Predigt von Pater Grill bei der Abschlussmesse

anlässlich der Führertagung 2011

Liebe Männer,

der Weltgebetstag um geistliche Berufe ist auf diesen 4. Sonntag der Osterzeit gelegt, weil in Lesung und Evangelium vom Guten Hirten die Rede ist. Auch von der Tür, die zum Schafstall führt, also von Christus, ist die Rede. Er ist sowohl die Tür, durch die die Schafe eintreten, als auch der Gute Hirte, dem die Schafe folgen. Im Zusammenhang mit der relativ schnellen Seligsprechung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. kamen Stimmen von Jugendlichen und vom Volk in Rom, die lauteten: “Santo subito”, er solle sofort heilig gesprochen werden.

Es gab andere Stimmen, auch von Professoren, die meinten, die Heiligsprechung solle nicht so schnell gehen, sie solle von unten kommen, nicht von oben dekretiert werden. Gut, es ist ja gar nicht von oben verordnet worden. Aber es war außergewöhnlich, mit welchem Fleiß sich Fachleute - jede Seligsprechung braucht Fachleute, seien es Priester oder seien es Sekretäre - der Dokumentation und dem Leben dieses großen Papstes, wie er genannt wird, dem Seligsprechungsprozess gewidmet haben, so dass es eindeutig schnell voranging, aber auch das Volk dahinter stand.

Einige meinten, der Papst sei sehr streng in der Lehre der Kirche, auch gerade über Ehe und Familie, gewesen. Deshalb seien einige oder viele weggegangen. Das ist schwer zu sagen. Wer das allerdings hört, denkt sich: Jesus war auch sehr streng in Bezug auf eheliche Treue. Es sind auch einige weggegangen. Der Papst war ein kraftvoller Künder der Frohbotschaft Christi. Wir haben schon gehört, dass er am Anfang seiner Zeit als Papst die kraftvollen Worte gesagt hat: Habt keine Angst vor Christus. Öffnet die Tore weit für ihn!

Nun, im Zusammenhang mit der Botschaft „Christus, der Gute Hirte“, steht die bedeutsame, mehr sachliche Aussage: In der Zeit, da dieser Papst regierte, über 25 Jahre, hat die Zahl der Priesterstudenten auffallend zugenommen. Man nennt dann die Zahlen. Es waren im Jahr 1980 ungefähr 60.000 Studenten in den Seminarien, um Priester zu werden. Ende 2005 waren es 110.000. Das ist fast doppelt soviel. Man denkt in Deutschland vielleicht, volkstümlich ausgedrückt, von dem großen Kuchen der Zunahme der Priesterberufe hat Deutschland nichts mitbekommen. Dann fragt man sich natürlich, woher das kommt. Die Verbundenheit mit der Kirche bei der Jugend ist nicht mehr da. Es gibt aber kleine Gruppen, die sehr aktiv sind. Haben die Familien den Glauben nicht mehr weitergeben können? Das ist auch manchmal sehr traurig für die Eltern. Wir müssen beten für die Familien um die Weitergabe des Glaubens. Sind es die jungen Männer, die nicht wollen? Da ist sicher auch was dran. Man sagt ja, Gott ruft genügend Menschen zum Priestertum und auch zu Ordensgemeinschaften. Aber - jetzt kommt das Aber – sie, die jungen Männer haben die Freiheit. Vielleicht haben sie Angst, haben nicht mehr den Mut, eine Bindung für das ganze Leben einzugehen? Es ist das Übliche, man will unverbindlich leben, also dorthin oder dorthin gehen. Mutter Teresa hat große sittliche Forderungen für die Jugendlichen genannt. Was geschah? Das unverbindliche Leben ist bei vielen geblieben, z. B. Zusammenleben ohne Ehe. Nur wenige bringen die Kraft auf, durchzuhalten, gegen den Strom der öffentlichen Meinung zu schwimmen, gegen die Meinung im Jugendkreis.

