Priesterjahr 2010 und Priestertum aller Getauften

2. Teil des Vortrages von Pater Grill anlässlich der Führertagung im April 2010 für die Schönstatt-Männerliga

6.   Nun der Übergang zum Priestertum der Getauften, das Priestertum der Gnade

Ich muss noch einmal auf die Priester zu sprechen kommen. Es fällt auf, dass in diesem Jahr, im Priesterjahr, in Deutschland kein qualitativ besonderes Buch über das Priestertum der Kirche herausgekommen ist. Das ist die Schwäche der Theologie-Professoren, möchte ich sagen. Vor über 40 Jahren hat Professor Karl Rahner ein Buch herausgegeben über das Priestersein mit dem Titel: „Einübung priesterlicher Existenz“. Es bringt gute Hinweise. “Der Priester von heute soll ein Individual-Apostel im Massenzeitalter sein”. Das klingt ausgezeichnet. Was soll er sein? Der Priester soll die Kraft haben, sich ganz persönlich den Einzelnen, die zu ihm kommen, zuzuwenden. Es reicht nicht Massentaufen zu halten, es reicht nicht zu predigen. Es muss viel mehr der Einzelne angesprochen werden.

Das können wir auch auf uns anwenden. Der Ausdruck ist schön: Ein Priester, als ein Vater in der Familie, soll ein Individual-Apostel im Massenzeitalter sein. Ich habe als Familienvater viel zu tun mit meiner eigenen Familie, immer, wenn ich zu Hause bin, mich ganz allen zuzuwenden. Vor einigen Jahren war eine Pastoraltagung der Verbandspriester in Moriah. Wir Patres haben davon gehört, und es kam Folgendes “herüber” zum Berg Sion: Die Priester, die in der Pfarrei sind, haben gesagt, wir kommen nicht mehr durch. Wir kriegen immer mehr Pfarreien angehängt. Was müssen wir tun? Natürlich müssen wir unsere Grundpflichten erfüllen, Eucharistie feiern, soweit wir können, Sakramente anbieten, zu den Pfarrgemeinderäten gehen. Wir können sie nicht allein lassen. Aber eines haben die Verbandspriester sich vorgenommen: Wir legen Wert darauf, sobald jemand einzeln kommt, hat er sofort Vorrang. Nehmen wir an: Ich sitze nachmittags im Pfarrhaus, um etwas zu lesen, erhole mich. Es kommt eine Einzelperson und möchte den Pfarrer sprechen. Da ich da bin, soll ich sofort ja sagen und kommen und nicht sagen, es gibt eine Sprechstunde übermorgen. Das ist gemeint bei Karl Rahner mit dem Ausdruck: der Priester - ein Individual-Apostel. Die Verbandspriester Schönstatts haben sich das vor Jahren vorgenommen. Wenn sie nicht gerade Pflichten haben, wenn sie nicht zur Messe müssen, wollen sie sich sofort der Einzelperson zuwenden.

Karl Rahner betont dann noch einen zweiten Punkt: Die Priester müssen viel mehr echt menschlich sein. Das ist jetzt nicht mehr so neu wie früher. Früher war der Priester doch etwas abgehoben, im Priestergewand. Er hat seine Würde etwas herausgestellt. Es gab ein Buch „Abschied von Hochwürden“. Nun wird betont: Der Priester soll echt menschlich sein, aber gleichzeitig auch ganz tief gläubig. Das echt Menschliche wird heutzutage gerade von Christen gefordert. Er soll menschlich sein, im menschlichen Umgang, im Gespräch mit den Menschen, mit ihren Nöten und Sorgen.

