Kentenichs Ruf 1912: Wir wollen uns selbst erziehen!

und unsere Bitte: Gottesmutter, sei unsere Erzieherin!”

2. Teil des Vortrages
von Pater Chrysostomus Grill anlässlich der Führertagung im Mai 2011

 

Es folgt das Thema mit dem zweiten Teil: Der Ruf Pater Kentenichs: Selbsterziehung, Erziehung! Manchmal gebe ich Literatur an. Ein Führer muss auch wissen, wo was steht. Manchen ist das Buch „Unter dem Schutze Mariens“ bekannt. . Ein anderes Buch hat als Inhalt „Die drei Gründungsurkunden“ Schönstatts. Letzteres sollten wir im kommenden Jahr (2012) auf jeden Fall haben und lesen, weil ich empfehle, die Vorgründungsurkunde in Gruppenstunden durchzuarbeiten. Dieses Dokument ist ein Gründungsdokument, genannt Vorgründungsurkunde, weil zwei Jahre vor der Gründung Schönstatts im Jahre 1912 von Pater Kentenich gehalten. Dazu kommt der Vortrag unseres Gründers „Zur Neugründung der Männersäule“, gehalten am 18. Juni 1966 (als Buch lieferbar im Männersekretariat).

Zum Thema Erziehung und Selbsterziehung gibt es viele pädagogische Bücher. Pater Hug hat das Buch “Unser größter Schatz”- Erziehungslehre nach Joseph Kentenich, mit Familie Neubauer und Familie Schiffl im Patris Verlag 2009 herausgegeben. Bekannt ist vielen auch das Buch von Mirjam Bleyle, „Die Erziehungslehre Schönstatts“ (Schönstatt Verlag oder in den Antiquariaten Schönstatts).
Als Führende sind wir eingeladen, aus den Schriften über die Erziehungslehre Pater Kentenichs zu schöpfen. Bedeutend ist auch das Buch von Pater Jonathan Niehaus, der deutsche Vorträge Pater Kentenichs in Milwaukee in Englisch herausgegeben hat. Der Titel des Buches lautet „Foundations of educations in the home”, also die Grundlagen für die Erziehung im Haus, besonders bei den Familien. Lieferbar über das Missionshaus, Berg Schönstatt. Was Pater Kentenich in Milwaukee gesagt hat, daraus schöpfe ich im Folgenden.

Das Buch „Pater Kentenich, Texte zur Ostsendung“ (erhältlich im Patris Verlag oder im Ostsekretariat in Schönstatt) bringt auch pädagogische Impulse. Unter dem Kapitel “Bolschewismus, Massenmenschentum” gibt es wichtige Aussagen Pater Kentenichs über die Erziehung des neuen Menschen gegenüber dem Kollektivismus der Nazis und der Bolschewisten.

Der folgende Satz der Vorgründungsurkunde sollte von uns auswendig gelernt werden, so dass wir ihn jederzeit bereit haben:

„Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien priesterlichen Charakteren“.

Der Text steht in den Gründungsurkunden und in dem Buch von Pater Kastner “Unter dem Schutze Mariens“ (erhältlich in den Antiquariaten Schönstatts).

Dazu einige Gedanken. Es ist eine wichtige Aufgabe, den Ruf von damals aufzugreifen.

Im Jahre 1912 waren Jungen in Schönstatt, die Priester werden wollten. Pater Kentenich sagte zu den Jungen: Die Beziehung zu euch ändert sich jetzt. Früher drüben in Ehrenbreitstein war ich euer Lateinlehrer. Da habe ich mich um euch nicht gekümmert, nur um ein paar Osterlämmer (Beichtkinder). Was heißt das? Er hat Beichte vor Ostern gehört, hat in Koblenz oder in den Pfarreien der Umgebung ausgeholfen. Es war für Pater Kentenich  eine Freude, als Priester den Männern und Frauen, die kamen - den Männern hauptsächlich - so zu helfen, dass “der Beichtstuhl krachte”, wenn sie gebeichtet haben. Ich bin für euch, die Schüler, nicht als Beichtvater tätig gewesen, weil ich nicht die Aufgabe hatte für euch zu sorgen. Aber jetzt habe ich eine neue Aufgabe, ohne mein Zutun, es ist Gottes Wille, da ich von meinen Obern als euer Spiritual eingesetzt wurde. Ich stelle mich euch zur Verfügung, um für euch da zu sein. Gemeint, euch zu helfen, dass ihr euch als Persönlichkeit erkennt und dass ihr euren Weg erkennt, den Gott euch führen will. Und ich stelle mich euch ganz zur Verfügung - das ist eine schöne Aussage - entschlossen, euch allen und jedem Einzelnen gegenüber meine Pflicht als Spiritual zu erfüllen.

