Mit Pater Kentenich
Verantwortung für Kirche und Gesellschaft übernehmen
Lieber
Führerkreis der Schönstattmänner,
im Rückblick haben wir auf unsere Jahresparole von 2008 geschaut: „Bindung in Freiheit - das Mariengeheimnis künden“.
Die Jahre 2008-2009 sind auch in der Kirche geprägt durch ein Paulusjahr.
Doch in Staat und Gesellschaft geht es vor allem um die Überwindung der Finanzkrise.
Mit Pater Kentenich bemühen wir uns um Erkenntnis des Willens Gottes in der Zeitsituation.
Dabei stehen zwei Aspekte uns vor Augen:
Es geht darum zu unterscheiden zwischen Zeitgeist (Negatives) und Geist der Zeit (Positives). Negativ ist die Besitzgier (Habgier bei Bankern, ein Götze), die Genussgier (Luxus). Positiv ist die Sorge für die Mitmenschen (die Hungernden, Notleidenden, Alten).
Zwei Bereiche fordern unsere Verantwortung heraus:
1. Die Kirche
2. Die Gesellschaft
Verantwortung heißt:
1) Zuerst das Wort Gottes und der Menschen hören
2) Die Kunst der Unterscheidung zwischen Gut und Böse erlangen und anwenden
3) Antwort auf die Anregungen Gottes und die Probleme der Menschen geben.
Die alte Jahresparole hat eine gute Antwort gegeben: Angesichts der Freiheit des Menschen die gottgewollten Bindungen zu bejahen und festzuhalten. Das Geheimnis Mariens ist die rechte Christus-, Menschen- und Dinggebundenheit.
A. Verantwortung für die Kirche
Jeder Getaufte ist von Christus gerufen für seine Gemeinschaft, die Kirche, Verantwortung zu übernehmen. Viele von uns sind Mitarbeiter in der Pfarrei, in kirchlichen Gremien und Aktionen.
Die Diskussion der letzten Monate zeigte allerdings ein großes Problem:
1. Die Liebe zur Kirche ist bei vielen schwach oder unfair.
Der Autoritätsträger, der Papst, als Nachfolger Petri von Christus eingesetzt, wurde öffentlich in den Medien so kritisiert, dass keine Liebe zur Kirche mehr zu erkennen war.
2. Aussagen des Papstes wurden nicht ganzheitlich gesehen, sondern aus dem Kontext herausgerissen:
a) Die Aufhebung der Exkommunikation für die Lefebvrianischen Bischöfe wurde nicht als Geste der Barmherzigkeit gesehen sondern als Versagen des Papstes, weil ein Mitarbeiter (Kardinal Castillon Hoyos) die Leugnung des Holocaust der Juden durch Bischof Williamsen übersehen hatte.
b) Die Aussage des Papstes über ganzheitliche Erziehung zu moralischem Verhalten gegenüber sexueller Ausschweifung wurde nicht im Gesamtzusammenhang gesehen. Sein Wort wurde verkürzt: Die Verteilung von Kondomen löse das Problem AIDS nicht. Viele sogenannte Helfer fühlten sich angegriffen. Man schaute nicht auf Erkenntnisse, die bereits bestätigen, dass das Problem AIDS nicht durch Verteilung von Kondomen gelöst wird. Ein Fachmann der Aids-Forschung in USA sagte: Der Papst hat recht! Edward C. Green, führender amerikanischer Aids-Forscher an der Harvard-Universität... sagte dazu kurz und bündig: `Der Papst hat recht; die Verteilung von Kondomen verschärft das Aids-Problem.` (FAZ vom 24. März 2009). Der Papst plädierte für eine Humanisierung der Sexualität, das heißt eine geistige und menschliche Erneuerung. Der neue Moskauer Patriarch Kyrill I. bekräftigte die päpstliche Position.
3. Was würde uns Pater Kentenich im Blick auf
Verantwortung
für die Kirche sagen?
Wir lieben die Kirche und lieben auch die von Gott berufenen Autoritätsträger in der Kirche.
a)
Liebe zur Kirche sagt Ja zu den Weisungen der Autoritätsträger.
