Gedanken zur Krönung

Die Zahl der “gekrönten Häupter” ist sehr zurückgegangen, vor allem findet auch eine Krönung nur noch sehr selten statt. Es gibt nur noch wenige Könige und Königinnen auf dieser Welt, die ihr Land repräsentieren. Stattdessen werden regelmäßig andere Königinnen - z. B. Weinköniginnen - gewählt und gekrönt. Weil eine Krönung demnach immer etwas Besonderes ist, soll zunächst auf die Bedeutung einer Krönung eingegangen werden.

Die Krone war ursprünglich ausschließlich ein königliches Würdezeichen, ein Symbol für etwas Besonderes, Herausgehobenes. Diesen Symbolcharakter besitzt sie aus folgenden Gründen:

-  Die Krone befindet sich auf dem Haupt des Menschen, also auf dem höchsten Punkt des menschlichen Körpers. Sie teilt von daher die transzendente Bedeutung des Hauptes und des aufrecht stehenden und gehenden Menschen.

- Sie ist rund und weist damit auf die Vollkommenheit und die Teilhabe am himmlischen Wesen hin, das durch den Kreis symbolisiert wird.

-  Die Krone besteht in der Regel aus kostbarem Material, meistens aus Gold.

Sie besitzt also eine hohe Symbolkraft und zeichnet den, der sie trägt, vor den anderen Menschen aus.

Denkt man an die Krönung der Könige im Mittelalter, so zeigt sich, dass eine Krönung häufig erst nach heftigen - vielfach kriegerischen - Auseinandersetzungen erfolgt ist. Bei der Krönung einer Königin war das meistens anders, weil sie im Allgemeinen ihre Königinnenwürde ihrem Mann, dem König, verdankte.

Wie verläuft eigentlich die Krönung einer Weinkönigin? Sie wird nicht einfach ausgewählt, weil sie zufällig im Saal ist oder besonders hübsch aussieht. Der Krönung geht ein längeres Auswahlverfahren voraus, auf das man sich intensiv vorbereiten muss. Schließlich soll die Weinkönigin die Weinbauern und den Wein repräsentieren - vergleichbar einem Staatsoberhaupt, das Repräsentant für sein Volk und sein Land ist, somit auch über entsprechendes Wissen verfügen muss. Folglich muss sie u. a. sprachgewandt sein, muss gute Kenntnisse über den Wein und den Weinanbau besitzen. Erfüllt die junge Frau die Voraussetzungen und wird sie von dem betreffenden Gremium gewählt, wird sie im Rahmen einer festlichen Veranstaltung gekrönt. Die Kandidatin muss sich also gezielt auf dieses Ereignis vorbereiten.

Beziehen wir diese Gedanken einmal auf die Gottesmutter, so ist zunächst festzustellen, dass sie ihre Würde als Königin natürlich in erster Linie von ihrem Sohn Jesus ableitet. Er ist schließlich der Herr und der König. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass Maria ihre Krönung nicht “umsonst” bekommen hat, sie hat sich vorbereitet für diese Aufgabe bzw. ist durch ihr Leben ganz intensiv darauf vorbereitet worden. Sie wusste sicherlich nicht, welche Konsequenzen sich aus ihrem Ja gegenüber dem Erzengel Gabriel für ihr Leben ergeben werden, sie hat einfach auf Gott vertraut, war gewissermaßen bereits durch ihr Leben eingegliedert in seinen Willen, geborgen in Gott, und konnte deshalb vorbehaltlos die Frage des Erzengels beantworten. Wenn er ihr die Aufgabe stellt, die Mutter des Messias zu sein, der im Alten Testament angekündigt worden war und den das jüdische Volk erwartete, dann konnte sie von seinem Beistand und seiner Führung in jeder Phase ihres Lebens ausgehen. Gefordert war dafür von ihrer Seite “nur“, sich gänzlich auf die Führung Gottes einzulassen. Dieses Geborgensein in Gott gab ihr die Kraft, das Schwere ihres Lebens positiv anzunehmen, das heißt, sie hat nicht gemurrt oder geschimpft, wie wir es üblicherweise in schwierigen Situationen tun, sondern in allem den Willen und die Führung Gottes gesehen.