1) Ich stelle mich euch hiermit zur Verfügung mit allem, was ich bin und habe, mein Wissen und Nichtwissen, mein Können und Nichtkönnen, vor allem aber mein Herz.

Da haben die Jungen vermutlich aufgehorcht.

Man weiß aus der Geschichte, Pater Kentenich hatte oben im Studienheim sein Zimmer. Da konnte man jederzeit abends noch hingehen, also auch nach dem Abendgebet, als alle sich zurückziehen mussten. Zum Spiritual konnte man noch abends gehen unter dem Gesichtspunkt zu beichten. Ich hab das in dem Internat, wo ich früher war, in Königstein, auch erlebt. Zum Spiritual konnte man immer gehen. Auch morgens saß er schon im Beichtstuhl, egal ob man beichten wollte oder nur mit ihm reden wollte. Man konnte mit ihm reden wie mit einer Mutter. Er war bereit und sagte: Ich stelle mich euch ganz zur Verfügung.

Vielleicht haben Sie in den letzten Jahren gemerkt, wie auf der Frauenseite Schönstatts besonders herausgestellt wurde, „vor allem mein Herz“. Das ist viele Jahre eine Parole der Schönstattmütter gewesen: „Vor allem mein Herz“.
Wir sind als Männer auch dafür aufgeschlossen, doch wir sehen auch den Hinweis: auf “mein Wissen”. Pater Kentenich will sagen, ich helfe euch, die Wahrheiten des Lebens und Glaubens zu erfassen. Er gibt zu, er hätte noch mehr studieren sollen. Er nennt auch Nichtwissen sein Können und Nichtkönnen. Es ist für einen Vater immer wichtig, dass er auch zugibt: das oder jedes kann ich nicht! Besonders wenn der Junge älter wird und schon z. B. besser den Computer versteht als der Vater. Es ist wichtig zu sagen: Das kann ich nicht, du kannst das besser! Viele Bereiche erobern die Jugendlichen schneller als die Eltern, aber immer gilt für die Eltern, “ich stelle mich zur Verfügung” mit meinem Wissen, meinem Herzen.

2) Dann kommt - um gleich den nächsten Punkt zu nennen -, dass er sagt: Wir wollen lernen!

Nicht ich will euch jetzt Vorträge halten, damit ihr das alles erkennt, was mit Psychologie und mit Pubertät und all der Unruhe in eurer Seele zusammenhängt. Ich mache mit! Wir wollen lernen, uns selbst zu erziehen. Er wendet das später in Milwaukee bei den Familien an. Als Eltern sollen sie sich nicht darauf konzentrieren, einige religiöse Übungen bei den Kindern einzuüben. Er nennt auch Beispiele. Zum Beispiel, dass man als Kind beim Abendgebet mitbetet oder die Sonntagsmesse besucht, das sei nicht das Ziel. Das Ziel sei die innere Entwicklung des Kindes zur selbstständigen Persönlichkeit, und ich (P.K.) mache da mit, helfe euch.

Er gesteht auch, er habe ungeheuer viel von ihnen, den Jungen, gelernt, und auch später von allen, die nach Schönstatt kamen. Ein Pfarrer, ein Schönstattpriester, hat später einmal gesagt: “Das hat er alles von uns”. Er hat mit uns gesprochen, er hat gewusst, was in unseren Seelen vorhanden ist, hat unsere Anliegen, das Ringen um Freiheit oder den Kampf in uns gekannt. Das hat er von uns. Stimmt, weil er sagte: Nicht ich werde euch belehren, sondern wir wollen zusammenarbeiten. In einer guten Familie sagt man, wir wollen Familienkonferenz halten, wir wollen zusammenhalten, wir wollen einander anhören, jeder bringt sich ein. Das ist so wichtig für einen Erziehungsvorgang. In der Industriewelt heute würde man wohl vom “Synergieeffekt” sprechen (Synergie = Zusammenwirken), vom Zusammenwirken aller Abteilungen und aller Mitarbeitenden.

