“Kentenichs Ruf 1912: Wir wollen uns selbst
erziehen!
und unsere Bitte: Gottesmutter, sei unsere Erzieherin!”
1. Teil des Vortrages von Pater Chrysostomus Grill anlässlich der Führertagung im Mai 2011
Liebe Schönstattmänner!
Liebe Männer der Führertagung!
Wir können dankbar sein, dass wir heute (am 14. Mai 2011) zur Feier der heiligen Messe im Urheiligtum waren. Wir freuen uns auch, dass uns das Urheiligtum ab 1. Januar 2012 noch mehr zur Verfügung stehen wird, wenn der Vertrag zwischen Schönstatt und den Pallottinern in rechter Weise ausgearbeitet ist und wirksam wird. Der Gnadenstrom - und das ist nun der Gedanke, den wir in diesen Monaten schon haben - , soll mehr fließen und wir wollen uns bemühen, dessen würdig zu werden. Wir sollen etwas tun, damit wir würdig werden, diese größere Zugänglichkeit zum Gnadenort, zum Heiligtum, auch fruchtbar zu machen, denn es müssen Menschen da sein, die dem Heiligtum “dienen”. Wenn Pater Kentenich über das Heiligtum sprach, sagte er zunächst: „Baut zuerst der Gottesmutter ein Heiligtum“. Doch dann kam der zweite Satz dazu, der oft weggelassen wird: “Es müssen aber auch Menschen dahinter stehen”. Daher sind wir aufgerufen, dahinter zu stehen und den Gnadenstrom zu fördern, anzubieten, und mitzuwirken, dass die Gottesmutter in reichem Maße diese Gnaden, die Gnade der Beheimatung, der Umwandlung und des Apostolates, vom Heiligtum aus schenken kann.
Im
Januar (2011) hatten wir eine kleine Konferenz darüber, was bei der Führertagung
dargelegt werden solle. Mir wurde ein Vortrag zugeteilt, ich habe ihn sogar
selbst formuliert, mit den Worten “Kentenichs Ruf 1912: Wir wollen uns selbst
erziehen! und unsere Bitte: Gottesmutter, sei unsere Erzieherin!”
Das hängt damit zusammen, dass wir nächstes Jahr, 2012, das 100.
Jahresgedenken der Vorgründungsurkunde Schönstatts begehen. Wir wollen geistig
aufarbeiten, was uns Pater Kentenich vor 100 Jahren als gewaltigen Impuls
gegeben hat. Er sagte, wir sollten die Vorgründungsurkunde immer im Zusammenhang
mit der Gründungsurkunde sehen. Die Gründungsurkunde bedarf der
Vorgründungsurkunde, damit wir das Ganze des Planes Gottes besser erkennen.
Jetzt geht es darum, dass wir innerlich aufnehmen, was aus dem Geiste Schönstatts an uns herangetragen wird. Eigentlich habe ich drei Teile.
1.
Der erste Teil ist eine Hinführung zum Thema „Männer auf dem Weg“.
Wir wollen den Glaubensweg Pater Kentenichs erkennen und gehen. Ich will
es gleich ausdeuten.
2. Das Zweite ist der Ruf Pater Kentenichs: Selbsterziehung ist notwendig für unsere Zeit. Er sagt dazu: Selbsterziehung ist ein Ruf der Jugend, ein Ruf für die Umgestaltung der Welt!
3. Das Dritte ist eine Bitte: Die Bitte an die Gottesmutter: Sei Du unsere Erzieherin! Das ist sicher in der Pädagogik nicht alltäglich. Gewöhnlich lässt man in der Pädagogik die übernatürliche Seite weg, weil die Wissenschaft in Deutschland selbstverständlich betont, Theologie gehöre nicht dazu, wo es um Wissenschaft gehe. Doch wir als Gläubige erstreben eine organische Verbundenheit von Diesseits und Jenseits, von Natur und Übernatur. Das Ziel ist nicht irgendeine Wissenschaft, sondern den Plan Gottes zu erkennen für unser Menschsein.
Die Jahresparole, die wir bis jetzt hatten, beinhaltet die erste Wallfahrtsgnade, Gnade der Beheimatung. “Beheimatung finden in Dir”, mit all der Ausdeutung auf Gott hin, auf die Gottesmutter, auf Ehe und Familie, auf Frau und Kinder. Beheimatet sein und alle Bereiche erfassen, die wir gestern so schön auch in der Präsentation gesehen haben. Ich fand auch gut, dass danach eine Zeit der Aussprache war, bei der gleichsam alle Elemente, die mit Beheimatung zu tun haben, aufgegriffen wurden.
