„Mario Hiriart, Dein Weg interessiert mich“

Fortsetzung:

Als letzter Gedanke interessiert uns nun Marios Weg „Heimwärts zum Vater“.

Ende 1963 und Anfang 1964 verschlechterte sich zusehends sein Gesundheitszustand. Ärztliche Untersuchungen schließen auf Amöben (Darmparasiten) und Überarbeitung. Die Behandlung erfolgt dementsprechend. Seine Arbeit an der Universität geht weiter. Doch zur gleichen Zeit bereitet er sich auf seine Reise nach Schönstatt vor. Für zwei Jahre wird er von der Uni zum Studium in Deutschland freigestellt. Mario entscheidet sich für die Universität in Bonn, weil er von dort aus schnell nach Schönstatt kommt.
Es fällt auf, dass Marios Abschiedsvorbereitungen diesmal anders sind als vorher. Immer hat er Verabschiedungsfeiern nicht gewollt, doch diesmal wünscht er sie.
Ob der Abschied von der Mannesjugend oder von seinen Freunden, den Gralsrittern und danach zusammen mit deren Familien, alle sind tief beeindruckt. So hatten sie ihn noch nicht erlebt. Jorge Morales bezeugt: Das war wie das „letzte Abendmahl“. Seine Frau Maria Luisa sagt: Was Mario an jenem Abend sagte, war so beeindruckend und packend, dass ich zu meinem Mann beim Heimgehen sagte: Ich glaube, Mario sehen wir nicht mehr wieder, er wird nicht mehr zurückkommen und Mario ist ein Heiliger.

Eine Todesahnung stand im Raum. Das mag uns an die Todesahnung Josef Englings erinnern. Paul Reinhold schreibt an Pater Kentenich: „Schon am Nachmittag (4.10.) fiel mir auf, dass Josef zum Unterschied von den anderen Tagen etwas traurig und einsam umherging.“
Sein Kamerad Josef Mehl berichtet: Josef Engling saß neben mir. Er zeigte auf den Friedhof, (Eswars) wo man Gräber ausgehoben hatte und sagte: „Man macht mir dort mein Grab“. Ich entgegnete: Du bist verrückt ..., darauf er: „Diese Nacht nimmt die Gottesmutter mein Lebensopfer an“.
Etwas später sagte er: Das Mütterlein ist bei mir. Ich bin vorbereitet und habe alles in Ordnung.“
Ja, er hatte sich von langer Hand vorbereitet. So schreibt er am 5.9.1918 in sein Tagebuch: „Das Menschen Leben ist ein Weg zum Grabe. Bald ist es ein Sturmlauf in Freuden, aber unbemerkt geht es zum Grabe; bald ein Schleichen, bald ist’s ein sicherer Gang, bewusst und frei dem Tode entgegen, getragen von der Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Grabe.“

So tritt Mario am 3. April 1964 den Weg nach Schönstatt an, einerseits mit der Hoffnung und Freude, durch einen Umweg den Vater und Gründer in Milwaukee zu treffen und dann bald zum ersten Mal seine Madrecita im Urheiligtum und seine Mitbrüder begrüßen zu können, andererseits spürt er, wie sein Gesundheitszustand sich von Tag zu Tag verschlechtert, sodass er die Überzeugung gewinnt: „Ich habe Krebs“.
Mir gegenüber begründet er diese Vermutung mit der Tatsache: Seine Mutter sei mit 51 Jahren an Krebs gestorben und er beobachte bei sich nun die gleichen Symptome, die er bei der Mutter in den letzten Wochen vor ihrem Tod festgestellt hätte.
Bei seinem Zwischenaufenthalt in Londrina vom 21. bis 26. Mai bestätigt ein Arzt die Vermutung Marios auf Krebs und rät zu einer sofortigen Operation. Da Mario aber bereits das Flugticket nach Milwaukee hat, muss er versprechen, dort sofort einen Arzt aufzusuchen.
Am 28. Mai kommt Mario in Milwaukee an und am 4. Juni kann er mit Rat und mit Hilfe Pater Kentenichs einen guten Arzt und einen Platz im Krankenhaus „Sankt Marien“ bekommen. Am 17. Juni wird er operiert.

