Gedanken zur Jahreslosung - Fortsetzung

 

Was erwarten wir, wenn wir Umwandlung erfahren wollen, und was denken wir, wenn wir die innerseelische Umwandlung nach Pater Kentenich in den Blick nehmen? Erwarten wir eine Befreiung von all den Prägungen unseres Lebens, die uns festhalten und unsere Seele lähmen? Sehnen wir uns nach einem Neuanfang?

Wie war das im Leben Jesu? Was war sein innerstes Wollen? Hatte nicht auch er ein eigenes natürliches Wollen? Denn wir wissen um die Ölbergstunden Jesu, wo er innerlich kämpfte und sich letztlich dem Willen des Vaters unterstellte. Er ging seinen Weg, der über sein Leben hinaus weist, im Willen des Vaters ruhte und uns die Erlösung brachte. Seine Selbstaufgabe war der Weg zur Erfüllung des Vaterwillens. - Hier erinnern wir uns auch an das Abrahamopfer, das zwar gefordert aber letztlich nicht eingefordert wurde, weil für Gott die Bereitschaft Abrahams zum Opfertod seines einzigen Sohnes genügte.

Aus unserer menschlichen Sicht ist das schwer verständlich, dass Gott Leben, das er selbst geschaffen hat, wieder verwerfen will. Aber steht ihm das als Schöpfer nicht zu? Und letztlich will er auch nicht das von ihm geschaffene Leben einfach zerstören, sondern unsere Haltung zu seinem Willen und dadurch zu ihm selbst klären. So dürfen wir es bei Abraham deuten.

Wenn für Gott diese unsere Beziehung zu ihm so wichtig ist, dann müssen wir unser Leben zu einem Weg zu Gott machen. Wer kann uns in unserer heutigen Zeit und in unserer säkularen Gesellschaft auf diesem Weg sicher führen, da wir ja keine christliche Kultur mehr haben, in der unser Denken und Handeln christlich geprägt wird?

In diesem Zusammenhang verstehen wir unsere Bemühung um Ideale und Jahreslosungen. Diese, im Glauben errungen, helfen uns, aus unserem Lebensweg einen Glaubensweg zu machen. Und in diesem Ringen verlassen wir uns nicht auf unser menschliches Kalkül. Unser Liebesbündnis mit der Gottesmutter ist uns ein sicherer Weg. Sie ist unsere Erzieherin und wird sorgen, dass sich der Wille Gottes an uns vollzieht. Er will und wird sich nicht nur in uns, sondern auch in der Geschichte und in unserem Weltgeschehen erfüllen.

Blicken wir in unsere Schönstattgeschichte. Die Anfänge im Studienheim in Schönstatt waren noch nicht abgeschlossen und schon kamen die Schüler an die Front des ersten Weltkrieges und mussten sich mit ihren Idealen bewähren. Die Folge war, dass die Schönstattideale in weitere Kreise hineingetragen werden konnten und sich nach dem Krieg auch außerhalb Schönstatts verbreiteten. Das, was in der Vorgründungsurkunde und Gründungsurkunde konzipiert wurde, wirkte weiter über den Ort Schönstatts hinaus.

Das war zunächst nicht in der Konzeption des Gründers gelegen. Durch den ersten Weltkrieg aber wurde Schönstatt nicht nur in die Weite geführt, sondern auch zu großen Opfern herausgefordert. Aus den Reihen der Schüler sind einige Opfer des Krieges geworden, allen voran Josef Engling. Sie haben aber ihr Leben ganz bewusst für die Schönstattideale geopfert. So wurde die damalige kleine und junge Schönstattbewegung im Jenseits verankert.

Die erste und große Bewährungsprobe war bestanden und das damalige Schönstatt wuchs sozusagen über sich hinaus. Nicht mehr nur Schüler und junge Theologen waren jetzt die Träger der Schönstattbewegung, sondern auch junge Frauen hatten sich den Idealen Schönstatts verschrieben.

Auch der zweite Weltkrieg brachte für die Schönstattbewegung eine Beschleunigung. Schon zu Beginn der nationalsozialistischen Regierung war abzusehen, dass Deutschland in die politische Isolation geraten wird. So sorgte Pater Kentenich, dass bereits einige Jahre vor Beginn des zweiten Weltkrieges die ersten Marienschwestern in die Mission gingen, um Schönstatt in Übersee das Überleben zu garantieren.

Das war der Sprung Schönstatts in die Internationale und wenn wir unser Jubiläum feiern, werden wir erleben, dass Schönstatt nicht nur eine internationale Schönstattfamilie ist, sondern auch, dass Schönstatt am Ursprungsort inzwischen vom internationalen Schönstatt getragen wird.

Eine solche Entwicklung konnte Pater Kentenich nicht vorhersehen. Er konnte nur tastend und glaubend wagen, was er als Willen Gottes erahnen konnte. Die geschichtlichen Vorgänge veranlassten ihn, dies zu tun und auch mutig in die Zukunft zu blicken.

Sind solche, durch die geschichtlichen Vorgänge beschleunigten Entwicklungen auch in unserem Leben zu finden? Hat sich darin auch unsere persönliche Entwicklung beschleunigt? Dürfen wir solche geschichtlichen Vorgänge auch in den Rahmen unserer Jahreslosung stellen? Sind das Umwandlungen gewesen, die mit der Gottesmutter und ihrem Heiligtum zu tun haben?

Festhalten dürfen wir, dass es Zusammenhänge gibt zwischen geschichtlichen Vorgängen und Entwicklungen, die zu Veränderungen geführt und auch innere Umwandlungen bewirkt haben.

Wenn wir diese gläubig auch auf uns anwenden und uns seelisch auf den Vaterwillen einstellen, dann dürfen wir auch in uns innerseelische Umwandlung erfahren. Der Pilgerweg in unsere Heiligtümer und in das Liebesbündnis mit der Gottesmutter ist dabei unser Beitrag des Handelns.

Fortsetzung folgt!

Ernest M. Kanzler