A. Die These: Pater Kentenich ist vor 100
Jahren einen Glaubensweg
geführt worden
Nun lautet meine These - die ich aber nicht selbst entwickelt habe, sondern die in Schönstatt vorhanden ist -: Die Zeit vor 100 Jahren ist wie ein Weg, den Pater Kentenich geführt worden ist. Und diese Etappe von 1910 bis 1920 ist ein Glaubensweg.
Bei einem Philosophen würde man sagen, er hat sein Schema entwickelt, und dann hat er das in Vorlesungen vertreten, z. B wie Kant die Kritik der reinen Vernunft. Pater Kentenich sagt, ich habe dauernd hinschauen müssen: Wo ist die geöffnete Tür? Manchmal war es nur ein kleiner Spalt, um den Plan Gottes zu erkennen. Wenn wir nun zurückschauen auf das, was Pater Kentenich erfahren hat, können wir lernen, uns richtig zu verhalten in allen Situationen, bei denen wir nicht wissen, wie es weitergeht oder was Gott alles geplant hat. Immer gilt es den Schritt zu tun, bei dem Gott uns eine Tür öffnet. Das ist die Kunst, ja die außergewöhnliche Kunst bei Pater Kentenich. Er sagt dazu, das ist der praktische Vorsehungsglaube. Doch dieser Weg ist in der Kirche keineswegs weit verbreitet und bei den Gläubigen ist dieser Weg oft auch nicht richtig ausgedeutet bis in die kleinsten Kleinigkeiten. Und wenn ein Härchen vom Haupt fällt, hinter allem steht Gott, der uns führt, der natürlich uns auch eine ungeheure Freiheit lässt und dann uns immer weiterführt, je mehr wir uns ihm öffnen.
Deshalb die Frage: Wie sieht der Glaubensweg Pater Kentenichs vor etwa 100 Jahren aus? Es ist die erste Etappe seines Lebens. Später kommt die große Führung Gottes, in der Dachauzeit und in der Milwaukeezeit. Unser Blick geht jetzt auf die Zeit vor etwa 100 Jahren. Voriges Jahr wurde das Priesterjahr in der Weltkirche begangen. Wir in Schönstatt freuten uns, dass es zusammenfiel mit der Feier des Priesterjubiläums Kentenichs, 100 Jahre seit der Priesterweihe Pater Kentenichs in Limburg. Eine äußerst wichtige Etappe seines Lebens. In verschiedenen Vorträgen kommt er darauf zu sprechen. Das Priesterliche ist für ihn auch immer die priesterliche Väterlichkeit, (zu Frauen spricht er auch von priesterlicher Mütterlichkeit), selbstloser Dienst an den Menschen. Im engeren Sinne, bezogen auf die Priesterweihe eines Priesters, und im weitesten Sinne, bezogen auf das Priestertum der Taufe, so sagt Pater Kentenich, sollen wir alle priesterliche Väter und priesterliche Mütter werden. Im Gebet von Himmelwärts “Golgotha” steht das Gebet an die Gottesmutter: “Im Heiligtum willst Seelen du gestalten, die priesterlich sich allezeit verhalten.”.
1.
Der Leitgedanke des Neupriesters Pater Kentenich 1910
Wir haben voriges Jahr die Worte auf dem Primizbildchen von Pater Kentenich zitiert. Ich sage, wir haben die Worte zitiert. Wir können nicht einfach sagen, das sind genau die Worte, die Pater Kentenich formulierte. Es gab wohl auch Bildchen mit vorgegebenem Text. “Herz Jesu, ich vertraue auf dich!”, und “Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung!”. Ganz in seinem Geiste steht das Wort auf diesem Primizbildchen und uns sollte es immer vor Augen stehen: „Verleihe, o mein Gott, dass alle Geister in der Wahrheit und alle Herzen in der Liebe sich einigen“. Im Rückblick können wir sagen. Es war und ist ein gewaltiges Programm, das sich auf seinem Primizbildchen findet und das er in seiner Art auch dauernd angestrebt hat. Die Geister sollen sich in der Wahrheit einigen. Das ist ein Programm für die Christenheit. Die Herzen in der Liebe. Das ist das Ziel der Ökumene.
