Eine Krönung wird zur Strömung

 

Anfang Mai des marianischen Jahres 1954 lädt die Lehrerin Hilda Berleze Herrn Pozzobon ein, mit seiner „Pilgernden Mutter und Königin“ auch ihre Schule „Humberto Campus“ zu besuchen. So kommt es zum ersten Besuch einer Schule. Angeregt durch das begeisterte Mitmachen der Kinder entwickelt sich daraus das Projekt „Schulbesuche“. Waren es 1954   9 Schulen, 1955   22 Schulen, 1956   32 Schulen, so steigerte er die Zahl der jährlich besuchten Schulen bis Mitte der siebziger Jahre auf 350.

Im Mai 1955, beim zweiten Besuch der Schule „Humberto Campus,“ sagt ein Mädchen: „Herr Pozzobon, wir beten zur Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin, und ich kenne viele Bilder, da hat die Gottesmutter eine Krone: Warum hat die „Peregrina“ keine Krone?“

Aus der Frage entwickelt sich ein Gespräch, das mit dem Beschluss endet: Wir schenken der „Pilgernden Gottesmutter“ eine Krone. Die Schulkinder sagen Herrn Pozzobon: Wir sprechen unsere Eltern, Onkel und Tanten an, dann kriegen wir das Geld für die Krone schon zusammen. So geschah es. Herr Pozzobon lässt aus Silber eine schlichte Krone anfertigen mit 5 Edelsteinen, als Dank für die fünf Jahre der Kampagne.
Nach einer guten Vorbereitung ist am 2. Oktober 1955 die Krönung.

Die zu krönende Mutter und Königin wird in einer Prozession, ausgehend von der Schule „Humberto Campus,“ etwa 6 Kilometer weiter zum Kapellchen gebracht.
Eine zweite Prozession kommt von entgegen gesetzter Richtung aus der Stadt, ausgehend von der Pfarrkirche, und bringt die Krone. Weitere Schulklassen sowie Erwachsene und Kinder schließen sich an.
Nach einer feierlichen Dankesmesse krönt der Bewegungsleiter Pater Dorvalino Rubin unter dem Jubel der Anwesenden die „Pilgernde Dreimal Wunderbare Mutter“ zur Königin.

Diese Krönung bleibt kein einmaliges schönes Ereignis, es ist vielmehr der Anfang einer eigenen Geschichte der Krone. Jedes Jahr wird zum 10. September die Krönung erneuert und jedes Mal wird die Krone der Königin durch einen weiteren Edelstein schöner, jedes Symbol, jede Gravierung ist mit einem bestimmten Ereignis verbunden.

Einige Ereignisse möchte ich erzählen:

 ·    Eine Schulrätin erlebt den Besuch der „Pilgernden“ in einer Schule. Sie kommt mit Herrn Pozzobon ins Gespräch und lässt sich auch die Krone erklären. Spontan bittet sie ihn: „Darf ich in diesem Jahr der Gottesmutter den Edelstein schenken?“

 ·    In einer anderen Schule schenkt eine Lehrerin ihren Ohrschmuck der Gottesmutter als Dank für eine erhaltene Gnade. Die Edelsteine lässt Herr Pozzobon in die Krone zusätzlich einfügen.

 ·    Eine Mutter bittet beim Besuch der „Pilgernden“ in ihrer Familie um die Bekehrung ihres Sohnes und dass er wieder zu den Sakramenten gehen möge. Sie wird erhört und schenkt der „Pilgernden“ zum Dank ihren Goldring. Herr Pozzobon ließ aus diesem Ring einen Kelch mit einer Hostie anfertigen und in die Krone einfügen zum Dank, dass dieser junge Mann wieder die heilige Kommunion empfängt.

 ·    In einem kurzen Jahresbericht im Jahr 1975 erwähnt Herr Pozzobon drei Beispiele:
Eine kinderlose Ehefrau sagt: „Wenn ich die Gnade erlange, Mutter zu werden, verspreche ich, bei den Brillanten für die Krone mitzuhelfen.“ Ein Sohn wurde geboren und dankbar löste die Frau das Versprechen ein.

      Ein Sohn, voller Mitleid mit seiner Mutter, die durch einen Schlaganfall die Sprache verloren hatte, versprach einen Beitrag zum Brillanten der Krone, wenn die Gottesmutter helfen würde, dass seine Mutter wieder sprechen könne. Sie erhielt die Gnade und das Versprechen wurde eingelöst.