Beides ist schwach, so sagen wir immer wieder von Schönstatt aus. Die kraftvolle Entscheidung für die richtige katholische Ehe ist schwach. Es leiden katholische Eltern darunter, dass die Kinder einfach mit der Freundin oder mit dem Freund zusammenziehen und nicht den Sprung machen, eine kraftvolle Entscheidung zu tätigen. Ehe und Treue! Und bei den Jugendlichen, die eine Berufung hören, dass sie wohl den Ruf hören, aber nicht die Kraft haben zu folgen. Von daher gesehen wäre es eine Motivation zu beten, dass den jungen Leuten Kraft geschenkt wird, sich ganz auf den Willen Gottes einzulassen, auf den Guten Hirten hinzuhören und auf die Frohe Botschaft hinzuhören: Ich bin bei euch! Ich bleibe bei euch! Ich bin mitten unter euch, immer bei euch. Ich stehe euch in allen Bedrängnissen einer Ehe bei. Ich helfe euch jungen Männern und jungen Frauen, eurer Berufung zu folgen. Er sagt: Ich bin bei dir, hab keine Angst, entscheide dich. Darum geht es doch! Ich bitte um die Gnade, um die Gnade der Treue.

Deshalb Gebet um Berufe weiterhin. Allerdings, wo der Herrgott beruft, das wissen wir nicht immer. Weiter beten um Berufungen, aber dann es ertragen, dass Berufungen zum Beispiel in Afrika kommen, Berufungen in Indien kommen oder Südkorea, und bei uns fast nichts. Wir leiden in Schönstatt auch darunter, jedenfalls in Deutschland. In Südamerika haben wir so viele Berufungen, so dass das Noviziat bei den Patres geteilt werden muss. In Indien sind auch Berufungen, wenn auch jetzt schon etwas zurückgehend. Wir sollten immer beten, dass Gott doch Arbeiter in seine Ernte schicken möge, damit das Reich Gottes wächst und die Kirche ihre Aufgabe erfüllen kann.

In diesem Zusammenhang haben wir auch das Lied oder die Strophe gesungen: „Mein Hirt ist der Herr“, der Gute Hirte. Im Psalm 23 heißt es: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen. Er führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen.“ Wenn man es genau liest, steht dahinter noch ein Mensch, der Sehnsucht nach Gott hat, was heute nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Er ist mein Hirte, er führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Es heißt “Wasser”, was auf die Sakramente der Kirche hinweist. Es geht um Menschen, die sich nach Leben sehnen, zur Taufe kommen, das Bußsakrament empfangen, die heilige Kommunion verlangen, aus dem Ehesakrament leben. Der gute Hirte stillt mein Verlangen. Das ist der Mensch, der die Gottessehnsucht, die Gottessucht in sich hat. Pater Kentenich hat das noch kräftiger ausgedrückt, wenn er sagt, das ist der Mensch, der die Vatersucht hat. Das ist das, was wir brauchen, eine Vatersucht haben, vatersüchtige Menschen sollen wir werden, damit wir Gott, den Vater auch darstellen können.

Das alles sehen wir im Zusammenhang mit unserer Jahresparole: “2014: Männer auf dem Weg“.

Wir sind Männer auf dem Weg unseres Vaters und Gründers, der viele Menschen geführt hat, auch heute führt, damit sie ihre Berufung erkennen. Das ist auch sein Charisma gewesen, viele innerlich zu wecken, wenn sie ihre Berufung erkannten. Deshalb gehen wir diesen Weg des Vaters und Gründers und bitten auch ihn um sein Charisma, um Teilnahme an seinem Charisma.

Wir tun das im Blick auf die Gottesmutter, die uns helfen möge, wenn wir vom Guten Hirten sprechen. Dann dürfen wir, jedenfalls in Schönstatt wollen wir das auch tun, von der Gottesmutter sprechen. Sie ist das Vorbild für Gehorsam gegenüber dem Ruf Gottes. Sie hat nicht immer alles gewusst, wie es in ihrem Leben weiter gehen soll. Josef wusste auch nicht alles, aber was ihm klar war, war, die Schritte, die er als zu tun erkannt hatte, tat er auch.