In der heutigen Zeit hat man in der Pädagogik viel dazugelernt. Von einer autoritären Pädagogik fand man zu einer mehr gemeinschaftlichen Pädagogik. Das Wort, das heute Mode ist, heißt Kommunikation, eine ständige Kommunikation solle stattfinden. Unser Gründer drückt das mit den Worten aus: Wir lernen uns (gegenseitig) zu erziehen, uns gemeinsam bemühen in der Erziehung. Er will keinen Drill, z. B. dass das Wichtigste sei, dass man pünktlich da sei. Er will auch nicht den freien Willen eines Jugendlichen brechen mit der Forderung: Du musst unbedingt zur Sonntagsmesse gehen! Das ist nicht das Ziel.

3) Den freien Willen wollen wir nicht brechen, sondern - jetzt kommt der nächste Punkt - die feinen Regungen der Seele wollen wir kennen lernen.

Doch jeder Mensch ist ein Geheimnis. An einer Stelle sagt Pater Kentenich: Der Mensch ist natürlich ein Geheimnis, weil er Abbild Gottes ist. Wenn ich Abbild Gottes bin, dann ist eine endlose Tiefe in meiner Seele, weil Gott unendlich ist. Deshalb sagt er, ich stehe vor einem Geheimnis. In Milwaukee sagte er es noch deutlicher zu den Familien: Jeder Vater, jede Mutter muss wissen, das Kind ist ein Geheimnis. Ich muss dem Kind mich zuwenden. Es gibt in dem Kind viele Aspekte. Gott ist da am Werk. Er lässt aber den freien Willen.

Und dann sagt Pater Kentenich, habe ich “das Herz des Kindes in der Hand gehalten”. So ist seine Aus-drucksweise. Das geht nur, wenn ich die Freiheit respektiere, auch wenn es schief geht, auch wenn das Kind ganz was anderes will. Aber das Ziel gilt es immer vorzuleben, auch dem Kind zu sagen: Das Ziel ist, dass du eine freie Persönlichkeit wirst, letzten Endes frei für Gott. Das wirst du merken, dass es darum geht “frei” zu werden für die Liebe zu Gott und für die Liebe zu den Menschen Das macht dich frei von Versklavung.

Dabei wird klar, nicht der Befehl, du musst das und das machen, ist das Wichtigste, sondern die Entfaltung der Persönlichkeit. Dadurch ist Erziehung ein Dienst am  Geheimnis des Kindes. Dem “Geheimnis” des Kindes dienen ist Ausgangspunkt des Erziehungsvorganges. Die Erziehung schon des Kleinkindes ist ein Geheimnis. Das geht nie genauso, wie ich mir das zurechtlege. Ein Stückweit geht es, wenn die Mutter sagt, jetzt das, jetzt das tun. Ziel ist nicht, den freien Willen zu brechen, Ziel ist der innerlich freie Mensch, der sich in Freiheit ganz Gott hingibt.

Darin besteht ein Unterschied zur “normalen” Pädagogik. Sie betont auch die Freiheit, aber wagt meist nicht, das letzte Ziel zu nennen. Das letzte Ziel des Menschen ist, so stand es im alten Katechismus, Gott anzubeten, zu verherrlichen, den Willen Gottes zu tun. Das wagt man nicht mehr in der Pädagogik zu sagen. Wir haben ein Ziel, das christliche Menschenbild. Ich sag dem Kind, das Ziel ist, dass du innerlich ganz frei wirst. Ich sage aber auch dazu, dass es darum geht, frei zu werden für Gott. Das Kind merkt es, das ist der Wunsch des Vaters und der Mutter. Es wird aber kein Druck ausgeübt, doch es ist das (oft unausgesprochene)  Ziel der Eltern: Wir möchten dich  wirklich zur Freiheit der Kinder Gottes hinführen, damit du in Freude Gott liebst und mit Gott verbunden lebst. Wenn man beim Kind merkt, dass es das oder jenes nicht will, lasse ich ihm trotzdem die Freiheit, im Rahmen des familienhaften Zusammenlebens . Es soll keine Zwangspädagogik angewandt werden. Nicht den Willen brechen.

