Weiterbildung macht Spaß
„Was habt ihr denn heute auf?“ fragte ich Peter. — „Nix Besonderes“, seine Antwort. — „Ich will's aber genau wissen, denn ab sofort werde ich mich weiterbilden.“ — „Heh?“ machte er. — „Ich werde ab sofort alle Aufgaben mitmachen, die du aufbekommst in der Schule, und was ich nicht kapiere, das bringst du mir bei, klar? Da spare ich mir die Volkshochschule und bin dabei noch bequem zu Hause. Oder hast du etwas dagegen, wenn sich deine Mutter weiterbildet? Her also mit den Aufgaben.“
„Diese Weiber!“ Aber er winkte mich gnädig in sein Zimmer, und bald hockten wir zusammen über seinen Hausaufgaben. „Wahrscheinlich kapierst du überhaupt nichts“, krächzte er, „aber probieren können wir's ja“. Er beschrieb und erklärte mit erstaunlich souveränpädagogischer Geduld, und unter seinen Erläuterungen tauchte längst Verschüttetes aus meiner Schulerinnerung auf. „Heh!“ rief Peter, „du bist ja schlauer als ich dachte!“ Und auch in Englisch, in Deutsch und den übrigen Fächern heimste ich einiges Lob ein. Nur bei Latein drohte mein Lehrmeister zu verzweifeln (ich hatte kein Latein in meiner Schule), doch fasste er sich schließlich in Geduld. „Das kriegen wir auch noch hin.“
Täglich machte ich von nun an seine Hausaufgaben unter seiner gewiss strengen, aber doch auch wiederum behutsamen Anleitung. Manchmal rief er Friedhelm an, den Primus seiner Klasse, der gern all sein gehäuftes Wissen kostenlos an mich weitergab, wo mein Sohn irgendetwas nicht selbst kapiert hatte. Aber bald waren solche Hilfen unnötig. Meine Kenntnisse erweiterten sich rapide, ja ich fand, vom Erfolg beflügelt, schließlich nicht geringe Freude und Ehrgeiz bei diesem Unternehmen.
Eines Tages lud die Schule zum Elternsprechtag. Ich suchte die Lehrer meines Sohnes auf. „Eine Art Wunder ist geschehen!“ rief der Mathematiklehrer. „Ihr Sohn ist der aufmerksamste Schüler geworden und ruht nicht eher, bis er eine Sache wirklich verstanden hat! Von der Fünf hat er sich zu einer knappen Zwei emporgearbeitet. Meine Hochachtung!“ Und seine Englischlehrerin: „Peter — seit Wochen einer meiner Besten! Sicherlich hängt das mit der Pubertät zusammen. Das findet man hin und wieder!“ Selbst sein Lateinlehrer nickte mir aufmunternd zu: „Brav, brav. Seine Leistungen haben sich merklich aufgebessert. Er nimmt wohl tüchtig Nachhilfe, wie?“ — „Nicht er“, erwiderte ich, „vielmehr ich — bei ihm.“ — „Wie soll ich das verstehen?“ fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
Ich erläuterte es: „So ein armer Junge wird tagein, tagaus unterrichtet. Überall, wohin er kommt, sucht man ihn pädagogisch zu bevormunden. Er selbst hat im Grunde überhaupt nichts zu melden. Das fiel auch mir auf die Nerven, damals als ich noch selbst zur Schule ging. Infolgedessen habe ich den Spieß einfach umgedreht: Er darf endlich einmal das tun, was andere immer an ihm tun. Und Sie glauben nicht, wie viel Spaß ihm das macht. Und mir ebenfalls, wenn es mir auch hin und wieder schwer ankommt neben dem ganzen Haushalt. Aber Peter lernt, indem er mir beibringt, was ihm selbst häufig nicht ganz klar war. So einfach ist das. Aber verraten Sie mich nicht bei ihm. Und mit dem Geld, das wir einsparen für Nachhilfe und Fortbildung, fahren wir in Urlaub in den Ferien!“
Irmeli Altendorf, in Paulinus vom 24.09.95