Gisbert Greshake, Dogmatikprofessor, hat in seinem Buch: „Priestersein, zur Theologie und Spiritualität des priesterlichen Amtes“ (Freiburg, Herder, 4. Auflage 1985) deutlicher als andere herausgestellt, wie der geweihte Priester zu sehen ist. Theologisch gesehen ist der, der die Priesterweihe als Sakrament empfangen hat, einer, der von Christus erwählt ist, in der Person Christi zu handeln, “in persona Christi”. Das gilt für die Bischöfe und Priester. Das bedeutet, wenn der Priester handelt und die heilige Messe feiert und spricht „Das ist mein Leib, das ist mein Blut“, dann handelt er in der Person Christi. Oder wenn er sagt, „ich spreche dich los“, dann handelt Christus in ihm, auch - das wissen wir aus der Lehre der Kirche - auch wenn ein Priester in schwerer Sünde leben würde. Christus handelt durch ihn.

Der Bischof ist zunächst derjenige, der beauftragt ist, die Mysterien Christi zu spenden. Der gültig geweihte Bischof weiht die Priester. Nur ein Priester hat die Vollmacht, die drei Sakramente “in persona Christi” zu spenden, nämlich die heilige Eucharistie, das Bußsakrament und die Krankenölung. Doch muss hier ergänzt werden, dass der Priester auch “in persona ecclesiae” handelt, also als sakramentaler Repräsentant der Kirche (siehe Greshake S. 81ff). Der Priester ist auch Hirte im Auftrag Christi und der Kirche. In der neueren Theologie wird nun auch überlegt, wie die Hirtenaufgaben von Getauften (Laien), die in einen besonderen Dienst des Bischofs treten, definiert werden sollen und die Zuordnungen von priesterlichen und laikalen Amtsträgern erfolgen solle (man kann dabei an “Ordinariatsrätinnen” denken, die durchaus in ihrem Bereich, z. B. Schulwesen, Hirtenaufgaben haben, die auch die Zusammenarbeit mit Priestern betrifft).

Im Priesterjahr schauen wir besonders auch auf die heiligen oder heiligmäßigen Priester, wie den heiligen Vinzenz Pallotti, wie den Diener Gottes Pater Kentenich, wie den seligen Schönstattpriester Karl Leisner und andere. Ich denke auch an Rektor Heinz Dresbach, der im KZ Dachau treuer Mitarbeiter Pater Kentenichs war, der uns Theologiestudenten geführt hat.

Wir sollten auch auf Kardinal Newman (1801-1890) schauen, der am 19. September 2010 von Papst Benedikt XVI. in England selig gesprochen wird. Über geistige Parallelen zwischen Kentenich und Newman siehe den Artikel von Otto Amberger in der Zeitschrift REGNUM Mai 2010 “Zur Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman“.

7.   Wir als Getaufte sind berufen, priesterlich zu leben und zu wirken

Nun komme ich zum nächsten Punkt: Wir sind als Getaufte berufen, priesterlich zu leben und zu wirken. Der Ausdruck in der Theologie lautet: Als Getaufte haben wir das Priestertum der Taufe oder auch das Priestertum der Gnade. Martin Luther hat jedoch das allgemeine Priestertum der Taufe so sehr betont, dass jeder Getaufte auch das Abendmahl als Vorsteher zelebrieren könne. Korrekt heißt es: Priestertum aller Getauften. Das Priestertum aller Gläubigen hat eine besondere Bedeutung. Nicht so, dass man sagen kann, jeder Getaufte könne alles machen, was Christus seinen Aposteln übergeben hat. Er hat nur zu den Aposteln (und deren Nachfolgern) gesagt: “Tut das zu meinem Andenken”. Nicht jeder darf das Abendmahl als Zelebrant feiern. Von einem Benediktiner-Pater in Jerusalem mit Namen Benedikt Schwank wird ein Beispiel geschildert. Es waren evangelische Theologiestudenten im Haus. Sie sagten, heute ist Buß- und Bettag, wir wollen das Abendmahl halten. Aber der evangelische Probst kam nicht. Da sagte eine Studentin: Ich habe Theologie studiert, ich lade euch heute Abend alle ein zum Abendmahl. Wir sind doch in der Tradition von Martin Luther: Wir alle sind Priester, ein heiliges Volk, ein heiliges Priestertum. - Danach legte Pater Schwank OSB dar, dass genau unterschieden werden muss zwischen dem “Priestertum des Gnadenlebens”, das alle Getauften besitzen, und dem “sakramentalen Priestertum”, das nur im Sakrament der Priesterweihe verliehen wird. Die protestantischen Reformatoren bekämpften diese Doppelansicht, die katholische Gegenreformation betonte umso stärker das Besondere des geweihten Priestertums. Beides gilt es richtig zu sehen, wenn auch ein “wesentlicher” Unterschied besteht. - Wer mehr nachlesen will, kann den Artikel “Allgemeines Priestertum” - was ist das?“ von Benedikt Schwank im Internet nachlesen: www.beiträge.erzabtei-beuron.de .