Das war jetzt schon der dritte Punkt. Er hängt mit der Freiheit und Würde des Einzelmenschen zusammen, dem wir dienen oder dessen Freiheit wir fördern.

4) Der vierte Punkt bei den Darlegungen Kentenichs ist der Blick auf den Fortschritt in der Wissenschaft.

Die Wissenschaft oder die großen Errungenschaften wie Eisenbahn und die Telefonnetze gibt es jetzt schon, so sagt er 1912. Bald danach gab es die Flugzeuge, Maschinen usw. Der Grad des Fortschrittes in den Wissenschaften muss so sein, dass gleichzeitig auch oder noch mehr der Grad der inneren Vertiefung zunimmt. Das ist für Jungen gesagt. Ihr - als junge Menschen - seid alle interessiert an den neuen technischen Errungenschaften. Doch es darf nicht einen beeinflussen, auch Schlimmes tun, auch mit facebook.  Der Grad des Fortschrittes in den Wissenschaften muss in Harmonie stehen zu dem inneren Fortschritt - das heißt jetzt für uns als Jugendliche - mit der Entfaltung der Fähigkeiten, die Gott in uns hineingelegt hat.

Dann bringt Pater Kentenich Vorträge über Seelenkunde. In den ersten Jahren waren die Seelenkunde-Vorträge Pater Kentenichs mehr an der damaligen Scholastik, also an der herkömmlichen Lehre der katholischen Kirche in Bezug auf Seele und Geist und Menschsein orientiert. Später hat er durch die Begegnung mit den Menschen mehr die Dynamik der Seele betont. Vieles kann in der Seele sich entwickeln, wachsam muss der Mensch sein, damit er nicht von seelischen Vorgängen überwältigt wird, so dass er nicht mehr die Herrschaft über sich hat. Wir brauchen Menschen, die sich selbst beherrschen können, die um ein Ziel, um ein Persönliches Ideal, kreisen.

5) Der fünfte Punkt ist mehr eine Zusammenfassung: Was streben wir an? Feste, freie, priesterliche Charaktere oder Persönlichkeiten.

“Fest” ist vielleicht auch gesagt in Richtung darauf, dass nicht alles relativ oder schwammig sein soll. Die freie Persönlichkeit, die feste Persönlichkeit, muss sich orientieren an christlichen Werten.

Feste Persönlichkeiten sind gefragt in einer relativierten und relativierenden Welt. Freie Persönlichkeiten, das ist eine großartige Sache. Schönstatt eine Bewegung für die Freiheit des Menschen, aber mit der Freiheit, die der Glaube uns dann verdeutlicht. Freiheit besteht im Ja sagen zu den leisesten Wünschen Gottes. Das ist die christliche Definition. Natürlich gibt es Stufen der Freiheit: äußere Freiheit, wenn ich Zwängen unterliege; Freiheit von bösen Leidenschaften, Freiheit von Massengeist. Aber letztes Ziel ist, dass ich hinhöre auf die leisesten Wünsche Gottes und mit gemeint ist, hinhöre auf die Wünsche Gottes, die mir die Gottesmutter als meine Erzieherin vermittelt.

Feste, freie Persönlichkeiten und priesterliche Persönlichkeiten. Beim “priesterlichen” sei 1912 schon damit gemeint gewesen, dass  jeder Vater und jede Mutter, jeder Mann, jede Frau ihre Persönlichkeit so ausprägen soll, dass sie von letzten Prinzipien, von Gott her handelt, väterlich und mütterlich.

Bei den Vorträgen in Milwaukee sagt unser Vater einmal an einer Stelle: „Dieses Programm von 1912 wird auch in 100 Jahren modern sein.“ Wenn man nicht eine starke Persönlichkeit ist, dann leidet man darunter, dass man verspottet wird, wenn man nicht das richtige Outfit hat, nicht die modischen Klamotten hat. Ich hatte noch Holzschuhe in der ersten Klasse der Volksschule an. Irgendwann ging es dann nicht mehr damit. Also feste, freie priesterliche Persönlichkeiten werden. Ich glaube, da haben wir Stoff gerade auch für die heutige Zeit, um Menschen, nicht nur Jugendlichen sondern auch erwachsenen Menschen zu helfen, dass sie nicht versklavt werden durch die Mode und nicht versklavt werden durch irgendwelche Strömungen, denen man nachlaufen müsse.

