gehen und nicht wie ein Fels warten, ob jemand kommt. Bei den "Evangelikalen" können wir Anregungen finden. Sie bleiben aber bei der Bibel als Wort Gottes stehen und haben kaum Sakramente (außer der Taufe).
Unser Hausheiligtum als Ort der Beheimatung sehen für die Menschen, die zu uns kommen.
Als Familie sollen wir "Quelle und Seele" (P. Kentenich) für viele sein.
Die Kirche soll nicht bloß eine "Komm-her-Kirche" sondern eine "Geh-hin-
Kirche" sein (der Ausdruck findet sich bei Kardinal Höffner). Schönstatt nicht ein
"Komm-her-Schönstatt", sondern ein "Geh-hin-Schönstatt."
Wo könnten wir hingehen und uns einbringen (Hausbesuche mit der pilgernden Gottesmutter, Besuche bei jungen Familien, bei Kranken, Zugezogenen, Armen.
Am Anfang meines Statements habe ich das Mariengeheimnis angesprochen und mit dem Liebesbündnis in Verbindung gebracht, Liebesbündnis als Garant für ein erfülltes, gottgewolltes Leben.
Pater Kentenich hat uns im Liebesbündnis ein wertvolles Werkzeug für die Bewältigung unserer Aufgaben als Erbe hinterlassen. Ein ganz wichtiger Bestandteil des Liebesbündnisses ist, dass uns die Gottesmutter im Bündnis hilft, unser Leben in gottgewollter Ordnung zu gestalten, sie hilft uns auch, unsere neue Jahreslosung zu leben und umzusetzen. Christus selbst hat uns seine Mutter vom Kreuz herab über Johannes zur Mutter gegeben, indem er zu seiner Mutter Maria sagte: „Siehe da dein Sohn“ und zu Johannes: "Siehe da deine Mutter". Die Gottesmutter wirkt am Erlösungswerk ihres Sohnes mit.
Sie führt uns im Liebesbündnis immer näher zu ihrem Sohn hin und letztendlich auch zum Dreifaltigen Gott.
Was schenkt uns die Weihe an die Gottesmutter? Die Weihe und Hingabe an die Gottesmutter beantwortet sie mit reichen Segensgaben. Da ich nun in vertiefter Weise ihr gehöre, gewährt sie mir ihren Schutz, nimmt sie mich in ihren Dienst, sorgt sie als Erzieherin in ihrer mütterlichen Liebe, dass ich ihr ähnlicher werde.
Sie wird mich mehr und mehr mit Jesus und im Heiligen Geiste mit dem Vater verbinden und daher auch mit den anderen Menschen, so wie mit seiner gesamten Schöpfung. So vollendet sich die Weihe zum gegenseitigen Liebesbündnis. Als Gegengeschenk auf meine Beiträge sind mir vor allem die schönstättischen Wallfahrtsgnaden verheißen:
Die MTA will und wird mich (und die ich Ihr anvertraue) vom Heiligtum aus spürbarer schützen und führen, mir tiefere Beheimatung und inneren Frieden schenken:
Gnade der seelischen Beheimatung
Im Maß meines Mittuns wird sie mich in mütterlicher Weisheit nach dem Bild ihres Sohnes erziehen, mich innerlich wandeln, dem Wirken des Geistes Gottes öffnen:
Gnade der inneren Umwandlung
Sodann wird sie meine apostolische Betätigung segnen und übers Heiligtum fruchtbar machen. Sie stärkt den Glauben an meine persönliche Lebensaufgabe und spornt meinen Apostolatseifer an:
Gnade der apostolischen Fruchtbarkeit
Am Schluss meines Kurzreferates kommt mir eine Aussage unseres ehemaligen Standesleiters Msgr. Eugen Schmidt in den Sinn, die er während eines seiner Referate gemacht hat.
Sie lautet: "Der Tod ist unsere letzte Tat, wer vorher rastet, begeht Verrat".
In
diesem Sinne darf ich schließen und mich bei ihnen, meine lieben Männer für das
aufmerksame Zuhören bedanken.
Zu der guten Wiedergabe des Berichtes vom Abteilungstag in Aulendorf von Herrn Mayr, Seite 51 und des Referates von Herrn Rast, Seite 56 sollen hier noch Auszüge aus einem Kurzbericht von Max Keckeisen folgen:
»... Wenig Beachtung der Gebote Gottes und verstärkter Egoismus beherrschen einen Großteil der Menschen ...
Künden wir den Glauben wie Paulus? ... ein Schritt dazu wäre, Männergruppen zu bilden. Aber auch die Aktion Pilgerheiligtum ist eine große apostolische Tätigkeit.
... Pater Kentenich sieht die Ökumene stets nur in Einheit mit Maria.
Die
katholische Kirche muss missionarisch im eigenen Land werden und vor allem auch
die Sakramente wieder mehr künden. Das Liebesbündnis ist ein Großteil des
Mariengeheimnisses, das zurückzuführen ist auf die Worte Jesu zu Johannes:
„Siehe da Deine Mutter.“
Das Liebesbündnis gründet auf Gegenseitigkeit der Bündnispartner: „Nichts ohne
Dich – nichts ohne uns“.
Wenn die Seelen verwildern, kann keine positive Welt mehr gestaltet werden. Die Welt jedoch ist angewiesen auf die wenigen Menschen mit hohen Idealen.«