Ich muss deutlich sagen, die Ökumene ist nicht so gedacht, dass wir endlich aufhören sollen, uns zu bemühen um tiefere Erkenntnis der Glaubenswahrheiten. Denn es gibt große Unterschiede. Ich kann nicht mit einem evangelischen Pfarrer zelebrieren, das Abendmahl feiern, wenn ich weiß, dass nachher alles weggeworfen wird, was nach dem Abendmahl übrig geblieben ist (gemeint Brot und Wein). Ich kann nur mit denen die volle Gemeinschaft anstreben, die in der Nachfolge der Apostel stehen, gültig durch Handauflegung eines Bischofs zum Priester geweiht sind, die wirklich glauben, dass Eucharistiefeier verbunden ist mit dem, was Jesus gesagt hat: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Ich sage das im Zusammenhang der ökumenischen Bestrebungen in unserer Zeit, bei der manche sagen: Wir können doch alle zusammen das Gastmahl Jesu anbieten. Dann brauche man auch keine Unterschiede in Glaubensfragen mehr beachten.
Alle Geister in der Wahrheit - also kein Relativismus, betont der jetzige Papst. Alle Herzen in der Liebe - eine umfassende Sicht. In diesem Wort, in diesem Satz ist für uns immer das Liebesbündnis mit gemeint, Liebesbündnis mit allen Gliedern und Gliederungen der Kirche, Einigung der Herzen, auch wenn in manchen Punkten des Glaubens keine totale Einheit gefunden werden kann.
Ich denke an die Zeit, als ich Kaplan in Münster war. Damals kam die Enzyklika „Humanae Vitae“ heraus. Bei den Kaplänen war es üblich zu sagen: Da haben die in Rom wieder Blödsinn gemacht. Wir hatten ein schönes Kaplanstreffen, und irgendwie kamen wir auf diese Enzyklika zu sprechen. Ich wurde auch gefragt, was ich meine. Darauf habe ich gesagt: Ich bin nicht eurer Meinung, dass der Papst in Rom Blödsinn gemacht hat. Die Enzyklika „Humanae Vitae“, soweit ich das schon gelesen habe, hat große Bedeutung für das rechte Verständnis von Geschlechtlichkeit, von Ehe und Familie. Da wurden alle still und unangenehm berührt, denn die ganze Stimmung im Kaplanskreis hatte ich verdorben.
Ich sage Ihnen das deshalb, weil es Ihnen auch so ergehen kann. Wenn Sie in einem Pfarrgemeinderat sagen: Ich bin nicht der Meinung, dass alle möglichen Leute konzelebrieren können und auch die evangelische Pfarrerin mit konzelebrieren könne, müssen Sie mit Unverständnis rechnen. Doch die Kirche passt sich nicht weltlichen Meinungen an, sondern achtet auf das, was Christus getan hat, Er hat nur Männer zu geweihten Priestern gerufen, aber als Gegenpol oder Ausgleich Maria, seine Mutter, als Königin der Priester eingesetzt. Wir haben ein starkes Programm für die Mitarbeit in der Kirche, so dass Wahrheit und Liebe zusammenfließen können.
2. Der zweite Leitgedanke im Glaubensweg Pater Kentenichs ist das “Programm” von 1912, genannt Vorgründungsurkunde mit dem Satz:
„Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien priesterlichen Charakteren!“
Schönstatt ist eine Bewegung für Selbsterziehung und Erziehung. Damit ist nicht alles gesagt, aber ein ganz wichtiger Punkt gesagt.
3. Der dritte Leitgedanke betrifft 1914, die Gründung Schönstatts
Man legt für gewöhnlich in Einführungstagungen dar, welche Entwicklung vom Sommer 1914 an, als der Weltkrieg begann, Schönstatt genommen habe.
Pater Kentenich ließ sich durch die göttliche Vorsehung führen. Die Euphorie beim deutschen Militär war damals sehr groß. Viele meinten, bald würde man die Feinde besiegen. Es kamen aber furchtbare Erschütterungen. Pater Kentenich überlegte dauernd: Was wünscht Gott?
Kardinal Ratzinger, jetzt Papst, hat 1985 sehr schön in einer Predigt in Rom in Santa Maria Maggiore dargelegt: In einer Zeit, wo Pakte des Krieges geschlossen wurden, die Zerstörung brachten, hat verborgen vor der Welt in Schönstatt Pater Kentenich einen Pakt der Liebe geschlossen, ein Bündnis der Liebe. Dieses Bündnis der Liebe hat sich immer mehr ausgebreitet, und viele gehören nun dazu Vielleicht sind es Millionen? Überall in der Kirche ist dieses Bündnis mit Maria zum Segen geworden, während die Pakte der Kriege Zerstörung brachten. Für die Nichtchristen war es schrecklich anzusehen, wie christliche Völker gegeneinander Krieg führten. Das war damals noch viel mehr ein Krieg zwischen Christen als beim Zweiten Weltkrieg, als die Kommunisten schon am Werk waren.