      Eine andere Frau bat die Gottesmutter, dass sich in dieser Gegend die Hirnhautentzündung nicht zeigen möge. Sie würde dann ihren Beitrag zum Brillanten des Jubiläums bringen. Die Gottesmutter sorgte und die Frau erfüllte ihr Versprechen.

 ·    Bis 1965 hatten die Edelsteine verschiedene Farben. Sie waren jeweils Ausdruck der Geschichte und Situationen Schönstatts, besonders im Umkreis des Taborheiligtums in Santa Maria Brasilien.
Nach der Rückkehr Pater Kentenichs aus dem Exil bekam die „Mãe Peregrina“ nur noch Brillanten. Da echte Brillanten teuer sind, machte der Juwelier Herrn Pozzobon den Vorschlag, doch einen künstlichen Brillanten zu nehmen, man würde keinen Unterschied sehen. Herr Pozzobon erwiderte:
„Die Gottesmutter ist die Immaculata, so rein, edel und echt, da ist es angemessen, dass auch die Edelsteine für ihre Krone echte Steine sind und keine künstlichen.“

 ·    Wir schreiben das Jahr 1977: Der dreißigjährige Sohn der Großbauernfamilie Toneto wird schwer krank. Bei der Operation in Porto Alegre wird Krebs in fortgeschrittenem Stadium festgestellt und er wird als unheilbar krank entlassen. Der Großvater Antoninho Toneto gibt sich damit nicht zufrieden und sagt: „Wenn die Ärzte nicht mehr helfen können, dann kann die Gottesmutter immer noch helfen.“
Er bittet Herrn Pozzobon, mit der „Peregrina“ neun Tage zu seiner Familie zu kommen, um in einer Novene die Heilung des jung verheirateten Erben zu erflehen. Die Familie verspricht, den Brillanten für dieses Jahr zu stiften. Nach der Novene fährt der Großvater mit seinem Enkel noch einmal nach Porto Alegre. Der Arzt, der ihn operiert hatte, lehnt jedoch jede weitere Behandlung ab, die Metastasen hätten sich schon so stark verbreitet, dass er beim besten Willen nicht mehr helfen könne. Der Großvater versucht es in einem anderen Krankenhaus und kann einen Arzt bewegen, den Enkel wenigstens zu untersuchen. Ergebnis: die Narben der Operation sind gut zu sehen, von Metastasen aber keine Spur. Der Arzt verständigt seinen Kollegen. Der kommt auch und nach nochmaligen gemeinsamen Untersuchungen kann der Arzt, der ihn operiert hat, nur sagen: „Wenn es Wunder gibt, dann ist hier ein Wunder geschehen.“
Der neue Brillant leuchtete umso heller bei der Krönung der „Mãe Peregrina“ im September 1977.

 ·    Die Frau eines Farmers wird schwer krank. Ihr Mann wendet sich an Herrn Pozzobon und stiftet den Edelstein für die „Mãe Peregrina“ mit der Bitte um die Genesung seiner Frau. Doch ihr Zustand verschlechtert sich und sie kommt in ein Krankenhaus in Santa Maria. Einige Tage später wird der Farmer zum Krankenhaus gerufen und der zuständige Arzt eröffnet ihm, dass seine Frau die Nacht wohl kaum überleben wird. So bleibt er die Nacht bei ihr. Er selber erzählt: „Wachend am Sterbelager seiner Frau ergreift es ihn und unter Tränen bittet er die Gottesmutter: lass meine Frau nicht sterben, die Kinder brauchen doch ihre Mutter und ich muss ihr noch den Edelstein zeigen, den ich für Deine Krone bezahlt habe.“ Gegen Morgen werden die Atemzüge der Kranken gleichmäßiger und ruhig. Als der Arzt etwas später nach ihr schaut und sie ruhig schlafend findet, sagt er: „Herr X., ich beglückwünsche sie, ihre Frau hat wider Erwarten die Krise überstanden, sie wird leben.“

