Leben aus der Quelle

Ansprache von Pfarrer Ebner am Hochfest Johannes des Täufers,

am 24. Juni 2009 im Taborheiligtum

 

Ein Bambusbauer ging in seinen Hain und suchte sich einen besonders hohen und schönen Bambus aus. Den fällte er.

Da schrie der Bambus auf: „Was machst du da mit mir? Ich stehe hier in Saft und Kraft und du haust mich um!“

Der Bambusbauer schien es nicht zu hören, sondern hieb mit einem scharfen Messer alle Äste und Zweige sowie die Krone des Bambus ab.

Da protestierte der Bambus wieder mit äußerster Lautstärke: „Bist du des Wahnsinns? Du nimmst mir all meinen Schmuck und meine Zierde! Ich hasse dich!“

Der Bambusbauer schien sich nicht darum zu kümmern. Vielmehr schnitt er den Bambus auf, holte das ganze Mark heraus und höhlte ihn völlig aus. Der Bambus brüllte vor Schmerz und stieß in tiefster Verzweiflung hervor: „Nun hast du mir auch noch mein Mark, meine ganze Substanz und Lebenskraft herausgerissen! Du Grausamster aller Grausamen!“

Der Bambusbauer blieb ruhig und umfasste den Bambus mit seinen starken Händen. Dann trug er ihn zu einer Quelle. Das frische Quellwasser strömte in den Bambus und er wurde mit einer nie gekannten Lebenskraft erfüllt. Das Wasser durchfloss ihn ganz und gar und ergoss sich schließlich in ein trockenes Feld, wo es eine neue Saat zum Keimen und Sprossen brachte. Als der Bambus dies alles wahrnahm, wurde er still, und als er still wurde, da wurde er auch froh.

Wie sollen wir dieses Gleichnis verstehen? Was will es uns sagen? Eigentlich spricht es für sich selbst. Da wir aber das Hochfest Johannes des Täufers feiern, möchte ich in diesem Zusammenhang an sein Wort erinnern: „Christus muss wachsen, ich aber geringer werden“. ... man könnte sinngemäß auch verstehen: mein Ich muss geringer werden – mein Ego. Der Egoist in mir muss kleiner werden, damit das lebendige Wasser Christi durch mich fließen kann. Ob ich einverstanden bin, wenn Gott mich auf diese Weise ent-icht?

Pater Kentenich lehrt uns beten: „... nimm mir das Ich wenn es die Liebe stört“.
Das Ich verstopft die Leitung und lässt das Wasser nicht fließen.
Im Himmelwärts heißt es weiter: „Lass fruchtbar werden mich für Schönstatt’s Erde. Mein Leben sei ein schöpferisches Werden für alles was du gütig hast geplant, zum Heil der Seelen durch das Schönstattland“.

Der heilige Bernhard von Clairvaux vergleicht Maria mit einem „Aquaeduct“, also mit einer „Wasserleitung“. Wenn wir das obige Gleichnis noch einmal aufgreifen, so ist Maria der vollkommenste aller Bambusse. Sie ist die Mutter der göttlichen Gnade, die Mutter des Schöpfers, die Mutter des Erlösers, die Heilige Mutter Gottes.

Kann ich – will ich – ein Bambus sein, mit Maria, Johannes dem Täufers, Pater Kentenich, Josef Engling, Mario Hiriart, João Pozzobon und allen, derer wir an den Heldengräbern gedenken?

Leben aus der Quelle. „Was ich bin und was ich habe schenk ich Dir als Liebesgabe für die heilige Gnadenquelle, die vom Heiligtum rauscht helle, um die Seelen zu erfassen, die ihr Herz in Schönstatt lassen ... dass die Werke gut gedeihen, die wir dem Dreifaltigen weihen.“ (HW S. 16).

Pfarrer Karl Ebner