Deshalb
die Botschaft von 1914: Liebesbündnis mit der Gottesmutter und Umgestaltung
unseres Kapellchens in ein Wallfahrtskapellchen.
Wir müssen auch, wenn 2014 kommt - das sage ich jetzt als eine Art Nebenbemerkung - aufpassen, dass wir nicht etwas weglassen, was zur Gründungsurkunde gehört.
Es steht in der ersten Gründungsurkunde, dass die Gottesmutter sorgen wird, dass Deutschland wieder an die Spitze der alten Welt gelangt. Es ist nicht ganz neu. Dostojewski hat auch gesagt: Unser Russland soll an der Spitze der Welt stehen. Jedes Volk solle an die Spitze. Das lässt man zurzeit weg. Mit 1914 ist die Deutschlandsendung verbunden und im weiteren Sinne die Abendlandsendung, damit unser Land wieder Marienland werde.
4. Der vierte Schritt im Glaubensweg Pater Kentenichs zeigte sich 1916
Pater Kentenich verknüpfte Schönstatt mit Vinzenz Pallotti. Gott sprach zu ihm durch Zeichen. Es wird ihm klar, Pallotti hat die außergewöhnliche Sendung vom Aufbau eines Apostolischen Weltverbandes. Später merkte Pater Kentenich, dass so und so viele Pallottiner nicht an seine Deutung glaubten, dass alle Apostel sich zu einem “Weltverband” zusammenschließen sollten. Man sagte, das könne man nicht verwirklichen. Kentenich hatte die innere Einsicht, der Gnadenstrom von Schönstatt werde so stark und wir würden so stark mitwirken, dass diese große Sendung von Pallotti verwirklicht werden könne: Auf- und Ausbau eines Apostolischen Weltverbandes, aber eben verknüpft mit dem Gnadenquell des Urheiligtums.
5. Der fünfte Schritt des Glaubensweges Pater Kentenichs weist auf 1919/20 hin. Es entstanden der Apostolische Bund und die Apostolische Liga.
Es entstanden Formen der Organisation des weltweiten Werkes mit einer Dimension, die so ist, dass jeder sich anschließen kann. Schönstatt ist ein anstrengendes Werk schon deshalb, weil es so viele Möglichkeiten anbietet, in verschiedensten Formen mitzuarbeiten.
Meine Zusammenfassung lautet: Wir schauen auf den Glaubensweg Pater Kentenichs und wir wollen daraus schöpfen. Wir haben das Wort des Papstes gehört: Steht in Treue zu eurem Gründer, schöpft daraus in der Art, wie auch die Gründer-Apostel, die das Evangelium konkret vorgelebt haben.
Mehrere Punkte sehen wir:
1. Pater Kentenich ließ sich dauernd durch Gottes Vorsehung führen. Wenn wir zu Schönstatt hinführen oder selbst daraus leben, gehört die Hinführung zum Vorsehungsglauben in besonderer Weise dazu.
2. Das Zweite: die Gottesmutter ist die Erzieherin. Das war ihm von Anfang an klar. Sie hat ihn ja auch erzogen. Er sagt ja selbst von seiner Weihe als Neunjähriger an die Gottesmutter: Sie hat mich geformt und gestaltet von meinem neunten Lebensjahre an. Also Erziehung durch die Gottesmutter im großen Rahmen des Glaubens. Nicht irgendeine Sonderfrömmigkeit von Marienverehrung pflegen wir, sondern hochgradige, lebendige Marienverehrung.
3. Und drittens die Sendung, alle Getauften sind berufen, Apostel zu sein. Manche meinen, das habe Pater Kentenich von Pallotti. Das kann man nicht sagen. Es war ihm von der Dogmatik her klar: Jeder Getaufte soll auch Apostel sein. Natürlich gibt es die offizielle Leitung durch die Bischöfe und Priester. Doch jeder Laie ist auch berufen, Apostel zu sein. Das hat etwa 50 Jahre später erst das Zweite Vatikanische Konzil gesagt.
Mit diesen Etappen ist also ein Impuls gegeben, die kommenden Jahre, Jubiläumsjahre in einer gewissen Fülle mitzufeiern. Wir gehen einen Glaubensweg. Wenn wir den mit Pater Kentenich mitgehen, ich meine, dann können wir sagen, dann bekommen wir Gnaden geschenkt, dann wächst uns neue Kraft zu. Wir bekommen dann auch Flügel, um aus den Inspirationen, die der Heilige Geist von Anfang an geschenkt hat, zu leben.
(Es folgt das Thema: Der Ruf Pater Kentenichs zur Selbsterziehung)