Mario-Hiriart-Forum
Zunächst möchte ich mich vorstellen: mein Name ist Ingrid Springer; ich
arbeite im Mario-Hiriart-Sekretariat in Deutschland. Gleichzeitig gehöre ich der
Akademikerinnen-Liga an.
Meine Gemeinschaft hat vom Gründer Schönstatts das Kelch-Ideal geschenkt bekommen. Als ich irgendwie Kenntnis davon erhielt, dass auch Mario Hirart etwas mit dem Kelch zu tun hat, wurde bei mir Interesse geweckt. Ich beschäftigte mich etwas mehr mit ihm. Für den Rundbrief meiner Gemeinschaft suchte ich 1994 Texte von ihm und „traute“ mich erstmals zum Mario-Hiriart-Haus. Dort empfing mich Herr Amrein freundlich, aber mit der nötigen Zurückhaltung. Ich solle mich wieder einmal melden, er würde mir ein paar passende Textstellen suchen. Die dann zur Verfügung gestellten Texte waren wunderbar – so war der Rundbriefartikel schnell geschrieben, doch gleichzeitig der Hunger nach mehr geweckt.
Einige Monate später besuchte ich eine befreundete Familie in Santiago de Chile. Dort kaufte ich mir das einzige Buch über Mario, dass es damals in spanisch gab – einmal, um mehr über ihn zu erfahren, zum anderen, um gleichzeitig dabei mein spanisch zu verbessern, denn es war damals sehr mager. Das Buch von P. Esteban Uriburu faszinierte mich. Aber es kann schnell ein „Fehler“ werden, wenn man seine Faszination auf der Zunge trägt. P. Joaquín Alliende, dem damaligen Postulator, kam meine Begeisterung zu Ohren. Es ist eines seiner „Markenzeichen“, dass er kleinste Gelegenheiten benützt, um große Visionen anzustoßen. Schnell bekam ich einen „Auftrag“ verpasst, mich in Verbindung mit den Marienbrüdern in Deutschland um das Bekanntwerden dieses heiligmäßigen Mannes zu bemühen. Bis auf die vorgenannten Begegnungen mit Herrn Amrein kannte ich weder einen Marienbruder, noch hatte ich eine Vorstellung, wie ich diese Aufgabe umsetzen könnte. Ratlos ging ich mit dem beklemmenden Gefühl: „zu kleines Werkzeug, zu große Aufgabe“ zum Grab von Mario Hiriart. Erstaunt traf ich dort P Humberto Anwandter. Es ist nicht etwa so, dass dieser das Grab häufig besuchen kann, das ist eine absolute Seltenheit, schon weil er nicht in Bellavista wohnt. Ihm erzählte ich von meinem Auftrag, mit den Marienbrüdern Kontakt aufnehmen zu sollen. Er leitete das sofort in die Wege – und so begann meine Geschichte. Die Brücke von den damaligen Marienbrüdern in Chile zu denen in Deutschland war schnell geschlagen, und so kannte man mich schon, als ich nach meiner Rückkehr hier im Generalat an die Tür klopfte.
Und noch ein zweiter Faden wurde mir – sozusagen als Bestätigung, gesponnen:
Eigentlich besuchte ich Chile, um über ein Hilfsprojekt Fotos und Interviews zu machen und damit später in Deutschland um Spenden zu werben. Beim Zwischenstopp in Brasilien streikte meine Kamera, ich musste mir eine neue zulegen. Mit diesem neuen Stück ausgestattet, machte ich einen Besuch beim Heiligtum in Bellavista, saß auch eine Weile vor der offenen Heiligtumstür auf einer Holzbank. Und wie das so ist, nach einer Gebetszeit geht man mal in Heiligtumsnähe spazieren, trifft den einen oder anderen, hat dies zu sprechen und jenes zu regeln. Bei Einbruch der Dunkelheit stellte ich erschrocken fest: Mir fehlt die Tasche mit der Kamera. Jetzt begann ein intensives Suchen an allen Stellen, an denen ich vorher gewesen war – ergebnislos! Zuletzt ging ich zum Grab von Mario – dort war sie eben auch nicht. Aber ich sagte dem Mario deutlich, dass es mir leid tut, dass er bisher bei meinem Aufenthalt in Bellavista zu kurz gekommen ist. Nun brauchte ich aber dringend wegen der Spenden für die Kinder die Kamera. Genau in diesem Moment fiel mir ein Ort ein, den ich noch nicht abgesucht hatte. Und dort saß eine sehr arme Frau in abgetragenen Kleidern mit ihrem kleinen Sohn. Zu meiner Überraschung sagte sie auf meine Frage: „Ich bin nur hier, um die Tasche mit der Kamera zu bewachen, bis der Besitzer kommt.“ Diese Frau hätte mit dem Verkauf der Kamera einige Tage gut zu leben gehabt. Dieses Erlebnis hat mich überzeugt: Ich darf an Mario Hiriart nicht vorbeigehen – er hilft mir, ich muss ihm helfen!