Einige Texte von und über Mario können uns Einblick geben in die tiefe religiöse Atmosphäre der letzten Wochen seines irdischen Lebens. Die zwei ersten können uns Antwort geben, warum Gottes Vorsehung ihn nach Milwaukee geführt und die Ärzte in Chile den Krebs nicht erkennen durften, denn dann wäre er nicht mehr abgereist und wir hätten heute wohl keinen „Diener Gottes“ Mario Hiriart, dessen Seligsprechungsprozess schon in Rom geführt wird.

In der Vorbereitung auf die Josef-Engling-Weihe der Gemeinschaft schreibt Mario im Mai 1959 in sein Tagebuch u. a.: „Aber wenn es sich nur irgendwie mit Deinen Plänen der Wiederverchristlichung der Welt vereinbaren lässt, nimm das Angebot des Lebensopfers an, damit sie sich voller in unserem Vaterland und in der ganzen Welt erfüllen. Ich bitte Dich, Madrecita, Du mögest mir die Ehre gestatten, einmal unter einem ‚schwarzen Kreuz’ hinter diesem Heiligtum begraben zu werden und zwar als erster von allen, wenn es so Dein Wille ist.“

 

In einem Brief an Pater Kentenich schreibt er u. a.:

Santa Maria, Brasilien, den 24. Mai 1959

Mein lieber Vater!

Ich will doch die Mutter nicht bitten, dass sie sich in erster Linie durch mein menschliches Tun verherrlicht. Ich weiß ganz genau, wie schwach und unbrauchbar ich als Werkzeug bin. Deswegen will ich unsere liebe Mutter an diesem 31. Mai von Herzen bitten, dass sie von mir nicht das Opferleben, sondern das Lebensopfer verlangt, wenn es sich noch mit ihren Plänen für unsere kleine Brüderfamilie vereinbaren lässt, und dass sie durch das Opfer meines Lebens diese Gnade unserem Institute schenkt, die es für die Erfüllung seiner Sendung braucht.

Deswegen möchte ich Sie an diesem 31.5. um Ihren Segen kindlich bitten, so wie es Josef Engling öfters tat. Erflehen Sie bitte von unserer Mutter und Königin, dass ich immer dieser Weihe treu bleibe, insbesondere in dem Moment, wenn sie meine Bitte ernst nimmt und das Opfer meines Lebens für ihre Verherrlichung annimmt.

In kindlicher Treue und Liebe mit Ihnen im Herzen unserer Mutter geeint

Ihr Mario Hiriart P.

 

Die letzte Eintragung in sein Tagebuch am 15. Juni 1964, zwei Tage vor der Operation, zeigt uns seine seelische Grundeinstellung. Er schreibt u. a.:

„Aber das Grundsätzliche ist etwas anderes, mein Mütterlein: Meine innere Haltung all dem gegenüber: Wie wir gestern besprochen haben, es könnte Krebs sein... In dieser Hinsicht ist sehr sinnreich, was im letzten Bildchen von I. Ulmer erscheint, dessen Foto mir Jesus Pagan geschenkt hat und das mir den Weg weist. ‚Mein Vater faltet die Hände und geht den Kreuzweg für mich. Wie soll ich da noch zagen – ich gehe den Kreuzweg mit - ...

... so will ich meine morgige Operation ausdeuten, die fünfte in meinem Leben. Und sollte es der Wille Gottes sein, dass es sich um einen Krebs handelt – was erst nach der Operation festgestellt werden kann durch die Untersuchung des Tumors, dann: ‚Will er mein Leben sich als Pfand erwählen: ich darf ’s ihm freudig zur Verfügung stellen. Dafür lass ewig beim Dreifaltigen sein, die Dir sich und dem Schönstatt-Werke weih´n...’“

Dazu aus dem Bericht von Schwester Winfriede:
„Am Tage der Operation bereits bat mich Bruder Mario, ich solle aus dem Himmelwärts etwas vorbeten. "Und was hätten Sie gerne?“
Antwort: "Ich bitte Dich um alles Kreuz und Leid, das Du, o Vater, hältst für mich bereit!’ Und danach: ‚Lass mich für alles, alles herzlich danken! "
Es war ja heute Bündnistag! Bruder Mario hatte sich eine rote Rose aus dem Kapellchen gewünscht, die ich auch mitbrachte. – Er fragte nun gleich, was der Arzt mir gesagt hätte, ob es Krebs sei. Ich bejahte, er nahm es sehr gefasst und ruhig entgegen und sagte mit einem frohen Lächeln: "Interessant, interessant, interessant! "
Nicht wissend, was er meinte, fragte ich vorsichtig, ob ich mal fragen dürfte, was so interessant sei.