Ihre erste Enttäuschung war sicherlich die Geburt Jesu in einem Stall. Sie fand in Bethlehem, der Stadt Davids (1. Samuel 16,13)  und des künftigen Herrschers über Israel (Micha 5,1) keine Herberge, musste mit einem Stall vorliebnehmen. Sie musste sogar von dort wegen der Verfolgung durch Herodes nach Ägypten fliehen (Mt 2,13). Und sie sah darin den Willen Gottes und nahm ihn an.

Das öffentliche Auftreten Jesu wurde zunächst begeistert von den Menschen aufgenommen, erleichterte er doch durch das Wirken von Wundern vor allem Kranken ihren beschwerlichen Lebensweg. Doch das Verhalten ihm gegenüber wurde vor allem durch die damalige Führungsschicht im Tempel - die Pharisäer und Schriftgelehrten - zunehmend kritischer gesehen, weil er deren hohle äußere Autorität bloßstellte. Für Jesus war im Gegensatz zu ihnen nicht das peinlich genaue Beachten von Regeln und Gesetzen entscheidend, das vielfach ohne innere Anteilnahme erfolgte, nicht das Aufbürden von Lasten auf andere, sondern Grundlage war für ihn die Liebe, aus der heraus den Menschen das Leben erleichtert werden sollte, die Liebe des himmlischen Vaters zu den Menschen, die diese durch ihr Leben, durch ihre Liebe zu ihm, beantworten sollten. Bei den Pharisäern und Schriftgelehrten war es eben oft so, dass sie selbst sich nicht an das hielten, was sie den Menschen verkündeten und auferlegten. Auf Grund seiner kritischen Haltung erwuchs nach und nach die Feindschaft der Tempelkaste gegen Jesus. Man suchte nach Möglichkeiten, um etwas gegen ihn unternehmen zu können. Seine Mutter, die ihn auf vielen seiner Wanderungen begleitete, bemerkte natürlich diese wachsende Feindschaft gegen ihn, den verheißenen Messias. Sie blieb dennoch bei ihm, und es ist nirgends ersichtlich, dass sie ihm geraten hat, nicht mehr öffentlich zu wirken.

Maria folgte Jesus nach seiner Verurteilung auf seinem Kreuzweg. Selbst seine engsten Freunde waren geflohen, ihr Glaube war schwach geworden. Maria dagegen begleitete ihn auf diesem Weg. Obwohl er durch die Geißelung zerschlagen, durch die Dornenkrönung verhöhnt war, also nicht der war, der gleichsam als zweiter David der Führer Israels und Befreier von der römischen Besatzungsmacht war, verlor sie ihren Glauben an ihn als den verheißenen Messias nicht. Sie begriff, dass die Aufgabe des Messias eine ganz andere war als die eines weltlichen Königs und Herrschers. Das hatten selbst seine engsten Freunde - Petrus, Jakobus und Johannes - noch nicht verstanden. Deshalb konnte sie auch unter dem Kreuz aushalten, deshalb war sie auch in der Lage, in Jesus nicht nur ihren Sohn, sondern in erster Linie den verheißenen Messias, den Erlöser zu sehen, der für die Menschen diesen grausamen Tod erduldete. Und so waren ihre Leiden die Leiden um den grausamen Tod des Erlösers, des Sohnes Gottes.

Sie blieb auch in dieser Situation die “Magd des Herrn”, das heißt, sie war ganz ausgerichtet auf den Willen Gottes, war ganz eingebunden in das jenseitige Wollen. So wie der Heilige Geist in ihr wirken konnte bei der Empfängnis, so konnte Jesus sie in seiner letzten Stunde am Kreuz zur Mutter der Menschen machen, konnte den Menschen damit die Fürsorge und den unbeirrbaren Glauben seiner Mutter schenken.

Aus diesem Grundgedanken heraus, aus diesem Gleichklang ihres Willens mit dem ihres Sohnes, der sich als Messias und Erlöser freiwillig diesem Leiden unterworfen hatte, der sich selbst während seines irdischen Lebens immer voll und ganz im Willen seines himmlischen Vaters befunden hatte, resultiert ihre Würde als Königin. Sie hat, wie ausgeführt, diese Würde von ihrem Sohn erhalten, der sie dadurch gleichsam zu seiner Partnerin bei seinem Erlösungswerk gemacht hat, sie hat aber auch ihren Beitrag dazu geleistet.