Luther kam mit seiner Meinung, dass  alle Priester seien, nicht durch. Seine Schrift darüber  wurde nicht in die lutherischen Bekenntnisschriften aufgenommen. - Luther habe auch keinen (von Rom) abgefallenen Bischof gefunden, der die Priesterweihe gespendet hätte. Damit hatte er ein Dilemma. Später hat er Landesfürsten als “Leitung” der  Landeskirchen angesehen.

Bei der katholischen Kirche kam eine Besinnung durch das Konzil von Trient. Es wurde klargestellt, es gibt das Sakrament der Priesterweihe und es gibt nach der Weisung Christi gültig geweihte Priester. Und es gibt das heilige Volk, das Volk Gottes, die Getauften. Diese können, wie es im ersten Petrusbrief steht, priesterliches Volk genannt werden. „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft.“ (1 Petr 2, 9ff). Im Buch der Offenbarung steht auch: „Christus hat euch zu Königen und Priestern gemacht.“ (Offb 1,5). Die Theologie hat drei Aspekte des Priestertums Jesu Christi herausgehoben: Der Getaufte nimmt teil am Königtum, am Priestertum und am Hirtentum Jesu Christi, des Hohenpriesters.

8.   Unser Gründer, Pater Kentenich, hat auch darüber gesprochen

„Wir als Eltern sollen Priester und Priesterinnen sein“ - ich zitiere aus der Bundestagung von 1950 - „teilnehmen am Lehramt, Priesteramt und Hirtenamt“ Jesu Christi. Er sagte auch: Wir alle müssen uns opfern. Das ist mit dem Priester verbunden. Unsere Familie soll Heiligtum sein. Wir sollen in die übernatürliche Welt hineinwachsen. In der Golgota-Hore von Himmelwärts finden wir die Bitte an die Gottesmutter: Maria: „im Heiligtum willst Seelen du gestalten, die priesterlich sich alle Zeit verhalten.“ Eine Frau sagte mir vor kurzem: Ich bete jeden Tag diese Hore, besonders für die Priester, aber auch, dass wir als Getaufte uns priesterlich verhalten.

Noch ein anderer Hinweis. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde von verschiedenen Theologen Maria dargestellt als diejenige, die bei Jesus unter dem Kreuze stand und mitwirkte, mitopferte. Christus am Kreuz als Hoherpriester. Es gab eine Strömung, Maria auch im Priestergewand darzustellen. Als allerdings verschiedene Strömungen kamen, die die Frau als ranggleich mit dem Mann aufwerten wollten, hat Rom gesagt: Maria, die Gottesmutter, soll nicht mehr in priesterlichen Gewändern dargestellt werden. P. Kentenich spricht von Maria als Opferdienerin, als Diakonin unter dem Kreuz (nicht im Sinne von Diakonenweihe), um ihr Mitwirken mit Christus zu bezeichnen. Bei den Marienschwestern gibt es den Kurs „Virgo Sacerdos“, Maria, die Jungfrau und Priesterin. Beim Schönstatt-Mütterbund den Kurs „Mater Sacerdos“, Mutter und Priester. Aber auch der Vater, der Mann, soll ein priesterlicher Mann sein. Es gibt auch die Aussage im Sinne des allgemeinen Priestertums von unserem Vater. 1912 habe er schon das Laienpriestertum  mitgemeint, als er sagte: „Wir wollen uns selbst erziehen unter dem Schutze Mariens zu festen, freien, priesterlichen Charakteren.“ 1912 waren es ja die Jungen, die Priester werden wollten.