Antwort: "... Ich habe als Kind schon eine tiefe Liebe zum Heiland gehabt und als Junge mir schon gewünscht, ich dürfte im Heilandsalter sterben."

"Darf ich einmal fragen, wie alt Sie sind?"

"Ja, ich werde im Juli gerade 33 Jahre alt."

Seine großen braunen Augen strahlten und er hatte ein frohes Lächeln. — Und nochmals fügte er bei: "Interessant!" -

Wir waren beide eine Weile ganz still — und was in unserer Seele vorging, lässt sich nicht gut in Worten sagen.

"... Ich bin Ingenieur, habe mein Leben lang geplant, immer geplant ... Jetzt werden die Rollen vertauscht. Ich weiß, von jetzt ab muss ich den Vater planen lassen, ich habe nur den Vaterwillen zu erfüllen" und zu erleiden - fügte ich bei, - wie es in der Predigt geheißen hätte.

"Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut."

Diesen Satz hat er übrigens bis zu seinem schlichten, heiligmäßigen Sterben oft wiederholt, sogar in der allerletzten Nacht noch mehrmals gesagt!

Wie jeden Tag - so bat er auch am 18. Juni — ich möchte ihm aus dem Himmelwärts vorbeten. Und was? "0 heilig Kreuz, ich falle vor Dir nieder". Und dann: "Ich bitte Dich um alles Kreuz und Leid ..."

Er hat das so kraftvoll und laut und überzeugt mitgebetet, dass es mir richtig durch und durch ging!

Mario hat nicht nur täglich den Kreuzweg gebetet, er ging den Kreuzweg mit.

Weitere Zitate von Mario aus seinen letzten Lebenstagen, die uns anregen können:

Tonband nach Schönstatt an Herrn Herberger.

„Alles, was Gott will, ist gut; will er Schmerzen, ich bin bereit - will er meinen Tod, ich bin bereit mit Freuden.“

„Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass es sich um Krebs handelt. Wenn es so wäre, wäre ich auch froh damit. Ich freue mich doch, dass ich eine so gute Gelegenheit habe, viele Opfer zu bringen fürs Gnadenkapital.“

„Gott ist Vater, Gott ist gut, und gut ist alles was er tut.“

„Als Ingenieur habe ich immer geplant, aber jetzt plant Gott für mich.“

„Das Leben ist einfach. Man kommt vom Vater und geht wieder zurück zum Vater.“

Zu Besuchern:

„Jesus Pagan: Wenn ich einen Schrei tue, erschrick nicht, manchmal ist der Schmerz so stark, dass ich schreien muss.“

„Gestern war ein Tag großer Beiträge zum Gnadenkapital, weil die Schmerzen so stark waren, fast nicht mehr zum Ertragen.“

„Ich habe die Überzeugung, dass dieses ein kleines Opfer ist, das die Mutter wünscht zum Jubiläumsjahr. Alles für den Sieg des Vaters.“

Zu Pater Boll:

„In Schönstatt ist alles dreimal wunderbar, aber auch dreimal schwer. Ich bin für alles bereit.“

„Wenn ich nur einen Beitrag zum Siege liefern darf, darauf kommt es an.“

„Es ist leicht, Inscriptio und Josef-Engling-Weihe zu machen, wenn keine Gefahr da ist, aber wie Josef Engling an der Front, das ist schwer.”

Zu Jesus Pagan:

„Wir sind Kinder der Inscriptio, deshalb Kinder des Kreuzes.“

„Das Kreuz ist das wertvollste Geschenk, das die Mutter für ihre auserwählten und geliebten Söhne hat.“

Tonband an die Mitbrüder in Schönstatt:

„Wenn Sie mich fragen, was ich so tue? Es ist eine Gnade zu wissen, dass es Zeit ist zu gehen. Wenn man weiß, dass es bald zu Ende geht, aber dann sich nicht darauf vorbereitet, dann ist man einfach dumm!