Nun bringe ich noch einen Vergleich mit anderen geistlichen Bewegungen. Professor Zulehner habe gesagt, - nach einer Reise durch östliche Länder - die Slowakei sei eines der drei Länder, die das christliche Europa retten könnten. Er nannte Polen, die Slowakei und Kroatien. Wir in Schönstatt denken auch nach, wie wir als geistliche Bewegung bei der Neuevangelisierung Europas mitwirken sollen. Viele Orden haben sich einer geistlichen Bewegung angegliedert, ob es die Salesianer oder Franziskaner oder die Steyler sind. Geistliche Bewegungen gibt es überall, jeder Orden schaut, dass er junge Leute anzieht und eine geistliche Bewegung von ihm ausgeht.

Geistliche Bewegungen haben normalerweise drei Punkte in ihren Zielsetzungen:

1. Gebet und Lobpreis. Es gibt viel Singen und Beten um Heiligen Geist.

2. Gemeinschaft in Liebe und Freude. Oft wird besonders die Gemeinschaft, viel Gitarre und Singen betont. Und es gibt

3. Die Aussendung der Apostel, das Bemühen um Neuevangelisierung.

Das sind die drei Punkte vieler Bewegungen.

Nun kommt Schönstatt und hat einen vierten Punkt, der äußerst unangenehm ist. Wenn man intensiver in Schönstatt mitmachen will, muss man auf einmal mit Selbsterziehung anfangen. Da kann man nicht dauernd nur Gitarre spielen und nicht nur dauernd Lobpreis feiern. Auf einmal heißt es bei Schönstatt, es geht um ein ständiges Bemühen um Selbsterziehung, um Erziehung in Gemeinschaft und es geht um bewährte geistliche Mittel, die Pater Kentenich auch aus der Geschichte der Aszese geschöpft hat: Ein Persönliches Ideal suchen, ein Partikularexamen halten - das haben die Jesuiten bis auf den heutigen Tag täglich -, eine Geistliche Tagesordnung, auch schriftlich, aufstellen und abends überprüfen, Geisteserneuerung (gelegentlich) zu halten.

Deshalb brauchen wir uns nicht wundern, wenn eine Reihe von Interessenten Schönstatts nach einiger Zeit nicht mehr kommen. Sobald wir mit Themen kommen, bei denen etwas verlangt wird, stehen Interessenten vor der Entscheidung, ob sie weiter mitmachen wollen oder nicht. Früher hat man noch mehr verlangt als heute. Am Ende jeder Gruppenstunde, nicht nur bei Bund und Verbänden, auch bei der Liga, hat man immer drei Punkte angezielt:

1. Erkenntnisziel. Wir versuchen Glaubenswahrheiten tiefer zu erkennen.

2. Erziehungsziel. Einen Vorsatz formulieren, und

3. Apostolatsziel. Etwas tun für das Reich Gottes, im eigenen Haus, in der Pfarrei, in unseren Lebensbereichen.

Das ist anstrengender als bei  anderen Bewegungen, bei denen man (nur) schön singt und sich umarmt und froh feiert und wieder nach Hause geht. Ich sage das etwas polemisch, Sie merken es. Es ist nicht so, dass die Bewegungen überhaupt nichts tun für das innere Leben. Aber bei uns ist das anstrengender. Schönstatt ist anstrengender. Wir müssen damit rechnen, dass wir mehr als früher eine kleine Herde werden, weil die Tendenz sowohl allgemein bei den Menschen als auch bei religiösen Menschen ist, sich nichts vorschreiben zu lassen. Einen Vorsatz möchte man nicht fassen. Aber schön zusammen sein, sich wohlfühlen, das mag man. Keiner soll mir etwas vorschreiben. Auch in der Kirche Gottes lasse ich mir nichts mehr vorschreiben. Wenn es mir in der einen Pfarrei nicht mehr passt, weil der Pfarrer z. B. verlangt, dass man beichten gehen solle, dann gehe ich in eine andere Pfarrei. Dort sagt er vielleicht überhaupt nichts mehr über Beichte.