Nach der Krönung im September bat der Farmer Herrn Pozzobon, mit der „Pilgernden“ zu einer Dankesfeier zu seiner Familie zu kommen. Dazu lud er Nachbarn und Freunde ein. Zum Beginn geht er zum schön geschmückten Bild und erzählt den Anwesenden von dieser schweren Nacht im Krankenhaus und wie er verzweifelt die Gottesmutter angefleht und ihr gesagt hat: „Ich muss meiner Frau doch noch den Edelstein zeigen.“ Dann fragt er Herrn Pozzobon, welcher Stein es denn sei und sagt zu seiner Frau: „Nun komm zum Bild; das ist der Brillant, den ich der Gottesmutter geschenkt habe mit der Bitte um deine Gesundheit. Sie hat uns erhört, dafür wollen wir heute Abend danken und wir wollen es nie vergessen.“

Am 24. Juni 1971 geht die Krone unterwegs verloren. Sie wird zwar wiedergefunden, aber es war für Herrn Pozzobon doch ein Schock. Von diesem Tag an nahm er die Krone unterwegs immer ab. So begann der Besuch der „Mãe Peregrina“, ob in einer Familie, ob in einer Schule oder in sonstigen Institutionen mit einer Krönung.
João Pozzobon beschreibt dieses Ereignis im Jahresbericht 1971 wie folgt:

Es war am 24. Juni 1971 an meinem Namenstag. Ich besuchte die Schulen im Bergland. Mit großer Freude machte ich die Besuche. Die nächste Schule war etwa 6 Kilometer entfernt. Da Regenwetter war und die Wege voll tiefem Dreck waren, konnten die Kinder die „Peregrina“ nicht wie sonst üblich ein Stück des Weges begleiten, aber die Lehrerin gab mir zwei große und starke Jungen mit, die mir halfen. An einem Verkaufsstand kaufte ich einige Süßigkeiten für die Jungen. Ich ging auf der Straße, die Jungen aber suchten mit der „Peregina“ wegen des tiefen Drecks einen Weg oberhalb der Straße entlang, über Feld, Gras und Buschwald. Zwischendurch rutschten sie schon mal aus und fielen hin. Nachdem wir etwa 2 bis 3 Kilometer gegangen waren, rief ein Junge mir zu: „Herr Pozzobon, die Krone ist nicht mehr da, die Krone ist weg.“ Mit einem Schrecken in den Gliedern bin ich über den Straßengraben den kleinen Hang hoch und musste feststellen, die Krone ist weg. Ich sagte zu den Jungen: „Einer bleibt jetzt als Wächter bei der „Mãe Peregrina“, und der andere geht mit mir den Weg zurück, um die Krone zu suchen.“ Wir gingen los und suchten zum Teil im hohen Gras bis zu der Stelle, wo die Jungen hingefallen waren. Doch die Krone war nicht zu finden. Ein tiefes Gefühl von Trauer überkam mich. „Ich gehe nicht nach Hause ohne die Krone, ich bleibe hier.“
Dann ein flehender Aufblick: „Mutter, es ist Deine Krone, hilf, dass wir sie finden, für mich ist sie mehr als der Tod.“
In der Krone verdichten sich alle Opfer und Verzichte und sie gibt viele Anregungen.
Von neuem suchten wir, aber vergebens. Dann sagte der Junge: „Ich gehe noch ein Stück weiter, da sind wir an einem Buschgelände vorbeigegangen.“ Er ging und nach kurzer Zeit schrie er: „Hier ist die Krone, sie hängt an einem Ast.“ Ich lief schnell hin, sah die Krone und konnte nur danken, danken, danken. Voll Freude umarmten wir uns. Dieses Ereignis konnte ich nicht vergessen. Noch zu Hause beschäftigte es mich. Was wäre ohne die Original-Krone, die so viele Menschen anzieht? Für mich war es eine Lehre, besser aufzupassen.

Sein Bericht zeigt uns, wie wertvoll ihm die Krone war, spirituell und materiell. Aus dem Krönungsakt war eine Krönungsströmung und eine Kronengeschichte geworden. Bei den Besuchen war sie ein pädagogischer Anknüpfungspunkt, weil sie besonders bei den Kindern Aufmerksamkeit und Wissbegier weckte und zu Fragen anregte. Durch die Beantwortung der Fragen konnte er das Wirken der Gottesmutter darstellen und war so - wie er lächelnd sagte - mitten im Thema.

Schönstatt, den 5. März 2009                                               Hermann M. Arendes