Wenn eine Kritik angebracht ist, dann gilt für den Freimut: Kritik an der
zuständigen Stelle, nicht über die Medien.
Liebe zur Kirche bejaht die Weisung des Autoritätsträgers und liefert Beiträge für die Begründung. Liebe unterstützt bei Mängeln in der geschichtlichen oder sachlichen Begründung den Autoritätsträger, d. h. bei Pannen (Benedikt XVI.) wie das Übersehen der Holokaust-Leugnung, die durch den exkommunizierten Bischof Williamsen erfolgt war, liefert sie die Fakten nach. Nicht richtig ist Spott zum Beispiel. (Bitte im Vatikaneigenen Internetzugang einrichten und den Spiegel abonnieren) und Prügeln aus Lieblosigkeit. Auffallend war, dass viele auch mit anderen Dingen auf den Papst einschlugen, die gar nicht die Panne der Überprüfung des Holocaust-Gegners Bischof Williamsen betrafen, so dass der Mangel an Liebe zur Kirche erkennbar war.
b) Liebe zur Kirche bedeutet auch schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit waschen. Es gibt Mängel in der großen Verwaltung der Kirche an Ordinariaten und an der Kurie in Rom. Doch Liebe zur Kirche ist für uns - mit Pater Kentenich - auch Liebe zur Familie der Kirche.
c) Pater Kentenich hat in Milwaukee, auch als ihm ohne kirchlichen Prozess Menschenrechte, z. B. Briefe an alle schreiben dürfen, entzogen wurden, sich immer an seinen Pater General (P. Möhler SAC) gewandt und falsche Aussagen gegen Schönstatt oder gegen ihn bei dieser Stelle berichtigt. Er hat verhindert, dass der Kampf um die Anerkennung Schönstatts und seiner Person nicht als Skandal an die Presse (z. B. den Spiegel) gelangte.
Er liebte immer die Kirche und hatte trotz Verboten, die ihm von Rom auferlegt wurden, wie er sagte nie eine traurige Sekunde gehabt. Er fühlte sich immer geführt von der Gottesmuter. Sie werde sorgen und siegen. Nach seiner Rückkehr hat er auf der Liebfrauenhöhe feierlich die Gottesmutter von Schönstatt als Siegerin proklamiert (P. K., Ansprachen am 28. Mai und 2. Juni 1966 auf der Liebfrauenhöhe - Unsere marianische Sendung S. 75).
B. Verantwortung für die Gesellschaft
Mit Pater Kentenich, was heißt das in der heutigen Zeit? Bei jedem Gottgesandten gibt es zeitbedingte Aussagen und überzeitliche. Doch gilt es, nicht zu schnell Aussagen, die der heutigen Zeitauffassung nicht mehr entsprechen, als überholt darzustellen. Das ist zur Zeit der Fall bei Aussagen über eheliche Treue oder über Homosexualität. Christus betont streng die eheliche Treue und Einehe bis zum Tode. Paulus spricht von Naturwidrigkeit, wenn Männer oder Frauen gleichgeschlechtliche Liebe als miteinander in sexuellem Tun praktizieren (Röm 1, 26-27 den natürlichen Umgang mit widernatürlichem vertauschen).
Jeder Getaufte, näher hin der Christ in der Welt, ist gerufen Gottes Plan über menschliches Zusammenleben in Ehe und Familie und im Gemeinwesen zu erkennen und mit Hilfe der christlichen sittlichen und sozialen Lehre vorzuleben und zu künden.
Pater Cantalamessa, der Prediger des Papstes, meinte vor kurzen, nicht jeder sei berufen, überall irrige Auffassungen über Ehe und Familie sofort zu bekämpfen, aber jeder solle Ehe und Familie in ihrer Schönheit anziehend vorleben (www.Zenit.org Nachricht vom 15.01.2009 German).
1. Die Verantwortung übernehmen können wir, wenn wir Antwort geben auf das Wort Gottes, hineingesprochen in unsere Zeit.
Christus hat uns Kunde vom Vater gebracht: Einfach, demütig und liebevoll zu leben.