Mit dieser Vorgeschichte begann ich in Zusammenarbeit mit den Marienbrüdern, Material von und über Mario zu sichten und es für den aktuellen Gebrauch aufzubereiten. Herr Dr. Czarkowski hatte in grauer Vorzeit einmal eine biografische Reihe begonnen, P. Benito, der Seelenführer Marios, hatte aus seinem Blickwinkel ein Buch geschrieben, doch damit erschöpfte sich die Literatur. Je mehr ich die Originaltexte Marios las – er wurde damit auch zu meinem neuen Spanischlehrer – um so mehr ahnte ich etwas von der fundamentalen Tiefe dieses Marienbruders, der zugleich als Ingenieur das konkrete Welthafte seines Berufes und seiner Aufgaben mit Gott verband. Die Form seines Betens mitten im Stadtgetriebe, in dem Gedrängel eines Linienbusses, während seines Arbeitsalltages, sprachen mich ebenso an wie seine intensiven Dialoge mit „seiner Madrecita“ im Heiligtum. Hier ist ein Schatz, der für viele gehoben werden muss, dachte ich und begann mit der ersten bescheidenen Publikation: „Leben im Heiligtum“. Dieses Heft lässt erahnen, wie klar Mario die Linie vom Heiligtum in Bellavista, dessen Entstehen und Einweihung er erlebt hat, hin zum Urheiligtum hin zieht, aber auch gleichzeitig die fortlaufende Linie bis hin zum Herzensheiligtum Realität werden lässt.
Die ersten Reaktionen – auch auf die begonnene Serie der Info-Briefe ermutigten mich. Aus der ursprünglichen Faszination war längst Ergriffenheit geworden und eine Verantwortung für die Verbreitung der Sendung Marios gewachsen: Was kann ich tun, damit viele Menschen mit Mario und seiner welthaften Spiritualität in Berührung kommen? Schnell nahm die Idee einer zeitgemäßen Kurzbiografie Gestalt an. Mario, so wuchs in mir die Überzeugung, steht als „Lebendiger Kelch, der nach oben geöffnet, aber fest auf die Erde aufgestellt ist“ (das sind seine Worte) im Schnittpunkt von Natur und Gnade, von Himmel und Erde. So wie es in der Beziehung Gott gegenüber eine hin- und rücklaufende Linie gibt, so gilt gleiches im Verhältnis zu den Menschen. Diese Linien treffen sich sozusagen im Kelch seines Herzens. Die Wege zwischen Gott und Menschen, in dessen Schnittpunkt Mario selbst steht, lebt er uns exemplarisch vor. Und genau das sah ich als die zentrale Botschaft Marios, die es heute in ihren vielen Facetten zu künden und zu verkünden gibt. Es entstanden weitere Hefte, Gebetsbilder und Dia-Serien, die inzwischen auch auf CD gebrannt sind. Die Arbeit war sicher mühsam, die Fülle von Material musst erst mal gesichtet werden – und das ist schließlich in einer fremden Sprache weitaus zeitraubender als in der eigenen. Fast alles ist für die jeweilige Publikation neu übersetzt worden,. Die Zusammenarbeit mit den Marienbrüdern war für mich am Anfang ganz neu und spannend – schließlich gibt es eine solche Zusammensetzung eines Sekretariates in Schönstatt nicht noch einmal. Inzwischen ist die Teamarbeit im Sekretariat durch Zuverlässigkeit und vertrauensvolles Miteinander schon so sehr zur Routine geworden, dass man das Spezielle gar nicht mehr wahrnimmt.