Also, ich bereite mich vor auf den Heimgang zum Vater.“

Im Tonband an Pater Humberto Anwandter bittet Mario um sein Gebet und um ein Gedenken beim Heiligen Messopfer.
„Ich habe Angst, Pater Humberto, Angst, Angst — ich hatte noch soviel vor ... ich bin kein Held.“

„Unser Herz ist schwach und unfähig für eine Ganzhingabe an Gott, deshalb schenken wir unser armes Herz der lieben Gottesmutter, und sie, die jeden Augenblick ihr Herz Gott darbietet in vollkommener Weise, nimmt unser armes Herz mit hinein in ihre Hingabe an den Vater.“

Pater Boll:

Was der Prediger heute Morgen (17.7.) beim feierlichen Requiem im Kapellchen sagte, trifft unser aller Empfinden: Wir beten für ihn, aber noch mehr zu ihm.

Pater Kentenich:

„Er hat den Typ verkörpert, dem wir alle nachstreben.

Er war ganz männlich, klar im Denken, ganz auf die Aufgabe hingeordnet, zuchtvoll; bei ihm war das Religiöse bis ins Gemüt hinabgedrungen.“

„Mit großer Dankbarkeit schauen wir vor allem zurück auf das Leben von Bruder Mario. Ich persönlich meine, soweit ich ihn kennengelernt habe, sagen zu dürfen, wenn mich nicht alles täuscht, dann ist er kanonisabel.“

Am 19. Juli, zwei Tage nach der Beerdigung Mario Hiriarts, hält Pater Kentenich in einer Gedenkstunde für Mario einen Vortrag. Nach einer kurzen Einführung zur Person und zu den Vorgängen seines Sterbens in Milwaukee spricht er über:
-  Wofür ist er gestorben

-  Wie ist er gestorben

Beim „Wofür“ erwähnt Herr Pater, dass Mario bewusst sich als Bauopfer angeboten hat für das Heiligtum, das sie in diesen Tagen zu bauen begonnen haben, und dass Mario beim ersten Spatenstich (für das Internationale Heiligtum in Milwaukee) noch dabei sein konnte, dass er sein Leben aufgeopfert hat für die Sendung Schönstatts besonders in Amerika und Chile und für seine Gemeinschaft. (Verständlicherweise erwähnt er nicht, dass Mario bewusst sein Leben für die baldige Freiheit des Vaters und Gründers angeboten hat.)

Beim Wie weist Pater Kentenich darauf hin, dass Personen, die Mario beim Sterben begleitet haben, tief beeindruckt waren und darüber berichten werden.

Er selber weist zuerst hin auf den Heimgang der Gottesmutter zum Vater und zu ihrem Sohn in den Himmel. Ihr Tod ist die Erfüllung ihrer Sehnsucht. In der 21- Uhr-Hore beten wir: „Dein Sterben war Entrücktsein nur aus Sehnen“.

Ihr Sterben war ein leichtes Sterben, ein frohes Sterben, weil ihr Gewissen rein und frei war. Sie hatte das Bewusstsein, jede innere Anregung, die vom lieben Gott gekommen, innerlich bejaht und durchgeführt zu haben. Ich glaube, wir haben allen Grund anzunehmen, dass auch der junge Bruder in ähnlicher Weise im Augenblick des Sterbens disponiert war.

Herr Pater spricht dann von der Kunst des Sterbens und meint: Mario hat die Kunst des Sterbens in hervorragender Weise besessen.

Weiter sagt er:

„Sterbeübung ist nicht nur ein Akt, den wir abends einmal tätigen können, ist eine Haltung, die das ganze Leben durchdringen und durchtränken sollte.

Und dann das Letzte, die letzte Grundeinstellung zum Sterben, das ist die Erfassung des tieferen Sinnes der Ewigkeit.

Was war die Ewigkeit, der Gedanke an die Ewigkeit für die Gottesmutter?

Eine Heimkehr zum Heilande, Liebesvereinigung, unmittelbare Liebesvereinigung mit dem Heilande, mit dem sie hier auf Erden zusammengelebt und gestrebt hatte.

So ähnlich war das auch bei dem jungen Bruder. Es war halt die große Überzeugung, er darf sein Leben jetzt hergeben für ein großes Werk, und darf dort oben den lieben Gott als Vater, als Himmelsvater sehen und mit der Gottesmutter die ganze Ewigkeit hindurch vereinigt werden. Ich meine, das sind so ein paar Gedanken, die wir so für den Alltag mitnehmen können und sollen und wollen, um uns wieder in die andere, jenseitige Welt tiefer hineinzuleben und hineinzulieben, und so fähig zu werden, auch als Werkzeug in der Hand der lieben Gottesmutter uns einzusetzen für ihre Sendung.“