Anregungen zur zweiten Zeile unserer Jahreslosung:

„Beheimatung finden in Dir“

Die Bedeutung heiliger Orte

P. Joseph Kentenich

1950/52 wurde in den Auseinandersetzungen mit den römischen Autoritäten auch der Gnadenort Schönstatt in Frage gestellt. Wir drucken hier zwei Texte P. Kentenichs ab, in denen er die Realität des hl. Ortes beschreibt. Die religionsgeschichtliche und die psychologische Betrachtung helfen uns, die Wichtigkeit der Verwurzelung an einem Ort zu ermessen und die feinen Lebensvorgänge besser zu erfassen.

1.

Von hier aus wird verständlich, weshalb wir an der lokalen Verwurzelung und Zentrierung der ganzen Bewegung in allen Stadien der Familiengeschichte trotz großer Hindernisse unentwegt festgehalten und sie nach allen Richtungen sorgfältig ausgebaut haben. Der letzte und tiefste Grund dafür ist und bleibt die gläubige Überzeugung, dass es so »im Plane« steht.

Solch eine theologische Einstellung wurde und wird durch psychologische Gesetzmäßigkeiten und vergleichende Religionsgeschichte weitestgehend geschützt und gestützt. Die psychologischen Gesetze, die hier in Frage kommen, sind das Gesetz der ökonomischen Verwertung der Kräfte und das Gesetz der lokalen und personalen ausgezeichneten Fälle. Alle Religionen scheinen diese Gesetze zu kennen und zu verwirklichen; deshalb sorgen sie für Orte, an denen ideale Menschen und Menschengruppen eine warme Atmosphäre ausatmen, die Außenstehende mit unwiderstehlicher Macht anzieht und nach oben reißt. Was für Ausbau und Beseelung solcher Orte getan wird, kommt der ganzen Umgebung zugute. So lässt sich mit verhältnismäßig wenig Kräften auf die Dauer nachhaltige und weitreichende Wirkung erzielen. Dann spricht man vom Gesetz der ökonomischen Verwertung der Kräfte.

Um Anschauungsmaterial sind wir nicht verlegen. Man denke etwa an Mekka oder an den Berg Athos, die weit bekannte, ideal eingerichtete und regierte Mönchsstadt; man erinnere sich an die Erneuerungsbewegung der Cluniazenser, die um reformierte benediktinische Klöster kreiste und in kurzer Zeit Wesentliches zur Erneuerung des Abendlandes beitrug. Damit griff sie einen Lieblingsgedanken des heiligen Benedikt auf, der die stabilitas loci et personae seiner Mönche zum Ausgangs- und Mittelpunkt seiner Erneuerungspläne machte. Deshalb auch die Originalität benediktinischer Missionsarbeit, die sich überall, wo sie rassenrein [gründertreu] geblieben ist, um ideal geordnete Kulturzentren bemühte, von denen aus der Geist echten Christentums die ganze Umgebung durchdrang und durchtränkte.

Wer Zielklarheit und Zielstrebigkeit unserer Familie kennt, wundert sich nicht über die Konsequenz, mit der sie die Folgerung aus den dargestellten Prinzipien gezogen hat. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte man die Zentrale von Schönstatt nach Ehrenbreitstein oder Olpe verlegen. So verlockend das Angebot auch war — rein natürlich kalkuliert, hätte es uns viele Vorteile gebracht —, wir verzichteten darauf. Der Grund war rein übernatürlich. Es war die gläubige Überzeugung, dass die Gottesmutter das schlichte Heiligtum im Tal als Ort ihrer besonderen Wirksamkeit — nicht einen anderen, wenn auch günstigeren Platz — gewählt und als Zentrale für ihre Erneuerungs- und Erziehungsbewegung auserlesen hat.

2.

Wir haben gestern dargestellt, woher es kommt, dass der heutige Mensch nicht mit dem Gottesbild zurechtkommt; dass er von Ungeborgenheit, schlotternder Angst hin- und hergetrieben wird. Psychologisch gesehen ist die tiefste Wurzel der Mangel an Vater- und Muttererlebnissen, der Mangel an wirklichen Heimaterlebnissen. Ich sage absichtlich: an Erlebnissen, dass Sie sich das einprägen: Es handelt sich zunächst nicht um Ideen, sondern um eine Gemütsbewegung. Ich muss meinen Vater, meine Mutter erlebt haben, sonst ist der Mensch nicht genügend gesichert; er ist nicht geborgen. Es ist im Wesentlichen dasselbe, wenn ich diese Ausdrücke übertrage auf die Heimat. Ohne Heimaterlebnis bleibt der Mensch, nicht bloß der Mann, sondern in hervorragender Weise die Frau, ein Vagabund des Lebens. Die Heimatlosigkeit des heutigen Menschen liegt im mangelnden Heimaterlebnis. Selbst wenn der moderne Mensch Orte sein Eigen nennt, hat er oft keine Heimat. Es fehlen die Heimaterlebnisse.