Am liebsten wäre mir, ich wäre etwas freier für die Mario-Arbeit, das Sekretariat und die Erarbeitung neuer Medien. Doch ich habe noch einen regulären Beruf, der mit Mario auf den ersten Blick gar nichts zu tun hat: Denkmalschutz, Umweltschutz, Förderung von Radverkehr. Und doch: gerade in diesen Aufgabenbereichen und im Kontakt mit meinen Kollegen steht Mario mir zur Seite. Ich möchte lernen, konstruktiv zuzuhören, wie er es getan hat, ich möchte die Sorgen und Nöte meiner Mitmenschen nach seinem Vorbild aufnehmen, in den Kelch und damit zu Gott weiterleiten... Kurzum, ich möchte mit Mario meine Wege im Alltag gehen. Immer wieder hat er klar formuliert: Der Beruf ist das erste Apostolatsfeld eines Schönstätters! Das lässt mich an eine Begebenheit denken, die P. Sydney Fones auf einer Mario-Tagung erzählt hat. Mario war in der Ingenieursfakultät „sein“ Professor. Nun hoffte P. Sydney, der damals an der Ingenieursfakultät studierte, er bekomme als Schönstatter bei Mario mehr Nachsicht und evtl. einen gewissen Bonus. Stattdessen machte Mario ihm deutlich, dass er von Schönstättern, die schließlich im Kleinsten treu sein, und ihre Aufgaben außergewöhnlich gut machen sollten, besonders viel erwarte und sie besonders streng bewerte.
Ich weiß, es wartet noch viel Arbeit, um Mario zeitgemäß vielen zu erschließen. zur Zeit steht z. B. eine neue DVD mit biografischen Elementen an, die sich etwa für größere Veranstaltungen, aber auch für die Gruppenarbeit eignet. Für mich handelt es sich hier nicht nur um reine Arbeit, es braucht auch eigenes Mitwachsen, um Mario tiefer zu verstehen. Seine Frömmigkeit, sein permanentes Zwiegespräch mit „seiner Madrecita“ sind ein Schatz, den es nach und nach weiter zu heben gilt und vielen Menschen als ein real gangbarer Weg zu Gott vorgestellt werden will.
Seine Treue zum Gründer hat etwas mit unserer Situation zu tun: Mario hatte den Gründer 1949 und in den frühen Fünfzigern gesehen und Vorträge von ihm gehört. Er hatte kein inneres Verhältnis zu ihm. In der Abwesenheit – und das ist jetzt ja auch unsere Situation – wächst die Beziehung zu Pater Kentenich, er wird für ihn zum Vater. Die Sohnschaft Marios ist unsentimental, aber sehr intensiv und kraftvoll. Es ist eine reife Kindschaft – auch hier liegt ein weites, noch braches Feld des Vorbildcharakters für das heutige Schönstatt.
Marios Bindung an das Heiligtum ist eine durchgängige Linie, die alle anderen Tugenden wie ein Netz zusammenhält. Doch dieser Ort, an dem sich Himmel und Erde begegnen, hat für Mario einen Vorläufer, der ihn fähig macht, gleich tiefer in die Spiritualität des Heiligtums einzutauchen: Er hatte zuvor im Norden Chiles sehr tief Gott in der Natur, in der Schöpfung entdeckt. Staunend bekennt er: „Hier bin ich Gott begegnet und habe den Saum des Mantels Christi berührt.“ Auch das will noch in verschiedenster Hinsicht herausgearbeitet werden: Mario, der durch sein Elternhaus, seinen Charakter, durchaus entsprechende Vorbedingungen mitbringt, der jedoch von der Gnade getroffen und gewandelt wird – nicht um „abzuheben“, sondern um noch intensiver mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen, ohne sich in der Vielfalt seiner irdischen Bindungen zu verlieren oder oberflächlich zu werden.
Gerade an diesem Punkt muss die Novene zur Sprache kommen – an den für eine Novene üblichen neun Tagen nehmen wir neun zentrale Beziehungsfelder Marios in den Focus. Mario hatte keine oberflächlichen oder vorsatzmäßig gepflegten Kontakte, sondern seine Beziehungen waren authentisch und echt. Er war treu und konnte lieben „bis es weh tat“, wie Mutter Teresa für sich formulierte. Mit Optionen für den eigenen Weg bietet die Novene viele Ansatzpunkte, um sich mit dem Lebensbeispiel des heiligmäßigen Ingenieurs zu beschäftigen und ihn zum Fürbitter anzurufen.
Wir, die wir oft keine Zeit haben, um Zeit zu haben, können viel von der Effektivität Marios lernen: z. B. sein immerwährendes Beten den Alltag hindurch. Diese Art des Gebetslebens, das sich fernab von aller Leistungsfrömmigkeit entwickelte, war im Hinblick auf die religiösen Praktiken und Übungen für die 50iger und 60iger Jahre revolutionär. Und sie ist es bis heute als Kern und Triebfeder einer gesunden Laienspiritutalität. Mario, der keine schützenden Klostermauern um sich hat, trug in seinem ständigen inneren Gespräch mit Gott und der Gottesmutter ganz konkret und real die Welt zu Gott und Gott in die Welt.
Ingrid Springer