Das Ideal des Mannes ist, in letzten Prinzipien gegründet zu sein, von Gott her geprägt zu sein, die Grundsätze Gottes zu vertreten. Das ist mit priesterlich gemeint. Das ist dann auch in den Aussagen gemeint, wenn wir beten: Ich bitte die Gottesmutter, erziehe mich zur priesterlichen Väterlichkeit und zur priesterlichen Mütterlichkeit.

Im Amerikabericht von Pater Kenteich  und in anderen Schriften heißt es, dass Vater und Mutter diese Grundhaltung haben sollen: priesterliche Mütterlichkeit und priesterliche Väterlichkeit.

9.   Zum Priesterbild als Getaufte gehört auch, dass wir als Väter
gottergriffene und gleichzeitig weltgewandte Menschen oder
Männer sein sollen, die die Spannung aushalten, gottergriffen
und gleichzeitig weltgewandt zu sein.

Der gottergriffene Mensch, der marianische Mensch oder Vater, das ist unsere Aufgabe. Der Vater, der  mit der Gottesmutter verbunden ist, der marianische Vater, auch mit der Höhenlage, die wir in Schönstatt schon kennen, nämlich Gefolgschaftsakt oder 20. Januar 1942, Inscriptio, Mariengarten, auch das gehört zum marianischen priesterlichen Vater. Das sind Väter, die auch eine prophetische Sicht, eine Zukunftsvision, haben.

Es ist gut, sich zu Hause auch selbst zu fragen: Wie haben mich Priester geformt? Bei einer Tagung fiel mir auf, dass einige sehr schöne Zeugnisse gaben und bezeugten: Unser Pfarrer hat uns so gut zur Erstkommunion hingeführt, dass ich dafür sehr dankbar bin. Wenn uns Priester enttäuscht haben, haben wir das gläubig verarbeitet und für sie gebetet. Priesterlich heißt für uns auch, die Schöpfungsordnung zu konsekrieren, die Dinge, die ich benütze, auch die Werkzeuge, die ich benütze, als Dinge zu sehen, die Gott mir gibt, damit ich selbst die Welt letztendlich zu Gott hinführe. Auch an der christlichen Sozial-Ordnung soll ich priesterlich mit bauen, sorgen, dass Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit herrsche. Zurzeit ist sehr wichtig, dass unser Land nicht von der Korruption durchseucht wird wie andere Länder.

10. Wieweit helfen wir auch mit, eine wahre
soziale Ordnung zu fördern?

Das ist durchaus mitgemeint mit „sich priesterlich verhalten“. Was bei uns Schönstättern ein großes Plus ist, ist, dass wir stark sind im Mittun in unseren Pfarreien, um Kinder und Jugendliche, überhaupt Menschen durch die Sakramente näher zu Christus hinzuführen. Wir sind nicht besonders auffallend stark auf dem Gebiet der politischen Welt oder der sozialen Ordnung. Wir sind aber stark, auffallend stark - auf der Mütterseite natürlich - Kinder, junge Familien zur Taufe hinzuführen, zur Erstkommunion, zur Firmung. Mancher Pfarrer ist heilfroh, wenn er solche Helfer/innen hat. Wir sind auf dem Gebiet der inneren Beseelung einfach stark von Schönstatt her.

Wir sollten wissen, wir sind fähig zu inspirieren, das innere Leben zu stärken. Eine Mutter sagte mir einmal, ich mache jetzt im Pfarrgemeinderat nicht mehr mit, es wird viel diskutiert und gestritten. Ich leite eine Frauengruppe, da kann ich viel mehr inspirieren.

Also überlegen, wie können wir uns von der Gottesmutter erziehen lassen, um als Getaufte priesterlich zu wirken. Zur Fülle des Priestertums der Taufe will sie uns hinführen. Wir können noch mehr tun, damit unser priesterliches Sein als Getaufte fruchtbarer wird. Gott braucht uns als priesterliche Väter. Dankeschön!

 

P. Chrysostomus Grill