Rektor Rainer Birkenmaier von Marienfried / Oberkirch hat eine von ihm verfasste kurze Meditation zugeschickt, die in diesen Tagen aufbauend sein kann. Im Licht unserer lieben MTA können wir vertrauend uns und andere aufrichten.....

Wohin sollen wir uns wenden?

Wohin würden Menschen als erstes gehen, wenn sie Schlimmes erlebt oder sich schwer verfehlt hätten? Die meisten von uns würden spontan denken: ich sag es meiner Mutter. Wenn es eine Person gibt auf der Welt, die mich auffangen könnte, dann doch wohl die Frau, die mich als hilfloses Geschöpf an ihre Brust gelegt und mich aufgezogen hat. Das sieht aus wie Regression, ist aber die Spur einer viel tieferen Wahrheit im Blick auf Maria: „Drückt Dich ein Weh, zur Mutter geh!“ Und dann geht irgendwie der Weg weiter in die ganze, ungeschminkte Wahrheit, ins Bekenntnis vor dem Vater, in die Übernahme der Verantwortung für die Betroffenen und für die Folgen.

Das Gnadenbild Schönstatts trug ursprünglich den Titel „Zuflucht der Sünder“. Das ist durch die neue, von der Vorsehung bestimmte Bezeichnung „Dreimal Wunderbare Mutter“ nicht übertüncht. Sie ist vom Heiligtum aus immer auch Zufluchtsort für ihre armen, sündigen Kinder.

Maria trägt in ihren Armen das Kind; es ist der von ihr geborene Leib Christi, durch den wir erlöst sind. Sie trägt auch als schmerzhafte Mutter seinen Leib auf ihrem Schoß: verwundet, beschmutzt, unter die Verbrecher gezählt, getötet. Sie hält uns diese Leiche hin und sie hält sie in unzerstörbarer mütterlicher Liebe hinein ins unbegreifliche Erbarmen Gottes.

Der Leib Christi, den die Schmerzensreiche auf dem Schoß trägt, ist in gewisser Weise auch der mystische Leib Christi, also die real existierende Kirche. Dieser Leib blutet, ist beschmutzt, geschändet - oft von außen und vielleicht noch öfter von innen. Maria hält das aus und hält diesen Leib hin, so dass alle ihn sehen. Nichts wird verborgen, nichts vertuscht, nichts beschönigt. Ihre Reinheit als Immaculata bildet den unbestechlichen Kontrast zu dem angerichteten Unheil. In diesem Licht gibt es keine Beschönigung.

Aber es gibt die Einladung ihres unbelasteten und deshalb unendlich belastbaren Herzens, alles ihr zu bringen und damit alles ins Licht zu bringen. Sie gibt uns den mütterlichen, heilsamen Rat: „Habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf. …  Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht.“ (Eph 5, 10-12) 

Viele Darstellungen der Schmerzensmutter zeichnen sich durch zwei Eigenschaften aus: sie stellen einerseits schonungslos und drastisch das Verletzte und das Brutale dar. Nur so fühlen sich die Menschen verstanden, die vor ihr knien: die geschundenen Frauen und Kinder, die Kranken, die Unglücklichen, die Trauernden mit dem unaussprechlichen Leid. Hier kommt das Unsägliche ins Bild und vielleicht auch ins Wort. Oft hat die Schmerzensmutter, der die Tränen aus den Augen quellen, dennoch auch ein ganz, ganz leichtes Lächeln auf den Lippen, das von einem Wissen über größere Zusammenhänge und von ihrem Glauben an Erlösung und Heilung kommt. Sie weiß und glaubt, dass dieser tote Jesus aufersteht: „Dein Sterben war nicht Untergang noch Ende; es legte uns dem Vater in die Hände.“ So ein modernes Osterlied. Ihr mütterliches Annehmen der ganzen Wirklichkeit ist schon der erste Strahl des Ostertages. An ihren Glauben klammern wir uns, weil wir es noch nicht fühlen und sehen können, dass wir durch seine Wunden geheilt sind.

Wenn wir in diesen Tagen ins Heiligtum kommen und die Mutter mit dem Kind sehen, dann möge sie uns besonders zwei Gnaden schenken: Mit dem Aufdecken und schmerzlichen Erkennen der Gnade der Wahrheit über alle Sünden, Vertuschungen, über alle Wunden am Leib Christi, zu dem wir gehören, beginnt die innerseelische Verwandlung, die wir als Wallfahrtsgnade erbitten dürfen. Die zweite Gnade, die wir in diesen Tagen vielleicht besonders brauchen, ist die Gnade eines barmherzigen, mitfühlenden Herzens, an erster Stelle mit den Opfern unserer Sünden, Unterlassungen, Verfehlungen. Man könnte vielleicht sogar so beten: Heilige Mutter, drück die Wunden, die deinen Kindern - durch uns - zugefügt wurden, tief in unser Bewusstsein und in unsere Seele ein. Gib uns ein mitfühlendes Herz, das bereit ist, die Opferperspektive einzunehmen und alles zu tun, um zu sühnen und zu heilen.  Dieses mitfühlende Herz schließt auch die nicht aus, die schuldig, vielleicht sogar sehr schuldig geworden sind. Maria, die uns selbst als Individuum vielleicht vor ganz schlimmen eigenen Verfehlungen bewahrt hat, möge auch unsere Herzen verwandeln und sie mit Erbarmen erfüllen, die uns befähigt, Schuld mitzutragen, mitzusühnen und zu vergeben. Die Verbindung im Leib Christi und unser Liebesbündnis tragen weiter.

Jeden Abend treten wir an die Schwelle der Ewigkeit. Dort wird alles offenbar werden; alle geheimen Schubladen werden geöffnet. Wenn wir in all dem dann auch das Erbarmen des Vaters erfahren dürfen, dann hat Maria ihre Mutteraufgabe erfüllt. Es gibt einen Triumph der Gnade über die Sünde. Das steht am Ende des Weges, wenn wir zu Maria gehen.

Wohin soll ich mich wenden?
Wohin sollen wir uns wenden?
Wir schauen auf Dich, Maria, Zuflucht der Sünder und Dreimal Wunderbare Mutter, Königin und Siegerin; und wir bitten: Halt das Zepter in der Hand, Mutter, schütz Dein Schönstatt-Land!

Rektor Dr. Rainer Birkenmaier