Im geistlichen Leben der Kirche bedeutet das Streben nach standesgemäßer Heiligkeit, ein Leben in rechter Armut, in standesgemäßer Reinheit bzw. Keuschheit und in christlichem Gehorsam, d. h. Achtung der gottgewollten Autorität in der Gesellschaft und im Staat.
Wo liegen Probleme und wie können wir antworten, Verantwortung übernehmen?
1.1 Das rechte Verwalten von irdischen Gütern, Geld (eigenes und zu verwaltendes), Besitztümer und Rechte über diese gilt es im Sinne christlicher Soziallehre zu sehen.
Das Wort „gottgewollte“ Dinggebundenheit klingt schlicht, aber besagt deutlich, es gibt eine gottgewollte Gebundenheit an die geschaffenen Dinge. Es gibt Verantwortung für den rechten Gebrauch der Dinge, den rechten Verzicht auf Dinge, und die rechte Verteilung der Dinge (iustitia distributiva, das rechte Verteilen der Güter).
Das Bankenwesen durchschauen ist schwierig. Doch kann man Habgier und Raffgier, persönliche Bereicherung als böse Leidenschaften durchaus erkennen, sowohl bei Bankiers als auch bei Privatleuten, die auf das schnelle Geld spekulieren. Wie ist Verantwortung bei höheren Bankleuten zu fassen? Warum soll für Sanierung von Banken der Staat aufkommen mit dem Geld der Steuerzahler. Wie können die Verantwortlichen gefasst werden.
Es lohnt sich im Buch von (jetzt Erzbischof) Reinhard Marx, Das Kapital, zu blättern. (Titel: Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen. Pattloch Verlag München 2008, 320 Seiten, 19,95 Euro).
Einige Hinweise:
Karl Marx war Ideen-Philosoph. Eigentlich hätte die Revolution nicht in Russland sondern im Westen stattfinden müssen. - Er ärgerte sich, dass Bischof Ketteler sich für die Arbeiter einsetzte und sein Denkschema störte (S. 15).
Es gibt eine Zentralisation des Kapitals. Es gibt große Handelsketten. Es gibt Spitzenverdiener, die das 550fache des einfachen Arbeiters verdienen. Wird der Kapitalismus an sich selbst zugrunde gehen? Ich bleibe Ketteler treu, der das marktwirtschaftliche System nicht abschaffen sondern sozial weiterentwickeln wollte (R. Marx S. 22- 30). Die Wirtschaft muss Dienerin der Menschen sein (Rüstow).
Es gibt viele Zyniker, die sich bereichern. - Die Politik soll Geiern das Handwerk legen. Die Bergpredigt und die 10 Gebote sollen gelten (S. 138ff). Die frühen Christen sorgten für die Notleidenden und Kranken und das setzte die Heiden in Erstaunen (Tertullian, Basilius).
Wir brauchen eine institutionalisierte Solidarität in einem funktionierenden Sozialstaat und zwar im Blick auf das Weltgemeinwohl (S. 297). Der heilige Thomas von Aquin betont, dass zunächst alle Dinge allen gemeinsam sind. Nichts, was ich besitze oder verwalte, darf ich verantwortungslos wegwerfen, zerstören, aufbrauchen.
2. Das rechte Weitergeben, Verzichten und Weiterleiten im Sinn des biblischen Armutsgeistes.
Pater Kentenich sprach von einem Armutsgeist, der marianisch (einfach) und apostolisch (das Reich Gottes fördern) geprägt sein solle. Er sprach von heroischer Dinggebundenheit, eigentlich göttlicher Dinggebundenheit, die auf Gott hinweise, der die irdischen Dinge geschaffen hat, aber ihrer überhaupt nicht bedarf. - Im Buch Werktagsheiligkeit legt Pater Kentenich (durch Sr. M. Nailis als Herausgeberin) seine Sicht der sozialen Frage dar.
Der Mensch soll und darf immer um das Existenzminimum (gemeint unser tägliches Brot) bitten, um zu überleben. Es kann aber sein, dass Gott Prüfungen schickt und zulässt, auch durch ungerechte Mitmenschen und Verhältnisse. Der Christ soll sich kraftvoll für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Bei Kentenich gehören immer die drei zusammen: Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe, um eine rechte Sozialordnung aufzubauen.