Schönstatt ist schwerer, anstrengender. Wir müssen uns, wenn es um Erziehung in Schönstatt geht, in gewissem Maße darauf einstellen, dass wir eine kleine Herde werden. Das freie Angebot, Projekte, Großtreffen wie Katholikentage, dabei sein, an anderen Bewegungen teilnehmen, an großen Festen teilnehmen, das ist “in”. Doch wer will gern feste Bindungen eingehen?

Deshalb sollten wir im Blick auf das nächste Jahr (2012) mutig die Zielstellung Kentenichs aufnehmen: Uns selbst erziehen!

Wenn wir Gruppenstunde halten, dann einen Vorsatz fassen. So leicht ist das nicht mehr heutzutage. Jeder will frei sein.

Was sucht der heutige religiöse Mensch? Was können wir von Schönstatt anbieten? Wie sammeln wir diejenigen, die mehr wollen, die höher Strebenden, die nach Heiligkeit sich sehnen? Und was tun wir für die Masse? Es gibt viele Möglichkeiten, um mit wenig Aufwand die religiöse Aufgeschlossenen zu sammeln. Meistens kann man oder sollte man unsere Bemühungen mit unserem Heiligtum verbinden, mit einem Heiligtumsfest, mit (Mai-) Andachten und Feiern bei einem Heiligtum, oder sonst, wo eine geistliche Atmosphäre mitwirken kann.

Zusammenfassend können wir sagen:

1. Was ist Erziehung? Erziehung ist ständiger lebendiger Kontakt mit den “Kindern”, mit den uns Anvertrauten! Als Erzieher muss ich ständig Kontakt haben. Vor einiger Zeit hat mir Herr A. gesagt - er hat drei Söhne und eine Tochter - als diese im jugendlichen Alter waren: Ich hab meinen Sohn nach Köln gefahren zu einem Rockfest, zu einer bestimmten Musikband, um Fühlung zu halten mit dem, was bei der Jugend läuft. Ständiger Kontakt mit denen, für die wir Verantwortung haben oder für die wir wirken.

2. Zweitens, ich muss dem Kind helfen - jetzt Kind in weitestem Sinne - dass es selbstständig sich entscheiden kann, mit dem Ziel, dass ich aufzeige, was andere nicht aufzeigen. Das Ziel ist, Gott zu lieben und seinen Willen zu tun. Die Kinder merken es, Vater und Mutter haben Ziele, auch die Enkelkinder merken das. Die Lehrer nennen meist keine Ziele für Selbsterziehung mehr, sie nennen nur Erkenntnisziele. Wir nennen Ziele, nämlich jeder solle selbstständige Persönlichkeit werden und lernen, sich für Gott zu entscheiden, Gott zu lieben. Das Ziel ist, unseren Kindern zu helfen, dass sie sich selbst erziehen.

3. Die Gottesmutter ist immer dabei. In unserer Erziehung soll Maria zum Wirken kommen: Hausheiligtum, Gebete, Mariengebete, Weihegebete, die marianische Atmosphäre, der Immakulatageist, der Geist der Reinheit, der auch immer einschließt die Hingabe an Gott; der Geist der Mütterlichkeit, der Väterlichkeit, der Familienhaftigkeit, so dass wir erziehen mit der Gottesmutter. Und unsere Zentralpunkte sind immer unsere Heiligtümer.

Wir sollten unseren Beitrag für das Jahr 2012 bringen. Hundert Jahre Vorgründungsurkunde, ein gewaltiger Impuls, ein Ruf Pater Kentenichs auch in die heutige Zeit hinein. Die Menschen sollen sich erziehen und von der Gottesmutter erziehen lassen zu inneren freien Persönlichkeiten.

Der Ruf Kentenichs gilt weiterhin: Wir wollen uns selbst erziehen. Doch die Bitte an die Gottesmutter wiederholen wir auch immer wieder: Gottesmutter, sei unsere Erzieherin!

P. Chrysostomus Grill