Die Krönung der Gottesmutter bedeutet somit ihre Anerkennung als Königin, und als Königin nimmt sie teil am Königtum Christi. Sie ist der erste Mensch - Jesus war Gottmensch -, der die Krone des Lebens und der Herrlichkeit empfangen hat. Damit ist auch die heilsgeschichtliche Bedeutung Mariens ausgedrückt.

Die Krone ist also Zeichen der Hoheit und der Herrschaft. Im Mittelalter war mit der Aufgabe eines Königs und einer Königin zugleich auch die Sorge und der Schutz für die Untertanen verbunden. Die Krone der Gottesmutter zeigt beides an, zum einen wird sie in die Nähe Gottes erhoben, zum andern besteht ihre Aufgabe darin, den Menschen auf ihrem Weg zu Gott beizustehen, Fürsprache für sie einzulegen.

Für Pater Kentenich ist die Krönung der Gottesmutter eine Konsequenz aus dem Werkzeuggedanken. Maria war herausragendes Werkzeug des himmlischen Vaters in ihrem Leben. Durch die Krönung wird ihre Stellung im Heilsplan Gottes bestätigt und anerkannt, sie ist also nicht frommes Brauchtum, sondern Artikulierung des Reich-Gottes-Gedankens. Für die Menschen bedeutet das, dass sie sich von Maria zur vollen Selbstentfaltung und zum Einsatz für das Reich Gottes führen lassen. Sie hilft uns, sensibler zu werden für das Wirken Gottes im eigenen, aber auch im gemeinschaftlichen Leben.

In Schönstatt steht die Krönung zudem im Zusammenhang mit der Erneuerung und Vertiefung des Liebesbündnisses. Die erste Krönung hat übrigens Pater Kentenich am 10. Dezember 1939 als Antwort auf die Herausforderungen der Nationalsozialisten vorgenommen.

Es stellt sich abschließend die Frage, welche Aufgabe wir Männer bei der geplanten Krönung im Taborheiligtum haben. Denken wir noch einmal an die profane Krönung einer Weinkönigin. Was machen diejenigen, die unmittelbar damit zu tun haben, was macht das anwesende Publikum? Sie alle haben sich gut gekleidet, haben sich innerlich auf einen fröhlichen Abend vorbereitet.

Gleiches gilt in übertragenem Sinn auch für uns. Auch wir müssen uns auf dieses Ereignis vorbereiten. Dabei ist nicht das Äußere entscheidend, sondern die innerliche Einstellung. Schließlich soll die Krönung nicht nur eine “Aktion” bleiben, die anschließend wieder vergessen wird, sondern diese Krönung soll in uns wach bleiben und zugleich zukunftsgestaltend sein. Ein kurzes tägliches Gebet, vielleicht ein Ave Maria, könnte uns auf die Krönung vorbereiten.

Ein weiterer Punkt soll noch angesprochen werden, es geht um das Vertrauen. Der Gottesmutter ist als Königin die Aufgabe übertragen, die im Mittelalter eine Königin hatte, nämlich für die Untertanen zu sorgen. Deshalb wenden sich viele Menschen mit der Bitte um Beistand an Maria, wenn es größere Schwierigkeiten im Leben gibt. Aber Maria ist den Menschen durch Jesus zugleich auch als Mutter gegeben - und warum sollte man zu einer Mutter immer nur mit den größeren Problemen gehen? Es bildet sich von der menschlichen Seite her ein viel engeres und vertrauensvolleres Verhältnis zu ihr, wenn man auch mit den kleinen Sorgen und Schwierigkeiten des Alltags zu ihr geht, sich ihr anvertraut. Dann nämlich beziehen wir sie ganz in unser eigenes Leben mit ein, lassen sie daran teilhaben wie den uns vertrautesten Mitmenschen. Und durch ein solches Einbeziehen in die täglichen Sorgen wächst zugleich unser Vertrauen zu ihr. Neben dem kurzen täglichen Gebet sollte man also versuchen, ihr auch die ganz kleinen Probleme des Alltags zu erzählen, sie daran teilhaben lassen, um ihre Hilfe bitten. Je mehr man das tut, desto inniger wird das Verhältnis zu ihr, desto größer unser Vertrauen auf ihre Fürsorge und ihren Beistand. Könnte nicht auch darin ein ganz wichtiger Beitrag für den Krönungstag der Gottesmutter liegen?

Manfred Robertz