In Nazareth war die Stätte, wo Maria betete, der Engel die Botschaft brachte, sie nachdachte. Sie hat ihre Geisteskräfte auch genützt, um den Willen Gottes zu erkennen, als der Engel sagte, dass der Heilige Geist über sie kommen werde und sie den Sohn des Höchsten empfangen werde. Dann war sie auch bereit, dem Ruf zu folgen.

In diesem Zusammenhang sehen wir auch - und das gilt auch für uns, um unsere Berufung zu erfüllen als Männer, als Familienväter, in der Welt, im Beruf - sehen wir die Gnade der Umwandlung, wenn wir uns ganz mit der Gottesmutter im Liebesbündnis vereinen oder mit ihr in ihrer Atmosphäre leben, einer Atmosphäre des Ja - Sagens zur Berufung, die Gott uns originell gibt oder gegeben hat. Sie ist die Mutter, sie ist das Vorbild für die christliche Berufung. Sie ist auch die Mittlerin der Berufungsgnade. Das wird nicht so häufig gesagt, aber es hängt mit der Lehre der Kirche zusammen, die im Zweiten Vatikanischen Konzil auch ausgedrückt wurde. Sie wirkt mit bei der Geburt der Kinder Gottes, sie ist tätig, wenn Christus in uns geboren wird. Und sie wirkt mit bei der Erziehung der Kinder Gottes. Sie wirkt also mit bei unserer Selbsterziehung. Es ist immer ein Zusammenwirken mit der Bitte: Wirke du in mir! Sei du meine Erzieherin!

In diesem Zusammenhang muss ich auch ein Beispielchen von Schwester Petra bringen. In Milwaukee war Schwester Petra vor ihrem Eintritt bei den Schwestern als Sekretärin für Pater Kentenich tätig. Sie war Akademikerin, kam von Deutschland und da sie vorher bei den Schönstatt-Akademikerinnen ausgetreten war, konnte sie für P. Kentenich wirken. Als Schönstätterin durfte sie das nicht. Als Sekretärin merkte sie, wie die Leute zu Pater Kentenich kamen. Sie beobachtete, wie Herr Pater zu manchen streng war, um sie zu erziehen. Er sprach z. B. sehr deutlich zu jungen Mädchen: Achten Sie auf Ihre Frisur. - Frisur ist bei der Frau viel mehr Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Es muss Gestaltung da sein, Geschlossenheit der Persönlichkeit. Sie war damals noch nicht Schwester und hatte gemerkt, dass Pater Kentenich zu ihr kein Wort der Erziehung sagte. Deshalb fragte sie unseren Vater einmal: Wie kommt das, Herr Pater, zu mir sagen Sie nie eine Weisung, immer nur anderen. Daraufhin sagte er: “Sie haben mich auch nie gebeten, dass ich Sie erziehen soll.”

Das ist ein starkes Wort Pater Kentenichs. Ich möchte es auf die Gottesmutter übertragen. Wir sollten im kommenden Jahr (2012) auch sagen: Gottesmutter, erziehe mich! Sonst sagt sie auch, ihr habt mich ja nie gebeten. Sie achtet ja den freien Willen. Wenn wir nicht sagen, sie soll uns erziehen, hält sie sich zurück. Natürlich ist das schon im Weihegebet eingeschlossen, “bewahre mich, beschütze mich ...”Aber wir sollten auch bewusst zu ihr sagen: Sei Du meine Erzieherin an der Seite Christi, des Guten Hirten. Sei also auch wie ein Hirte tätig für meine Seele, wenn ich wandern muss in finsterer Schlucht … Du bist bei mir, Gottesmutter. In Dir werde ich umgewandelt. Du füllst mir den Becher, Du gibst mir viele Gnaden. Und lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang. Ich darf dann auch leben in der Atmosphäre Christi und Marias.

So soll der heutige Sonntag des Guten Hirten auch uns ein Impuls sein, mitzuwirken an der Umwandlung mit der Gottesmutter, in uns und um uns, um Menschen zu Christus und Maria zu führen. Amen.

(Predigt von P. Grill im Taborheiligtum in Schönstatt, am 15. Mai 2011)