Mario Hiriart: Ein Netz von Beziehungen

 

Der Zentralgehalt der Sendung vom 31. Mai 1949 als Botschaft vom organischen Denken, Leben und Lieben entschleiert sich uns nicht auf den ersten Blick. Dieser Wachstumsring in der Schönstattgeschichte, die ihre Quelle im Gründungsereignis von 1914 und ihren Höhepunkt im 20. Januar 1942 hat, ist ein Angebot Gottes, das sich nicht ausschließlich rational erfassen lässt. Der Mensch ist in seiner Ganzheit gefordert, Verstand, Herz und Wille sind gefragt, um diesen Meilenstein als Gnadeneinbruch und als Geschenk an Kirche und Welt aufzunehmen. Dabei geht der Weg vom Erkennen zur lebensmäßigen Umsetzung und zur schrittweisen Ausfaltung hinein in die Dimensionen der Tiefe und Weite.

Das ist auch der Weg, den Mario Hiriart geht und uns exemplarisch vorlebt. Der zunächst stark rational geprägte junge Chilene erfährt in der affektiven Bindung an die Gottesmutter, an das Heiligtum und den Gründer nach und nach eine Ergänzung und Ausreifung. Über die Zweitursachen wird ihm ein neuer und vertiefter Zugang zum Herzen des Dreifaltigen Gottes geschenkt. Er wächst in ein Netz von Beziehungen im Natürlichen und Übernatürlichen hinein. Dieser Organismus von Bindungen wird für ihn zu Leitersprossen auf dem Weg zum Vater. Sein Streben und seine Haltung spiegeln sich in seinen Tagebuchnotizen wider. Mario hat keine wissenschaftliche Arbeit über den 31. Mai geschrieben. Vielmehr sind seine Texte ein Beispiel, wie sich der 31. Mai in einem konkreten Leben umsetzt und zu einem Strom wird, der alles Denken, Leben und Lieben erfasst. Mario lebt vollständig im Geist des 3. Meilensteins, zunächst intuitiv, später immer bewusster. Gerade in seinem Suchen und schrittweisen Erkennen seines Persönlichen Ideals wird deutlich, wie sehr Mario zutiefst in Zusammenhängen denkt, den in ihn eingesenkten Gottesgedanken im Bindungsgeflecht zu erfassen sucht und ihn im Leben realisiert. Er zieht alle Querfäden und Verbindungslinien, nichts geschieht separat oder isoliert. Ihm wird im Liebesbündnis die Gnade geschenkt, auf natürlicher wie übernatürlicher Ebene in seine Liebe zu Gott alles über die Gottesmutter einzubinden.

Nach dem Verständnis des Gründers, Pater Kentenich, sind gesunde natürliche Bindungen und die tiefe Verwurzelung in Beziehungen zu Personen, Orten und Überzeugungen die Grundlage für die Bindung an Gott und die gesamte übernatürliche Wirklichkeit. Diesen Gesamtzusammenhang fasst er in  dem Begriff Bindungsorganismus zusammen. Im Zusammenspiel von Natur und Gnade sieht Pater Kentenich hinsichtlich der psychologischen Fragestellung die zentrale und schöpferisch zu lösende Aufgabe für unsere Zeit. Diese Auffassung reift in ihm vor allem durch das Suchen nach der Stimme Gottes in den äußeren Gegebenheiten und in der veränderten seelischen Befindlichkeit des Menschen durch die einschneidenden Umwälzungen der Neuzeit. Innerhalb des Vorgangs vom 31. Mai 1949 bietet Pater Kentenich der Kirche die angewandte Bindungspädagogik an und stößt dabei auf Unverständnis und Widerstände. Seine Sichtweise, den Tendenzen des Trennens und Mechanisierens die Ganzheitlichkeit gegenüberzustellen, gewinnt in zunehmendem Maß an Aktualität. Der ursprüngliche Zusammenhang zwischen Gott und Mensch, Schöpfer und Schöpfung soll neu belebt und gelebt werden. Deshalb weist Pater Kentenich auf einen Weg hin, der in Menschen, Ereignissen und Dingen nicht nur den ihnen eigenen Wert zeigt, sondern in der Zuordnung zu einem organischen Ganzen eine neue Dimension erhält. Keine Anlage und Fähigkeit im Menschen sollte unterdrückt oder unbeachtet werden, vielmehr geht es Pater Kentenich um eine volle Entfaltung menschlichen Daseins in der Rückbindung an die übernatürliche Wirklichkeit.

Mario Hiriart nimmt in exemplarischer Weise auf, vor allem die praktische Umsetzung des Bindungsorganismus. Er möchte uns auf dem von unserem Vater und Gründer aufgezeigten Weg ein Lebensbeispiel und Wegbegleiter für einen originellen Nachvollzug sein.

Mario schreibt am 04.06.1959:

„Madrecita querida, heute fasziniert mich wieder einmal die Vorstellung meiner kindlichen Beziehung zu dir, einer Verbindung wie von einem Kelch zum anderen. Du, voll der Erlösungsgnade, die du am Fuß des Kreuzes wie in einem Kelch empfangen hast, schüttest deine Gnaden in mütterlicher Weise über die Welt aus ... Ich will in deinem Heiligtum sein wie ein kleiner Kelch, der nur diese Gnaden zu erhalten wünscht, die du verteilst. Es ist aber nicht einfach das Wort „Gnade“, das hier angebracht ist: noch mehr vielleicht das Wort „Liebe“. Denn was ist die Gnade, wenn nicht der besondere Ausdruck der Liebe Gottes zu seiner Kreatur? Du bist der Kelch, voll von der göttlichen Liebe, den du deinerseits über die Menschen ausschüttest. Madrecita querida, mach' mich äußerst empfänglich für diese deine mütterliche Liebe, lass mich sie in mein Herz aufnehmen wie ein Kelch ...“

Ingrid Springer