Eröffnung des römischen Prozesses für Josef Engling
Es begann gegen Ende des Ersten Weltkrieges, vor 90 Jahren. Josef
Engling wird als knapp zwanzigjähriger Sodale von Pater Kentenich verabschiedet,
um in den Kriegseinsatz nach Nordfrankreich zu ziehen. Die dort herrschenden
schweren bis unmöglichen, absurden Lebensbedingungen, die persönlichen Zweifel
und die kriegsfeindliche Stimmung, der er ausgesetzt war, ließen sein Ideal noch
transparenter werden: „Ich will ein Heiliger werden“, „allen alles und Maria
ganz zu eigen sein“. Er wollte sein Leben für die Gottesmutter und für das
Heiligtum opfern. Zwei Monate danach, am 4. Oktober 1918 stirbt er den Heldentod
bei Cambrai. Eine tiefe Vorahnung deutete er zuvor einem Kameraden an. Pater
Kentenichs Aussage zum Tod seines Sodalen war: „Jetzt hat Schönstatt
seinen ersten Heiligen“
Der erste Anlauf zur Seligsprechung in der Diözese Trier geschah 1952, aber wegen Unklarheiten zwischen den Pallottinern und Schönstatt (Besitzansprüche, der Gründer und Vater der Schönstattbewegung, Pater Kentenich, in der Verbannung in Milwaukee), wurde der Vorgang 1964 abgebrochen.
Seit 2003 ist die Einigkeit zwischen Pallottinern und Schönstättern so weit gediehen, dass das Seligsprechungsverfahren „Untersuchung über den Ruf der Heiligkeit“, erneut angestoßen wurde. Inzwischen wurde eine enorme Leistung vollbracht im Sammeln aller Schriften über Josef Engling, in der Erstellung der Kopien der Schriften, im Digitalisieren, Ordnen und modernen Speichern auf elektronische Medien, die hauptsächlich Vizepostulator Pater Dr. Schmiedl erledigte. Die Abstimmung und Verbindung zum Heiligen Stuhl oblag dem Generalpostulator P. Jan Korycki und Vizepostulator P. Vinzenz Reinhart.
So entstanden 6112 Seiten Dokumentation auf DVD, die zunächst ausgedruckt und nummeriert werden mussten. Danach wurde jede Seite von einer Notarin gestempelt, auf Gültigkeit geprüft, unterschrieben und mehrfach kopiert.
Am 17. Juni 2008 fand im Trierer Dom, im Beisein des Generalpostulators, der Vizepostulatoren, der Geistlichen der Diözese, der Schönstätter und Pallottiner die Abschlusssitzung des Diözesanen Seligsprechungsprozesses für den Diener Gottes Josef Engling statt. Jedes Exemplar der Dokumentation wurde mit roten Bändern in Kartons versiegelt, ein Exemplar musste nach Rom in die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen gebracht werden. Diese ganz seltene Ehre wurde mir durch P. Schmiedl zuteil (<< Wir müssen vorsichtig fahren, damit kein Siegel während der Fahrt aufbricht! >>, so P. Schmiedl). Wir fuhren am 20. Sept. 2008 in aller Früh aus Nürnberg weg, wechselten uns mehrmals unterwegs auf den Autobahnen nach München, Innsbruck, Brenner mit Europabrücke, Sterzing, Trentino, Verona, Florenz, Bologna, Arezzo ab und kamen, geleitet vom GPS, fast 1100 km ohne Stau im Verteilerring (Circonvalazione) im Norden von Rom an. Von den vielen Kuppeln und Kirchtürmen, die in den Abendhimmel ragten, fiel der Petersdom mit seiner beleuchteten Kuppellaterne besonders schön auf. Von hier wurden wir auf die Via Salaria geleitet und da gab es den ersten Stau. Weil aber die Piazza Venezia massiv umgebaut wird, war das GPS untauglich geworden und Pater Schmiedl zeigte mit Bravour seine römischen, ziemlich waghalsigen, hier aber ganz normalen Fahrkenntnisse. Letztendlich sind wir sehr gut in der Zeit im Generalat der Pallottiner am Tiberufer, am Lungotevere dei Tebaldi, zur großen Freude Pater Koryckis und anderer deutscher Pallottinerpatres angekommen.