Heimatlosigkeit ist das Kernstück der heutigen Kulturprobleme, ist der Kulturschatten. Deshalb ist Beheimatung heute die große Aufgabe, die wir auf der ganzen Linie lösen müssen. Heimat, Beheimatung unmittelbar in Gott allein suchen, löst das Problem. nicht. Wir müssen den Menschen in Menschen am irdischen Ort eine Heimat bereiten. Dann wird das übernatürliche Heimaterlebnis gesund; dann greift es ins Gemüt. Was nicht ins Gemüt greift, ist nicht gesichert, das gibt nicht genügend Geborgenheit und Festigkeit. Merken Sie, nach welcher Richtung wir uns heute pädagogisch einstellen müssen? Was uns interessiert, ist wohl beides: die Schaffung einer natürlichen und einer übernatürlichen Heimat. Fast möchten wir sagen: In der augenblicklichen Situation ist es am wichtigsten, eine natürliche Heimat zu schaffen. ....

Woran denken wir, wenn wir uns die katholische Heimat vergegenwärtigen? An die Heiligenhäuschen, an die Kreuze da und dort, an die Heimatkirche, an das Zuhause. Welche Bilder haben dort gehangen? Und erst, wenn wir an Wallfahrtsorten zu Hause sind! Welche Erlebnisse hatten wir dort? Alban Stolz macht uns darauf aufmerksam, es gäbe nicht bloß Zeiten, sondern auch Orte, an denen besonders viele Gnaden ausgeteilt würden, und das wären in Sonderheit die marianischen Wallfahrtsorte.

Zusammenfassend darf ich sagen: Heimat ist der Ort, an den der liebe Gott uns aus der Ewigkeit in diese Zeitlichkeit entlassen; ist aber auch der Ort, von dem aus wir aus dieser Zeitlichkeit geistig in die Ewigkeit zurückkehren.

Was darf ich Ihnen sagen? Dinge dieser Art, zumal das religiöse Brauchtum, nur ja nicht gering schätzen! Diejenigen, die für soziale Arbeit zu sorgen haben, wissen, wie häufig von allen Seiten heute der Versuch gemacht wird, Interesse zu wecken für den Heimatgedanken! Sorgen Sie, dass die Redner, die den Heimatgedanken pflegen, das religiöse Brauchtum nicht außer acht lassen! Anders geartete Menschen unterschlagen vielfach das religiöse Brauchtum, und damit fehlt ein Wesenselement des religiösen Heimaterlebnisses. Wollen wir ein echtes, katholisches Heimaterlebnis haben, dann genügen nicht allgemeine seelische Erlebnisse; es müssen religiöse Erlebnisse sein, damit das Wort wahr wird: Heimat ist der Ort, an den mich Gott aus der Ewigkeit in diese Zeitlichkeit entlassen; ist aber auch umgekehrt der Ort, wo ich aus dieser Zeitlichkeit wieder, wenigstens geistig, hineinsteuere in die Ewigkeit.

Wenn wir Menschen für eine Gemeinschaft gewinnen wollen, führen große Reden allein nicht zum Ziel. Gesichert sind die Träger der Gemeinschaft, ist ihre Gefolgschaft erst von dem Augenblicke an, wo sie in ihnen und mit ihnen tiefere seelische, vor allem religiöse Erlebnisse gehabt haben, und zwar an dem Ort, an den sie ihre Gefolgschaft binden wollen... Die Vorträge, die hier gehalten werden, bewirken diese Beheimatung allein nicht.

Möge die Gottesmutter uns alle stärker und stärker an sich binden! Denn ein Stück Vagabundentum schleppen wir alle mit uns herum. Wir müssen heute alle wieder innerlich gelockert werden, alle wieder tiefer irgendwo beheimatet und gebunden sein.

 

 

Nachweis:

1:       Aus: P. J. Kentenich. Das Lebensgeheimnis Schönstatts, II. Teil: Bündnisfrömmigkeit. [1952]. Vallendar 1972, S. 234-36.

2:       P .J. Kentenich. Dass neue Menschen werden. [1951]. Vallendar 1971, S. 177-180.

Die Texte wurden etwas gekürzt und geringfügig bearbeitet.