Im Blick auf die aszetische Haltung gegenüber Gott unterscheidet Pater Kentenich Heilsbitten, die Gott immer erhört (dein Reich komme in unseren Herzen, vergib uns unsere Sünden) und Hilfsbitten (das tägliche Brot). Mit dem „Letzten“ ist das Heil gemeint, dass wir in den Himmel kommen. Darum sollen wir immer beten, dafür bekommen wir auch genügend Gnaden. - Doch kann Gott uns Prüfungen schicken - zu unserem Heil - die für uns ein Sterben beinhalten, wie ein Weizenkorn, wie z. B. das Sterben von Pater Maximilian Kolbe, verhungert im KZ Auschwitz, weil er freiwillig sich für einen anderen Häftling meldete, der Frau und Kinder hatte, und die ungerechte Strafe des Sterbens im Todesbunker übernahm.
3. Zusammenfassung:
Mit Pater Kentenich sehen wir unsere Verantwortung als Männer und Väter in Kirche und Gesellschaft - jeder an seinem Platz und mit seinen Möglichkeiten - und Verantwortung sehen wir als Antwort auf Gottes Ruf, als Hineinwirken in die Kirche, um die Menschen im Glauben zu beheimaten und als Antwort auf die sozialen Nöte vieler Menschen in der heutigen Zeit, als Einsatz für Gerechtigkeit für alle.
Schönstatt soll Sauerteig für eine christliche Sozialordnung sein, nicht nur beim ersten Schwerpunkt, nämlich Innerlichkeit stehen bleiben, sondern für Gesundung der Verhältnisse sorgen, vorzüglich auf sozialem Gebiete. Besonders das Familienwerk (Familien, Mütterwerk, Männerwerk) soll darin eine Sendung sehen. - Pater Kentenich schrieb im Amerikabericht: Es mag auch bald der Zeitpunkt für soziale Schulung der Mitglieder heranrücken. Es geht auch um brauchbare Bausteine aus Kapitalismus und Sozialismus, um Neuordnung des Verhältnisses von Persönlichkeit und Wirtschaft. Caritas allein genügt nicht. Ein Reich soll nicht nur auf dem Fundament der Liebe, sondern auch der Gerechtigkeit und der Wahrheit aufgebaut sein. Pater Kentenich erinnert an den Alarmruf von Marx und Engels 1848, der Millionen Arbeiterkolonnen in Bewegung setzte. Wir wissen um dieses Grundproblem, so sagt er: Es ist der Schrei nach dem neuen Menschen und der neuen Gemeinschaft.
Hier ist hinzuzufügen, dass Pater Kentenich von 1951 bis 1965 ins Exil geschickt wurde, in Milwaukee (USA) bleiben musste, und seine Kraft nicht voll dem Aufbau der Schönstattbewegung widmen konnte. Das Schönstattwerk hat sich inzwischen besonders durch Schönstattheiligtümer und Tagungshäuser ausgebreitet und durch verschiedenste soziale Projekte. - Mit Pater Kentenich sind auch wir Männer gerufen, bei der Lösung der sozialen Fragen an unserem Platz mitzuwirken.
P. Chrysostomus Grill
Hinweise:
Als Buch mit den entsprechenden Kentenich-Texten wurde bei der Führertagung
angeboten und gern von den Führern mitgenommen: Herta Schlosser, Der neue Mensch
- die neue Gesellschaftsordnung - mit Originaltexten von Pater Josef Kentenich,
Schönstatt-Verlag, 447 Seiten, 1971 (vergriffen, noch erhältlich im
Schönstatt-Antiquariat).
Weitere Literatur zum Thema:
Raidt Edith, Christliche Unternehmungsführung nach der Konzeption Pater Josef Kentenichs, Schönstatt-Verlag, 1991
Kentenich Josef Pater, Zur sozialen Frage, Industriepädagogische Tagung 1930, Schönstatt-Verlag 1990, 490 Seiten