Die Abgabe fand gleich am nächsten Tag, Montag, den 22. September um 9:45 Uhr in der Kongregation im Beisein von Pater Korycki als Hauptpostulator und Pater Schmiedl als Vizepostulator statt. Zugegen waren Pallottinerpatres aus dem Generalat, Schönstattschwestern aus dem Vatikan, Pallottiner- und Schönstattpatres aus Rom, die Familie Nuno vom "Matri Ecclesiae"-Heiligtum und natürlich der Cancellerio (Sekretär) della „Sacra Congragatio pro causis Sanctorum“, Monsignore Papallardo. Das war der erste Schritt: die Kartons mit den ordnungsgemäß vorbereiteten Papieren und auch nach dem Transport intakten Siegeln waren in der Kongregation abgegeben und dafür gab es einen Empfangsschein.
Jetzt begann die Wartezeit für den Öffnungstermin. Dieser wurde auf die Bitte um Schnelligkeit hin von Monsignore Papallardo auf Mittwoch, den 24. September 10:00 Uhr festgelegt.
Inzwischen besuchte Pater Schmiedl ehemalige Studienkollegen in Rom und ich kaufte mir eine 24-Stundenkarte für die oben-offenen Busse der Linie „Roma Cristiana“. Diese Linie wurde speziell fürs Paulusjahr ins Leben gerufen und ihre Trasse trifft alle 4 Patriarchalbasiliken (San Pietro in Vaticano, San Paolo fuori le Mura, San Giovanni in Laterano, Santa Maria Maggiore) und die 3 weiteren Basilicae maiores (San Lorenzo fuori le Mura, San Francesco, Santa Maria degli Angeli) und noch andere wichtige Plätze mit kirchlichem, politischem und städtebaulichem Interesse. Diese Mischung von Verkehrschaos, pulsierendem Leben, Moderne und Antike ist überwältigend.
Am Tag der feierlichen Eröffnung, nach kurzem Warten im Vorzimmer, wurden feierlich die roten Bänder aufgeschnitten, die Siegel aufgebrochen und die Inhalte kontrolliert. Die Gesichter aller Teilnehmer waren vor Aufregung gerötet. Ein Siegel wurde demonstrativ ganz bewahrt und einer Schönstattschwester gegeben. Durch das offene Fenster der Kanzlei konnten wir die Vorbereitungen zur Papstaudienz auf dem Petersplatz sehen und aus den Lautsprechern hören. Bus für Bus wurden Gläubige hergebracht, ein Marineregiment aus Otranto marschierte mit Flagge im Stechschritt heran. Pünktlich um 10:15 Uhr war dröhnender Hubschrauberlärm zu vernehmen: Papst Benedikt XVI. kam von Castelgandolfo zur wöchentlichen Audienz, die bei strahlendem Sonnenschein auf dem Petersplatz um 10:30 Uhr stattfand. Eine Karte für die Audienz hatte ich dabei, konnte sie aber nicht nutzen.

Als beide Postulatoren genügend viele Fragen beantwortet und viele Dokumente vorgezeigt hatten, wünschte uns Monsignore Papallardo Segen für die "Sache" (Causa) Josef Engling und mit einem „Vaterunser“ und einem „Ave Maria“ wurden wir dann verabschiedet.
Gemeinsames Foto mit dem Cancelliere
Kurz danach wurde über Belmonte, nach einem kurzen Besuch im "Matri Ecclesiae"-Heiligtum und Mittagessen bei Familie Nuno der Heimweg begonnen und nach Mitternacht waren wir dann in Nürnberg zurück.
Ich möchte nochmals meine Dankbarkeit ausdrücken, dass mir diese gelungene Kombination von nützlicher Arbeit für Josef Engling und dem Erleben der unendlichen kulturellen Stadt Rom abermals zuteil wurde. So eine Chance gibt es nur ganz selten.
